»Und die Kopfschmerzen?«
»Ich weiß es nicht«, mußte sie eingestehen.
»Kahlan, vielleicht bringen mich diese Kopfschmerzen um. Ich weiß nicht, woher ich das weiß, aber ich weiß, daß es stimmt. Das sind nicht einfach nur Kopfschmerzen. Es ist etwas anderes. Was, weiß ich nicht.«
»Richard, bitte sag so etwas nicht. Du machst mir angst.«
»Mir macht das auch angst. Ich war doch nur deshalb sauer auf Chandalen, weil ich Angst hatte, er könnte recht haben mit dem, was er über mich gesagt hat. Daß ich nichts als Ärger bringe.«
»Vielleicht sollten wir uns überlegen, wie wir von hier fortkönnen. Zu Zedd.«
»Und was ist mit diesen Kopfschmerzen? Meist kann ich nicht einmal aufrecht stehen. Ich kann doch nicht alle zehn Schritte anhalten und einen Pfeil abfeuern.«
Sie schluckte, trotz des dicken Kloßes in ihrem Hals. »Vielleicht weiß Nissel eine Antwort.«
Er schüttelte den Kopf. »Sie kann nur wenig helfen, und das auch nur vorübergehend. Ich glaube, bald wird sie gar nichts mehr tun können. Ich habe Angst, ich könnte sterben.«
Kahlan fing an zu weinen. Richard lehnte sich an die Wand, legte ihr den Arm um die Schultern und zog sie an sich. Er wollte noch etwas sagen, doch sie legte ihm die Finger auf die Lippen. Sie drückte ihr Gesicht an seinen Körper und weinte, klammerte sich an sein Hemd. Allmählich schien sich alles zu entwirren. Er hielt sie fest und ließ sie weinen.
Dann dämmerte Kahlan, daß sie sich selbstgerecht verhielt. Ihm passierten diese Dinge. Er hatte die Schmerzen, er war in Gefahr. Sie sollte ihn trösten, nicht umgekehrt.
»Richard Cypher, wenn du glaubst, das könnte mich davon abbringen, dich zu heiraten, solltest du vielleicht noch einmal darüber nachdenken.«
»Kahlan, ganz bestimmt nicht … ich schwöre es…«
Sie lächelte und strich ihm sanft über die Wange, gab ihm dabei einen Kuß. »Ich weiß, Richard, wir haben schon weit schwierigere Probleme gelöst als dieses. Uns wird etwas einfallen. Das verspreche ich. Uns bleibt auch gar nichts anderes übrig — Weselan hat schon mit meinem Kleid angefangen.«
Richard stopfte sich ein paar von Nissels Blättern in den Mund. »Tatsächlich? Ich wette, du wirst wunderschön darin aussehen.«
»Wenn du das herausfinden willst, wirst du mich wohl heiraten müssen.«
»Da hast du allerdings recht.«
Kurz darauf kehrten Savidlin, Weselan und Siddin zurück. Richard hatte die Augen geschlossen, ruhte sich aus und kaute die Blätter. Angeblich fühlte er sich schon etwas besser. Siddin war ganz aufgeregt. Seit er auf dem Drachen geritten war, war er im Dorf eine Berühmtheit. Den größten Teil des Tages hatte er damit verbracht, anderen Kindern davon zu erzählen. Jetzt wollte er auf Kahlans Schoß sitzen und ihr davon berichten, wie er im Mittelpunkt des Geschehens gestanden hatte.
Sie hörte lächelnd zu, während alle Eintopf mit Tavabrot aßen. Richard wollte wie sie keinen Käse. Savidlin bot ihm ein Stück geräuchertes Fleisch an. Richard lehnte höflich ab.
Nachdem sie ihr Mahl beendet hatten, erschien ein grimmig dreinblikkender Vogelmann im Türrahmen, umringt von mit Speeren bewaffneten Männern. Alle erhoben sich. Der Ausdruck auf dem Gesicht des Vogelmanns gefiel Kahlan überhaupt nicht.
Richard trat vor. »Was ist? Was ist passiert?«
Der Vogelmann ließ seinen Blick über sämtliche Anwesenden schweifen. »Drei Frauen, Fremde, sind zu Pferd hier eingetroffen.«
Kahlan wunderte sich, daß drei Frauen den Vogelmann dazu veranlaßten, sich mit Speerträgern zu umgeben. »Was wollen sie?«
»Sie sind schwer zu verstehen. Sie sprechen unsere Sprache nur sehr schlecht. Ich glaube, sie wollen zu Richard. Es klang, als wollten sie Richard und seine Eltern sprechen.«
»Meine Eltern! Bist du ganz sicher?«
»Ich glaube, das wollten sie uns sagen. Sie meinten, du solltest nicht länger versuchen davonzulaufen. Wegen dir seien sie gekommen, und du dürftest nicht fortlaufen. Zu mir meinten sie, ich dürfte mich nicht einmischen.«
Richard lockerte, ohne nachzudenken, das Schwert in seiner Scheide, und sein Gesicht bekam einen habichtartigen Zug. »Wo sind sie?«
»Ich habe ihnen gesagt, sie sollen im Haus der Seelen warten.«
Kahlan klemmte sich eine Haarsträhne hinters Ohr. »Haben sie gesagt, wer sie sind?«
Das lange Silberhaar des Vogelmannes leuchtete im Licht der untergehenden Sonne auf, die hinter ihm ins Haus drang. »Sie nannten sich die Schwestern des Lichts.«
Kahlan stockte der Atem. Eine Gänsehaut überzog ihre Arme. Ihr Magen schien sich zu ballen wie eine Faust.
Sie vergaß sogar zu blinzeln.
9
Richard runzelte die Stirn. »Und? Wer ist es? Was hat er gesagt?«
Sie hatte die Augen noch immer aufgerissen und brachte nur ein Flüstern zustande. »Er hat gesagt, es seien die Schwestern des Lichts.«
Er starrte sie eine ganze Weile an. »Wer sind die Schwestern des Lichts?«
Endlich blinzelte sie und blickte ihn an. »Sehr viel weiß ich nicht über sie. Niemand weiß viel über sie. Richard, ich glaube, wir sollten fort von hier.« Kahlan klammerte sich mit beiden Händen an seinen Arm. »Bitte! Laß uns gehen. Sofort.«
Richards Blick schweifte zu den Männern mit den Speeren und blieb auf dem Vogelmann haften. »Danke ihm, daß er gekommen ist. Sag ihm, wir nehmen die Sache selbst in die Hand.«
Der Vogelmann nickte. Nachdem er mit seinen Männern gegangen war und Kahlan Savidlin erklärt hatte, sie und Richard wollten allein gehen, führte Richard sie am Arm nach draußen. Sie bogen um ein paar Ecken, dann drückte er sie sanft gegen eine Wand und hielt sie an den Oberarmen fest.
»Also schön, vielleicht weißt du nicht sehr viel über sie, aber ein wenig doch. Erzähl mir alles. Man braucht nicht Gedanken lesen zu können, um zu sehen, daß du etwas weißt und daß du Angst hast.«
»Sie haben etwas mit Zauberern zu tun. Mit denen, die die Gabe besitzen.«
»Wie meinst du das?«
Kahlan legte ihm die Hände auf die Arme, so wie er es bei ihr tat. »Früher einmal, als ich mit Zauberer Giller unterwegs war, saßen wir beieinander und unterhielten uns. Du weißt schon, über das Leben, über Träume und dergleichen. Giller war ein Zauberer aus Berufung. Er besaß nicht die Gabe, nur die Berufung. Es war sein Lebenswunsch gewesen, Zauberer zu werden, seine Berufung. Zedd hatte ihm beigebracht, ein Zauberer zu sein. Wegen des magischen Netzes allerdings, das Zedd über jeden bei seinem Verlassen der Midlands geworfen hatte, konnte Giller sich nicht an Zedd erinnern. Niemand erinnerte sich an ihn. Nicht einmal an seinen Namen.
Wie auch immer, ich fragte ihn, ob er sich je mehr als nur die Berufung gewünscht hatte. Ob er sich wünschte, die Gabe zu besitzen. Er lächelte und dachte verträumt ein paar Minuten lang darüber nach. Dann verschwand sein Lächeln. Sein Gesicht wurde weiß, und er meinte, nein, er wünsche sich nicht, die Gabe zu besitzen.
Der verängstigte Ausdruck in seinem Gesicht verwirrte mich. Es geschieht nicht oft, daß Zauberer auf eine einfache Frage hin eine solche Miene aufsetzen. Ich fragte ihn, aus welchem Grunde das so sei. Er sagte, wenn er die Gabe besäße, würde er es mit den Schwestern des Lichts zu tun bekommen.
Ich fragte ihn, wer diese Schwestern seien, doch er wollte mir nichts über sie erzählen. Es sei am besten, nicht einmal ihren Namen laut auszusprechen. Er bat mich, ihn nicht weiter zu diesem Thema auszufragen. Ich weiß noch genau, welche Angst mir sein Gesichtsausdruck damals einjagte.«
»Weißt du, woher sie stammen?«
»Ich bin in den Midlands so gut wie überall gewesen. Nirgendwo habe ich gehört, daß man sie gesehen hätte. Und ich habe mich erkundigt.«
Richard ließ sie los und stemmte eine Faust in die Hüfte. Mit der anderen Hand drückte er die Unterlippe hoch und dachte nach. Schließlich verschränkte er die Arme und drehte sich um. »Die Gabe. Da wären wir also wieder bei der Gabe angelangt. Ich dachte, diesen Unfug hätten wir hinter uns. Ich besitze diese Gabe nicht!«