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Langsam senkte sich die Schwertspitze zu Boden. Richard starrte auf die Tote, während Tränen über seine Wangen liefen.

»Ich werde nie wieder einen Halsring anlegen«, flüsterte er in sich hinein. »Für niemanden.«

Mit schwerfälligen Bewegungen holte er eine kleine Schaufel aus seinem Gepäck und hakte sie an seinen Gürtel. Dann wälzte er Schwester Grace auf den Rücken, verschränkte ihr die Arme über der Brust und hob ihren leblosen Körper hoch. Einer ihrer Arme glitt von seinem Platz. Ihr Kopf hing kraftlos herab. Ihre toten Augen starrten ins Leere. Das schwarze Haar hing herab. Vorn auf ihrem weißen Hemd bildete sich ein kleiner Fleck aus Blut.

Richard suchte gequält Kahlans Blick. »Ich werde sie jetzt begraben. Ich möchte gern allein sein.«

Kahlan nickte und sah zu, wie er mit der Schulter die Tür aufstieß. Nachdem sie sich wieder geschlossen hatte, sank Kahlan zu Boden — und ließ ihren Tränen freien Lauf.

10

Sie saß da und starrte ins Feuer, als Richard zurückkam. Er war lange fortgewesen. Nachdem Kahlan zu weinen aufgehört hatte, war sie zu Savidlin und Weselan gegangen und hatte ihnen erzählt, was sich ereignet hatte. Anschließend war sie in das Haus der Seelen zurückgekehrt, um auf Richard zu warten. Sie hatten ihr gesagt, sie solle kommen und sie holen, wenn sie etwas brauchte.

Richard setzte sich neben sie, schlang die Arme um sie, legte ihr den Kopf auf die Schulter. Sie fuhr ihm mit den Fingern durch die Nackenhaare und drückte ihn fest an sich. Gern hätte sie etwas gesagt, doch sie hatte Angst zu sprechen, also hielt sie ihn nur fest.

»Ich hasse Magie«, meinte er schließlich leise. »Sie wird sich wieder zwischen uns schieben.«

»Das werden wir nicht zulassen. Auf keinen Fall. Wir werden uns etwas einfallen lassen.«

»Wieso mußte sie sich umbringen?«

»Ich weiß es nicht«, sagte Kahlan leise.

Richard zog seine Arme zurück und fischte einige von Nissels Blättern aus seiner Handtasche. Er saß da, kaute und starrte mit leicht gequälter Miene ins Feuer.

»Am liebsten würde ich weglaufen, aber ich weiß nicht, wohin. Wie läuft man vor etwas weg, das in einem steckt?«

Kahlan strich ihm über das Bein. »Richard, ich weiß, es fällt dir schwer, aber hör mir trotzdem bitte zu. Magie ist nicht schlecht.« Er machte keinen Einwand, daher fuhr sie fort. »Manchmal ist es schlecht, wie Leute sie benutzen. Darken Rahl zum Beispiel. Ich habe mein ganzes Leben über magische Kräfte verfügt. Ich mußte lernen, damit zu leben. Haßt du mich, weil ich magische Kräfte besitze?«

»Natürlich nicht.«

»Liebst du mich trotz meiner magischen Fähigkeiten?«

Er dachte einen Augenblick lang nach. »Nein. Ich liebe alles an dir, und deine Magie ist ein Teil von dir. Auf diese Weise habe ich auch die Magie des Konfessors umgehen können. Hätte ich dich nur trotz deiner Fähigkeiten geliebt, hätte ich dich nicht so nehmen können, wie du bist. Deine Magie hätte mich vernichtet.«

»Siehst du? Magie ist nicht nur schlecht. Die zwei Menschen auf der Welt, die du am meisten liebst, besitzen magische Kräfte: Zedd und ich. Bitte, hör zu. Du besitzt die Gabe. Man bezeichnet es als Gabe und nicht als Fluch. Das ist etwas Wunderbares, Seltenes. Du könntest sie dazu benutzen, anderen zu helfen. Du hast sie bereits benutzt, um anderen zu helfen. Vielleicht solltest du versuchen, es auf diese Weise zu betrachten, statt ständig gegen etwas anzukämpfen, gegen das man nicht ankämpfen kann.«

Er starrte lange ins Feuer, während sie sein Hosenbein glattstrich. Sie konnte ihn kaum verstehen, als er endlich sprach.

»Ich werde nie wieder einen Halsring anlegen.«

Kahlans Blick fiel auf den Strafer. Der rote Lederstab hing an einer dünnen Goldkette um seinen Hals und pendelte sachte mit dem Auf und Ab seiner Brust hin und her. Sie wußte, daß der Strafer benutzt wurde, um Menschen zu foltern, aber sie wußte nicht, wie. Sie wußte nur, daß ihr nicht gefiel, daß er ihn trug.

Kahlan schluckte. »Hat dich die Mord-Sith gezwungen, einen Ring anzulegen?«

Er starrte ungerührt ins Feuer. »Ihr Name war Denna.«

Sie sah ihn an, doch er reagierte nicht. »Hat sie … hat Denna dich gezwungen, einen Halsring anzulegen?«

»Ja.« Eine Träne rann über seine Wange. »Sie hat ihn dazu benutzt, mir weh zu tun. Eine Kette war daran befestigt. Sie hat die Kette an ihrem Gürtel eingehakt und mich mit diesem Halsring wie ein Tier herumgeführt. Sobald sie die Kette an irgendeinem Ruheplatz befestigt hatte, konnte ich sie nicht mehr bewegen. Sie kontrollierte die Magie, die mir Schmerzen bereitet, wenn ich das Schwert zum Töten benutze. Sie konnte diese Magie verstärken und damit den Schmerz. Ich konnte die Kette nicht einmal mehr unter Spannung setzen. Ich habe es versucht. Mich angestrengt. Du kannst dir nicht vorstellen, wie weh das getan hat. Denna hat mich gezwungen, mir den Ring selbst umzulegen. Sie hat mich zu einer Menge Dinge gezwungen.«

»Aber die Kopfschmerzen werden dich töten. Die Schwestern meinten, der Halsring werde die Kopfschmerzen stoppen und dir helfen, die Gabe zu beherrschen.«

»Sie haben gesagt, dies sei einer der Gründe. Sie haben auch erwähnt, daß es noch zwei weitere Gründe für den Halsring gibt. Ich kenne diese anderen Gründe nicht. Ich weiß, Kahlan, du denkst, ich sei töricht. Das glaube ich sogar langsam selbst. Mein Kopf sagt mir dieselben Dinge, die du mir sagst. Doch mein Innerstes meint etwas völlig anderes.«

Kahlan griff nach dem Strafer und rollte ihn zwischen den Fingern hin und her. »Deswegen? Weil Denna dir das angetan hat?« Er nickte, den Blick immer noch ins Feuer gerichtet. »Richard, was bewirkt dieses Ding?«

Endlich sah Richard sie an. Er packte den Strafer mit der Faust. »Berühre meine Hand. Nicht den Strafer, nur meine Hand.«

Kahlan streckte die Hand aus und berührte seine Faust mit den Fingern.

Sie zuckte mit einem schmerzhaften Aufschrei zurück. Sie schüttelte die Hand, um die Schmerzen zu vertreiben. »Warum hat es nicht schon vorher weh getan, wenn ich ihn berührt habe?«

»Weil er nie dazu benutzt wurde, dich auszubilden.«

»Und warum tut es dir nicht weh, wenn du ihn festhältst?«

Richard hielt den Lederstab noch immer umklammert. »Aber das tut es doch. Es tut immer weh, wenn ich ihn festhalte.«

Kahlan riß die Augen auf. »Heißt das, es tut dir jetzt in diesem Augenblick genauso weh wie mir, als ich deine Hand berührt habe?«

Man sah ihm die Kopfschmerzen an den Augen an. »Nein. Meine Hand hat dich davor abgeschirmt, wie es sich wirklich anfühlt.«

Sie streckte die Hand aus. »Ich will es wissen.«

Er senkte den Strafer. »Nein. Ich will nicht, daß er dir so weh tut. Ich möchte nicht, daß irgend etwas dir jemals solche Schmerzen zufügt.«

»Bitte, Richard. Ich will es wissen. Ich will es verstehen.«

Richard blickte ihr in die Augen und stieß einen Seufzer aus. »Gibt es irgendeinen Wunsch, den ich dir nicht erfüllen würde?« Er umfaßte den Strafer wieder mit der Faust. »Nicht zu fest, sonst kannst du ihn vielleicht nicht schnell genug loslassen. Berühre ihn nur. Halt den Atem an und beiß die Zähne aufeinander, damit du dir nicht die Zunge abbeißt. Spann die Bauchmuskeln an.«

Kahlans Herz klopfte, als sie die Hand nach dem Strafer ausstreckte. Eigentlich wollte sie die Schmerzen nicht spüren — es hatte weh genug getan, nur seine Hand zu berühren –, trotzdem wollte sie es wissen, denn es war Teil dessen, was er jetzt war. Sie wollte alles über ihn wissen. Auch das, was schmerzhaft war.

Es war, als hätte sie einen Blitz berührt.

Der Schmerz schoß ihren Arm hinauf, explodierte in ihrer Schulter. Sie schrie auf, als der Schock sie auf den Rücken warf. Sie wälzte sich aufs Gesicht und packte ihre Schulter mit der anderen Hand. Ihren Arm konnte sie nicht bewegen. Ihre Hand kribbelte und zitterte. Die nackte Wucht des Schmerzes hatte ihr einen Schock versetzt, ihr angst gemacht. Sie weinte in den Staub, während Richard ihr mitfühlend die Hand auf den Rücken legte. Sie weinte auch deswegen, weil sie jetzt begriff, ein wenig zumindest, was man ihm angetan hatte.