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»Vielleicht weiß ich einen Weg. Ich muß es versuchen.«

Schwester Verna dachte einen Augenblick lang nach. »Der Hüter wird dich aufhalten wollen, wenn die Möglichkeit besteht, daß diese Prophezeiung durch seinen Agenten Wirklichkeit wird. Die Schwestern der Finsternis werden alles daran setzen, dich aufzuhalten. Bestimmt war Schwester Liliana nicht die einzige.«

»Wer hat sie als meine Lehrerin eingesetzt?«

»Lehrerinnen werden vom Büro der Prälatin berufen. Aber wahrscheinlich hat die Prälatin das nicht persönlich getan. Solche Angelegenheiten werden gewöhnlich von ihren Verwalterinnen bearbeitet.«

»Ihren Verwalterinnen?«

»Den Schwestern Ulicia und Finella.«

»Ich dachte, das wären ihre Wächterinnen?«

»Wächterinnen? Nein. Die Prälatin hat mehr Macht als sie. Sie braucht keine Wächterinnen. Einige der Jungen halten sie für Wächterinnen, weil sie von den beiden Schwestern immer vor der Tür der Prälatin abgewiesen werden. Einen Teil ihrer Arbeit machen sie im Büro der Prälatin, darüber hinaus haben sie ihre eigenen Büros, wo sie eine Vielzahl administrativer Aufgaben erledigen.«

»Vielleicht waren die Schwestern der Finsternis hinter mir her und haben beschlossen, sofort zu handeln, weil man sie entdeckt hatte.«

»Nein. Die Prälatin meinte zu mir, niemand außer ihr wüßte davon.«

»Hätte jemand sie belauschen können?«

»Nein. Sie hatte den Raum abgeschirmt.«

Richard beugte sich vor. »Schwester Verna, Liliana hatte subtraktive Magie. Dagegen wäre der Schild der Prälatin machtlos gewesen. Eine der beiden Verwalterinnen hat mir Schwester Liliana zugeteilt.«

Sie atmete erschrocken ein. »Und die anderen fünf auch. Wenn eine oder sogar alle beide im Vorzimmer mitangehört haben, was die Prälatin weiß, dann hat die Prälatin … Schwester Ulicias Büro — dort habe ich die kleine Statue gesehen!«

Richard packte sie am Handgelenk und riß sie aus ihrem Stuhl.

»Kommt! Wenn sie versucht haben, mich zu töten, dann versuchen sie vielleicht auch die Prälatin umzubringen, bevor sie jemanden warnen kann!«

Die beiden rannten die Treppen hinunter und verließen das GuillaumeHaus. Sie überquerten die Rasenflächen im Dunkeln, liefen durch Korridore und Passagen. Kevin war nicht da. Ein anderer Wachmann hatte Dienst, doch der hielt sie nicht auf, da auch er Richard kannte, und Schwestern keinen Einschränkungen unterlagen.

Richard wußte, daß sie zu spät gekommen waren, als sie die rußgeschwärzte Tür zum Büro der Prälatin sahen, die aus den Angeln gebrochen war. Er kam auf dem glatten Marmorboden des Ganges rutschend zum Stehen. Papiere und Hauptbücher lagen bis hinaus auf den Gang verstreut.

Schwester Verna war ein Stück hinter ihm, als er schon das Vorzimmer mit blankgezogenem Schwert betrat. Drinnen sah es aus, als hätte sich dort ein Wirbelsturm verausgabt. Was von Schwester Finella übrig war, lag auf dem Fußboden hinter dem Schreibtisch. Der Rest war quer über die Wand gespritzt. Er hörte, wie Schwester Verna der Atem stockte, als er die Tür zum Zimmer der Prälatin eintrat.

Richard warf sich gegen die Tür, die aufschwang. Er rollte sich ab und landete, das Schwert in beiden Händen haltend, auf den Füßen. Im Zimmer der Prälatin herrschte ein noch größeres Chaos als im Vorzimmer. Papiere bedeckten fast einen Fuß hoch den größten Teil des Fußbodens. Es sah aus, als wären sämtliche Bücher in den Regalen explodiert und hätten ihre Seiten überall verstreut. Der schwere Tisch aus Walnußholz lag in Trümmern an der gegenüberliegenden Wand. Der Raum lag fast völlig im Dunkeln. Lediglich die Tür hinter ihm und die offenen Türen zum mondsbeschienenen Garten hinaus ließen Licht herein.

Schwester Verna entzündete eine helle Flamme in ihrer Hand. In der plötzlichen Helligkeit sah er hinten im Zimmer, in der Nähe des umgestürzten Tisches, eine Gestalt. Langsam hob sie ihren Kopf. Ihr Blick fand seine Augen. Es war Schwester Ulicia.

Richard warf sich auf die Seite, als ein blauer Lichtblitz durch den Raum geschossen kam und hinter ihm die Wand aufriß. Schwester Verna erwiderte den Angriff mit einem sengenden Feuerstoß aus gelben Flammen. Schwester Ulicia sprang durch die Tür in den Innenhof, um dem Feuer auszuweichen. Richard verfolgte sie. Schwester Verna eilte zu dem umgekippten, zertrümmerten Tisch und fegte irgendwelche Fetzen zur Seite.

»Duckt Euch!« schrie Richard ihr zu.

Ein sich windendes Band aus schwarzen Blitzen durchschnitt die Wand genau über seinem Kopf, als er sich flach auf den Boden warf. Mehrere Regale brachen krachend zusammen. Durch das Nichts, das der schwarze Blitz hinterließ, konnte er ins nächste Zimmer sehen und in die dahinterliegenden. Putz und Täfelung stürzten herab, wirbelten quellende Staubwolken auf.

Als der schwarze Blitz vorüber war, sprang Richard wie rasend wieder auf die Füße und rannte nach draußen. Er sah eine dunkle Gestalt den Pfad entlanglaufen.

Wieder schoß ein schwarzer, bogenförmiger Blitz aus den Schatten heran. Das peitschende Vakuum fegte über den Innenhof hinweg. Bäume stürzten um, Äste knickten ab und brachen, als die Bäume umstürzten. Der Lärm war ohrenbetäubend.

Als es vorbei war, sprang Richard wieder auf die Füße. Er stand gerade im Begriff, den Pfad entlangzurennen, um sie zu suchen, als ihn eine unsichtbare Hand packte und nach hinten riß.

»Richard!« Er hatte Schwester Verna noch nie so wütend grollen hören. »Komm sofort hier rein!«

Er kehrte ins Zimmer der Prälatin zurück und beugte sich keuchend über Schwester Verna. »Ich muß…«

Sie sprang auf die Füße und packte ihn mit ihrer rechten Hand am Hemd. »Was mußt du! Dich umbringen lassen? Was soll das? Wie soll das Kahlan nützen? Schwester Ulicia beherrscht meisterhaft Kräfte, die du dir nicht einmal vorstellen kannst!«

»Aber sie könnte entkommen!«

»Wenn ihr das gelingen sollte, lebst du wenigstens noch. Jetzt komm und hilf mir mit diesem Tisch. Ich glaube, die Prälatin lebt noch.«

Plötzlich keimte wieder Hoffnung in ihm auf. »Seid Ihr sicher?«

Richard ging daran, die zerbrochenen Einzelteile fortzuzerren und sie hinter sich zu werfen. Ganz unten unter den Trümmern fand er den reglosen Körper. Schwester Verna hatte recht gehabt. Die Prälatin lebte noch, schien aber ernsthaft verletzt zu sein.

Schwester Verna benutzte ihre Kraft, um die schweren Tischteile und Regale anzuheben, während Richard vorsichtig kleinere Trümmerstücke von der zierlichen Frau herunterzog. Sie war zwischen dem unteren Regal und der Wand eingeklemmt und voller Blut.

Sie stöhnte, als Richard behutsam seine Hände um sie legte und sie herauszog. Er glaubte nicht, daß ihr noch viel Zeit in diesem Leben blieb.

»Wir müssen Hilfe holen«, sagte er.

Schwester Verna tastete den Körper der Prälatin ab. »Es sieht sehr übel aus, Richard. Ich kann einige ihrer Verletzungen erfühlen. Es ist so schlimm, daß ich ihr nicht helfen kann. Ich weiß nicht, ob ihr überhaupt noch jemand helfen kann.«

Richard hob Ann in seinen Armen hoch. »Sie darf nicht sterben. Wenn ihr irgend jemand helfen kann, dann Nathan. Kommt.«

Wachen und Schwestern hatten das ohrenbetäubende Donnern der Kraft gehört, die Schwester Ulicia freigesetzt hatte, und kamen herbeigeeilt. Richard hatte auf dem Weg zu Nathans Trakt keine Zeit für Erklärungen. Er versuchte, Ann im Laufen vorsichtig zu tragen, ihr Stöhnen verriet ihm jedoch, wie sehr er ihr weh tat.

Nathan kam aus dem Garten, als er sie rufen hörte. »Was war das für ein Lärm? Was ist los? Was ist passiert?«

»Es geht um Ann. Sie ist verletzt.«

Nathan führte ihn ins Schlafzimmer. »Ich wußte ja, das dickköpfige Frauenzimmer wollte es nicht anders.«

Richard legte Ann sachte auf das Bett und blieb in der Nähe, während Nathan seine Finger der Länge nach über ihren Körper breitete. Schwester Verna blieb abwartend stehen und sah von der Tür aus zu.