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Sie bahnte sich einen Weg zwischen den Jägern hindurch und holte Richard schließlich ein, kurz bevor er den Eingang zu Savidlins Haus erreichte. Dicht hinter ihm ging Chandalen, gefolgt von Savidlin. Chandalens Schulter war blutverschmiert, und eine offensichtliche Wunde war mit einer Schlammpackung verbunden. Er schien in der rechten Stimmung zu sein, Steine zu zermalmen.

Sie packte Richard am Ärmel. Er wirbelte mit hochrotem Kopf herum und beruhigte sich etwas, als er sah, daß sie es war. Er ließ das Heft des Schwertes wieder los.

»Richard, was ist passiert?«

Er drehte sich wütend nach den Männern um, besonders nach Chandalen, dann richtete er den Blick wieder auf sie. »Du mußt für mich übersetzen. Wir hatten heute nachmittag ein kleines … ›Abenteuer‹. Ich habe ihnen bis jetzt nicht recht klarmachen können, was wirklich passiert ist.«

»Mich interessiert nur, wie er es wagen konnte, zu versuchen, mich umzubringen!« übertönte Chandalen Richards Worte.

»Wovon redet er? Er will wissen, wieso du versucht hast, ihn umzubringen.«

»Ihn umzubringen! Ich habe dem Narren das Leben gerettet. Frag mich nicht, warum! Ich hätte zulassen sollen, daß man ihn tötet! Das nächste Mal werde ich das auch!« Er fuhr sich durch das Haar. »Die Kopfschmerzen bringen mich noch um.«

Chandalen zeigte wütend auf die Wunde oben auf seiner Schulter. »Das hast du absichtlich getan! Ich habe dich schießen sehen! Das war niemals ein Unfall!«

Richard warf die Hände in die Luft. »Dieser Idiot!« rief er in den Himmel. Wütend blickte er Chandalen in die wilden Augen. »Ja, du hast mich schießen sehen! Zweifelst du etwa daran, daß du jetzt nicht mehr atmen würdest, hätte ich dich wirklich töten wollen? Natürlich habe ich es absichtlich getan! Es war die einzige Möglichkeit, dich zu retten!« Er reichte über ihre Schulter hinweg, brachte seine Hand dicht vor Chandalens Gesicht und hielt Daumen und Zeigefinger einen guten Zentimeter auseinander. »Das ist der ganze Spielraum, den ich hatte! Höchstens! Hätte ich den nicht genutzt, wärst du jetzt tot!«

»Was soll das heißen?« wollte Chandalen wissen.

Kahlan legte ihm die Hand auf den Arm. »Beruhige dich, Richard. Erzähl einfach, was geschehen ist.«

»Er hat mich nicht verstanden. Keiner von ihnen. Und ich konnte es ihnen nicht erklären.« Er sah sie verzweifelt an. »Ich habe heute einen Mann getötet.«

»Was!« stieß sie leise hervor. »Du hast einen von Chandalens Leuten getötet?«

»Nein! Das ist auch nicht der Grund für ihre Aufgebrachtheit. Sie sind froh, daß ich ihn getötet habe. Ich habe dadurch Chandalen das Leben gerettet! Aber sie glauben…«

Sie faßte sich. »Beruhige dich doch. Ich werde ihnen erklären, was du gesagt hast.«

Richard nickte und rieb sich mit den Handballen die Augen. Er blickte zu Boden, während er sich mit beiden Händen durch die Haare fuhr. Dann hob er wieder den Kopf. »Ich erkläre es dir nur ein einziges Mal, Chandalen. Wenn du es dann nicht in deinen blöden Schädel bekommst, werden wir uns an den gegenüberliegenden Enden des Dorfes aufstellen und so lange mit Pfeilen beschießen, bis wir nicht mehr streiten können. Und ich werde nur einen einzigen Pfeil dafür brauchen.«

Chandalen zog eine Braue hoch und verschränkte die muskulösen Arme. »Dann erkläre es mir

Richard holte tief Luft. »Du warst ein gutes Stück entfernt. Aus irgendeinem Grund wußte ich, daß er da war, hinter dir. Ich wirbelte herum. Alles, was ich von ihm sehen konnte … schau her, es war so.« Er packte Kahlan bei den Schultern und drehte sie herum, so daß sie Chandalen ins Gesicht sah. Er hielt ihre Schultern fest und duckte sich hinter sie. »Genau so. Bis auf den oberen Teil seines Kopfes konnte ich nichts von ihm erkennen. Er hatte seinen Speer bereits erhoben. Noch eine Sekunde, und er hätte ihn dir in den Rücken gestoßen. Ich hatte nur eine Möglichkeit, ihn daran zu hindern, dich zu töten. Eine einzige Chance. Ich konnte nicht genug von ihm sehen, von meinem Platz aus bot er kein anderes Ziel, auf das ich hätte schießen können. Nur die Oberseite seines Kopfes. Er hatte eine fliehende Stirn. Hätte ich zu hoch gezielt, wäre der Pfeil abgeprallt, und der Mann hätte dich getötet. Die einzige Möglichkeit, ihn aufzuhalten, ihn zu töten, bestand darin, den Pfeil als Streifschuß durch deine Schulter abzufeuern.«

Wieder hielt er Daumen und Zeigefinger einen guten Zentimeter auseinander. »Das war alles, was ich hatte. Hätte ich den Pfeil um so viel tiefer gehalten, hätte dein Knochen ihn abgelenkt, und er hätte dich erwischt. Hätte ich ihn um so viel höher gehalten, gerade so viel, daß er dich nicht gestreift hätte, hätte er überlebt, und du wärst tot. Ich wußte, Savidlins Pfeil konnte ein Stück deines Fleisches durchdringen und ihn trotzdem töten. Für alles andere war keine Zeit. Ich mußte augenblicklich schießen. Ich glaube, ein Dutzend Stiche sind ein niedriger Preis für dein Leben.«

Chandalens Augen verrieten, daß er seiner Sache nicht mehr ganz so sicher war. »Woher weiß ich, daß du die Wahrheit sprichst?«

Richard schüttelte den Kopf und murmelte etwas. Plötzlich kam ihm ein Gedanke. Er nahm einem von Chandalens Männern den Stoffbeutel ab. Er steckte seine Hand in den Beutel, zog einen Kopf heraus und hielt ihn an dem blutverschmierten, verfilzten Haarschopf in die Höhe.

Kahlan stockte der Atem. Sie schlug sich die Hand vor den Mund und wandte sich ab. Doch zuvor sah sie noch den Pfeil, der mitten in seiner Stirn steckte und dessen Spitze aus dem Hinterkopf ragte.

Richard hielt den Kopf hinter Chandalens Schulter und legte ihm die Federn des Schaftes auf die Schulter, gleich neben die Wunde.

»Mehr habe ich nicht gesehen. Wäre es nicht so, wie ich sage, hätte er sich höher aufgerichtet, und ich hätte den Pfeil auf dieselbe Stelle abgefeuert, hätte er dich nicht berührt.«

Die Jäger begannen zu nicken und untereinander zu tuscheln. Chandalen betrachtete den Pfeilschaft, der auf seiner Schulter lag. Er sah nach hinten zum Kopf. Er dachte einen Augenblick lang nach, faltete dann seine Arme auseinander, nahm den Kopf und stopfte ihn zurück in den Sack.

»Ich bin schon einmal genäht worden. Ein paar Stiche mehr werden mir nicht schaden. Ich werde deinen Worten Glauben schenken. Diesmal

Richard stemmte die Fäuste in die Hüfte und sah zu, wie Chandalen mit seinen Männern abzog. »Ich bitte darum«, rief er ihnen nach.

Das übersetzte Kahlan nicht. »Wieso habt ihr den Kopf mitgebracht?«

»Frag mich nicht. Meine Idee war es nicht. Und was sie mit dem Rest gemacht haben, willst du mit Sicherheit nicht wissen.«

»Richard, ich finde, das war ein ziemlich riskanter Schuß. Wie weit warst du entfernt, als du den Pfeil abgefeuert hast?«

Die Erregtheit war aus seiner Stimme gewichen. »Er war überhaupt nicht riskant, glaub mir. Und ich war mindestens hundert Schritte weit entfernt.«

»So genau kannst du einen Pfeil auf hundert Schritte schießen?«

Er seufzte. »Ich fürchte, ich hätte es sogar aus der doppelten Entfernung schaffen können. Aus der dreifachen.« Er betrachtete das Blut an seinen Händen. »Ich muß mir das Blut abwaschen. Kahlan, in ungefähr zwei Minuten explodiert mein Schädel. Ich muß mich setzen. Könntest du bitte Nissel holen gehen? Die Brüllerei mit diesem Idioten war das einzige, was mich noch auf den Beinen gehalten hat.«

Sie legte ihm die Hand auf den Arm. »Aber sicher. Geh schon hinein. Ich werde sie holen.«

»Ich glaube, Savidlin ist auch böse auf mich. Bitte sag ihm, es tut mir leid, daß ich so viele von seinen Pfeilen ruiniert habe.«

Stirnrunzelnd verfolgte sie, wie Richard ins Haus ging und die Tür hinter sich schloß. Savidlin sah aus, als wollte er etwas zu ihr sagen. Sie faßte ihn am Arm.

»Richard braucht Nissel. Begleite mich und erzähl mir, was geschehen ist

Savidlin warf einen Blick über seine Schulter auf seine Haustür, während sie davoneilten. »Richard mit dem Zorn scheint seinem Namen alle Ehre zu machen