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»Bevor sie in der Lage sind, für sich selbst zu denken, Schwester Verna?« Keine Antwort. »Ich frage noch einmal. Woher wißt Ihr, daß ich die Gabe besitze?«

Schwester Grace strich ihr glattes, schwarzes Haar zurück. »Wenn jemand mit der Gabe geboren wird, dann liegt sie im verborgenen und ist harmlos. Wir sind bestrebt, diese Jungen aufzuspüren, solange sie noch jung sind. Wir haben viele Möglichkeiten festzustellen, wer sie sind. Manchmal tut jemand, der die Gabe besitzt, bestimmte Dinge, die ihr Wachstum auslösen, ihre Entwicklung. Wenn das geschieht, wird sie zur Bedrohung. Wie du dich unserer Kenntnis hast entziehen können, ist eine Frage, auf die wir keine Antwort wissen.

Einmal ausgelöst, beginnt die Kraft, sich zu entwickeln. Sie kann nicht aufgehalten werden. Man muß sie meistern, oder man stirbt. Genau das ist bei dir der Fall. Es ist äußerst selten, daß es auf diese Weise geschieht. Um ehrlich zu sein, man hat uns zwar gelehrt, daß so etwas schon vorgekommen ist, aber von uns hat niemand eigene Erfahrungen damit gemacht. Im Palast der Propheten wird es darüber Aufzeichnungen geben, in die wir einen Blick werfen werden. Aber das ändert nichts an dem, was allein zählt: du besitzt die Gabe, sie ist ausgelöst worden, und die Entwicklung hat eingesetzt. Noch nie haben wir jemanden deines Alters ausbilden müssen. Der Ärger, den das im Palast bereiten wird, macht mir angst. Die Gabe zu lehren verlangt Disziplin. Offenbar hat jemand deines Alters damit Schwierigkeiten.«

Richard mäßigte seinen Ton, sein Blick jedoch wurde härter. »Schwester Grace, ich frage Euch zum letzten Mal. Woher wißt Ihr, daß ich die Gabe besitze?«

Sie nahm eine aufrechte Haltung ein und seufzte. Dann sah sie zu Schwester Verna hinüber. »Erkläre du es ihm.«

Schwester Verna nickte resigniert und zog ein kleines, schwarzes Buch aus dem Gürtel. Stirnrunzelnd begann sie darin zu blättern. »Wer die Gabe besitzt, hat sein ganzes Leben lang Nutzen davon, in kleinen Dingen, auch wenn sie verschüttet liegt. Dir ist vielleicht schon aufgefallen, daß du Dinge tun kannst, die andere nicht können, ja? Die Entwicklung der Gabe wird durch die gezielte Verwendung der Magie ausgelöst. Einmal ausgelöst, kann sie nicht mehr aufgehalten werden. Genau das hast du getan.«

Sie blätterte eine Seite nach der anderen um, fuhr mit dem Finger suchend über sie. »Ah. Hier steht es.« Sie senkte das Buch und hob den Kopf. »Drei Dinge müssen getan werden, auf ganz bestimmte Weise, um die Gabe auszulösen. Wir wissen nicht genau, was dies für Dinge sind, aber wir wissen, worum es sich dem Prinzip nach handeln muß. Du hast diese drei Dinge getan. Erstens: du mußt die Gabe dazu benutzen, einen anderen zu retten. Zweitens: du mußt die Gabe dazu benutzen, dich selbst zu retten. Drittens: du mußt die Gabe dazu benutzen, einen anderen durch diese Gabe zu töten. Vielleicht siehst du die Schwierigkeiten, das zu erreichen, und weshalb wir es zuvor übersehen haben?«

»Und was steht über mich in diesem Buch?«

Sie schaute noch einmal in das Buch, dann hob sie den Kopf, zog eine Braue hoch, um sich seiner Aufmerksamkeit zu vergewissern, bevor sie erneut die Seiten zu Rate zog, und sprach. »Erstens: du hast die Gabe dazu benutzt, jemanden zu retten, der in die Unterwelt zurückgerissen wurde. Nicht körperlich, sondern über ihren Geist. Du hast sie zurückgeholt. Ohne dich wäre sie verloren gewesen.« Sie sah unter ihren Brauen hervor. »Du weißt, von wem ich spreche?«

Kahlan sah Richard an. Sie hatten beide verstanden. Sie war es gewesen, die er gerettet hatte. »In der Launenfichte«, sagte sie, »am ersten Abend, als wir uns kennengelernt hatten. Als du die Unterwelt daran gehindert hast, mich zurückzuholen.«

Richard nickte Schwester Verna zu. »Ja, ich habe verstanden.«

Schwester Verna steckte den Finger zurück ins Buch. »Was deine eigene Rettung mit Hilfe der Gabe anbelangt … mal sehen … ich habe es doch gerade erst … ah! Richtig, hier ist es.« Wieder sah sie unter ihren Brauen vor. »Zweitens: du hast die Gabe dazu benutzt, dein eigenes Leben zu retten.« Sie tippte mit dem Finger in das Buch. »Du hast deinen Verstand abgeteilt. Du weißt, wovon ich spreche, ja?«

Richard schloß die Augen. »Ja, ich weiß«, gab er mit schwacher Stimme zu. Diesmal wußte Kahlan nicht, wovon die Rede war.

Schwester Verna blickte wieder ins Buch. »Drittens: du hast die Gabe dazu benutzt, einen Zauberer zu töten. Sein Name war Darken Rahl. Du weißt, wovon ich spreche, ja?«

»Ja.« Er öffnete die Augen wieder. »Wie könnt Ihr diese Dinge wissen?«

»Die Dinge, die du getan hast, verbrauchen magische Energie, eine ganz bestimmte Energie, die eine Essenz zurückläßt — daraus sieht man, wer du bist und daß du nicht ausgebildet bist. Wärst du es, würde diese Essenz nicht zurückbleiben, und wir wüßten nichts über dich. Im Palast der Propheten stehen uns Leute zur Verfügung, die für solche Ereignisse empfänglich sind.«

Richard sah sie wütend an. »Ihr habt meine Privatsphäre verletzt, mir nachspioniert. Und was das dritte Eurer drei Ereignisse betrifft, genaugenommen habe ich Darken Rahl gar nicht getötet. Nicht wirklich.«

»Ich kann verstehen, wie du dich fühlst«, meinte Schwester Grace ruhig. »Aber dies geschieht nur, um dir zu helfen. Wenn du mit uns darüber streiten möchtest, ob diese drei Dinge als Auslöser geeignet sind, kann ich dich beruhigen. Sind sie einmal vollbracht, beginnt der Prozeß, der dich zum Zauberer machen wird. Vielleicht glaubst du nicht daran, vielleicht willst du kein Zauberer werden, aber ohne Zweifel wird es geschehen. Wir bürden dir diese Last nicht auf. Wir sind nur hier, um dir dabei zu helfen, mit ihr zurechtzukommen.«

»Aber…«

»Kein ›Aber‹. Ist die Magie einmal ausgelöst, ändern sich wenigstens drei Dinge. Erstens: du entwickelst seltsame Vorlieben, was deine Ernährung anbetrifft. Vielleicht bist du versessen auf bestimmte Dinge, oder du weigerst dich zu essen, was du früher gern gemocht hast. Wir haben dieses Phänomen studiert und verstehen den Grund nicht, aber es hat etwas mit den Einflüssen zum Zeitpunkt des Erwachens der Gabe zu tun.

Zweitens: du beginnst, zumindest manchmal, mit offenen Augen zu schlafen. Alle Zauberer tun das, selbst die, die nur berufen sind. Es hat etwas damit zu tun, daß man lernt, die Magie zu benutzen. Wenn du die Gabe besitzt, wird es durch die drei mit ihrer Hilfe vollbrachten Dinge ausgelöst. Bist du lediglich berufen, wird es durch das Lernen ausgelöst.

Drittens: die Kopfschmerzen setzen ein. Die Kopfschmerzen sind tödlich. Es gibt kein Mittel gegen sie, es sei denn, man lernt, die Magie zu beherrschen. Tust du das nicht, werden sie dich früher oder später töten.«

»Aber wann? Wieviel Zeit bleibt mir, wenn ich Eure Hilfe ablehne?«

Kahlan legte ihm die Hand auf den Arm. »Richard…«

»Wieviel Zeit!«

Schwester Elizabeth antwortete. »Es heißt, jemand hätte mehrere Jahre mit den Kopfschmerzen überlebt, bevor er starb. Man erzählt sich auch, ein anderer sei bereits innerhalb weniger Monate gestorben. Wir glauben, daß die dir verbleibende Zeit von der Stärke deiner Kraft abhängt. Je stärker deine Kraft, desto stärker deine Kopfschmerzen und desto kürzer deine Zeit. Möglicherweise sind sie schon in einem Monat so schlimm, daß sie dir gelegentlich das Bewußtsein rauben.«

Richard sah sie ruhig an. »So stark waren sie bereits.«

Die drei Schwestern rissen die Augen auf, und wieder wechselten sie jenen besagten Blick.

»Wir haben mit der Suche nach dir begonnen, bevor du diese drei Dinge getan hattest. Du hast alle drei vollbracht, seit wir den Palast verlassen haben«, meinte Schwester Verna. »Dieses Buch ist magisch. Sobald eine Botschaft in seinem Gegenstück im Palast verzeichnet wird, erscheint sie uns auch hier. Daher wissen wir, daß du sie vollbracht hast. Wie lange ist es her, daß du die dritte Tat vollbracht und diesen Darken Rahl getötet hast?«