Выбрать главу

Sie hob den Dacra und stürzte sich mit einem Schrei auf ihn. Irgendwie gelang es Richard, das Schwert zu ziehen, während er benommen überlegte, welches Bild von ihr er bekämpfen sollte. Die Wut, die Magie seines Schwertes, verlieh seinen Armen Kraft. Er riß das Schwert hoch, als sie sich, Dacra voran, auf ihn warf. Die beiden Bilder von ihr verschmolzen miteinander.

Das Schwert berührte sie nicht einmal. Mit einem Aufschrei wurde sie über ihn hinweg und über das Geländer geschleudert. Sie schrie den ganzen Weg, bis nach unten. Richard fuhr zusammen und schloß die Augen, als der Schrei mit ihrem Aufprall auf dem Pflaster endete.

Als er die Augen aufmachte, sah er Warren erstarrt in der Tür stehen. Er mußte an Jedidiahs Sturz auf der Treppe denken.

»Bei den guten Seelen, nein«, hauchte Richard.

Er stemmte sich auf seine Beine hoch und warf einen kurzen Blick über den Rand. Menschen kamen aus allen Richtungen auf die Leiche zugerannt.

Warren schlurfte hölzern zum Geländer. Richard hielt ihn auf halbem Weg dorthin zurück.

»Nein, sieh nicht hm, Warren.«

Warren kamen die Tränen. Richard legte den Arm um seinen Freund. Warum hast du das getan, dachte er, ich hätte es selbst tun können. Ich war kurz davor. Du mußtest es nicht tun.

Über Warrens Schulter hinweg sah Richard, daß Schwester Verna im Zimmer stand.

»Sie hat Perry umgebracht«, erklärte Warren. »Ich habe gehört, wie sie es selbst zugegeben hat. Eigentlich wollte sie dich töten.«

Ich hätte es selbst tun können, dachte Richard, du hättest es nicht zu tun brauchen. Doch statt dessen sagte er: »Danke, Warren. Du hast mir das Leben gerettet.«

»Sie wollte dich umbringen«, weinte er an Richards Schulter. »Warum wollte sie so etwas tun?«

Schwester Verna legte Warren eine Hand auf den Rücken, um ihn zu trösten. »Die Schwestern der Finsternis haben sie belogen. Der Hüter hat ihr Falschheiten eingeflüstert. Und sie hat darauf gehört. Dem Hüter gelingt es sogar, daß die Guten auf seine Einflüsterungen hören. Du warst sehr tapfer, Warren.«

»Aber warum schäme ich mich dann so? Ich habe sie geliebt, und jetzt habe ich sie umgebracht.«

Richard nahm ihn einfach in die Arme, als er weinte.

Schwester Verna zog die beiden ins Zimmer zurück. Richard mußte sich vorbeugen, und sie untersuchte die Wunde an seinem Kopf. Blut tropfte überall auf den Fußboden.

»Jemand muß sich darum kümmern. Eine solche Verletzung kann ich nicht behandeln.«

»Aber ich«, sagte Warren. »Ich bin ein ganz guter Heiler. Laßt mich das machen.«

Als Warren fertig war, mußte Richard auf Schwester Vernas Geheiß den Kopf über das Becken halten, während sie ihm den Krug Wasser über den Kopf schüttete und das Blut abwusch. Warren saß auf einer Stuhlkante, den Kopf in seine Hände gestützt.

Warren hob den Kopf, als die Schwester fertig war. »Ich habe über das Gesetz nachgedacht, von dem du mir erzählt hast. Die Menschen glauben eine Lüge, weil sie wollen, daß sie wahr ist, oder weil sie befürchten, daß sie wahr sein könnte. Genau, wie Pasha die Lüge geglaubt hat. Habe ich recht?«

Richard mußte lächeln. »Hast du, Warren.«

»Schwester«, sagte Richard. »Was hat er Eurer Meinung nach gerade getan?«

»Was meinst du?«

»Die jungen Zauberer, die durch das Tal zurückgeschickt werden, können passieren, weil sie nicht genügend Kraft besitzen, um die Banne auf sich zu ziehen. Sie sind noch keine vollwertigen Zauberer. Zedd hat mir erklärt, Zauberer müßten eine Schmerzprüfung bestehen.

Im Laufe der Jahrtausende haben die Schwestern diese Prüfung darauf reduziert, daß sie körperliche Schmerzen aushalten müssen.

Ich glaube, sie irren sich. Ich glaube, die Prüfung, die Warren gerade bestanden hat, war schmerzhafter als alles, was ihm die Schwestern jemals zufügen könnten. Habe ich recht, Warren?«

Er nickte. Sein Gesicht wurde wieder blaß. »Nichts, was sie gemacht haben, hat jemals so weh getan.«

»Schwester, erinnert Ihr Euch noch, wie ich Euch erzählt habe, ich hätte die Klinge weiß gefärbt und diese Frau durch Liebe getötet? Vielleicht war das auch eine Art Schmerzprüfung. Ich weiß, wie schmerzhaft das war.«

Sie breitete verzweifelt die Hände aus. »Glaubst du wirklich, ein Mensch, der die Gabe besitzt, muß jemanden töten, den er liebt, um diese Prüfung zu bestehen? Das ist ausgeschlossen, Richard.«

»Nein, Schwester, er muß niemanden töten, den er liebt. Aber er muß beweisen, daß er die richtige Entscheidung fällen kann. Er muß beweisen, daß er sich für das größere Wohl entscheiden kann. Wäre jemand mit der Gabe ein guter Diener Eures Schöpfers, der Hoffnung auf das Leben, wenn er nur aus eigensüchtigen Motiven handeln könnte?

Jemandem Schmerzen zuzufügen, wie es die Schwestern tun, führt zu gar nichts.

Müßte nicht jemand, der dem Licht des Lebens dienen will, der das Leben liebt, sich aus freien Stücken für dieses Licht und für die Menschen entscheiden?«

»Gütiger Schöpfer«, hauchte sie, »sollten wir uns all die Zeit getäuscht haben?« Einen Augenblick lang legte sie die Hand vor den Mund. »Und wir haben geglaubt, wir brächten diesen Jungen das Licht des Schöpfers.«

Schwester Verna richtete sich entschlossen auf. Sie stellte sich vor Warren und legte die Hände seitlich an seinen Rada’Han. Als sie so dastand, mit geschlossenen Augen, die Hände am Halsring, entstand in der Luft eine summende Schwingung. Nach einer Weile breitete sich Stille in dem Raum aus, und dann hörte Richard ein Schnappen. Der Rada’Han zerbrach und fiel ab.

Warren war überglücklich, als er den zerbrochenen Halsring sah. Richard wünschte sich, es könnte auch für ihn so einfach sein.

»Was wirst du jetzt tun, Warren?« fragte Richard. »Wirst du den Palast verlassen?«

»Vielleicht. Aber zuerst möchte ich die Bücher noch ein wenig studieren, wenn die Schwestern es gestatten.«

»Sie gestatten es«, sagte Schwester Verna. »Dafür werde ich schon sorgen.«

»Dann werde ich vielleicht nach Aydindril gehen, zur Burg der Zauberer, und die Bücher und Prophezeiungen studieren, die dort aufbewahrt werden, wie du mir erzählt hast.«

»Das scheint ein weiser Plan zu sein, Warren. Schwester, ich muß aufbrechen.«

»Warren«, sagte sie, »warum begleitest du mich nicht bis zum Tal? Du bist jetzt frei.« Sie sah kurz zum Balkon hinüber. »Ich denke, es würde dir gut tun, eine Weile von hier fortzugehen und auf andere Gedanken zu kommen. Außerdem könnte ich ein wenig Hilfe gebrauchen, wenn wir das Tal erreichen.«

»Wirklich? Sehr gern.«

Als die drei ihre Sachen zu den Ställen schleppten, wurden sie von drei Wachen entdeckt — Kevin, Walsh und Bollesdun — die ihnen nachliefen, bis sie sie eingeholt hatten.

»Wir haben sie vielleicht gefunden, Richard«, sagte Kevin.

»Vielleicht? Was soll das heißen? Wo sind sie?«

»Nun, gestern abend hat die Lady Sefa die Segel gesetzt. Wir haben mit Leuten im Hafen gesprochen, die behaupten, sie hätten gesehen, wie sechs Frauen, möglicherweise die Schwestern, kurz vor dem Ablegen an Bord gegangen sind.«

»Vor dem Ablegen!« stöhnte Richard. »Was ist das, die Lady Sefa

»Ein Schiff. Ein großes Schiff. Es ist gestern spät abends mit der Flut ausgelaufen. Es hat einen guten Vorsprung, und, soweit ich gehört habe, liegt kein einziges Schiff im Hafen, daß die Lady Sefa einholen oder ebensoweit aufs Meer hinausfahren könnte.«

»Wir können sie nicht verfolgen und gleichzeitig der anderen Sache nachgehen«, meinte Schwester Verna.

Richard schob gereizt seinen Rucksack zurecht. »Ihr habt recht.

Wenn sie es tatsächlich sind, dann sind sie erst einmal fort. Aber zumindest weiß ich, wohin sie fahren. Wir werden uns später um sie kümmern müssen. Wenigstens ist der Palast der Propheten sicher. Im Augenblick müssen wir uns um wichtigere Dinge kümmern. Holen wir die Pferde, damit es endlich losgehen kann.«