»Es ist vorbei. Das allein zählt.« Er nahm den Arm von den Augen und lächelte sie endlich an. »Es ist vorbei, und wir sind zusammen. In mancherlei Hinsicht war es gut so. Hätte sie es mir nicht beigebracht, ich wäre nicht imstande, die Kopfschmerzen zu ertragen. Vielleicht hat Denna mir geholfen. Vielleicht kann ich das, was ich weiß, dazu benutzen, um aus dieser Sache rauszukommen.«
Sie fuhr vor Mitgefühl zusammen. »Sind sie im Augenblick sehr schlimm?«
Er nickte langsam. »Aber eher sterbe ich, als daß ich mir noch einmal einen Ring um meinen Hals lege.«
Jetzt verstand sie, auch wenn sie lieber nicht verstanden hätte. Sie legte sich hin und schmiegte sich an ihn. Das Feuer verschwamm zu einem undeutlichen Flackern.
11
Als die beiden am nächsten Tag allein hinaus auf die Ebene wanderten, hatte der Himmel eine kalte, graue Farbe angenommen, und der Wind war eisig. Richard wollte fort von den Menschen, fort von den Häusern. Er wolle den Himmel und die Erde sehen, hatte er gesagt. Die steifen Böen neigten das Gras, zerrten an ihren Gewändern und ließen sie flattern, während sie schweigend weitergingen. Richard wollte mit seinem Bogen schießen, damit seine Kopfschmerzen eine Weile aufhörten. Kahlan wollte einfach nur bei ihm sein.
Es kam ihr vor, als wollte ihnen die Ewigkeit, die ihnen noch vor ein paar Tagen zu gehören schien, zwischen den Fingern zerrinnen. Sie wollte sich dagegen wehren, wußte aber nicht, wie. Alles, was richtig schien, lief plötzlich verkehrt.
Sie glaubte nicht, daß Richard den Rada’Han, den Halsring, anlegen würde, was immer die Schwestern auch sagen mochten. Vielleicht wäre er bereit zu lernen, wie man die Gabe nutzte, aber daß er einen Ring anlegen würde, glaubte sie nicht. Und wenn nicht, dann würde er sterben. Nach dem, was er ihr erzählt hatte — und schlimmer, nach dem, was er ihr, wie sie wußte, verschwiegen hatte –, wie konnte sie da erwarten, daß er ihn trug? Oder ihn gar darum bitten?
Doch es tat gut, aus dem Dorf herauszukommen, fort von den Menschen, und nicht Chandalens Blicken ausgesetzt zu sein, die ihnen überallhin folgten. Wie konnte sie ihm einen Vorwurf machen? Es sah tatsächlich ganz so aus, als würden die beiden stets nur Ärger bringen. Was sie jedoch aufregte, war, daß Chandalen so tat, als machten sie es absichtlich. Sie war die Streitereien leid. Sie schienen kein Ende zu nehmen. Nun, beschloß sie, wenigstens heute wollten sie den Ärger hinter sich lassen und einfach ihre Zweisamkeit genießen.
Kahlan hatte ihm erzählt, daß sie früher auch mit dem Bogen geschossen hatte. Seinen konnte sie nicht spannen, weil er zu kräftig war, daher hatte Richard sie ermutigt, sich einen auszuleihen und mitzunehmen, damit er ihr zeigen konnte, wie man seine Treffsicherheit verbesserte. Sie fanden die Zielscheiben aus gebündeltem Gras, die die Männer aufgestellt hatten. Hoch aufragend wie eine Gruppe Vogelscheuchen, schienen sie über die weite flache Steppe zu wachen. Ein paar von ihnen hatten sogar Grasbüschel als Köpfe. Jede hatte als Zielpunkt ein Kreuz aus Gras, auch die, die einen Kopf besaßen. Richard war der Ansicht, die Kreuze seien zu dick, also entfernte er sie und ersetzte sie durch einfache Grashalme.
Sie standen ein gutes Stück entfernt — tatsächlich so weit entfernt, daß sie die Grasbüschel kaum erkennen konnten, ganz zu schweigen von den Kreuzen. Richard schnallte einen einfachen Armschutz um, den Savidlin ihm zusammen mit dem Bogen angefertigt hatte, und schoß Pfeile, bis seine Kopfschmerzen verschwunden waren.
Richard bot ein Bild der Ruhe, der Geschmeidigkeit. Er war eins mit dem Bogen. Lächelnd registrierte sie, wie gut er aussah und daß er ihr gehörte. Ihr tat das Herz vor Freude weh, als sie seine grauen Augen, vom Kopfschmerz befreit, funkeln sah. Sie gingen ein Stück näher ran, damit sie schießen konnte.
»Willst du nicht nachsehen, wo deine Pfeile getroffen haben?«
Er mußte grinsen. »Ich weiß, wo sie getroffen haben. Schieß du jetzt.«
Sie schoß ein paar Pfeile, um das Gefühl für den Bogen wiederzuerlangen. Er stellte das eine Ende seines Bogens auf die Erde, stützte sich mit beiden Händen auf das andere Ende und beobachtete sie. Sie war noch ein Mädchen gewesen, als sie das letzte Mal einen Bogen benutzt hatte. Richard sah ihr noch ein paarmal zu, dann ging er zu ihr und stellte sich hinter sie. Seine Arme umfaßten ihren Körper, er rückte ihre Hand am Bogen zurecht und legte seine Finger auf die Sehne.
»Hier. Mach es so. Wenn du den Pfeil so zwischen Daumen und dem Knöchel deines Zeigefingers hältst, kannst du unmöglich die nötige Kraft und Ruhe entwickeln. Halte die Sehne mit deinen drei ersten Fingern fest, so, den Pfeil zwischen Zeige- und Mittelfinger. Und zieh auch mit der Schulter. Am Pfeil selbst brauchst du nicht zu ziehen, konzentriere dich einfach auf das Spannen der Sehne. Dann macht der Pfeil alles wie von selbst. Siehst du? Das ist doch schon besser.«
Sie mußte grinsen. »Ja, weil du die Arme um mich geschlungen hast.«
»Konzentriere dich auf das, was du tust«, schalt er sie.
Kahlan zielte und schoß. Er meinte, das sei schon besser und sie solle es noch mal versuchen. Sie schoß noch ein paar Pfeile ab und glaubte, vielleicht sogar einmal das Grasbündel getroffen zu haben. Sie spannte die Sehne erneut und versuchte, den Bogen ruhig zu halten. Plötzlich kitzelte er sie am Bauch. Sie knickte quiekend ein und mußte lachen. »Laß das! Richard! Ich kann nicht schießen, wenn du das tust!«
Er stemmte die Fäuste in die Hüften. »Das mußt du aber können.«
Sie sah ihn fragend an und rang nach Luft. »Wie meinst du das?«
»Du mußt nicht nur dein Ziel treffen können, sondern du mußt auch schießen können, egal, was geschieht. Wenn du nicht schießen kannst, während du lachst, wie willst du dann schießen, wenn du Angst hast? Nur du und das Ziel, etwas anderes gibt es nicht. Nichts anderes zählt. Du mußt alles andere ausblenden können. Wenn dich ein Wildschwein angreift, kannst du auch nicht über deine Angst nachdenken oder darüber, was geschieht, wenn du danebentriffst. Du mußt schießen, auch unter Druck. Oder du brauchst einen Baum in der Nähe, auf den du klettern kannst.«
»Richard, du kannst das, weil du die Gabe besitzt. Ich kann das nicht.«
»Unsinn. Die Gabe hat damit nichts zu tun. Es ist einfach nur Konzentration. Hier, ich sage dir, was du tun mußt. Leg einen Pfeil auf.«
Er hatte sich wieder hinter sie gestellt, strich ihr das Haar aus dem Nakken, beugte sich dicht an sie heran, sah ihr über die Schulter und flüsterte etwas in ihr Ohr, als sie die Sehne spannte. Er sagte ihr, was sie empfinden sollte, wie sie atmen und wohin sie blicken und was sie dabei sehen sollte. Er sprach auf eine Weise, daß die Worte zu nichts dahinschmolzen und statt dessen Bilder in ihrem Kopf erzeugten. Nur drei Dinge existierten noch: der Bogen, das Ziel und seine Worte. Sie befand sich in einer Welt der Stille.
Als alles um sie herum verschwand, schien die Zielscheibe in ihrem Blickfeld größer zu werden und den Pfeil anzuziehen. Es waren seine Worte, die ihr dieses Gefühl gaben und sie Dinge tun ließen, die sie nicht verstand. Sie entspannte sich und atmete aus, hielt still, ohne noch einmal Luft zu schöpfen. Sie spürte es, spürte das Ziel. Sie wußte, wann der Zeitpunkt gekommen, wann es soweit war.
Leicht wie ein Atemhauch flog der Pfeil davon — wie von selbst, als hätte er von sich aus beschlossen loszufliegen. In der Stille sah sie, wie die Federn den Bogen streiften, die Sehne auf den Armschutz prallte, sie sah, wie das Ziel den Pfeil anzog, und hörte, wie er im Kreuz einschlug. Dann spürte sie, wie der Atem ihre Lungen wieder füllte.
Es war fast wie das Freisetzen ihrer Konfessorkraft. Es war Magie, Richards Magie. Seine Worte waren magisch. Es war, als hätte man eine neue Einsicht gewonnen.
Sie schien aus einem Traum zurückzukommen. Die Welt kam zurück. Fast wäre Kahlan gegen ihn getaumelt.