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Kahlan hatte sich neben Richard gestellt und ihm zur Beruhigung die Hand auf die Schulter gelegt. Es machte ihr nichts aus mitanzusehen, wie er Shota tröstete. Sie sah, welch fürchterliche Angst die Hexe hatte. Kahlan konnte diese Angst nicht wirklich verstehen, weil ihr das Wissen über die Dinge fehlte, welches Shota besaß. Doch eigentlich genügte Shotas Reaktion bereits.

»Screelings sind in die Weite Agaden eingedrungen«, jammerte sie.

Richard sah sie an. »Screelings! In der Weite Agaden?«

»Screelings und ein Zauberer. Ein besonders widerwärtiger Zauberer. Samuel und ich konnten ihm mit wenig mehr als unserem Leben entkommen.«

»Ein Zauberer!« Richard legte ihr die Hände auf die Schultern und schob sie ein Stück zurück. »Was soll das heißen, ein Zauberer? Es gibt keine anderen Zauberer!«

»In Agaden gibt es einen. Die Screelings und dieser Zauberer befinden sich in diesem Augenblick in Agaden. Sie sind in meinem Haus. Meinem Zuhause!«

Kahlan hielt es nicht länger aus. »Shota, bist du sicher, daß es ein Zauberer war? Könnte es nicht jemand sein, der vorgibt, Zauberer zu sein? Es gibt keine anderen Zauberer mehr. Nur noch Zedd. Sie sind alle tot.«

Shota runzelte die Stirn und sah sie unter Tränen an. »Glaubst du wirklich, jemand könnte mich darüber täuschen, ob er magische Kräfte besitzt oder nicht? Ich weiß, wann ich einen Zauberer vor mir habe, und ich weiß, ob ein Zauberer die Gabe besitzt. Ich kenne das Zaubererfeuer. Dieser Zauberer, so jung er sein mag, besitzt die Gabe. Ich weiß nicht, woher er stammt oder weshalb niemand je etwas von ihm gehört hat. Aber er kam in Begleitung der Screelings. Screelings!

Das kann nur eins bedeuten. Der Zauberer hat sich dem Hüter verschrieben. Er tut, was der Hüter von ihm verlangt. Er versucht, den Schleier für den Hüter völlig zu zerreißen. Und somit hat der Hüter also Verbündete in dieser Welt. Vermutlich war Darken Rahl einer von ihnen. Deshalb konnte er auch Subtraktive Magie einsetzen.«

Shota wandte sich an Richard. »Wenn der Hüter sich eines Zauberers bedient, kann offenbar nur ein Zauberer den Schleier zerreißen. Du besitzt die Gabe. Du bist ein Zauberer. Ein törichter Zauberer, zugegeben, aber immerhin. Ich weiß nicht warum, aber du hast als einziger die Möglichkeit, den Schleier zu schließen.«

Richard wischte Shota eine Träne von der Wange. »Was wirst du tun?«

Das Feuer kehrte in Shotas Augen zurück. Sie biß die Zähne zusammen. »Ich gehe zurück nach Agaden. Ich werde mein Heim zurückerobern.«

»Aber sie haben dich doch fortgejagt.«

»Sie haben mich überrascht«, fauchte sie. »Ich bin nur hergekommen, um dir zu sagen, wie dumm du bist. Und daß du etwas unternehmen mußt. Du mußt den Schleier schließen, sonst werden wir alle…«

Shota kehrte ihnen den Rücken zu. »Ich gehe nach Agaden. Der Hüter wird seinen Helfer verlieren. Ich werde ihm die Gabe nehmen. Weißt du, wie man einem Zauberer die Gabe nimmt?«

»Nein.« Richard machte ein interessiertes Gesicht. »Ich wußte nicht, daß man das kann.«

»O ja, man kann es.« Sie drehte sich um und zog eine Braue hoch. »Wenn du ihnen die Haut abziehst, fließt die Magie aus ihrem Körper. Das ist die einzige Möglichkeit, einem Zauberer die Gabe zu nehmen. Ich werde ihn an seinen Daumen aufhängen und bei lebendigem Leibe häuten. Zentimeter für Zentimeter. Anschließend werde ich mit seiner Haut meinen Thron beziehen. Ich werde mich auf meinen Thron setzen, auf seine Haut, und zusehen, wie er sich zu Tode schreit, während die Magie aus seinem Körper strömt.« Sie ballte die Hand zur Faust. »Oder ich werde bei dem Versuch sterben.«

»Ich brauche Hilfe, Shota. Ich weiß nichts über diese Dinge.«

Shota starrte in die Ferne, beide Hände zu Fäusten geballt. Schließlich öffnete sie die Hände wieder. »Ich kann dir nichts sagen, was dir helfen würde.«

»Das heißt, es gibt etwas, das du mir sagen könntest, aber es würde mir nichts nützen.« Shota nickte. Richard stieß einen Seufzer aus. »Und das wäre?«

Sie verschränkte die Arme vor der Brust. Ihre Augen wurden wieder feucht. »Du wirst in der Zeit gefangen sein. Frag nicht, was das bedeutet, denn ich weiß es nicht. Du wirst erst dann die Chance haben, den Schleier zu schließen, wenn du dieser Falle entkommen bist. Sie wird dich einschließen, und der Hüter wird entkommen, es sei denn, du kannst dich befreien. Wenn du nicht etwas Bestimmtes über die Gabe in Erfahrung bringst, wirst du auf jeden Fall scheitern.«

Richard ging in die gegenüberliegende Ecke des Raumes. Er hatte ihnen den Rücken zugewandt, eine Hand in die Hüfte gestemmt, und raufte sich mit der anderen die Haare. Kahlan mied Shotas Blick. Sie wollte der Hexe nicht in die Augen sehen, wenn sie nicht unbedingt mußte.

»Ist da noch etwas?« rief Richard über die Schulter. »Kannst du mir noch irgend etwas sagen? Egal, was?«

»Nein. Und glaube mir, gäbe es etwas, ich wäre mehr als willig, es dir zu sagen. Ich habe keine Lust, dem Hüter zu begegnen.«

Richard dachte eine Weile darüber nach. Schließlich kam er zurück und stellte sich vor Shota. »Ich habe Kopfschmerzen. Schlimme Kopfschmerzen.«

Shota nickte. »Die Gabe.«

»Drei Frauen waren hier. Sie nannten sich die Schwestern des Lichts. Sie meinten, ich müsse mit ihnen gehen, um zu lernen, wie man die Gabe beherrscht, oder die Kopfschmerzen würden mich umbringen.« Richard sah ihr ins Gesicht. »Was weißt du über sie?«

»Ich bin eine Hexe. Über Zauberer weiß ich nicht viel. Jedenfalls haben die Schwestern des Lichts etwas mit Zauberern zu tun. Mit ihrer Ausbildung. Das ist alles, was ich weiß. Ich weiß nicht einmal, woher sie stammen. Sie treten in großen Abständen auf den Plan, wenn sie herausgefunden haben, daß jemand mit der Gabe geboren wurde.«

»Und wenn ich nicht mit ihnen gehe? Werde ich dann sterben, wie sie behaupten?«

»Wenn du nicht lernst, die Gabe zu beherrschen, werden dich die Kopfschmerzen töten. Soviel weiß ich.«

»Aber sind sie die einzige Möglichkeit?«

Shota zuckte mit den Achseln. »Das weiß ich nicht. Aber eins weiß ich mit Sicherheit: Du mußt lernen, die Gabe zu nutzen, sonst wirst du weder der Falle entkommen noch den Schleier schließen können — oder auch nur die Kopfschmerzen überstehen.«

»Du meinst also, ich soll mit ihnen gehen?«

»Nein. Ich habe gesagt, du mußt lernen, die Gabe zu beherrschen. Möglicherweise gibt es einen anderen Weg.«

»Und welchen?«

»Frag mich nicht, Richard. Ich weiß nicht einmal, ob es einen anderen Weg gibt. Es tut mir leid, aber dabei kann ich dir nicht helfen. Nur Narren geben Ratschläge in Dingen, von denen sie nichts verstehen. Hierbei kann ich dir keinen Rat geben.«

»Shota«, flehte Richard sie an, »ich bin am Ende. Ich weiß nicht, was ich tun soll. Ich begreife überhaupt nichts mehr, weder die Schwestern, die Gabe noch den Hüter. Kannst du mir denn gar nichts sagen, was mir helfen würde?«

»Ich habe dir alles gesagt, was ich weiß. Ich komme mir ebenso verloren vor wie du. Sogar noch verlorener. Es ist mir nicht gegeben, die Geschehnisse zu beeinflussen. Wenigstens das bleibt dir. So klein die Chance auch sein mag.« Shotas Augen blitzten auf. »Ich habe solche Angst, in die toten Augen des Hüters blicken zu müssen. Ich kann nicht mehr schlafen, seit ich davon erfahren habe. Wenn ich wüßte, wie, würde ich dir helfen. Nur weiß ich einfach nichts über die Welt der Toten. Noch gehört sie nicht zu den Dingen, mit denen sich die Lebenden auseinandersetzen müssen.«

Richard starrte zu Boden. »Shota«, sagte er leise. »Ich habe keine Ahnung, was ich machen soll. Ich habe Angst. Große Angst.«

Sie nickte. »Ich auch.« Sie streckte die Hand aus und berührte sanft sein Gesicht. »Auf Wiedersehen, Richard Rahl. Kämpfe nicht gegen dein Selbst an. Nutze es.« Zu Kahlan gewandt, sagte sie: »Ich weiß nicht, ob du ihm helfen kannst, aber sollte es eine Möglichkeit geben, dann weiß ich, daß du dein Bestes geben wirst.«

Kahlan nickte. »Das werde ich, Shota. Hoffentlich bekommst du dein Haus zurück.«