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»Und wie bist du dann dreimal hindurchgekommen? Du stammst aus D’Hara, das war das erste Mal. Du bist mit Ann in die Neue Welt gegangen und wieder zurückgekommen. Das wären drei. Wie hast du das geschafft, wenn es unmöglich ist?«

Ein verschmitztes Lächeln huschte über seine Lippen. »Ich bin nicht dreimal durch das Tal gegangen. Sondern nur einmal.« Er hob die Hand und wehrte damit Richards Einwand ab. »Ann und ich haben das Tal gar nicht durchquert. Wir haben das Hindernis umgangen. Wir haben den Einflußbereich der Banne umsegelt, weit draußen auf dem Meer, und sind schließlich in den südlichsten Gefilden Westlands an Land gegangen. Die Reise ist lang und beschwerlich, aber wir haben die Überfahrt geschafft. Das gelingt nicht vielen.«

»Übers Meer!« Richard sah nach hinten zu Schwester Verna. »Soviel Zeit habe ich nicht. Die Wintersonnenwende ist in einer Woche. Ich muß durch das Tal.«

»Richard«, sagte Schwester Verna mit sanfter Stimme, »ich kann verstehen, was du fühlst, aber so lange dauert es fast schon, das Tal der Verlorenen zu erreichen. Selbst wenn du einen Weg hindurch finden solltest, bleibt dir keine Zeit mehr, dein Ziel zu erreichen.«

Richard hielt seinen Zorn im Zaum. »Als Zauberer habe ich keine Erfahrung. Auf meine Gabe kann ich mich nicht verlassen. Was das anbelangt, ist es mir ziemlich egal, ob ich je lerne, sie zu beherrschen.

Aber ich bin auf der Suche. Darin, Schwester Verna, bin ich nicht so unerfahren. Nichts wird mich aufhalten. Nichts. Ich habe Kahlan mein Versprechen gegeben, selbst in die Unterwelt zu gehen und höchstpersönlich mit dem Hüter zu kämpfen, wenn ich sie nicht anders retten kann.«

Nathans Gesichtsausdruck verfinsterte sich. »Ich habe dich gewarnt, Richard. Wenn man verhindert, daß diese Prophezeiung sich bewahrheitet, wird der Hüter uns alle bekommen. Du darfst nicht versuchen, sie zu verhindern. Es steht in deiner Macht, die gesamte Welt der Lebenden dem Hüter in die Hand zu geben.«

»Das ist doch bloß ein bedeutungsloses Rätsel«, brummte Richard verzweifelt, obwohl er es besser wußte.

Nathans finsterer Blick war der Blick eines Rahl, jener finstere Blick, den auch Richard geerbt hatte. »Richard, allem Leben wohnt der Tod inne. Der Schöpfer hat auch ihn geschaffen. Wenn du die falsche Wahl triffst, werden alle Lebenden für deine Dickköpfigkeit bezahlen.

Und, Richard, vergiß nicht, was ich dir über den Stein der Tränen erzählt habe. Mißbrauchst du ihn, um eine Seele in die Tiefen der Unterwelt zu verbannen, zerstörst du damit jedes Gleichgewicht.«

»Der Stein der Tränen?« fragte Schwester Verna mißtrauisch. »Was hat denn Richard mit dem Stein der Tränen zu schaffen?«

Richard drehte sich wieder zu Schwester Verna um. »Wir verlieren bloß Zeit. Ich gehe in mein Zimmer und hole meine Sachen. Wir müssen aufbrechen.«

»Richard«, sagte Nathan. »Ann hat all ihre Hoffnungen in dich gesetzt. Sie hat dafür gesorgt, daß du die Liebe deiner Familie bekommst, vielleicht damit du die wahre Bedeutung des Lebens begreifst. Bitte denke daran, wenn der Zeitpunkt kommt, dich zu entscheiden.«

Richard blickte Nathan lange an. »Danke, für deine Hilfe, Nathan. Aber ich werde die eine, die ich liebe, nicht wegen eines Rätsels aus einem Buch sterben lassen. Hoffentlich sehen wir uns wieder. Wir haben noch viel zu besprechen.«

Richard schüttelte die Schale voller Goldmünzen ganz unten in seinen Rucksack, bevor er seine übrigen Sachen hineinstopfte. Wenn die Münzen ihm dabei halfen, Kahlan zu retten, so überlegte er, dann war dies das mindeste, was der Palast tun konnte, nach allem, was man ihm hier angetan hatte.

Das Gold war eine Aufmerksamkeit, die die übrigen jungen Männer im Palast zu Trägheit animierte. Es verletzte ihre Menschenwürde, wie Nathan es ausgedrückt hatte. Vielleicht hatte Jedidiah sich deshalb den Versprechungen des Hüters zugewandt.

Richard bezweifelte, daß außer Warren einer der jungen Männer hier seit ihrem Eintreffen im Palast und bei freiem Zugang zu unbegrenzten Mengen von Gold — ohne um seinen Wert zu wissen — auch nur einen einzigen Tag gearbeitet hatte. Auch auf diese Weise zerstörte der Palast die Leben von Menschen. Richard fragte sich, wie viele Kinder junge Zauberer wohl mit Hilfe dieses Goldes gezeugt hatten.

Richard trat hinaus auf den Balkon, um sich vor seiner Abreise noch einmal einen Überblick über die Lage zu verschaffen. Wachen patrouillierten auf dem Gelände. Auch Schwestern suchten eifrig jedes Gebäude, jeden überdachten Gang ab. Irgendwie würden sich die Schwestern dieser sechs annehmen müssen. Er selbst hatte jedenfalls keine Ahnung, wie er ihre Kraft bändigen konnte.

Als er die Tür im vorderen Zimmer hörte, nahm er an, es sei Schwester Verna. Sie mußten los. Als er sich umdrehte, blieb ihm jedoch keine Zeit zu reagieren.

Pasha kam durch die Tür auf ihn zugestürmt. Sie warf die Hände in die Höhe. Die Türen flogen aus den Angeln, wirbelten über das Balkongeländer und stürzten zehn Meter hinab bis auf den gepflasterten Innenhof.

Die Wucht einer festen Wand aus Luft warf ihn zurück. Lediglich das Geländer verhinderte, daß er zusammen mit den zersplitterten Türen hinübergeschleudert wurde. Der Aufprall trieb ihm die Luft aus den Lungen, und ein bohrender Schmerz in seiner Seite machte jeden Atemzug unmöglich.

Als er sich taumelnd von Balkongeländer löste, warf ihn der nächste Schlag wieder zurück, diesmal schlug sein Kopf gegen das steinerne Geländer. Zu seinem Entsetzen sah er, wie ein Schwall Blut auf den Stein klatschte, bevor der Schieferboden ihm entgegenkam.

Pasha schrie vor Wut. Anfangs waren ihre Worte nichts als ein unverständliches Tosen. Er stemmte sich mit den Händen hoch. Blut rann aus seinem Kopf. Es sammelte sich unter ihm in einer immer größeren Pfütze. Kreisend kippte er zur Seite.

Es gelang ihm, sich aufzusetzen und sich rücklings gegen das Geländer kippen zu lassen. »Pasha, was…«

»Halt dein dreckiges Schandmaul. Ich will nichts davon hören!«

Sie stand in der Tür, die Fäuste in die Hüften gestemmt. In einer Hand hielt sie einen Dacra. Ihr Gesicht war tränenüberströmt.

»Du bist eine Ausgeburt des Hüters! Ein widerlicher Jünger dieses Unholds! Du tust nichts anderes, als anständigen Menschen weh zu tun!«

Richard betastete seinen Kopf. Seine Hände waren blutverschmiert. Ihm war schwindelig, und er mußte gegen den Drang ankämpfen, sich zu übergeben.

»Wovon redest du?« brachte er undeutlich hervor.

»Schwester Ulicia hat mir alles erzählt! Sie hat mir gesagt, daß du dich dem Hüter verschrieben hast! Sie hat mir erzählt, wie du Schwester Liliana getötet hast!«

»Pasha, Schwester Ulicia ist eine Schwester der Finsternis…«

»Sie hat mir vorausgesagt, du würdest genau das sagen! Sie hat mir auch erzählt, wie du deine abscheuliche Magie dazu benutzt hast, Schwester Finella und die Prälatin umzubringen! Deswegen wolltest du auch immer in das Zimmer der Prälatin! Damit du unsere Führerin ins Licht töten konntest! Du bist Abschaum!«

Die Welt verschwamm vor seinen Augen. Er sah sie doppelt, zwei Bilder, die ständig umeinander kreisten. »Das … das ist nicht wahr, Pasha.«

»Nur die Tricks des Hüters haben dich gestern gerettet. Du hast meine geliebte Jacke einem anderen gegeben, weil du mich demütigen wolltest. Schwester Ulicia hat mir erzählt, wie dir der Hüter alles einflüstert!

Ich hätte dich gleich auf der Brücke töten sollen, dann wäre das alles nicht passiert. Aber törichterweise glaubte ich, dich aus den Fängen des Hüters retten zu können! Die beiden Schwestern und die Prälatin könnten noch leben, hätte ich meine Arbeit getan. Als du mich verleitet hast, Perry zu töten, da habe ich den Schöpfer im Stich gelassen, aber so wirst du dich nicht noch einmal retten können. Deine abscheulichen Unterwelttricks werden dich nicht noch einmal retten!«

»Pasha, bitte, hör mir zu. Man hat dich angelogen. Hör bitte zu. Die Prälatin ist nicht tot. Ich kann dich zu ihr bringen.«

»Mich willst du auch umbringen! Von nichts anderem redest du — nur vom Töten! Du entweihst uns alle! Wenn ich mir vorstelle, daß ich einmal geglaubt habe, dich zu lieben!«