»Steck dein Schwert ein, Richard.« Shotas Stimme war wie Samt, der mit dem Strich gestrichen wurde. Kahlan fand es nicht fair, daß eine so schöne Frau obendrein mit einer Stimme gesegnet war, die Butter zum Schmelzen bringen konnte — oder das Herz eines Mannes.
»Dem Eindruck nach zu urteilen, den du bei unserem Abschied hinterlassen hast, muß ich befürchten, daß du mich töten willst.« Zudem klang ihre Stimme nervtötend sanft.
»Sollte ich beschließen, dich zu töten, mein lieber Junge, und das kann durchaus sein, wird dir dein Schwert nichts nützen.« Plötzlich heulte Richard kurz auf und ließ das Schwert wie ein glühendes Stück Kohle fallen. Er starrte auf das Schwert und rieb sich die Hand. »Und nun stecke es fort.« Diesmal glich ihre Stimme eher Samt, der gegen den Strich gestrichen wurde.
Richard sah mit gesenktem Kopf zu Shota auf ihrem Thron hoch, dann bückte er sich, hob sein Schwert auf und ließ es in die Scheide gleiten.
Auf Shotas vollen Lippen machte sich ein selbstzufriedenes Grinsen breit. Sie nahm die Schlange aus ihrem Schoß und legte sie zur Seite. Shota betrachtete Richard noch einen Augenblick, dann erhob sie sich und beugte sich dabei so weit vor, daß Kahlan meinte, die Brüste müßten ihr aus dem hauchdünnen, tief ausgeschnittenen und raffinierten grauen Kleid fallen. Wie sie es schafften, es nicht zu tun, war Kahlan ein Rätsel. Ein kleines verkorktes Fläschchen purzelte aus seinem sicheren Versteck zwischen den Brüsten der Hexe und baumelte an einer dünnen Silberkette.
Kahlan wurde heiß und kalt, als Shota voller Eleganz die drei Stufen hinabstieg, ohne ein einziges Mal den Blick von Richard abzuwenden. Die losen Spitzen ihres Kleides spielten sanft um ihre Beine, wie in einer leichten Brise. Dieser Stoff, beschloß Kahlan, war entschieden zu dünn für ein Kleid. Sie fragte sich, wie sie wohl darin aussehen würde, ein Gedanke, der sie erröten ließ.
Als sie auf dem Boden stand, drehte Shota sich um und zog den Korken aus der kleinen Flasche. Der gesamte Thron begann zu wabern, als betrachtete man ihn durch Hitzeschlieren. Plötzlich verwandelte er sich in grauen Rauch, wirbelte im Kreis herum, wurde dabei immer kleiner, bis er als feiner Strich in das Fläschchen hineingesogen wurde. Shota stöpselte den Korken wieder ein, steckte das Fläschchen wieder zwischen ihre Brüste und schob es mit einem Finger so tief nach unten, daß man es nicht mehr sehen konnte. Kahlan atmete tief und hörbar durch.
Shotas Blick wanderte von Richards Augen zu seinem offenen Hemd. Sie wirkte amüsiert oder vielleicht auch zufrieden. Richard bekam einen roten Kopf.
Shotas Lächeln wurde breiter. »Wirklich entzückend.« Mit einem ihrer roten, langen Fingernägel strich sie ihm von seiner Brust bis hin zum Nabel, dann tätschelte sie sacht seinen Bauch. »Knöpf dein Hemd zu, Richard, sonst vergesse ich vielleicht, aus welchem Grund ich hergekommen bin.«
Richard wurde noch röter, und Kahlan trat vorsichtshalber näher an ihn heran, während er die Knöpfe zumachte.
»Shota«, sagte Richard und steckte sich die Hemdzipfel in die Hose. »Ich muß mich bei dir bedanken. Du weißt es vielleicht nicht, aber du hast mir wirklich geholfen. Mir geholfen, etwas zu begreifen.«
»Es war meine Absicht, dir zu helfen.«
»Du verstehst nicht. Ich meine, du hast mir geholfen, zu begreifen, wie wir zusammenbleiben können. Wie ich sie lieben kann.« Er lächelte. »Wir werden heiraten.«
Einen Augenblick lang herrschte eisiges Schweigen.
»Es stimmt«, meinte Kahlan und hob selbstbewußt das Kinn, »wir lieben uns … und wir können jetzt zusammenbleiben … für immer.« Sie haßte Shota dafür, daß sie ihr immer das Gefühl gab, sich erklären zu müssen — und wie sie selbst dabei ins Stammeln geriet.
Shotas harter Blick erfaßte sie, und das Lächeln verdampfte. Kahlan mußte erneut schlucken. »Ihr ahnungslosen Kinder«, meinte Shota leise und schüttelte den Kopf. »Ihr törichten, dummen Kinder.«
Richards Gesichtsausdruck wurde hitziger. »Vielleicht sind wir ahnungslos, aber wir sind keine Kinder, und wir lieben uns. Und wir werden heiraten. Ich hatte gehofft, du würdest dich für uns freuen, Shota, da du auch einen kleinen Teil dazu beigetragen hast.«
»Was ich dir gesagt habe, Junge, war, daß du sie töten mußt.«
»Aber das ist doch alles vorbei«, protestierte Kahlan. »Das Problem ist gelöst. Für uns ist jetzt alles in Ordnung. Alles ist in Ordnung.«
Kahlan stockte der Atem, als sie spürte, wie sie den Boden unter den Füßen verlor. Sie und Richard wurden durch den Raum geschleudert und hoch oben an die Wand gedrückt. Der Aufprall preßte ihr den Atem aus den Lungen. Winzige Lichtpunkte schwebten und tanzten ihr vor Augen. Sie senkte den Blick und versuchte, etwas zu erkennen.
Man hatte sie und Richard gut einen Meter über dem Boden an die Mauer aus Lehmziegeln gedrückt. Sie bekam kaum Luft. Das einzige, was sie bewegen konnte, war ihr Kopf. Sogar ihre Kleidung wurde an die Wand gedrückt. Ihr Gewand lag an der Mauer, als wäre es der Boden. Richard war ebenso hilflos wie sie. Die beiden mühten sich ab, warfen den Kopf hin und her, doch es war zwecklos. Sie saßen fest.
Shota schwebte durch den Raum auf sie zu, die Augen voller Glut. Sie blieb vor Kahlan stehen. »Er hat dich nicht töten müssen? Und jetzt ist alles in Ordnung, ja, Mutter Konfessor?«
»Ja«, brachte Kahlan hervor und versuchte trotz ihrer Hilflosigkeit zuversichtlich zu klingen.
»Bist du jemals auf die Idee gekommen, Mutter Konfessor, daß es Gründe gibt für das, was ich sage?«
»Ja, aber das ist doch alles…«
»Bist du jemals auf die Idee gekommen, Mutter Konfessor, daß es einen Grund dafür gibt, daß Konfessoren ihren Gatten nicht lieben sollen? Und vielleicht auch einen Grund dafür, daß er dich töten sollte?« Kahlan wußte keine Antwort. Verzweifelte Gedanken schossen ihr durch den Kopf.
»Wovon sprichst du eigentlich?« fuhr Richard sie an.
Shota beachtete ihn nicht. »Nun, bist du jemals auf die Idee gekommen, Mutter Konfessor?«
Kahlans Kehle war so trocken, daß sie zweimal schlucken mußte, bevor sie sprechen konnte. »Was meinst du? Welche Gründe?«
»Hast du bei diesem Mann gelegen, den du liebst? Hast du das etwa schon getan, Mutter Konfessor?«
Jetzt war Kahlan an der Reihe, rot zu werden. »Was für eine Frage!«
»Beantworte sie, Mutter Konfessor!« zischte Shota sie an, »oder ich werde dir augenblicklich das Fell abziehen und mir etwas Hübsches aus deiner Haut machen. Mir steht ohnehin ganz der Sinn danach. Besser, du lügst mich nicht an.«
»Ich … wir … nein! Und was geht dich das überhaupt an?«
Shota kam näher. Ihr Blick ließ Kahlan zusammenzucken. »Vielleicht solltest du dir es zweimal überlegen, bevor du es tust, Mutter Konfessor.«
»Was soll das heißen?« stieß sie mit weit aufgerissenen Augen hervor.
Shota verschränkte die Arme vor der Brust. Ihre Stimme wurde noch bedrohlicher. »Konfessoren sollen ihre Gatten nicht lieben, denn wenn sie ein männliches Kind gebären, müssen sie den Mann bitten, das Baby zu töten. Der Mann sollte von der Kraft des Konfessors überwältigt worden sein, damit er tut, was immer sie verlangt. Ohne zu fragen.«
»Aber…«
Shota kam noch näher, die Augen voller Zorn. »Wenn du ihn liebst, wie könntest du das von ihm verlangen? Wie könntest du Richard bitten, seinen Sohn zu töten? Glaubst du, er würde es tun? Würdest du den Sohn des Mannes töten, den du liebst? Würdest du das tun, Mutter Konfessor?«
Shotas Worte bohrten sich wie Messer in Kahlans Herz und Seele. Sie konnte die Antwort kaum mehr flüstern. »Nein.«
All ihre Hoffnungen, all ihr Glück schienen in sich zusammenzufallen. Aus Freude darüber, daß sie mit Richard zusammenbleiben konnte, hatte sie keinen Gedanken an die Zukunft verschwendet. An die Folgen. An Kinder. Sie hatte nur an Richard gedacht und daran, daß sie zusammenbleiben konnten.