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Kahlan rannte durch die dunklen, steinernen Gänge und durch die grabähnlichen Kammern. Die ersten Lichtstrahlen warfen goldene Flecken auf die rauhe, dunkelgraue Granitwand gegenüber den Fenstern, während sie eine Osttreppe hinaufhastete. Sie war sofort losgelaufen, als Jebra ihr erzählt hatte, sie habe in der Burg der Zauberer ein Licht gesehen.

Sie mußte daran denken, wie es war, mit langem Haar zu rennen: an das Gewicht des Haares, wie es hinter ihr herwehte, mit ihren Schritten zu fließen schien. Jetzt spürte sie dieses Gefühl nicht mehr. Doch das war egal, sie freute sich einfach darüber, daß Zedd zurückgekehrt war. Sie hatte so lange darauf gewartet. Im Laufen rief sie seinen Namen.

Sie platzte in das übervolle Lesezimmer, kam stolpernd zu Stehen, rang nach Atem. Zedd stand hinter einem Tisch, der mit Büchern und Papieren übersät war, genau wie sie ihn vom letzten Mal, Monate zuvor, noch in Erinnerung hatte. Kerzen verliehen dem Zimmer eine warme Behaglichkeit. Das Lesezimmer hatte nur ein einziges Fenster, das auf den noch dunklen Himmel im Westen hinausging.

Ein großer Mann mit buschigen brauen, größtenteils grauem Haar und einem verwitterten, faltigen Gesicht blickte von einem Spazierstock auf, den er gerade begutachtete. Adie saß etwas seitlich davon in einem Sessel. Ihr Kopf zuckte herum, als sie das Geräusch hörte. Zedd legte den Kopf fragend auf die Seite und runzelte die Stirn.

»Zedd!« Sie schluckte Luft. »Oh, Zedd, ich bin ja so froh, dich wiederzusehen.«

»Zedd?« Er drehte sich zu dem großen Mann um. »Zedd?« Der große Mann nickte. »Ruben gefällt mir aber besser.«

»Zedd! Du mußt mir helfen!«

»Wer ist das?« fragte Adie aus dem Sessel.

»Adie, ich bin’s, Kahlan.«

»Kahlan?« Ihr Kopf ruckte herum zu Zedd. »Kahlan, wer ist das?«

Zedd zuckte mit den Achseln. »Ein hübsches Mädchen mit kurzem Haar. Offenbar kennt sie uns.«

»Was redest du da? Zedd, ich brauche Hilfe! Richard ist in Schwierigkeiten! Ich brauche dich!«

Zedd runzelte verwirrt die Stirn. »Richard. Den Namen kenne ich. Glaube ich wenigstens…«

Kahlan war außer sich. »Was ist mit dir, Zedd! Erkennst du mich nicht? Bitte, Zedd, ich brauche dich. Richard braucht dich.«

»Richard.« Er strich sich über sein glattrasiertes Kinn und sah nachdenklich auf den Tisch. »Richard…«

»Dein Enkel! Bei den Seelen, kannst du dich nicht an deinen Enkel erinnern?«

Er starrte auf den Tisch und dachte nach. »Enkel … ich glaube, ich erinnere mich … nein, doch wohl nicht.«

»Zedd! Hör mir zu! Die Schwestern des Lichts halten ihn gefangen! Sie haben ihn mitgenommen!«

Kahlan stand stumm da und rang nach Atem. Zedd hob langsam den Kopf und sah sie mit seinen braunen Augen an. Sein Gesicht verlor seinen fragenden Ausdruck, als sich seine Brauen zusammenzogen und er wütend darunter hervorblickte. »Die Schwestern des Lichts halten Richard gefangen?«

Kahlan hatte schon gesehen, wie Zauberer wütend wurden, doch einen Blick wie jetzt bei Zedd hatte sie noch nie in den Augen eines Zauberers gesehen.

»Ja«, sagte sie. Sie wischte sich ihre schweißnassen Hände an den Hüften ab und betrachtete einen Riß, der hinter ihm die Wand hinauflief. »Sie sind gekommen und haben ihn mitgenommen.«

Zedd stemmte sich mit den Knöcheln auf den Tisch und beugte sich zu ihr. »Ausgeschlossen. Sie hätten ihn nicht mitnehmen können, es sei denn, sie hätten ihm einen dieser gottverfluchten Ringe um den Hals gelegt. Richard würde sich niemals einen Ring um den Hals legen lassen.«

Kahlans Knie begannen zu zittern. »Er hat es aber getan.«

Sein wutschäumender Gesichtsausdruck schien die Luft in Brand zu setzen. »Warum sollte er sich einen Ring um den Hals legen lassen, Konfessor?«

»Weil«, meinte sie kleinlaut, »ich ihn gezwungen habe.«

Plötzlich schmolzen die Kerzen in einem der Ständer gleich neben ihm, und ihr Wachs sammelte sich in zischenden Pfützen auf dem Boden. Die Eisenarme, die die Kerzen gehalten hatten, erschlafften wie eine Pflanze, die verdurstet. Der große Mann drückte sich ängstlich an die mit Regalen vollgestellte Wand.

Zedd zischte sie bedrohlich an: »Du hast was getan, Konfessor?«

Das Schweigen hallte durch den Raum, sie stand da und zitterte. »Er wollte nicht. Ich mußte es tun. Ich habe ihm erklärt, er müsse ihn anlegen, als Beweis dafür, daß er mich liebt.«

Kahlan hatte das Gefühl, gegen eine Wand zu prallen. Sie begriff nicht, wieso sie hingestreckt auf dem Fußboden lag. Mit zitternden Armen stemmte sie sich hoch. Sie japste nach Luft, als sie plötzlich auf die Füße gerissen und ein weiteres Mal gegen die Wand geschleudert wurde.

Zedd stand mit wildem Blick unmittelbar vor ihr. »Genau dasselbe hast du Richard angetan!«

Kahlan drehte sich der Kopf. Ihre eigene Stimme schien aus weiter Ferne zu kommen. »Du verstehst nicht. Ich mußte es tun. Zedd, ich brauche deine Hilfe. Richard hat mir aufgetragen, dich zu suchen und dir zu erklären, was ich getan habe. Bitte, Zedd, hilf ihm.«

In einem Anfall von Wut schlug er ihr den Handrücken ins Gesicht. Als sie hinschlug, schürfte sie sich die Hände auf dem Steinfußboden auf. Er riß sie auf die Beine und schmetterte sie erneut gegen die Wand.

»Ich kann ihm nicht helfen! Niemand kann das! Du törichtes Weib!«

Tränen liefen ihr übers Gesicht. »Wieso? Ich muß ihm helfen, Zedd!«

Als er erneut ausholte, hielt sie sich die Arme vors Gesicht, um sich vor ihm zu schützen. Es half nichts. Ihr Kopf schlug abermals krachend gegen die Wand. Das Zimmer drehte sich. Sie zitterte am ganzen Körper. Noch nie hatte sie einen Zauberer in derart unbeherrschtem Zorn gesehen. Kahlan wußte, er würde sie umbringen für das, was sie Richard angetan hatte.

»Du Närrin. Du verräterische Närrin. Jetzt kann ihm niemand mehr helfen.«

»Zedd, bitte. Du kannst es. Bitte hilf ihm.«

»Nein, nicht einmal ich. Niemand kann zu ihm. Ich kann die Türme nicht passieren. Richard ist für uns verloren. Alles, was mir noch geblieben war, ist verloren.«

»Was meinst du damit, er ist für uns verloren?« Mit zittrigen Fingern wischte sie sich Blut aus dem Mundwinkel. Die Tränen wischte sie sich nicht ab. »Er wird zurückkommen. Er muß zurückkommen.«

Zedd starrte ihr in die Augen und schüttelte langsam den Kopf. »Nicht, solange wir noch leben. Der Palast der Propheten ist in einem Zeitbann gefangen. Richard wird für die nächsten dreihundert Jahre dort bleiben, während man ihn ausbildet. Wir werden ihn nie wiedersehen. Für diese Welt ist er verloren.«

Kahlan schüttelte fassungslos den Kopf. »Nein. Bei den Seelen, nein. Das kann nicht sein. Wir werden ihn wiedersehen. Das darf nicht wahr sein!«

»Es ist wahr, Mutter Konfessor. Du hast ihn in eine Lage gebracht, in der ihm niemand helfen kann. Ich werde meinen Enkelsohn nie wiedersehen. Und du wirst ihn auch nie wiedersehen. Richard wird nicht vor Ablauf von dreihundert Jahren in diese Welt zurückkehren. Und schuld bist du. Weil du ihn gezwungen hast, diesen Halsring anzulegen, als Beweis dafür, daß er dich hebt.«

Er drehte ihr den Rücken zu. Kahlan fiel auf die Knie. »Neeeiiin!« Sie trommelte mit den Fäusten auf den Boden. »Geliebte Seelen, warum habt ihr mir das angetan!« Sie erstickte fast an ihren Tränen.

»Was ist mit deinem Haar passiert, Mutter Konfessor?« fragte Zedd in bedrohlichem Ton, immer noch mit dem Rücken zu ihr.

Kahlan setzte sich auf die Fersen. Was spielte das noch für eine Rolle? »Der Rat hat mich des Verrats für schuldig befunden. Man hat mich zum Tod verurteilt. Bei der Verkündung des Urteils hat das Volk gejubelt. Alle wollten es vollstreckt sehen. Aber ich konnte entkommen.«

Zedd nickte. »Das Volk soll seinen Willen bekommen.« Er packte die Überreste ihres Haars mit seiner Faust und machte sich daran, sie aus dem Zimmer zu zerren. »Du sollst enthauptet werden für das, was du angerichtet hast.«

»Zedd!« kreischte sie. »Zedd! Bitte, tu das nicht!«