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»Er ist durcheinander, weil er einen Menschen getötet hat. Damit lebt es sich nicht leicht

»Er hat dir nicht die ganze Geschichte erzählt. Das war noch nicht alles

»Dann erzähl du es mir

Er warf ihr einen ernsten Blick zu. »Wir haben geschossen, Chandalen war verärgert — wegen der Treffer, die Richard landete. Er sagte, Richard sei ein Dämon. Dann verschwand er und stellte sich abseits ins Gras. Wir anderen standen ein Stück in der anderen Richtung und sahen zu, wie Richard schoß. Was er dort tat, schien unmöglich. Er legte einen Pfeil in die Sehne. Plötzlich wirbelte er herum zu Chandalen. Bevor wir auch nur einen Schrei ausstoßen konnten, hatte Richard einen Pfeil auf Chandalen abgefeuert, der mit verschränkten Armen dastand. Er hatte keine Waffe in der Hand. Keiner von uns hatte für möglich gehalten, daß Richard so etwas tun würde.

Noch während der Pfeil durch die Luft auf Chandalen zusegelte, hatten zwei seiner Männer Pfeile eingelegt und die Bogen gespannt. Der erste von ihnen feuerte einen Zehnschrittpfeil ab, noch bevor Richards Pfeil Chandalen erreicht hatte

Kahlan war fassungslos. »Er hat auf Richard geschossen und nicht getroffen? Chandalens Männer verfehlen ihr Ziel nicht

Savidlins Stimme war leise und bebte leicht. »Er hätte ihn nicht verfehlt. Doch Richard wirbelte herum, zog den letzten Pfeil aus seinem Köcher, einen Pfeil mit Spitze, und schoß. So schnell habe ich das noch nie jemanden machen sehen.« Er zögerte, als könnte er sich nicht vorstellen, daß sie ihm glaubte. »Richards Pfeilspitze traf den anderen in der Luft und teilte ihn. Die beiden Hälften verfehlten Richard

Kahlan legte Savidlin die Hand auf den Arm und hielt ihn fest. »Richard hat den anderen Pfeil mitten in der Luft getroffen?«

Er nickte langsam. »Und dann schoß der andere. Richard hatte keine Pfeile mehr. Er stand da, den Bogen in der Hand, und wartete. Auch das war ein Zehnschrittpfeil. Ich konnte hören, wie er durch die Luft pfiff

Savidlin sah sich um, als wollte er sich vergewissern, daß niemand zuhörte. »Richard hat ihn einfach mit der Hand aus der Luft gepflückt. Er hielt ihn mit der Faust gepackt. Er legte den Pfeil des Mannes in seinen eigenen Bogen ein und zielte damit auf Chandalens Männer. Er rief ihnen etwas zu. Wir konnten nicht verstehen, was er sagte, doch sie ließen ihre Bogen fallen und streckten ihre Arme zur Seite, um zu zeigen, daß ihre Hände leer waren. Wir alle dachten, Richard mit dem Zorn sei verrückt geworden. Wir dachten, er wollte uns alle umbringen. Wir hatten alle sehr große Angst.

Dann rief Prindin etwas. Er hatte den Mann hinter Chandalens Rücken entdeckt. Dann wurde uns allen klar, daß Richard einen mit einem Speer bewaffneten Eindringling getötet hatte. Wir erkannten, daß Richard den Eindringling und nicht Chandalen hatte töten wollen. Chandalen dagegen war sich da nicht so sicher. Er meinte, Richard hätte ihn absichtlich mit dem Pfeil verletzt. Chandalen wurde noch wütender, als alle seine Männer zu Richard liefen und ihm respektvoll auf die Schulter klopften

Kahlan starrte ihn an. Sie konnte nicht glauben, was sie da hörte. »Richard hat mich gebeten, dir zu sagen, es täte ihm leid, daß er deine Pfeile ruiniert hat. Was hat er damit gemeint?«

»Weißt du, was ein Schaftschuß ist?«

Kahlan nickte. »So nennt man es, wenn man einen Pfeil durch einen bereits im Schwarzen der Zielscheibe steckenden schießt und dabei den Schaft des ersten spaltet. Die Gardetruppen in Aydindril haben dafür Ordensbänder vergeben. Ich habe ein paar Männer gesehen, die ein halbes Dutzend davon besaßen. Einen kannte ich, der hatte zehn

Savidlin griff nach hinten und zog ein dickes Bündel aus seinem Köcher. Jeder einzelne Pfeil war gespalten. »Es wäre einfacher, Richard mit dem Zorn ein Ordensband zu geben, wenn er endlich einmal danebentrifft. Aber selbst dann hätte er keine. Er hat heute über hundert Pfeile ruiniert. Es dauert lange, einen Pfeil zu machen. Man darf sie nicht einfach vergeuden. Aber die Männer wollten immer wieder, daß er es noch einmal macht, weil sie so etwas nie gesehen hatten. Einmal hat er sechs Pfeile durch den ersten gejagt, einen nach dem anderen. Wir hatten Kaninchen geschossen und brieten sie über dem Feuer. Richard saß bei uns, und als wir anfingen zu essen, wollte er nicht mitessen. Er sah aus, als wäre ihm schlecht, und er ging fort, um allein Pfeile zu schießen, bis wir fertig waren. Später, nach dem Essen, hat er dann den Mann getötet

Sie nickte. »Wir sollten uns beeilen und Nissel holen.« Sie sah ihn beim Gehen von der Seite an. »Savidlin, wieso haben die Männer den Kopf mitgebracht? Wie können sie nur etwas so Grausiges tun?«

»Hast du gesehen, daß der Tote einen schwarzen Strich über den Augen hatte? Damit wollte er sich vor unseren Seelen verstecken, um sich an uns anschleichen zu können. Wer mit Schwarz über den Augen unser Land betritt, tut dies aus einem einzigen Grund: um zu töten. Chandalens Männer stecken die Köpfe solcher Männer auf Spieße an den Grenzen unseres Landes, um andere davon abzuhalten, sich über den Augen schwarz zu bemalen. Dir mag das grausig erscheinen, aber am Ende gibt es dadurch weniger Tote. Du solltest nicht schlecht über Chandalens Männer denken, weil sie den Kopf mitgenommen haben. Sie haben das heute nicht zu ihrem Vergnügen getan, sondern damit in Zukunft weniger gemordet wird

Plötzlich kam sich Kahlan töricht vor. »Vermutlich urteile ich genau wie Chandalen viel zu schnell. Vergib mir, Ältester Savidlin, daß ich etwas Falsches über dein Volk gedacht habe

Er legte ihr den Arm um die Schultern und drückte sie kurz an sich.

Als sie mit der Heilerin zurückkehrten, fanden sie Richard zusammengekauert in einer Ecke liegend vor, die Hände über seinem Kopf verschränkt. Seine Haut war bleich, kalt und feucht. Nissel gab ihm etwas zu trinken. Nach ein paar Minuten gab sie ihm einen kleinen Würfel eines Mittels, das er schlucken sollte. Richard mußte lächeln, als er den Würfel sah. Offenbar kannte er das Mittel. Nissel ließ sich neben ihm auf den Boden nieder und fühlte lange seinen Puls. Nachdem er wieder ein wenig Farbe bekommen hatte, mußte er seinen Kopf in den Nacken legen und den Mund aufmachen. Sie preßte die Zehe irgendeiner zwiebelartigen Frucht über ihm aus und träufelte den Saft in seinen Mund. Richard verzog das Gesicht. Nissels einziger Kommentar war ein Schmunzeln.

An Kahlan gewandt meinte sie: »Ich denke, das wird ihm helfen. Sag ihm, er soll weiterhin die Blätter kauen. Hol mich, wenn er mich braucht

»Wird es ihm bald wieder bessergehen, Nissel? Müßte es ihm nicht längst ein wenig bessergehen?«

Die gebückte alte Frau warf einen Blick auf Richard. »Die Seele hat ihren eigenen Willen. Und sie hört nicht immer zu. Ich glaube, seine will gar nicht zuhören.« Plötzlich hellte sich ihr Gesicht auf, als sie die Niedergeschlagenheit in Kahlans Gesicht bemerkte. »Mach dir keine Sorgen, Kind. Notfalls zwinge ich die Seelen, mir zuzuhören

Kahlan nickte. Nissel lächelte ihr freundlich zu und tätschelte ihren Arm, bevor sie sich auf den Weg machte.

Richard hob den Kopf und sah Kahlan und Savidlin. »Hast du es ihm erklärt? Hast du ihm gesagt, es tut mir leid, daß ich alle seine Pfeile ruiniert habe?«

Kahlan lächelte zaghaft in Savidlins Richtung. »Er sorgt sich, weil er so viele Pfeile ruiniert hat

Savidlin brummte. »Ich bin selber schuld. Ich habe dir einen zu guten Bogen gemacht.« Richard brachte ein Lächeln zustande. »Weselan ist Brot backen gegangen. Ich habe auch noch etwas zu erledigen. Ruhe dich gut aus. Sobald es Zeit zum Essen ist, sind wir zurück. Wir werden zusammen essen. Dem Geruch nach hat meine Frau einen guten Eintopf gekocht