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Nissel schüttete eine Flüssigkeit aus einem Schlauch in eine große Tasse und mischte Pulver aus anderen Gefäßen hinein. Zusammen mit Kahlan half sie Richard, sich aufzusetzen, damit er das Gebräu trinken konnte. Als er fertig war, ließ er sich wieder schwer atmend nach hinten sinken, kaute jedoch wenigstens die Blätter.

Nissel erhob sich. »Der Trank wird ihm helfen zu schlafen.« Kahlan kam auf die Beine, und Nissel reichte ihr einen kleinen Beutel. »Gib ihm noch mehr von diesen Blättern zu kauen, wenn er sie braucht. Sie werden gegen die Schmerzen helfen

Kahlan beugte sich ein wenig nach unten, damit sie die alte Frau nicht gar so sehr überragte. »Nissel, hast du eine Ahnung, was mit ihm nicht stimmt?«

Nissel zog den Stöpsel aus der kleinen Flasche und roch daran, dann hielt sie sie Kahlan unter die Nase. Es roch nach Lilien und Lakritz. »Die Seele«, sagte sie schlicht.

»Die Seele? Was willst du damit sagen?«

»Die Seele ist krank. Nicht das Blut, nicht seine Haltung. Sondern seine Seele

Kahlan hatte keine Ahnung, was all das bedeutete, aber so genau wollte sie das auch gar nicht wissen. »Wird er wieder gesund werden? Werden die Medizin und die Blätter ihn wirklich kurieren?«

Nissel tätschelte lächelnd Kahlans Arm. »Sonst könnte ich doch nicht mit euch Hochzeit feiern. Ich werde nicht aufgeben. Wenn dies nicht funktioniert, gibt es noch andere Mittel, die man versuchen kann

Kahlan faßte sie am Arm und begleitete sie zur Tür hinaus. »Danke, Nissel.« Kahlan sah Chandalen neben der niedrigen Mauer stehen. Ein Stück weiter in der Dunkelheit standen einige seiner Männer. Prindin lehnte ganz in der Nähe an der Wand des Hauses der Seelen. Sie ging zu ihm. »Würdest du Nissel nach Hause bringen, bitte?«

»Natürlich.« Er ergriff voller Respekt den Arm der Heilerin und führte sie hinaus in die Nacht.

Kahlan wechselte einen langen Blick mit Chandalen, dann ging sie zu ihm hinüber. »Ich weiß zu schätzen, daß du und deine Männer mich beschützen. Danke

Er sah sie ohne innere Regung an. »Ich stehe hier nicht für dich Wache. Ich beschütze unser Volk vor dir. Vor dem, was du uns als nächstes bescheren wirst

Kahlan wischte sich den Staub von den Schultern. »Wie auch immer, wenn noch etwas auftaucht, versucht nicht, es selbst umzubringen. Ich möchte nicht, daß jemand aus dem Volk der Schlammenschen umkommt. Das gilt auch für dich. Wenn irgend etwas kommt, dürft ihr weder still stehenbleiben noch wegrennen. Wenn ihr es tut, wird es euch töten. Ihr müßt langsam gehen. Und mich holen kommen. Versucht nicht, es selbst zu bekämpfen. Hast du das verstanden? Kommt mich holen

Er zeigte noch immer keine Regung. »Und du wirst wieder einen Blitz herbeirufen?«

Sie sah ihn kühl an. »Wenn ich muß.« Sie fragte sich, ob sie wohl dazu in der Lage war. Sie hatte keine Ahnung, wie sie es angestellt hatte. »Richard mit dem Zorn geht es nicht gut. Möglicherweise kann er morgen mit dir und deinen Leuten keine Pfeile schießen

Er setzte eine selbstgerechte Miene auf. »Ich dachte mir schon, daß er sich irgendeine Ausrede einfallen lassen würde

Kahlan holte durch die zusammengebissenen Zähne tief Luft. Sie hatte nicht die Absicht, sich mit diesem Narren Beleidigungen an den Kopf zu werfen. Sie wollte wieder ins Haus, zu Richard. »Gute Nacht, Chandalen

Richard lag noch immer auf dem Rücken und kaute die Blätter. Sie setzte sich neben ihn und faßte neuen Mut, als sie sah, daß er munterer wirkte.

»Diese Dinger fangen an zu schmecken.«

Kahlan strich ihm über die Stirn. »Wie fühlst du dich?«

»Ein wenig besser. Die Schmerzen kommen und gehen. Ich glaube, die Blätter helfen etwas. Abgesehen davon, daß sich mir der Kopf von ihnen dreht.«

»Aber das Drehen ist besser als das Pochen?«

»Ja.« Er legte ihr die Hand auf den Arm und schloß die Augen. »Mit wem hast du gerade gesprochen?«

»Mit diesem Narren, Chandalen. Er bewacht das Haus der Seelen. Er glaubt, wir bringen ihnen noch mehr Ärger.«

»Vielleicht ist er gar nicht so ein Narr. Ich glaube, ohne uns wäre dieses Wesen hier nicht aufgetaucht. Wie hast du es genannt?«

»Screeling.«

»Und was ist ein Screeling?«

»Das weiß ich nicht genau. Niemand, den ich kenne, hat je einen gesehen, aber ich habe Beschreibungen gehört. Angeblich stammen sie aus der Unterwelt.«

Richard hörte auf zu kauen, riß die Augen auf und sah sie an. »Aus der Unterwelt? Was weißt du über diesen Screeling?«

»Nicht viel.« Sie legte die Stirn in Falten. »Hast du Zedd jemals betrunken gesehen?«

»Zedd? Nein, nie. Er mag keinen Wein. Seiner Ansicht nach verträgt sich Wein nicht mit Nachdenken, und etwas Wichtigeres als Nachdenken gibt es für ihn nicht.« Richard mußte grinsen. »Er behauptet, je schlechter ein Mann beim Denken ist, desto besser ist er beim Trinken.«

»Nun ja, Zauberer können recht beängstigend werden, wenn sie betrunken sind. Einmal, als ich klein war, saß ich im Burgfried und studierte meine Sprachen. Dort gibt es Bücher über alle Sprachen. Wie auch immer, ich saß da und lernte, und vier der Zauberer lasen zusammen ein Buch mit Prophezeiungen. Ein Buch, das ich nie zuvor gesehen hatte. Sie saßen darübergebeugt und wurden immer aufgeregter. Sie unterhielten sich mit gedämpfter Stimme. Ich konnte sehen, daß sie es mit der Angst zu tun bekommen hatten. Es war entschieden interessanter, die Zauberer zu beobachten, als meine Sprachbücher zu lesen.

Ich schaute auf, und sie alle waren blaß wie Schnee geworden. Plötzlich richteten sie sich alle senkrecht auf und klappten den Buchdeckel zu. Ich erinnere mich noch, wie es geknallt hat und ich aufsprang. Sie standen da und schwiegen eine Weile, dann ging einer von ihnen und kam mit einer Flasche zurück. Ohne ein Wort zu sagen, verteilte er Becher und schenkte ein. Sie stürzten es in einem Zug hinunter. Er schenkte nach, und die Prozedur wiederholte sich. Sie setzten sich auf Hocker um den Tisch, auf dem das große Buch lag, und tranken, bis die Flasche leer war. Mittlerweile waren sie ziemlich gut gelaunt. Und betrunken. Sie lachten und sangen. Ich fand das ungeheuer interessant. Ich hatte so etwas noch nicht gesehen.

Schließlich bemerkten sie, daß ich sie beobachtete, und riefen mich zu sich. Ich wollte eigentlich nicht, aber es waren schließlich Zauberer, und ich kannte sie recht gut, also hatte ich keine Angst und ging zu ihnen. Einer von ihnen setzte mich auf sein Knie und fragte mich, ob ich mitsingen wolle. Ich sagte, ich würde das Lied nicht kennen, das sie sangen. Sie sahen sich an und meinten, dann brächten sie es mir eben bei. Also saßen wir lange da, und sie brachten mir das Lied bei.«

»Dann kannst du es noch immer auswendig?«

Kahlan nickte. »Ich habe dieses Lied niemals vergessen.« Sie setzte sich ein wenig zurecht, dann sang sie es ihm vor.

Die Screelings sind los, denn der Hüter will siegen.

Seine meuchelnden Mörder werden dich kriegen.

Ihre goldenen Augen erspähn dich, willst du sie fliehen,

und dann werden sie lachen und die Haut dir abziehen.

Geh langsam, ganz langsam, so kannst du sie meiden,

wenn nicht, wirst du schreckliche Qualen erleiden.

Denn ihre goldenen Augen erspähn dich, bleibst du stehen,

und im Dienste des Hüters lassen sie’s schlecht dir ergehen.

Zerhack sie, zerschneid sie, schlag sie in Stücke,

sonst holen sie dich mit großem Entzücken.

Wenn die Screelings es nicht schaffen, wird’s der Hüter wohl machen,

wird nach dir langen und dich lauthals auslachen.