Выбрать главу

Als der schwarze Blitz schlangelnd in der Finsternis verschwand, sickerten Schatten die weißen Wände herab, und es schien, als verschmolzen sie mit den Tiefen ewiger Nacht. Die Finsternis erreichte den Erdboden, kam auf sie zugekrochen, versickerte im weißen Sand und färbte ihn schwarz.

Richard dachte keinen Augenblick daran, vor der um sich greifenden Nacht zu fliehen. Als sie die beiden erreichte, war es, als werde er in Eiswasser getaucht. Du Chaillu, die Augen geschlossen, erzitterte unter der Berührung. Richard sah es, doch wegen des Zorns der Magie des Schwertes blieb es ein ferner Eindruck, der seiner Wut nur neue Nahrung gab.

Es schien, als wäre eine ganze Welt für immer in pechschwarzer Vergessenheit versunken. Helligkeit, die Fähigkeit, etwas zu sehen, waren nicht einmal mehr Erinnerung.

Richard spürte, wie das wellenförmig sich bewegende, sich windende Band des schwarzen Blitzes, das Vakuum in der Welt des Lebens, abgeschnitten wurde. Eine plötzliche Stille trat an die Stelle des chaotischen Lärms. Er konnte seinen eigenen schweren Atem hören. Er hörte, wie auch Du Chaillu schwer atmete. Licht und Leben und Wärme stiegen aus dem kalten Nichts empor.

Durch die Bögen im Stein, die jetzt glänzend schwarz und nicht mehr weiß wie früher waren, sah Richard, wie Licht durch den dünner werdenden Nebel sickerte. Der Boden, eben noch verbrannt und öde, war jetzt üppig und grün. Immer noch Hände haltend, standen er und Du Chaillu im Torbogen und verfolgten, wie sich Rauch und Dunst über einer Welt lichteten, die seit Tausenden von Jahren niemand mehr gesehen hatte.

Hand in Hand traten sie hinaus in die kühle Luft, durch das hohe Gras und durch die Balken der Sonnenstrahlen. Das Unwetter der Banne war verschwunden, die dunklen Wolken, die es hervorgebracht hatte, waren aufgestiegen und hatten sich dabei aufgelöst. Die Luft roch frisch und sauber. Ringsum vibrierte das Leben.

Das Tal bis hin zu der blaßblauen Gebirgskette in der Ferne war üppig und grün. Kleine Wäldchen säumten mäandernde Flüsse. Sanfte Hügel überlagerten einander in verschiedenen Tönen von Grün.

Richard verstand, warum die Baka Ban Mana ihr Land hatten zurückhaben wollen. Es war ein Ort, der einfach nach Heimat aussah. Es war ein Ort voller Licht und Hoffnung, und es konnte nicht verwundern, daß er durch all die finsteren Jahrhunderte hindurch in den Herzen des Volkes bewahrt geblieben war. Der Ort gehörte nicht den Baka Ban Mana — sie waren es, die hierhergehörten.

»Du hast es geschafft, Caharin«, sagte Du Chaillu. »Du hast unser Land hinter dem Nebel hervorgeholt.«

In der Ferne sah Richard ein paar vereinzelte Gestalten. Es waren die, die ungezählte Jahre in einem Bann gefangen gewesen waren. Ziellos und verwirrt wanderten sie umher. Er mußte zwei von ihnen suchen, zwei, die er kannte.

Schwester Verna und Warren kamen auf sie zugaloppiert und brachten ihm sein Pferd. Sie hatten noch nicht angehalten, als Richard bereits auf Bonnie saß. Du Chaillu streckte ihm die Hand entgegen. Sie wollte ihn begleiten. Widerstrebend zog er sie hinter sich aufs Pferd.

»Richard«, sagte Warren, »das war unglaublich! Wie hast du das gemacht?«

»Ich habe nicht die geringste Ahnung, Warren. Ich hatte gehofft, du könntest mir das erklären.«

Richard ließ Bonnie in die Richtung galoppieren, wo er Chase und Rachel bei seiner ersten Durchquerung des Tales gesehen zu haben glaubte. Warren und Schwester Verna folgten ihm. Es dauerte nicht lange, und er fand sie am Ufer eines Baches sitzend. Chase wirkte verwirrt. Er hatte den Arm um Rachel gelegt und schien überhaupt nicht so ungeduldig und gereizt zu sein wie gewöhnlich.

Richard schwang sein Bein über Bonnies Hals und sprang ab. »Chase! Alles in Ordnung?«

»Richard? Was ist passiert? Wo sind wir? Wir waren auf dem Weg, dich abzuholen. Du darfst nicht…« Er sah sich um. »Du darfst nicht in das Tal. Zedd braucht dich. Der Schleier ist eingerissen.«

»Ich weiß.« Richard gab Schwester Verna die Zügel und stellte alle rasch einander vor. »Meine Freunde werden dir alles erklären.« Er ging vor Rachel auf ein Knie. Der dunkle, bernsteinfarbene Stein der Tränen hing an einer Kette um ihren Hals, genau wie in seiner Erinnerung. »Rachel, alles in Ordnung? Wie fühlst du dich?«

Sie blinzelte zu ihm hinauf. »Ich war an einem wunderschönen Ort, Richard.«

»Hier ist es auch wunderschön. Du wirst dich bestimmt wohl fühlen. Rachel, hat Zedd dir diesen Stein gegeben?«

Sie nickte. »Er meinte, daß du ihn vielleicht haben willst. Ich sollte ihn für dich aufbewahren, bis du ihn holen kommst.«

»Deswegen bin ich hier, Rachel. Darf ich ihn jetzt haben?«

Lächelnd streifte sie ihn über ihren Kopf. Richard hakte die Kette auseinander und nahm den Stein ab. Als er ihn in der Hand hielt, spürte er Wärme und Zedds Gegenwart.

Die Kette war für ihn zu kurz. Er gab sie Rachel zurück und sagte, sie stünde ihr besser als ihm. Dann band er den Stein an einen Lederriemen, den er bereitgehalten hatte.

Er hängte sich den Stein der Tränen um den Hals, zusammen mit dem Strafer und dem Drachenzahn. Aus den Augenwinkeln beobachtete er, wie ein ferner Punkt am Himmel immer größer wurde.

»Richard«, sagte Warren, »nach allem, was ich gerade beobachtet habe, zweifele ich nicht mehr daran, daß du alles kannst, was du behauptest, tun zu können. Nur bleibt dir keine Zeit mehr, an dein Ziel zu kommen. Morgen wird diese Welt untergehen, wenn du es nicht erreichst. Was wirst du tun?«

»Wo gehen wir jetzt hin, mein Gatte?« fragte Du Chaillu.

»Wir werden nirgendwo hingehen, Du Chaillu. Du bleibst hier bei deinem Volk.«

»Gatte?« fragte Chase, auf dessen Gesicht sich nun ein finsterer Blick breitmachte.

»Ich bin nicht ihr Mann. Das ist nur so eine verrückte Idee, die sie sich in den Kopf gesetzt hat.« Richard beobachtete, wie die rote Gestalt hoch oben am Himmel immer größer wurde. »Hör zu, ich hab’ keine Zeit, dir das alles zu erklären. Schwester Verna und Warren werden es dir erzählen.«

Schwester Verna zog ein mißtrauisches Gesicht und trat einen Schritt auf ihn zu. »Was wirst du tun? Warren hatte recht, du hast keine Zeit mehr.«

In der Ferne breiteten sich die roten Flügel aus, als der Drache zum Sturzflug ansetzte. Richard band seinen Rucksack von Bonnie los und setzte ihn sich auf den Rücken. Zum Abschied drückte er Bonnies Hals. Er hakte den Köcher fest und schlang den Bogen über seine Schulter. Aus den Augenwinkeln beobachtete er, wie der Drache senkrecht in die Tiefe stürzte.

»Ich habe noch Zeit. Ich muß nur jetzt aufbrechen, Schwester.«

»Was soll das heißen, du brichst auf? Wie denn?«

Der Drache löste sich im allerletzten Augenblick aus seinem Sturzflug. Er reckte seinen langen Hals nach vorn, breitete die Flügel aus, schoß mit unglaublicher Geschwindigkeit auf sie zu und berührte dabei fast den Boden.

»Ich habe nur eine Chance, mein Ziel rechtzeitig zu erreichen. Ich muß fliegen.«

»Fliegen!« riefen Warren und Schwester Verna gleichzeitig.

Scarlet kam mit Gebrüll herangebraust. Alle anderen sahen sie zum ersten Mal. Sie schlug mit ihren ungeheuren Flügeln, um ihr Tempo zu drosseln.

Kleider flatterten im plötzlich aufkommenden Wind. Das Gras ringsum wurde von den Böen niedergedrückt. Warren, Schwester Verna und Du Chaillu wichen überrascht zurück. Scarlet landete, nachdem sie ihren Vorwärtsschwung abgebremst hatte.

»Richard«, sagte Schwester Verna und schüttelte langsam den Kopf, »von allen Menschen, die ich kenne, hast du die seltsamsten Haustiere.«

»Rote Drachen lassen sich von niemandem als Haustiere halten, Schwester. Scarlet ist eine liebe Freundin.«

Richard trabte auf den riesigen Drachen zu, der im Schein der Sonne glänzte. Scarlet stieß eine kleine Wolke grauen Rauches aus.