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Als Savidlin gegangen war, ließ Kahlan sich dicht neben ihm auf den Boden nieder.

»Richard, was ist heute passiert? Savidlin hat mir erzählt, wie du heute Pfeile geschossen hast. So gut bist du doch nicht immer schon gewesen, oder?«

Er wischte sich den Schweiß mit dem Handrücken aus der Stirn. »Nein. Ich habe schon Pfeile gespalten, aber nie mehr als ein halbes Dutzend am Tag.«

»So gut hast du früher schon geschossen?«

Er nickte. »An einem guten Tag, wenn ich das Ziel spüren konnte. Aber heute, das war irgendwie anders.«

»Inwiefern?«

»Na ja, wir sind hinaus in die Steppe gegangen, und mein Kopf fing heftig an zu schmerzen. Die Männer stellten Zielscheiben aus zusammengebundenem Gras auf. Ich dachte, ich könnte nicht einmal die Zielscheibe treffen, weil mein Kopf so schmerzte. Aber ich wollte Savidlin nicht enttäuschen, also versuchte ich es trotzdem. Wenn ich schieße, rufe ich das Ziel zu mir.«

»Was meinst du damit, du rufst das Ziel zu dir?«

Richard zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung. Früher dachte ich, das macht beim Schießen jeder. Zedd erklärte mir jedoch, das sei nicht der Fall. Ich sehe das Ziel an und ziehe es dabei irgendwie zu mir. Wenn ich es richtig mache, verschwindet alles andere ringsum. Es gibt nur noch mich und das Ziel, so als käme es immer näher. Irgendwie weiß ich ganz genau, daß der Pfeil auf die richtige Stelle zielt, bevor ich die Sehne loslasse.

Nachdem ich herausgefunden hatte, daß ich das Ziel immer treffe, wenn ich dieses bestimmte Gefühl habe, hörte ich auf, Pfeile abzufeuern. Ich zielte bloß noch und versuchte, das richtige Gefühl zu erzeugen. Ich wußte, wenn ich es gefunden hatte, würde ich nicht danebentreffen, deswegen schoß ich auch nicht mehr. Dann legte ich den nächsten Pfeil ein und suchte erneut nach dem Gefühl. Mit der Zeit klappte es immer häufiger.«

»Und was war heute anders?«

»Wie gesagt, ich hatte fürchterliche Kopfschmerzen. Ich sah zu, wie einige der anderen Männer Pfeile abfeuerten. Sie waren sehr gut. Savidlin gab mir einen Klaps auf den Rücken, daher wußte ich, daß ich an der Reihe war. Also gut, dachte ich, bringe ich es eben hinter mich. Mein Kopf fühlte sich an, als wollte er jeden Augenblick platzen. Ich spannte den Bogen und rief das Ziel zu mir.«

Richard fuhr sich mit den Fingern durchs Haar. »Ich weiß nicht, wie ich es erklären soll. Ich rief das Ziel zu mir, und augenblicklich waren meine Kopfschmerzen wie weggeblasen. Ich hatte überhaupt keine Schmerzen mehr. Das Ziel kam auf mich zu wie nie zuvor. Es war, als hätte die Luft eine Kerbe, in die ich den Pfeil bloß einzulegen brauchte. So stark war das Gefühl noch nie gewesen. Es war, als wäre das Ziel riesengroß. Mir wurde klar, daß ich nicht danebenschießen konnte. Nach einer Weile ging ich zur Abwechslung dazu über, nicht mehr die bereits vorhandenen Pfeile zu spalten, sondern die rote Außenfeder abzurasieren. Die Männer dachten sofort, ich hätte den bereits im Ziel steckenden Pfeil nicht spalten können. Sie hatten ja keine Ahnung, daß ich noch etwas Schwierigeres vollbracht hatte.«

»Und deine Kopfschmerzen waren völlig verschwunden?« Er nickte. »Hast du eine Ahnung, wie es dazu kommen konnte?«

Richard zog die Knie hoch und legte die Unterarme darauf. Er wandte den Blick ab. »Ich fürchte, ja. Es war Magie.«

»Magie?« hauchte Kahlan. »Wie meinst du das?«

Sein Blick wanderte zu ihr zurück. »Ich habe keine Ahnung, wie sich die Magie bei dir anfühlt, Kahlan, aber ich habe deutlich gespürt, daß es Magie war. Jedesmal, wenn ich das Schwert der Wahrheit ziehe, strömt Magie in mich hinein und wird zu einem Teil von mir. Wie sich diese Magie anfühlt, weiß ich. Ich habe sie oft genug gespürt, auf unterschiedliche Weise, je nachdem, wie ich sie benutzt habe. Aber weil ich eins geworden bin mit dem Schwert, kann ich seine Magie sogar spüren, wenn es in der Scheide an meiner Hüfte steckt. Und jetzt kann ich die Magie herbeirufen, sogar ohne das Schwert zu ziehen. Ich spüre sie wie einen Hund, der mir auf den Fersen ist, bereit, mich anzufallen. Als ich heute den Bogen spannte und das Ziel zu mir rief, habe ich noch etwas anderes herbeigerufen: Magie.

Damals, als Zedd mich berührte, um mich zu heilen, oder du, als du im Con Dar warst, habe ich die Magie gespürt. Ganz ähnlich war es diesmal auch. Ich wußte einfach, es war Magie. Sie fühlte sich anders an als deine oder Zedds, aber ich erkannte ihre Beschaffenheit wieder. Ich spürte das Leben, das in ihr wohnt, wie einen zweiten Atem. Sie war lebendig.« Richard legte seine Faust mitten auf seine Brust. »Ich spürte, daß sie aus meinem Inneren kam und immer stärker wurde, bis ich sie dann freiließ und das Ziel zu mir rief.«

Kahlan kannte die Empfindungen, die er beschrieb. »Vielleicht hat es etwas mit dem Schwert zu tun.«

Er schüttelte den Kopf. »Ich weiß nicht. Möglich wäre es schon. Aber ich konnte es nicht kontrollieren. Nach einer Weile verschwand es einfach, wie eine Kerze, die der Wind ausbläst. Es war, als stünde ich plötzlich im Dunkeln, als wäre ich auf einmal blind. Und dann kamen die Kopfschmerzen zurück. Ich traf das Ziel nicht mehr, ich konnte es nicht mehr zu mir rufen, also ließ ich einfach die anderen schießen. Die Magie kam und ging. Ich konnte nie vorhersagen, wann es geschehen würde. Als dann die Männer anfingen, Fleisch zu essen, wurde mir schlecht, und ich mußte fort von ihnen. Ich schoß, während sie aßen, und gelegentlich konnte ich die Magie herbeirufen. Dann waren auch die Kopfschmerzen wieder verschwunden.«

»Und wie war das, als du den Pfeil aus der Luft gefangen hast?«

Er sah sie schräg von der Seite an. »Das hat dir Savidlin also auch erzählt?« Sie nickte. Richard stieß einen tiefen Seufzer aus. »Das war das Merkwürdigste überhaupt. Ich weiß nicht, wie ich es erklären soll. Irgendwie habe ich die Luft verdichtet.«

Sie beugte sich näher zu ihm und musterte sein Gesicht. »Die Luft verdichtet?«

Er nickte wieder. »Mir war klar, ich mußte den Pfeil verlangsamen, und das einzige, was mir einfiel, war, daß ich vielleicht eine Chance hätte, wenn die Luft dichter wäre — wie damals mit dem Schwert, als die Luft sich verdichtet hatte und das Schwert blockierte. Alles andere wäre mein Tod gewesen. Es schoß mir alles auf einmal durch den Kopf, Gedanke und Tat waren eins, sofort. Ich habe nicht den geringsten Schimmer, wie ich es angestellt habe. Ich hatte nur diesen Einfall, und schon sah ich, wie meine Hand den Pfeil aus der Luft schnappte.«

Er verstummte. Kahlan rieb mit dem Daumen über den Absatz ihres Stiefels. Sie wußte nicht, was sie sagen sollte. Irgendwo im Hinterkopf verspürte sie Angst. Plötzlich hob sie den Kopf und sah ihn an. Er starrte ins Nichts.

»Richard«, sagte sie, »ich liebe dich.«

Es dauerte lange, bis seine Antwort kam. »Ich liebe dich auch.« Er drehte sich zu ihr um. »Kahlan, ich habe Angst.«

»Wovor?«

»Es liegt etwas in der Luft. Ein Screeling taucht auf, ich habe diese Kopfschmerzen, du rufst einen Blitz herbei, und dann das, was ich heute getan habe. Das einzige, was mir einfällt, ist, nach Aydindril zu gehen und Zedd zu suchen. All diese Geschehnisse haben etwas mit Magie zu tun.«

Er mußte nicht unbedingt unrecht haben, trotzdem hatte sie andere Erklärungen für diese Geschehnisse parat. »Daß ich den Blitz herbeirufen konnte, hat etwas mit meinen magischen Fähigkeiten zu tun. Bei dir ist das anders. Ich weiß zwar nicht, wie ich es angestellt habe, aber ich habe es getan, um dich zu schützen. Der Screeling stammt meiner Ansicht nach aus der Unterwelt. Das hat nichts mit uns zu tun. Das ist schlicht das Böse. Die Magie dessen, was du heute getan hast … nun, das könnte allerdings etwas mit der Magie des Schwertes zu tun haben. Aber sicher bin ich mir da nicht.«