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Plötzlich war die Luft erfüllt vom Schwirren vieler Pfeile. Im Abstand eines Herzschlags bohrte sich ein Dutzend von ihnen mit dumpfem Schlag in den schwarzen Körper. Nicht einer verfehlte sein Ziel. Einen Atemzug später folgte noch einmal die gleiche Anzahl. Das Wesen japste vor Lachen. Es stand auf der Mauer wie ein schwarzes Nadelkissen.

Kahlan fiel die Kinnlade herunter, als sie sah, wie es eine Handvoll Pfeile abknickte, die ihm aus der Brust ragten. Das Wesen knurrte sie keckernd an, dann verfolgte es mit verständnislosem Blinzeln, wie sie sich rückwärts gehend entfernten. Sie begriff nicht, wieso es einfach stehenblieb. Der nächste Pfeilhagel schlug mit dumpfem Krachen in den schwarzen Leib. Doch das Wesen schenkte dem keine Beachtung, sondern ließ sich von der Mauer zu Boden fallen.

Eine dunkle Gestalt kam herbeigerannt, einen Speer in der Hand. Das Wesen sprang den rennenden Mann aus dem Schatten der Mauer an. Der Jäger schleuderte den Speer ab. Die dunkle Gestalt tauchte mit unfaßbarer Geschwindigkeit zur Seite weg und schnappte den Speer mit seinen Zähnen aus der Luft. Lachend biß es den Schaft durch. Der Jäger, der den Speer geschleudert hatte, wich zurück. Das Wesen schien das Interesse zu verlieren und wandte sich wieder zu ihr und Richard um.

»Was in aller Welt hat es vor?« flüsterte Richard. »Wieso ist es stehengeblieben? Warum sieht es uns bloß an?«

Dann überkam sie die Erkenntnis wie ein kalter Schock.

»Es ist ein Screeling«, sagte Kahlan ganz leise, mehr zu sich selbst als zu ihm. »Mögen die guten Geister uns beschützen, es ist ein Screeling.«

Die beiden hielten sich gegenseitig an den Armen, gingen rückwärts und beobachteten den Screeling.

»Fort von hier!« schrie sie die Jäger an. »Geht! Rennt nicht!«

Als Antwort feuerten sie einen weiteren sinnlosen Pfeilhagel ab.

»Hier entlang«, meinte Richard. »Zwischen die Gebäude, wo es dunkel ist.«

»Richard, dieses Wesen kann im Dunklen besser sehen als wir im Hellen. Es stammt aus der Unterwelt.«

Er ließ seine Augen nicht von dem Screeling, der unter freiem Himmel im Mondlicht stand. »Ich verstehe. Aber was können wir tun?«

Sie schüttelte den Kopf. »Keine Ahnung. Aber auf keinen Fall darfst du rennen oder stehenbleiben. Damit lenkst du seine Aufmerksamkeit auf dich. Wahrscheinlich kann man es nur töten, indem man es in Stücke hackt.«

Er sah zu ihr hinüber, die Augen im Mondlicht voller Zorn. »Was glaubst du, was ich gerade versucht habe?«

Kahlan drehte sich um und besah sich den schmalen Durchgang, den sie gerade betraten. »Vielleicht sollten wir doch hier durchgehen. Möglicherweise bleibt es dort stehen, und wir können fliehen. Wenn nicht, können wir es wenigstens von den anderen fortlocken.«

Der Screeling verfolgte, wie sie sich rückwärts entfernten, dann sprang er ihnen mit seiner fiesen Lache japsend hinterher.

»Nichts ist jemals einfach«, murmelte Richard.

Im Rückwärtsgang passierten sie den schmalen Durchgang aus glatt verputzten Wänden, den Screeling auf den Fersen. Kahlan sah, wie die dunkle Masse der Jäger ihm in den Durchgang folgte, spürte ihr Herz schlagen.

»Ich wollte, daß du im Haus der Seelen bleibst. Warum bist du nicht dort geblieben, wo du in Sicherheit gewesen wärst?«

Sie kannte diesen zornigen Unterton — die Magie des Schwertes. Die Hand, mit der sie ihn am Ärmel hielt, fühlte sich feucht und warm an. Sie sah ihn an und stellte fest, daß Blut seinen Arm hinunterlief, über ihre Hand. »Weil ich dich liebe, du Ochse. Und untersteh dich, so etwas noch mal zu machen.«

»Sollten wir hier je lebend herauskommen, lege ich dich übers Knie.«

Sie gingen weiter rückwärts durch die gewundene Gasse. »Sollten wir je lebend herauskommen, darfst du das sogar. Was machen deine Kopfschmerzen?«

Richard schüttelte den Kopf. »Keine Ahnung. Eben noch konnte ich kaum atmen, jetzt sind sie verschwunden. Gleich nachdem sie verschwunden waren, habe ich dieses Wesen hinter der Tür gespürt und sein grauenhaftes Lachen gehört.«

»Vielleicht hast du nur geglaubt, es zu spüren, weil du es gehört hast.«

»Das weiß ich nicht. Kann sein. Auf jeden Fall war es ein höchst seltsames Gefühl.«

Sie zog ihn am Ärmel in eine Seitengasse. Hier war es dunkler. Mondlicht fiel hoch oben links auf einen Mauerrand. Sie fuhr zusammen, als sie die finstere Gestalt des Screelings wie einen riesigen, schwarzen Käfer über die mondbeschienene Mauer huschen sah. Kahlan mußte sich zwingen weiterzuatmen.

»Wie macht er das?« hauchte Richard.

Sie wußte keine Antwort. Hinter ihnen tauchten Fackeln auf. Jäger kreisten sie ein, versuchten, den Angreifer zu umzingeln.

Richard sah sich um. »Wenn diese Leute versuchen, das Wesen einzufangen, wird es sie alle töten.« Sie traten auf eine mondbeschienene Kreuzung zweier Gassen. »Das kann ich unmöglich zulassen, Kahlan.« Er sah nach rechts, zu einer Gruppe von Jägern, die sich mit Fackeln näherten. »Geh zu diesen Männern. Halt sie auf!«

»Richard, ich lasse dich nicht…«

Er versetzte ihr einen Stoß. »Tu, was ich sage! Sofort!«

Sein Ton ließ sie zusammenfahren. Gegen ihren Willen wich sie zurück. Richard stand reglos im Mondschein und hielt beidhändig das Schwert, dessen Spitze auf dem Boden ruhte. Er hob den Kopf und sah den Screeling an der Mauer hängen. Der stieß ein heulendes Gelächter aus, als hätte er gerade erkannt, wen er vor sich hatte.

Der Screeling löste seine Krallen, stürzte senkrecht nach unten und landete mit dumpfem Aufprall.

Kahlan sah, wie Richard in wütender Entschlossenheit das Kinn vorreckte, während er verfolgte, wie der kaum zu erkennende Fleck in einer Staubwolke auf ihn zugerast kam. Die Schwertspitze ruhte noch immer auf dem Boden.

Das ist doch nicht möglich, dachte sie, das kann nicht sein. Jetzt, wo endlich alles so ist, wie es sein soll. Dieses Untier könnte ihn töten. Ihn tatsächlich töten. Damit wäre alles aus. Der Gedanke raubte ihr den Atem. Der Blutrausch des Konfessors kochte donnernd an die Oberfläche. Ein Kribbeln ging von oben bis unten durch ihren Körper.

Der Screeling sprang in die Höhe und griff Richard an. Die Schwertspitze zuckte nach oben und pfählte die dunkle, um sich schlagende Gestalt. Sie konnte erkennen, daß gut anderthalb Fuß Stahl aus seinem Rücken ragten und im Mondschein blinkten. Wieder stieß der Screeling sein grauenerregendes, heulendes Gelächter aus. Er krallte sich an das Schwert und zog sich an der Klinge entlang auf Richard zu. Beim Umklammern der Klinge trennte er sich selbst mehrere seiner krallenbewehrten Finger ab, während er immer weiter vorwärts zappelte. Richard holte zu einem mächtigen Schlag aus. Der Screeling glitt von der Klinge und schlug krachend in die Mauer.

Ohne zu zögern, ging er sofort wieder auf den Sucher los. Richard schwang bereits sein Schwert. Kahlan spürte eine Woge aus Panik und Wut. Ohne zu merken, was sie tat, hatte sie einen Arm hochgerissen und die Faust auf dieses Wesen gerichtet, das gerade versuchte, Richard, den Mann, den sie liebte, umzubringen — den einzigen, den sie je lieben würde.

Der Screeling hatte ihn fast erreicht, das Schwert den Schlag beendet. Kahlan spürte, wie die Kraft ihren Körper in einer atemberaubenden Woge durchtoste. Sie ließ sie frei. Ein gespenstisches, blaues Licht schoß explosionsartig aus ihrer Faust und zerriß die Nacht mit einem blendenden, taghellen Blitz.

Schwert und blauer Lichtblitz trafen den Screeling im selben Augenblick. Der Screeling zerplatzte zu einem Niederschlag aus blutleeren, schwarzen Fetzen. Kahlan hatte gesehen, wie das Schwert der Wahrheit dasselbe mit lebendigem Fleisch gemacht hatte. Sie wußte nicht, ob diesmal das Schwert oder der blaue Lichtblitz dafür verantwortlich war.

Donnergrollen, vom Blitz ausgelöst, hallte in der plötzlichen Stille nach.