Als sie schließlich wieder in der Lage war, sich aufzusetzen, sah er sie noch immer an, den Strafer noch immer in der Hand. »So tut es dir weh, wenn du ihn hältst?«
»Ja.«
Sie schlug ihm mit der Faust gegen die Schulter. »Laß ihn los!« schrie sie. »Hör auf!«
Er ließ den Strafer los und ließ ihn wieder baumeln. »Manchmal, wenn ich ihn berühre, hilft es mir, mich von meinen Kopfschmerzen abzulenken. Ob du es glaubst oder nicht, es hilft.«
»Soll das heißen, die Kopfschmerzen sind noch schlimmer als das?«
Er nickte. »Ohne das, was Denna mir über Schmerzen beigebracht hat, wäre ich jetzt bewußtlos. Denna hat mir beigebracht, wie man die Schmerzen beherrscht, wie man sie erduldet — nur, damit sie mir noch größere bereiten konnte.«
Sie versuchte, die Tränen zu unterdrücken. »Richard, ich…«
»Was du gerade gespürt hast, war der schwächste Schmerz.« Er nahm ihn wieder in die Hand und berührte die Innenseite seines anderen Unterarms. Unter dem Strafer quoll Blut hervor. Er setzte ihn ab. »Er kann dir glatt das Fleisch abziehen. Dir die Knochen brechen. Denna hat mir immer wieder die Rippen damit gebrochen. Sie hat ihn mir in den Leib gebohrt, und ich habe gehört, wie meine Knochen brechen. Sie sind immer noch nicht ganz verheilt. Es tut noch immer weh, wenn ich mich lege oder wenn du mich fest genug an dich drückst. Und das ist noch längst nicht alles. Man kann mit ihm durch bloße Berührung töten.«
Er starrte ins Feuer. »Denna hat mich an den Handgelenken gefesselt, mir dann später die Arme auf den Rücken gebunden und mich mit einem Seil unter die Decke gehängt. Sie hat mich stundenlang mit dem Strafer bearbeitet. Ich habe sie angefleht aufzuhören, bis ich die Stimme verloren hatte. Sie hat es nie getan. Nicht ein einziges Mal. Ich hatte keine Möglichkeit, mich zu wehren, war ihr hilflos ausgeliefert. Sie hat mich ausgebildet, mir Dinge beigebracht, bis ich manchmal glaubte, weder Blut noch Atem zu haben. Ich habe sie gebeten, mich zu töten, um den Schmerzen ein Ende zu machen. Ich hätte es selbst getan, aber sie hat mich mit Magie daran gehindert. Ich mußte vor ihr niederknien und sie anflehen, mich mit dem Strafer zu bearbeiten. Ich hätte alles getan, was sie wollte. Sie hatte eine Freundin, die manchmal kam, damit sie den … Spaß … teilen konnte.«
Kahlan saß erstarrt da, ihr stockte der Atem. »Richard, ich…«
»Jeden Tag führte sie mich am Halsring zu einem Ort, wo sie mich an einem Seil aufhängen konnte. Es war ein Raum, wo sie mich mit dem Strafer bearbeiten konnte, ohne abgelenkt zu werden, wo es nicht so sehr störte, wenn mein Blut überall hinspritzte. Manchmal tat sie es von früh morgens bis spät in die Nacht. Und dann, des Nachts…
Das ist es, was das Tragen eines Halsrings für mich bedeutet. Du kannst mir noch so lange erklären, wieviel Sinn es macht, daß es mir helfen wird und ich keine Wahl habe — das ist es, was das Tragen eines Halsrings für mich bedeutet. Ich weiß ganz genau, wie sich deine Schulter jetzt anfühlt. Sie fühlt sich an, als wäre die Haut verbrannt, der Muskel zerrissen, der Knochen gesplittert. So fühlt es sich an, den Halsring einer Mord-Sith zu tragen. Nur gleichzeitig überall an deinem Körper, den ganzen Tag lang. Und dann stell dir noch vor, du bist dem hilflos ausgeliefert, du wirst niemals entkommen können, und du kannst den einzigen Menschen, den du jemals lieben wirst, nie wiedersehen. Lieber sterbe ich, als jemals wieder einen Ring um meinen Hals zu legen.«
Kahlan rieb sich die Schulter. Das Gefühl war genau so, wie er es beschrieben hatte. Sie wußte nicht, was sie sagen sollte. Sie hatte zu große Schmerzen, um etwas zu erwidern. Also saß sie einfach da und beobachtete ihn, wie er ins Feuer blickte, während ihr die Tränen über die Wangen liefen. Sie sehnte sich nach ihm.
Und dann hörte sie sich eine Frage stellen, die sie sich geschworen hatte, niemals zu stellen. »Denna hat dich zu ihrem Gefährten gemacht, hab’ ich recht?« Am liebsten hätte sie die Worte zurückgenommen und gleichzeitig auch wieder nicht.
Richard zeigte keine Regung. »Ja«, sagte er leise, während er ins Feuer starrte. Eine weitere Träne lief ihm über die Wange. »Woher hast du das gewußt?«
»Demmin Nass hatte zwei Quadrone mitgebracht, um mich zu überwältigen. Er hatte ein magisches Netz von Darken Rahl, das ihn vor Zedds Magie beschützen sollte. Vor meiner auch. Zedd konnte nichts tun, er war unter einem Netz erstarrt. Demmin Nass hat mir erzählt, was mit dir geschehen war. Er sagte, du wärst tot. Dann habe ich den Con Dar ausgelöst und ihn getötet.«
Richard schloß die Augen, als die nächste Träne herunterrann. »Ich hatte keine Möglichkeit, sie daran zu hindern. Ich schwöre es, Kahlan … ich habe es versucht. Du kannst dir nicht vorstellen, was Denna mir für den Versuch, sie daran zu hindern, angetan hat. Ich hatte keine Möglichkeit, mich zu wehren. Sie konnte tun, was immer sie wollte. Es genügte ihr nicht, mir nur tagsüber Schmerzen zuzufügen. Sie wollte mir auch nachts weh tun.«
»Wie kann jemand nur so böse sein?«
Richard starrte den Strafer an, während er ihn langsam wieder mit der Faust umklammerte. »Als sie zwölf war, wurde sie gefangengenommen. Man hat sie mit diesem Strafer ausgebildet. Genau mit diesem hier. Alles, was sie mir antat, hatte man ihr bereits angetan. Immer und immer wieder. Über Jahre hinweg. Man hat ihre Eltern vor ihren Augen zu Tode gefoltert. Es gab niemanden, der ihr half. Sie wuchs mit diesem Strafer zu einer Frau heran, umgeben ausschließlich von Menschen, die sie quälen wollten. Es gab nicht einen, der auch nur ein einziges hoffnungsvolles, tröstliches, liebevolles Wort für sie übrig gehabt hätte.
Kannst du dir ihr Entsetzen vorstellen? Man hat ihr ein Leben aus niemals endenden Qualen bereitet. Man hat sie an Körper und Geist vergewaltigt. Man hat sie gebrochen. Sie zu einer der Ihren gemacht. Darken Rahl persönlich hat sie zu einer der Ihren gemacht. Die ganze Zeit über hatte sie Schmerzen, wenn sie mich mit dem Strafer bearbeitete. Die gleichen Schmerzen, die ich spüre, wenn ich ihn jetzt in der Hand halte. Auch das ist Magie. Eines Tages schlug Darken Rahl sie stundenlang, weil er der Ansicht war, sie quäle mich nicht genügend. Er hat ihr die Haut vom Rücken gepeitscht.«
Richard ließ den Kopf hängen und weinte. »Und dann, als all das vorüber war, nach einem Leben voller Qualen und Irrsinn, kam ich, brachte das Schwert der Wahrheit zur Weißglut und bohrte es durch ihren Körper. Sie hatte nur noch einen Wunsch, bevor ich sie tötete: ich sollte ihren Strafer tragen und immer an sie denken. Ich war der einzige, der begriff, was sie erlitten hatte. Das war ihr einziger Wunsch: daß jemand sie verstand und an sie dachte.
Ich versprach es ihr, und sie hängte ihn mir um den Hals. Und dann saß sie einfach da, während ich ihr mein Schwert ins Herz stieß. Sie hatte gehofft, daß ich die Kraft hätte, sie zu töten. Stünde es in meiner Macht, ich würde Darken Rahl wieder zum Leben erwecken, um ihn ein zweites Mal töten zu können.«
Kahlan saß da wie betäubt, reglos, gefangen in einem Strudel widersprechender Gefühle. Sie haßte diese Denna dafür, daß sie Richard weh getan hatte, sie war seltsam eifersüchtig auf sie, und gleichzeitig tat sie ihr auf unerwartet quälende Weise leid. Schließlich wandte sie sich ab und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht.
»Richard, wieso haben sie nicht gesiegt? Warum hat Denna dich nicht brechen können? Wie bist du bei Verstand geblieben?«
»Weil ich, wie die Schwestern sagten, meinen Verstand abgeteilt habe. Ich weiß nicht, wie ich es erklären soll. Ich weiß nicht einmal genau, was ich getan habe, aber dadurch habe ich mich gerettet. Ich habe den Kern meines Selbst weggeschlossen und alles übrige geopfert. Ich habe sie einfach tun lassen, was sie wollte. Darken Rahl meinte, deswegen besäße ich die Gabe. Damals habe ich den Ausdruck zum ersten Mal gehört — abteilen.«
Richard sank zurück und legte den Arm vor die Augen. Kahlan holte eine Decke und stopfte sie ihm zusammengerollt unter den Kopf. »Es tut mir leid, Richard«, hauchte sie.