Sie sah, wie sich ein Stück entfernt das Gras bewegte, und es war nicht der Wind, der es neigte.
12
Ein fleckig-grauer Kopf kam durch das hohe Gras auf sie zugesprungen. Was immer es war, sehr groß war es nicht. Kahlan fragte sich, ob es vielleicht ein weiterer Screeling sein konnte. Der Gedanke ließ sie die Bogensehne spannen, bis die Pfeilspitze ihren Griff am Bogen und die Sehne ihre Wange berührte. Verzweifelt überlegte sie, ob sie den Schuß würde abfeuern können, wenn er sie tatsächlich angriff. Wenn auch ein Pfeil nach dem, was sie bislang gesehen hatte, gegen einen Screeling kaum etwas nützen würde. Aber vielleicht konnte sie ein weiteres Mal den Blitz herbeirufen.
Richard hielt sie mit seinem Arm zurück. »Warte.«
Eine gedrungene, haarlose Gestalt mit langen Armen und großen Füßen, bekleidet nur mit einer von Trägern gehaltenen Hose, brach vor ihnen durch das Gras. Blinzelnde gelbe Augen starrten auf die Pfeilspitze, die genau zwischen sie zielte.
Ein spitzzahniges Grinsen spaltete sein Gesicht. »Hübsche Lady«
Es war der Gefährte der Hexe Shota.
»Samuel«, fuhr Richard ihn knurrend an. »Was tust du hier?«
Das garstige Wesen stieß einen Zischlaut aus und grabschte nach dem Schwert. »Meins! Gib her!«
Richard schwang die Klinge drohend. Samuel schnitt einen Schmollmund und zog seinen Arm zurück. Richard legte die Schwertspitze in die grauen Hautfalten an Samuels Hals. »Ich habe dich gefragt, was du hier tust!«
Von unten kam ein haßerfüllter Blick. »Die Herrin will dich.«
»Geh allein zurück nach Hause. Wir gehen nicht in die Weite Agaden.«
Er betrachtete Richard mit einem seiner gelben Augen. »Herrin ist nicht in Agaden.« Er drehte sich um, stellte sich auf die Zehenspitzen, um über das Gras hinwegblicken zu können, und zeigte mit einem langen, plumpen Finger nach hinten auf die Stelle, wo das Dorf der Schlammenschen lag. »Herrin wartet dort auf dich. Wo diese Menschen alle zusammen leben.« Er warf Richard einen wütenden Blick zu. »Hat gesagt, wenn du nicht kommst, bringt sie sie um, und Samuel kann sich ein Süppchen aus ihnen kochen.« Sein Grinsen kehrte zurück.
Richard biß wütend die Zähne zusammen. »Wenn sie auch nur einem einzigen etwas…«
»Hat gesagt, sie tut ihnen nichts … wenn du zu ihr kommst.«
»Was will sie?«
»Dich.«
»Und was will sie von mir?«
»Hat Herrin Samuel nicht gesagt. Hat nur gesagt, ich soll dich holen.«
Kahlan hatte die Bogensehne halb entspannt. »Richard, Shota hat gesagt, sie bringt dich um, wenn sie dich noch einmal sieht.«
Er behielt Samuel im Blick, während er antwortete. »Nein. Sie hat gesagt, sie bringt mich um, wenn ich jemals in die Weite Agaden zurückkehre. Aber dort ist sie nicht.«
»Aber…«
»Wenn ich nicht gehe, bringt sie jemanden um, hat sie gesagt. Glaubst du ihr etwa nicht?«
»Doch … aber vielleicht tötet sie dich trotzdem.«
Er stöhnte, dann mußte er lächeln. »Töten, mich? Das glaube ich nicht. Sie mag mich. Ich habe ihr das Leben gerettet. Wenigstens mittelbar.«
Kahlan wurde wütend. Shota hatte schon einmal versucht, ihn zu verhexen, und das hatte ihr überhaupt nicht gefallen. Im Verein mit den Schwestern des Lichts war Shota so ungefähr der letzte Mensch, den Kahlan je wiedersehen wollte. »Mit gefällt das nicht.«
Richard warf ihr einen verstohlenen Blick zu. »Wenn du eine bessere Idee hast, sprich nur.«
Kahlan machte ihrem Ärger Luft. »Wir haben wohl keine andere Wahl. Aber sieh zu, daß sie ihre Finger von dir läßt.«
Richard sah sie verblüfft an, dann wandte er sich an den Gefährten der Hexe. »Geh du vor, Samuel, und vergiß nicht, wer das Schwert trägt. Und denke daran, was ich dir beim letzten Mal versprochen habe. Wenn du irgend etwas zu unserem Nachteil unternimmst, stecke ich dich vielleicht doch noch in den Topf.«
Samuel musterte die Klinge einen Augenblick, dann machte er ohne ein weiteres Wort kehrt, zog los und vergewisserte sich mit einem Blick über die Schulter, ob sie ihm auch folgten. Richard ließ das Schwert blank, schlang sich den Bogen über die Schulter und schob sich zwischen Kahlan und Samuel. Samuel sprang vor ihnen durch das Gras, drehte sich gelegentlich um und zischte sie an.
Kahlan folgte Richard dicht auf den Fersen. »Sie soll es nur nicht wagen, mir noch einmal Schlangen auf den Leib zu hetzen. Keine Schlangen!« sagte sie mit Nachdruck. »Das meine ich ernst!«
»Als hätten wir die Wahl«, murrte Richard.
Es war fast dunkel, als sie das Dorf erreichten. Sie kamen von Osten und sahen sofort, daß sich die gesamte Dorfbevölkerung dichtgedrängt am Südende des Gemeindeplatzes versammelt hatte, beschützt von bewaffneten Jägern, die Schulter an Schulter standen. Kahlan wußte, daß die Schlammenschen eine Todesangst vor der Hexe hatten. Sie wagten nicht einmal, ihren Namen auszusprechen.
Allerdings hatte jeder, der sie kannte, eine Todesangst vor der Hexe — Richard und Kahlan eingeschlossen. Shota hätte sie beim letzten Mal getötet, hätte Richard nicht einen von ihr gewährten Wunsch benutzt, um sie zu retten. Noch mehr Wünsche würde sie Richard allerdings sicher nicht gewähren.
Samuel führte sie durch die engen Gassen zum Haus der Seelen, als hätte er sein ganzes Leben hier verbracht. Er stieß ein gurgelndes Lachen aus, sprang voran und sah sich gelegentlich nach ihnen um. Mit blutleeren Lippen grinste er sie an, als wüßte er etwas, das sie nicht wußten. Als Richard ihn wegen seines zähnefletschenden Grinsens mit dem Schwert anstieß, fing er an zu knurren und zu zischeln, und seine gelben Augen leuchteten im schwächer werdenden Licht auf.
Samuel legte die langfingrige Hand auf den Riegel des Seelenhauses. »Die hübsche Lady wartet hier. Bei mir. Herrin will nur den Sucher sehen.«
»Richard, ich gehe mit rein«, meinte Kahlan entschieden.
Er sah sie von der Seite an, dann musterte er Samuel. »Mach die Tür auf.«
Samuel riß die Tür mit einem kräftigen Arm zurück und sah ihn aus seinen leuchtenden gelben Augen wütend an. Richard ließ das Schwert gezückt und gab Kahlan zu verstehen, daß sie mit hineinkommen solle. Die Tür schloß sich knarrend hinter ihnen; auf der anderen Seite blieb ein säuerlich dreinblickender Samuel zurück.
In der Mitte des Raumes stand ein hoher, eleganter Thron. Der Schein der Fackeln tanzte gleißend über die geschnitzten Blattgoldranken, -schlangen, -katzen und das andere Getier, mit dem jeder Zentimeter der stattlichen Konstruktion überzogen war. Darüber erhob sich ein mit schwerem, rotem Brokat behangener und mit goldenen Tressen geschmückter Baldachin. Der Thron selbst ruhte auf drei rechteckigen weißen Marmorplatten, die als Stufen dienten. Das Ganze war wuchtig und eindrucksvoll. Mit Quasten versehener roter Samt bedeckte den Sitz, den Rücken und die Oberseite der Armlehnen. Kahlan konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, wie er durch die Tür gepaßt haben konnte. Oder wie viele Männer notwendig gewesen waren, ihn zu schleppen.
Shota saß da wie eine Königin, die reglosen Mandelaugen auf Richard gerichtet. Sie hatte sich an den roten Samt gelehnt und ein Bein über das andere geschlagen, während ihre Arme auf den breiten, ausladenden Lehnen des Thrones ruhten und sie die Hände in einer Geste edlen Hochmuts über goldverzierte Fratzen drapiert hatte. Die Fratzen leckten ihr die Handgelenke, während sie mit dem langen, lackierten Nagel des Zeigefingers gegen ihren Daumennagel klickte. Das üppige kastanienbraune Haar fiel ihr bis auf die Schultern.
Shota richtete ihre alterslosen Augen auf Kahlan. Der lange, felsenstarre Blick schien die Mutter Konfessor zu lahmen, sie zu durchdringen. Eine rot-weiß-schwarz geringelte Schlange ließ sich herunterfallen und baumelte vom Baldachin herab. Zischend schnellte ihre Zunge Richtung Kahlan, dann ließ sie sich in Shotas Schoß fallen und rollte sich zusammen wie eine zufriedene Katze.
Es war eine Botschaft, daß sie nicht eingeladen sei, und eine Warnung vor allem, was geschehen würde, sollte irgend etwas Shotas Mißfallen erregen. Kahlan mußte schlucken und versuchte, sich nichts anmerken zu lassen. Nach einer Ewigkeit, wie es schien, und nachdem die Hexe sich offenbar überzeugt hatte, daß ihre Botschaft angekommen war, richtete sie ihre ungerührten Augen wieder auf Richard.