Richard ließ den Kopf hängen. Shota runzelte verärgert die Stirn und betrachtete ihn schweigend. Schließlich holte Richard tief Luft. »Es tut mir leid, Shota. Danke, weil du nicht zugelassen hast, daß ich mich noch dümmer aufführe, als ich es ohnehin schon getan habe.« Seine Augen waren feucht, als er zu Kahlan blickte. »Bitte, Shota, laß sie runter.«
Kahlan spürte, wie der Druck nachließ, und sie glitt die Wand hinab, bis ihre Stiefel dumpf auf den Boden schlugen. Shota sah sie so wütend an, daß sie an Ort und Stelle stehenblieb, obwohl sie eigentlich zu Richard hatte gehen wollen. Der starrte nur auf seine Stiefel.
Shota legte ihm einen Finger unters Kinn und hob seinen Kopf. »Du solltest froh sein, denn dein Vater war nicht häßlich. Von einer gewissen Ähnlichkeit abgesehen, hast du nichts von ihm geerbt. Außer seinem Zorn. Und die Gabe.«
Richard riß sein Kinn aus ihrer Hand. »Die Gabe. Ich will die Gabe nicht. Ich will nichts damit zu schaffen haben. Nichts, was ich von Darken Rahl bekomme, würde ich als Gabe bezeichnen. Ich hasse sie! Ich hasse Magie!«
»Sie stammt gleichermaßen von Zedd«, meinte Shota mit überraschendem Mitgefühl. »Von beiden Seiten. Genau so bekommt man die Gabe: sie wird vererbt. Manchmal wird eine, manchmal werden sogar viele Generationen übersprungen. Manchmal auch nicht. Du hast sie von beiden Seiten geerbt. In dir hat sie mehr als eine Dimension. Das ist ein gefährliches Gemisch.«
»Vererbt. Wie jede andere Entstellung auch.«
Mit einem spöttischen Grinsen packte Shota sein Gesicht mit ihren langen Fingern. »Denk daran, bevor du dich zu ihr legst. Von Kahlans Seite wäre der Junge ein Konfessor. Von deiner Seite — hätte er die Gabe. Kannst du überhaupt ermessen, wie gefährlich das wäre? Kannst du dir einen Konfessor mit der Gabe vorstellen? Einen männlichen Konfessor? Ich bezweifle es. Du hättest sie töten sollen, als ich es dir gesagt habe, du unwissendes Kind — bevor du eine Möglichkeit gefunden hattest, bei ihr zu bleiben. Du hättest sie töten sollen.«
Richard sah sie wutentbrannt an. »Genug von dem Gerede! Ich habe nicht die Absicht, mir das länger anzuhören. Durch Kahlan habe ich Darken Rahl besiegt. Hätte ich sie getötet, hätte er gewonnen. Hoffentlich hast du die Reise hierher nicht nur gemacht, um diesen Unsinn zu wiederholen.«
»Nein«, erwiderte Shota ruhig. »Diese Dinge spielen jetzt keine Rolle. Deswegen bin ich nicht gekommen. Der Grund meines Kommens ist das, was du bereits getan hast, nicht das, was du eines Tages vielleicht tun wirst. Was du bereits getan hast, Richard, ist schlimmer als alles, was du mit dieser Frau anrichten könntest. Kein Monster, das du mit ihr zeugen könntest, kommt dem Monster gleich, das du bereits erschaffen hast.«
Richard legte die Stirn in Falten. »Ich habe Darken Rahl daran gehindert, die Welt zu beherrschen. Ich habe ihn getötet. Ich habe kein Monster geschaffen.«
Sie schüttelte langsam den Kopf. »Die Magie der Ordnung war es, die ihn getötet hat. Wie ich dir gesagt habe: er darf kein Kästchen öffnen. Du hast ihn nicht umgebracht, du hast ihn eines der Kästchen der Ordnung öffnen lassen. Die Magie der Ordnung war es, die ihn getötet hat. Du hättest ihn töten sollen, bevor er eines der Kästchen geöffnet hat.«
»Das konnte ich nicht! Es war die einzige Möglichkeit! Es gab keinen anderen Weg, ihn umzubringen! Und was macht das auch für einen Unterschied? Er ist tot!«
»Es wäre besser gewesen, ihn gewinnen zu lassen, statt zuzulassen, daß er das falsche Kästchen öffnet.«
»Du bist verrückt! Was könnte schlimmer sein, als daß Darken Rahl die Magie der Ordnung an sich reißt und ungehindert die Welt beherrscht?«
Sie runzelte die Stirn. »Der Hüter«, sagte sie leise. »Es wäre besser gewesen, uns von Darken Rahl beherrschen, uns köpfen oder zu Tode foltern zu lassen, als das, was du zugelassen hast.«
»Wovon redest du?«
»Der Hüter der Unterwelt wird durch den Schleier an seinem Platz festgehalten, daran gehindert, in die Welt der Lebenden vorzudringen. Der Schleier hält ihn und seine Günstlinge zurück. Hält die gesamte Unterwelt zurück. Er trennt die Lebenden von den Toten. Durch dein Zutun ist der Schleier nun zerrissen. Schon jetzt sind einige seiner Mörder freigelassen worden.«
»Die Screelings«, sagte Richard leise.
Shota nickte. »Ja. Indem du die Magie der Ordnung freigesetzt hast, hast du zugelassen, daß ihre Zauberkraft irgendwie den Schleier zur Unterwelt eingerissen hat. Reißt er weit genug ein, wird der Hüter befreit sein. Du kannst dir nicht einmal vorstellen, welche Folgen das hätte.« Shota ergriff den Strafer, der um seinen Hals hing. »Was man dir hiermit angetan hat, ist eine Liebkosung im Vergleich mit dem, was er tun wird. Was er allen antun wird. Es wäre besser gewesen, Darken Rahl gewinnen zu lassen, als dies hier zuzulassen. Du hast die Menschen zu einem Schicksal verdammt, das jedes Grauen übersteigt.«
Sie packte den Strafer mit der Faust. »Ich sollte dich dafür töten, was du angerichtet hast. Ich sollte dich unsäglich leiden lassen. Hast du eine Vorstellung, wie gern der Hüter seinen Blick auf jemanden richten würde, der die Gabe besitzt? Hast du eine Vorstellung, wie sehr er sich nach jemandem mit der Gabe sehnt? Oder nach einer Hexe?«
Kahlan sah, daß Shota die Tränen über die Wangen liefen. Plötzlich überkam sie die Erkenntnis wie eine Flut, die ihr Innerstes in eiskalte Panik versetzte: Shota war gar nicht verärgert. Sie hatte Angst.
Deswegen war sie hier: nicht, weil sie verärgert darüber war, daß Kahlan noch lebte oder sie ein Kind bekommen könnten. Sie war hier, weil sie entsetzliche Angst hatte. Die Vorstellung, daß Shota, eine Hexe, Angst hatte, war schlimmer als alles, was sie sich vorstellen konnte.
Richard starrte sie mit aufgerissenen Augen an. »Aber … wir müssen doch irgend etwas tun können, irgend etwas, um das zu verhindern.«
»Wir?« kreischte sie und stach ihm mit dem Finger in die Brust. »Nein, du! Du allein, Richard Rahl. Ganz allein! Du bist der einzige, der das richten kann!«
»Ich? Warum ich?«
»Das weiß ich nicht«, greinte sie zwischen zusammengebissenen Zähnen hindurch. »Aber du bist der einzige, der die Kraft dazu hat.« Sie pochte ihm mit der Faust auf die Brust. »Du!« Immer wieder schlug sie gegen seine Brust, während er einfach nur dastand. »Du bist der einzige, der eine Chance hat! Warum, weiß ich nicht, aber du bist der einzige, der das richten kann. Nur du kannst den Riß im Schleier schließen.« Shota schluchzte. »Du allein, du dummes, törichtes Kind.«
Kahlan war wie benommen von der Ungeheuerlichkeit dessen, was hier geschah. Die Vorstellung, der Hüter könnte los sein, überstieg ihr Begriffsvermögen. Die Toten in der Welt der Lebenden — dieses Grauen konnte sie sich kaum vorstellen, doch als sie sah, wie sehr sich Shota fürchtete, bekam ihre Angst ein Maß.
»Shota … ich weiß nichts darüber. Ich habe keine Ahnung, wie ich…«
Shota trommelte noch immer unter Tränen gegen seine Brust. »Du mußt. Du mußt einen Weg finden. Du hast keine Ahnung, was der Hüter mir antun würde, was er einer Hexe antun würde. Wenn du es nicht für mich tust, dann tu es für dich selbst, tu es für Kahlan. Er würde ihr eine Ewigkeit voller Qualen bereiten, und das aus keinem anderen Grund als dem, daß du sie liebst. Er würde ihr das antun, nur um es für dich schlimmer zu machen. Wir alle werden gezwungen werden, bis in alle Ewigkeit auf der Grenze zwischen Leben und Tod zu verweilen, wo wir uns unter Qualen winden.« Sie schluchzte, konnte sich nicht mehr beherrschen. »Man wird uns die Seele aus dem Leib reißen … er wird unsere Seelen besitzen … für immer.«
Shota schlug Richard gegen die Brust. »Für immer, Richard. Ein seelenloser Geist, gefangen von den Toten. Eine Ewigkeit der Qualen. Du bist zu dumm, das zu begreifen. Du kannst dir unmöglich vorstellen, wie grauenhaft das wäre, bevor du es selbst gesehen hast.«