Sie sank auf die Stuhlkante. Richard kniete vor ihr nieder und ergriff ihre Hände.
»Was ist, Schwester Verna?«
»Ich habe darauf gewartet, daß du zurückkommst.« Endlich suchte sie mit ihren verschwollenen, roten Augen seinen Blick. »Richard«, sagte sie mit gedämpfter Stimme, »ich kann jetzt wirklich einen Freund gebrauchen. Du bist der einzige, der mir in den Sinn gekommen ist.«
Richard zögerte. Sie wußte, wie es um ihn stand, obwohl er mittlerweile sicher war, daß sie ihm den Halsring nicht abnehmen konnte.
»Richard, als die Schwestern Grace und Elizabeth starben, haben sie ihre Gabe an mich weitergegeben. Ich besitze mehr Macht als jede andere Schwester im Palast, jede andere normale Schwester. Du wirst es bestimmt nicht glauben, aber ich bezweifele, ob selbst die genügen wird, deinen Halsring abzunehmen. Aber ich möchte es versuchen.«
Richard wußte, sie würde ihn nicht entfernen können. So zumindest hatte man es ihm erklärt. Vielleicht irrte sich Nathan.
»Also gut. Dann versucht es.«
»Es wird weh tun…«
Richard runzelte die Stirn und wurde mißtrauisch. »Wieso überrascht mich das nicht?«
»Nicht dir, Richard. Mir.«
»Wie meint Ihr das?«
»Ich bin dahintergekommen, daß du subtraktive Magie besitzt.«
»Und was hat das damit zu tun?«
»Du hast dir den Rada’Han selbst umgelegt. Er schließt sich, indem er die Magie dessen benutzt, an dem er befestigt ist. Ich besitze nur additive Magie. Ich glaube nicht, daß das genügt, um diese Verbindung zu brechen.
Ich habe keinen Einfluß auf deine subtraktive Magie. Sie wird sich meinen Bemühungen widersetzen, und das wird schmerzen. Doch hab keine Angst. Dir wird es nicht weh tun.«
Richard wußte nicht, was er tun, was er glauben sollte. Sie legte ihre Hände an seinen Hals, neben den Ring. Bevor sie die Augen schloß, sah er den vertrauten, glasigen Blick. Sie berührte ihr Han.
Die Muskeln angespannt, die Hand am Heft seines Schwertes, wartete er ab, bereit zu reagieren, sollte sie versuchen, ihm irgend etwas anzutun. Er wollte nicht glauben, daß Schwester Verna ihm etwas antun würde, aber schließlich hatte er auch nicht glauben wollen, daß Liliana ihm jemals weh tun könnte.
Sie runzelte die Stirn. Richard spürte ein warmes, angenehmes Kribbeln. Der Raum begann dumpf surrend zu vibrieren. Die Ecken der Teppiche rollten sich ein. Fenster schepperten in ihrem Rahmen. Schwester Verna zitterte vor Anstrengung.
Der hohe Spiegel im Schlaf gemach zersprang. Glasscheiben in den Türen zerbrachen, als die Türen zum Balkon mit lautem Knall aufflogen. Die Vorhänge blähten sich nach außen, als hätte sie ein Wind erfaßt. Putz fiel von der Decke, und ein hoher Schrank stürzte krachend um.
Ein leises Stöhnen entwich ihrer Kehle, während die Muskeln in ihrem Gesicht vor Anspannung zitterten.
Richard packte ihre Handgelenke und löste ihre Hände von seinem Halsring. Sie sackte nach vorn.
»Oh, Richard«, sagte sie mit betrübter Stimme. »Es tut mir so leid, ich kann es nicht.«
Richard nahm sie in die Arme und drückte sie fest an sich. »Schon gut, ich glaube Euch. Ich weiß, Ihr habt es versucht. Ihr habt einen Freund gewonnen.«
Sie hielt ihn fest im Arm. »Richard, du mußt fort von hier.«
Er schob sie zurück, während sie sich mit den Fingern über die unteren Lider ihrer Augen strich. Richard ließ sich nach hinten auf die Fersen sinken. »Erzählt mir, was geschehen ist.«
»Im Palast gibt es Schwestern der Finsternis.«
»Schwestern der Finsternis? Was heißt das?«
»Die Schwestern des Lichts arbeiten dafür, den Lebenden das Licht des Schöpfers Herrlichkeit zu bringen. Die Schwestern der Finsternis dienen dem Hüter. Es wurde nie bewiesen, daß es sie überhaupt gibt. Ohne Beweis ist die Behauptung ein Verbrechen. Ich weiß, du wirst mir nicht glauben, Richard. Es klingt wirklich, als sei ich nur –«
»Ich habe heute abend Schwester Liliana getötet.«
Sie sah ihn verständnislos an. »Du hast was getan?«
»Sie wollte mir den Halsring abnehmen, hat sie jedenfalls gesagt. Ich mußte mich mit ihr im Hagenwald treffen. Sie hat versucht, mir die Gabe fortzunehmen, Schwester Verna, für sich selbst.«
»Das kann sie nicht. Eine Frau kann sich nicht die Gabe eines Mannes zu eigen machen, ebensowenig umgekehrt. Das ist nicht möglich.«
»Sie behauptete, sie hätte es schon oft getan. Als sie es dann versuchte, schien es zu funktionieren. Ich konnte fühlen, wie sie die Gabe, das Leben glatt aus mir herauszog. Fast wäre es ihr gelungen. Ich war kurz davor zu sterben.«
Sie strich das lockige Haar zurück. »Aber ich verstehe nicht, wie…«
Richard zog die Statuette hervor. »Das hier hat sie dabei benutzt. Der Kristall fing an orange zu glühen, als sie es tat. Wißt Ihr, was das ist?«
Schwester Verna schüttelte den Kopf. »Ich glaube, ich habe es irgendwo schon einmal gesehen, aber ich kann mich nicht mehr genau erinnern. Es ist so lange her. Das war noch, bevor ich den Palast verlassen habe. Was geschah dann?«
»Als das nicht funktionierte, weil ich meine Kraft benutzte, um sie daran zu hindern, rief sie ein Schwert aus den Schatten herbei. Sie wollte mich verwunden. Sie sagte, sie wolle mir bei lebendigem Leib die Haut abziehen und dann meine Gabe für ihre eigenen Zwecke stehlen. Sie versuchte mir die Beine abzuhacken. Irgendwie habe ich sie dann zuerst getroffen.
Schwester Verna, sie besaß subtraktive Magie. Ich habe gesehen, wie sie sie angewendet hat. Und nicht nur das, da ist noch jemand, der mich töten will. Ich habe heute Perry meine rote Jacke geliehen. Gerade eben wurde seine Leiche aus dem Fluß gezogen. Jemand hat ihn mit einem Dacra hinterrücks erstochen.«
Sie verzog das Gesicht. »Oh, mein Schöpfer.« Sie schlang die Finger in ihrem Schoß umeinander. »Im Palast weiß man, daß du subtraktive Magie besitzt. Man benutzt dich, um die Jünger des Hüters aus dem Palast zu treiben.« Sie nahm seine Hand. »Ich war auch in die Sache verwickelt, Richard. Ich hätte mich längst fragen sollen, was alles hier nicht stimmt, doch das habe ich nicht getan. Statt dessen habe ich so getan, als wäre ich im Recht.«
»Was hättet Ihr Euch fragen sollen?«
»Vergib mir, Richard. Man hätte dir niemals einen Rada’Han um den Hals legen dürfen. Es war nicht nötig. Man hat mir erzählt, in der Neuen Welt gäbe es keine Zauberer mehr, die Jungen helfen könnten. Ich war überzeugt, du würdest ohne unsere Hilfe sterben. Dein Freund Zedd hätte verhindern können, daß dir die Gabe Leid zufügt. Die Prälatin wußte, daß es Zauberer gibt, die dir helfen konnten. Sie hat dich aus egoistischen Gründen von deinen Freunden, deinen Lieben wegzerren lassen. Du brauchtest keinen Rada’Han, um dein Leben zu retten.«
»Ich weiß. Ich habe mit Nathan gesprochen. Er hat es mir erzählt.«
»Du warst bei dem Propheten? Was hat er dir sonst noch erzählt?«
»Daß ich mehr Kraft besitze als jeder Zauberer, der in den letzten dreitausend Jahren geboren wurde. Aber ich habe keine Ahnung, wie ich sie einsetzen soll. Und daß ich subtraktive Magie besitze. Er meinte, die Schwestern könnten den Halsring überhaupt nicht abnehmen.«
»Es tut mir leid für das, was ich dir da eingebrockt habe, Richard.«
»Man hat Euch ebenso getäuscht wie mich, Schwester Verna. Ihr seid auch ein Opfer. Sie haben uns beide mißbraucht.
Es kommt noch schlimmer. Es gibt eine Prophezeiung, demzufolge Kahlan am Tag der Wintersonnenwende sterben wird. Das muß ich verhindern. Außerdem befindet sich Darken Rahl, der mein Vater und ein Agent des Hüters ist, in dieser Welt. Ihr habt das Zeichen gesehen, daß er mir eingebrannt hat. Er ist ein Agent, der den Schleier zerreißen kann, vorausgesetzt, er hat alle Elemente an ihrem Platz. Ich bezweifle allerdings, ob dies der Fall ist.
Ich muß fort von hier, Schwester Verna. Ich muß die Barriere durchbrechen.«
»Ich helfe dir. Irgendwie werde ich dir helfen, durch die Barriere zu gelangen. Schwierig wird es für dich im Tal der Verlorenen. Ich glaube, du wirst nicht noch einmal durch das Tal hindurchkommen. Jetzt, nachdem dir der Ring geholfen hat, deine subtraktive Magie anwachsen zu lassen, wird sie die Banne auf dich ziehen. Diesmal wird die Magie dich finden.«