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Nathan schob seine Ärmel hoch. »Es ist ernst. Ich weiß nicht, ob ich ihr helfen kann.«

»Du mußt es versuchen, Nathan!«

»Das werde ich selbstverständlich tun, Junge.« Er verscheuchte sie mit einer Geste. »Ihr beide geht und wartet dort draußen. Es wird eine Weile dauern — wenigstens ein oder zwei Stunden, bevor ich weiß, ob ich ihr mit meinen Mitteln helfen kann. Laßt mich dabei allein. Ihr könnt mir sowieso nicht helfen.«

Schwester Verna saß mit steifem Rücken da, Richard dagegen lief nervös auf und ab.

»Warum machst du dir solche Sorgen, was mit der Prälatin geschieht? Sie hat dich holen lassen, obwohl sie es nicht hätte tun sollen.«

Richard kämmte sich die Haare mit den Fingern nach hinten. »Wahrscheinlich, weil sie die Gelegenheit hatte, mich mitzunehmen, als ich klein war, und sie es nicht getan hat. Sie hat mich bei meinen Eltern aufwachsen lassen. Sie hat mir die Liebe meiner Eltern gelassen. Was hat das Leben sonst für einen Sinn, wenn man nicht die Chance bekommt, in Liebe aufzuwachsen. Sie hätte mir auch das nehmen können, sie hat es aber nicht getan.«

»Wenigstens bist du nicht verbittert.«

Richard ging auf und ab und dachte nach. Lange hielt er es nicht aus.

»Schwester, ich kann hier nicht einfach untätig herumsitzen. Ich werde mit den Wachen sprechen. Wir müssen wissen, wo sich meine Lehrerinnen aufhalten und was sie tun. Die Wachen werden es für mich herausfinden.«

»Schaden kann es vermutlich nicht. Geh und sprich mit den Wachen. Dann vergeht die Zeit schneller.«

Richard schritt durch die dunklen, steinernen Korridore, tief in Gedanken versunken. Er mußte herausfinden, wo sich die Schwestern Tovi, Cecilia, Merissa, Nicci und Armina befanden. Jede von ihnen — vielleicht auch alle — waren möglicherweise Schwestern der Finsternis. Wer wußte schon, was sie als nächstes planten. Vielleicht suchten sie nach ihm. Vielleicht wollten sie…

Ein lähmender Schmerz warf ihn nach hinten. Es war, als hätte man ihm mit einem Knüppel ins Gesicht geschlagen.

Taumelnd kam er wieder auf die Beine, die Welt drehte sich und kippte weg. Benommen tastete er sich nach Blut ab, fand aber keins.

Der nächste Schlag traf ihn am Hinterkopf. Er stemmte sich hoch, stützte sich auf seine Hände und versuchte zu enträtseln, wo er sich befand. Seine Gedanken bewegten sich schwerfällig und langsam. Er versuchte zu begreifen, was vor sich ging.

Ein dunkler Schatten überragte ihn. Schwerfällig und mit zögernden Bewegungen rappelte er sich wieder auf. Er tastete nach seinem Schwert, konnte sich aber nicht mehr erinnern, welche Hand er nehmen mußte. Es gelang ihm nicht, sich schnell genug zu bewegen.

»Spaziergang, Bauernbursche?«

Richard hob den Kopf und sah den feixenden Jedidiah, der hochaufgerichtet dastand, die Hände jeweils in den anderen Ärmel gesteckt. Richard bekam das Heft seines Schwertes zu fassen. Schwerfällig mühte er sich ab, es zu ziehen. Mit letzter Kraft versuchte er, seine Magie herbeizurufen und taumelte zurück.

Als der Zorn sein umnebeltes Hirn flutete, zog Jedidiah seine Hände heraus. Er hatte einen Dacra. Er hob den Arm, das silberne Messer in der Hand. Richard überlegte, was er machen solle und ob dies wirklich sei. Vielleicht wachte er ja auf und stellte fest, daß alles nur ein Traum war.

Auf dem höchsten Punkt seiner ausholenden Bewegung schienen Jedidiahs Augen plötzlich von innen aufzuleuchten. Langsam erst, dann mit wachsender Geschwindigkeit, kippte Jedidiah nach vorn und schlug mit dem Gesicht zuerst auf den Steinfußboden.

Ein Kräuseln schwärzester Finsternis fegte durch den Korridor.

Als die Fackel wieder aufleuchtete, stand plötzlich Schwester Verna da, wo kurz zuvor noch Jedidiah gestanden hatte. Sie hielt einen Dacra in der Hand. Richard sackte auf die Knie, immer noch bemüht, wieder zur Besinnung zu kommen.

Schwester Verna eilte herbei und legte ihm die Hände seitlich an den Kopf. Als er wieder auf die Füße kam, starrte er auf die Leiche und entdeckte ein kleines rundes Loch im Rücken.

»Ich hielt es für besser, mit einigen der Schwestern zu sprechen«, erklärte sie. »Mir wurde klar, je mehr Menschen von den Schwestern der Finsternis wissen, desto besser.«

»Er war es, hab’ ich recht? Ihr habt ihn geliebt.«

Sie schob den Dacra wieder in ihren Ärmel zurück. »Er war nicht mehr der Jedidiah, den ich gekannt habe. Der Jedidiah, den ich gekannt habe, war ein guter Mensch.«

»Es tut mir leid, Schwester Verna.«

Sie nickte abwesend. »Geh du und sprich mit den Wachen. Ich werde mit den Schwestern reden. Wenn du fertig bist, treffen wir uns wieder bei Nathan. Ich denke, am besten versuchen wir dort, ein paar Stunden zu schlafen, und nicht in unseren Zimmern.«

»Ihr habt wahrscheinlich recht. Wir können unsere Sachen holen, sobald es hell ist, und dann gleich aufbrechen.«

Als er Nathan ins Zimmer kommen hörte, setzte Richard sich in seinem Sessel auf und rieb sich die Augen. Schwester Verna auf der Couch kam schneller hoch. Richard blinzelte und versuchte, seine schläfrige Benommenheit loszuwerden.

Sie waren beide lange wach gewesen. Der gesamte Palast war in Aufruhr. Was im Büro der Prälatin geschehen war, genügte als Beweis für die Existenz der sagenumwobenen Schwestern der Finsternis. Wer Zweifel hegte, brauchte nur einen einzigen Blick auf die scharfkantigen leeren Stellen zu werfen, die sich durch Dutzende von Wänden zogen, oder auf die säuberlich durchtrennten Bäume und Steine, um zu wissen: Hier war nichts geringeres als subtraktive Magie angewendet worden.

Richard hatte Wachen ausgeschickt, die sich diskret auf die Suche nach den sechs Schwestern machen sollten: Schwester Ulicia und seine fünf Lehrerinnen. Auch die Schwestern waren auf der Suche. Er war außerdem zu Warren gegangen, um mit ihm zu sprechen und ihm zu berichten, was geschehen war.

Richard stand auf und vertrat sich die Beine. »Wie geht es ihr? Wird sie sich erholen?«

Nathan wirkte erschöpft. »Sie schläft jetzt, aber es ist zu früh, um etwas Genaueres zu sagen. Wenn sie ausgeruht ist, kann ich mehr für sie tun.«

»Danke, Nathan. Ich weiß, daß Ann bei dir in besten Händen ist.«

Er brummte und setzte dazu noch eine säuerliche Miene auf. »Du bittest mich, meine Gefängniswärterin gesund zu machen.«

»Ann wird es dir sicher danken. Vielleicht überdenkt sie deine Gefangenschaft noch einmal. Wenn nicht, komme ich zurück und sehe, was ich tun kann.«

»Zurück? Willst du etwa fort, Junge?«

»Ja. Und dazu brauche ich deine Hilfe, Nathan.«

»Wenn ich dir helfe, ziehst du womöglich los und setzt dir in deinen Dickschädel, die ganze Welt zu vernichten.«

»Ist in den Prophezeiungen vielleicht die Rede davon, daß du mich daran hindern sollst?«

Nathan stieß einen matten Seufzer aus. »Was willst du?«

»Wie komme ich durch die Barriere? Der Halsring hält mich zurück.«

»Wieso sollte ich das wissen?«

Richard ging wütend einen Schritt auf den hochaufragenden, alten Zauberer zu. »Nathan, spiel keine Spiele mit mir. Ich bin nicht in der Stimmung, außerdem ist die Angelegenheit zu wichtig. Du hast sie doch durchquert. Du hast Ann begleitet, um das Buch aus der Burg der Zauberer in Aydindril zu holen. Hast du das schon vergessen?«

Er schob seine Ärmel herunter. »Man braucht nur den Rada’Han abzuschirmen. Mir hat Ann hindurchgeholfen, Schwester Verna kann das gleiche für dich tun. Ich werde ihr sagen, wie es funktioniert.«

»Und was ist mit dem Tal der Verlorenen? Komme ich auch dort ein weiteres Mal hindurch?«

Nathans Augen nahmen plötzlich einen gespannten, finsteren Ausdruck an. Er schüttelte den Kopf. »Du hast zuviel Kraft in dir vereint. Der Ring hat dazu beigetragen, daß sie wuchs. Außerdem wirst du die Banne auf dich ziehen. Schwester Verna kann nicht mehr hindurch, sie hat das Tal bereits zweimal durchquert. Hinzu kommt, daß sie mittlerweile zuviel Kraft besitzt. Sie hat es zweimal durchquert und die Gabe zweier anderer Schwestern übernommen, jetzt sitzt sie hier fest.«