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Sie drehte sich um und schlang ihm die Arme um den Hals, den Bogen immer noch in einer Hand. »Richard, das war wunderbar. Die Zielscheibe ist auf mich zugekommen!«

»Siehst du? Ich hab’ dir doch gesagt, du kannst es!«

Sie gab ihm einen Kuß auf die Nase. »Das war nicht ich, das warst du. Ich habe nur an deiner Stelle den Bogen gehalten.«

Er lächelte. »Nein. Das warst du. Ich habe deinem Geist nur gezeigt, wie man es macht. Das ist es, was das Lehren ausmacht. Ich habe es dir einfach beigebracht. Mach es noch mal.«

Kahlan hatte ihr ganzes Leben in der Nähe von Zauberern verbracht. Sie wußte, wie Zauberer Dinge taten. Und genau so hatte Richard es auch gemacht. Er redete mit ihr, wie Zauberer mit ihr redeten. Es war die Gabe, die aus ihm sprach, das wußte sie, auch wenn er es nicht zugeben wollte.

Je mehr Pfeile sie schoß, desto weniger sagte er. Ohne seine Anleitung war es schwieriger, das Gespür zu bekommen, doch gelegentlich gelang es ihr. Sie wußte, wann sie es allein schaffte, ohne ihn. Es schien so zu sein, wie er sagte: eine gewaltige Konzentration.

Als sie nach und nach lernte, wie man die Welt beim Zielen ausblendete, ging er dazu über, sie abzulenken. Anfangs strich er ihr über den Bauch. Das brachte sie zum Lächeln, bis er ihr sagte, sie solle aufhören, über das nachzudenken, was er tat, und nur noch an das denken, was sie tun mußte. Ein paar Stunden später konnte sie bereits schießen, während er sie kitzelte. Manchmal jedenfalls. Es war ein aufregendes Gefühl zu spüren, wo der Pfeil hingehörte. Sehr oft schaffte sie es nicht, aber wenn es gelang, war es wunderbar. Es machte süchtig.

»Es ist Magie«, meinte sie zu ihm. »Was du tust, ist Magie.«

»Nein, ist es nicht. Jeder kann das. Chandalens Männer machen es beim Schießen genauso. Jeder, der gut wird, tut es. Es ist dein Verstand, der es tut. Ich habe dir nur geholfen, indem ich es dir gezeigt habe. Hättest du lange genug geübt, du hättest es längst von allein gelernt. Nur weil man nicht weiß, wie etwas funktioniert, heißt das noch lange nicht, daß es sich um Magie handelt.«

Sie sah ihn von der Seite an. »Da bin ich nicht so sicher. Schieß du. Ich werde dich dabei kitzeln.«

»Erst nachdem wir etwas gegessen haben. Und du noch etwas geübt hast.«

Sie trampelten eine kreisförmige Fläche Gras flach, wie ein Nest, legten sich auf den Rücken und beobachteten, wie die Vögel am Himmel ihre Runden zogen. Dabei aßen sie Tavabrot, in das Gemüse gewickelt war, Kuru und tranken Wasser aus einem Schlauch. Das Gras ringsum bot ein wenig Schutz, so daß der Wind nicht ganz so eisig wehte. Kahlan legte den Kopf auf seine Schulter, während sie schweigend den Himmel betrachteten. Sie wußte, daß sie beide darüber nachdachten, was sie tun sollten.

»Vielleicht«, meinte Richard schließlich, »kann ich meinen Verstand noch einmal abteilen, um die Kopfschmerzen unter Kontrolle zu halten. Darken Rahl meinte, genau das hätte ich getan.«

»Du hast mit ihm gesprochen? Du hast mit Darken Rahl gesprochen?«

»Ja. Genaugenommen war es hauptsächlich er, der geredet hat. Ich habe größtenteils zugehört. Er hat mir allerhand erzählt. Ich kann unmöglich alles glauben. Er meinte, George Cypher sei nicht mein richtiger Vater. Er meinte, ich hätte meinen Verstand abgeteilt und besäße die Gabe. Er erklärte mir, man hätte mich betrogen. Shota hatte gesagt, du und Zedd, ihr würdet eure Magie gegen mich benutzen — deswegen dachte ich, einer von euch hätte uns verraten. An meinen Bruder habe ich nie gedacht. Angenommen, ich finde heraus, wie ich meinen Verstand noch einmal abteilen kann, vielleicht lassen sich die Kopfschmerzen dann soweit kontrollieren, daß sie mich nicht umbringen. Vielleicht ist es das, was die Schwestern mich lehren wollen. Ich habe es schon einmal gekonnt, wenn ich es also noch einmal schaffen würde, könnte ich mich vielleicht retten, ohne…«

Er legte den Arm über die Augen, wollte den Gedanken nicht laut zu Ende führen. »Kahlan, vielleicht besitze ich die Gabe gar nicht. Es könnte sich doch einfach um das Erste Gesetz der Magie handeln.«

»Wie meinst du das?«

»Zedd hat mir erzählt, daß vieles, was die Menschen glauben, falsch ist. Das Erste Gesetz kann dich dazu bringen, etwas für wahr zu halten, entweder, weil du willst, es sei wahr, oder weil du Angst hast, es könnte wahr sein. Ich habe Angst, die Gabe zu besitzen, und aufgrund dieser Angst akzeptiere ich die Möglichkeit, daß das, was die Schwestern sagen, wahr ist. Könnte doch sein, daß es noch andere Gründe gibt, weshalb die Schwestern mich in dem Glauben lassen möchten, ich besäße die Gabe, obwohl es gar nicht stimmt. Vielleicht besitze ich sie gar nicht.«

»Richard, glaubst du wirklich, du kannst all die anderen Dinge abtun, die geschehen sind? Zedd hat gesagt, du hättest die Gabe, Darken Rahl hat es gesagt, die Schwestern auch. Selbst Scarlet hat es gesagt.«

»Scarlet weiß nicht, wovon sie spricht, den Schwestern traue ich nicht. Und meinst du etwa, ich glaube alles, was Darken Rahl mir sagt?«

»Und was ist mit Zedd? Glaubst du, daß Zedd lügt? Oder nicht weiß, was er sagt? Mir hast du erzählt, er sei der klügste Mann, den du kennst. Außerdem ist er Zauberer der Ersten Ordnung. Glaubst du wirklich, ein Zauberer der Ersten Ordnung erkennt die Gabe nicht, wenn er sie sieht?«

»Vielleicht hat Zedd sich geirrt. Nur weil er klug ist, heißt das nicht, daß er alles weiß.«

Kahlan dachte eine Weile über seinen Unwillen, die Gabe zu akzeptieren, nach. Um seinetwillen hätte sie sich gewünscht, es könnte so sein, wie er es wollte, aber leider kannte sie die Wahrheit.

»Richard, als ich dich im Palast des Volkes mit meiner Kraft berührte und wir alle dachten, sie hätte dich überwältigt — schließlich wußten wir nicht, daß du einen Weg gefunden hattest, dich nicht von der Magie aufzehren zu lassen –, da hast du für Darken Rahl das Buch der Gezählten Schatten zitiert, nicht wahr?« Er nickte. »Ich konnte nicht glauben, daß du das tust. Woher kanntest du es? Wo hast du das Buch auswendig gelernt?«

Richard seufzte. »Als ich klein war, brachte mich mein Vater an den Ort, wo er es versteckt hielt. Er erklärte mir, gierige Hände hätten ein Untier dort hinbeordert, um über das Buch zu wachen, bis der Betreffende es holen könne. Also hätte er es gerettet. Jetzt weiß ich, daß es die Hände Darken Rahls waren, doch damals wußten wir das nicht. Mein Vater meinte, er müsse es mitnehmen, weil es sonst in diese Hände fiele.

Er hatte Angst, diese Person könnte es schließlich doch finden, daher mußte ich es auswendig lernen. Das gesamte Buch. Er meinte, ich müsse jedes Wort kennen, damit ich eines Tages dem Bewahrer des Buches das Wissen zurückgeben könne. Er wußte nicht, daß Zedd der Bewahrer des Buches war. Ich brauchte Jahre, um mir jedes Wort des Buches einzuprägen. Er hat nie einen Blick hineingeworfen und meinte, das stünde nur mir zu. Nachdem ich alles perfekt gelernt hatte, haben wir das Buch verbrannt. Diesen Tag werde ich nie vergessen. Beim Verbrennen entstanden seltsames Licht und Geräusche und fremdartige Gestalten.«

»Magie«, sagte sie leise.

Er nickte und legte den Arm wieder über seine Augen. »Mein Vater starb bei dem Versuch, das Buch vor Darken Rahl zu retten. Er war ein Held. Durch seine Taten hat er uns alle gerettet.«

Kahlan überlegte, wie sie ihre Gedanken, ihr Wissen in Worte kleiden sollte. »Zedd meinte, das Buch der Gezählten Schatten werde in seiner Burg aufbewahrt. Wie hat dein Vater es bekommen?«

»Das hat er mir nie erzählt.«

»Richard, ich bin in Aydindril geboren und aufgewachsen. Ich habe einen großen Teil meines Lebens in der Burg der Zauberer verbracht. Es ist eine gewaltige Festung. In längst vergangenen Zeiten haben dort Hunderte von Zauberern gelebt. Als ich aufwuchs, waren es nur noch die besagten sechs, und keiner von ihnen war ein Zauberer der Ersten Ordnung. Die Burg der Zauberer ist kein Ort, den man einfach so betreten kann. Ich konnte es, weil ich Konfessor bin und aus den dort aufbewahrten Büchern lernen mußte. Alle Konfessoren hatten Zutritt zur Burg. Man hat die Festung jedoch mit Hilfe von Magie davor geschützt, daß andere sie betreten konnten.«