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Shota lächelte dünn. »Danke, Mutter Konfessor.«

Sie drehte sich um und schien zur Tür zu schweben, gefolgt von der Schleppe ihres hauchdünnen Kleides. Sie drückte die Tür auf. Dahinter wartete Samuel mit leuchtend gelben Augen auf sie. Shota blieb abrupt im Türrahmen stehen.

»Richard, sollte es dir irgendwie gelingen, den Schleier zu schließen und mich vor dem Hüter zu retten, alle vor dem Hüter zu retten, werde ich dir ewig dankbar sein.«

»Danke, Shota.«

Sie kehrte ihnen immer noch den Rücken zu. »Doch wisse: wenn du der Mutter Konfessor ein Kind schenkst, wird es ein Junge sein. Ein männlicher Konfessor. Keiner von euch beiden wird die Kraft besitzen, ihn zu töten, obwohl ihr um die Folgen wißt.« Sie hielt einen Augenblick lang inne. »Meine Mutter hat in den Zeiten der Finsternis gelebt.« Ihre Stimme war kalt wie Eis. »Ich habe die Kraft. Und ich werde sie nutzen. Darauf habt ihr mein Wort. Doch ihr sollt wissen, daß dies nicht persönlich gemeint ist.«

Die Tür schloß sich quietschend hinter ihr. Das Haus der Seelen wirkte plötzlich leer. Und sehr still.

Kahlan war wie betäubt. Sie sah auf ihre Hände. Sie zitterten. Sie wollte, daß Richard sie in die Arme schloß, doch er tat es nicht. Er starrte auf die Tür. Sein Gesicht war weiß wie Schnee.

»Ich kann das alles nicht glauben«, sagte er leise. Er starrte noch immer auf die Tür. »Wie ist das möglich? Träume ich das alles?«

Kahlan hatte das Gefühl, als würden ihre Knie nachgeben. »Richard, was sollen wir tun?«

Richard drehte sich mit abwesendem Blick zu ihr um. In seinen Augen standen Tränen. »Das muß ein Alptraum sein.«

»Wenn, dann träume ich genau denselben. Richard, was sollen wir bloß tun?«

»Wieso fragt mich jeder das? Wieso fragen alle immer mich? Wieso glaubt jeder, ich sei es, der das weiß?«

Kahlan stand mit leerem Blick da und versuchte nachzudenken. Sie schien keinen zusammenhängenden Gedanken fassen zu können. »Weil du der Sucher bist, Richard.«

»Ich weiß nichts über die Unterwelt oder den Hüter. Über die Welt der Toten.«

»Shota meinte, kein Lebender wüßte etwas darüber.«

Richard schien aus seiner Trance zu erwachen. Plötzlich packte er sie an den Schultern. »Dann müssen wir eben die Toten befragen.«

»Was?«

»Die Seelen der Vorfahren sind tot. Mit ihnen können wir sprechen. Ich kann um eine Versammlung bitten und ihnen Fragen stellen. Wir können etwas von ihnen erfahren. Vielleicht können wir herausfinden, wie man den Schleier schließt. Vielleicht kann ich herausfinden, wie man die Kopfschmerzen abstellt und die Gabe nutzt.« Er packte sie am Arm. »Komm.«

Kahlan hätte fast gelächelt. Jetzt war er wieder ganz der Sucher. Richard zog sie durch die Gassen des Dorfes und rannte, so schnell es ging. Der Mond war von Wolken verhüllt, und zwischen den Häusern war es dunkel. Die Luft fühlte sich auf der Haut wie Eis an und trieb Kahlan die Tränen in die Augen.

Als sie den freien Platz erreichten, sahen sie Licht. Im Fackelschein warteten dort die versammelten Schlammenschen, von den Jägern beschützt. Sie wußten nicht, daß die Hexe fort war. Schweigend verfolgte das gesamte Dorf, wie die beiden die freie Fläche überquerten und die Jäger eine Lücke machten, um sie durchzulassen, als sie sich dem Vogelmann und den anderen sechs Ältesten näherten. Neben ihnen stand Chandalen.

»Alle sind in Sicherheit«, beruhigte Kahlan sie. »Die Hexe ist fort

Ein erleichtertes Aufatmen ging durch die Menge.

Chandalen rammte das hintere Ende seines Speeres in den Boden. »Schon wieder macht ihr nichts als Ärger!«

Richard ignorierte ihn und bat Kahlan zu übersetzen. Er musterte die Ältesten, dann blieb sein Blick auf dem Vogelmann haften. »Geehrter Ältester. Die Hexe war nicht gekommen, um irgend jemandem Schaden zuzufügen. Sie war hier, um mich vor einer großen Gefahr zu warnen.«

»Das behauptest du«, fuhr ihn Chandalen an. »Ob das stimmt, wissen wir nicht

Kahlan sah, wie schwer es Richard fiel, ruhig zu bleiben. »Du bezweifelst, daß sie dich hätte in die Welt der Seelen schicken können, wenn sie das gewollt hätte?«

Chandalen antwortete nur mit einem wütenden Blick.

Der Vogelmann bedachte Chandalen seinerseits mit einem Blick, unter dem der ein paar Zentimeter zu schrumpfen schien. Dann sah er Richard an. »Was für eine Gefahr?«

»Sie sagt, es besteht die Gefahr, daß die Toten in die Welt der Lebenden entkommen.«

»Sie können nicht in die Welt der Lebenden entkommen. Der Schleier hält sie zurück

»Du hast von dem Schleier gehört?«

»Ja. Jede Ebene des Totenreiches, der Unterwelt, wie du es nennst, ist mit einem Schleier versiegelt. Wenn wir eine Versammlung abhalten und die Seelen unserer Vorfahren einladen, uns zu besuchen, dann können sie den Schleier für eine kurze Zeit durchqueren

Richard betrachtete einen Augenblick das Gesicht des Vogelmannes. »Was weißt du noch über den Schleier?«

Sein Gegenüber zuckte mit den Achseln. »Nichts. Wir wissen nur, was uns die Seelen unserer Vorfahren darüber berichtet haben: daß sie ihn durchqueren müssen, wenn wir sie rufen, und daß er sie den Rest der Zeit zurückhält. Wie sie erzählen, gibt es zahlreiche Ebenen der Unterwelt, des Totenreiches. Sie befinden sich auf der höchsten, daher können sie zu uns kommen. Wer nicht verehrt wird, sinkt auf eine der unteren Ebenen und darf nicht kommen. Diese Seelen sind auf ewig eingesperrt

Richard sah allen Ältesten nacheinander in die Augen. »Der Schleier hat einen Riß bekommen. Wenn er nicht wieder geschlossen wird, wird uns die Welt der Toten allesamt verschlingen.«

Laute des Entsetzens erhoben sich aus den Reihen der Versammelten. Angsterfülltes Geflüster breitete sich aus. Richard blickte den Vogelmann an. »Bitte, geehrter Ältester, ich berufe eine Versammlung ein. Ich brauche die Hilfe der Seelen der Vorfahren. Ich muß einen Weg finden, den Schleier zu verschließen, bevor der Hüter den Toten entkommt. Vielleicht können die Seelen der Vorfahren helfen. Ich muß wissen, ob sie helfen können.«

Chandalen stampfte mit seinem Speer auf den Boden. »Lügen! Du verbreitest die Lügen dieser Hexe. Wir sollten die verehrten Seelen unserer Vorfahren nicht auf Geheiß einer Hexe herbeirufen. Die Seelen unserer Vorfahren dürfen nur für unser Volk herbeigerufen werden, nicht wegen einer Hexe! Sie werden unser Volk für diese Lästerung mit einem Schlag auslöschen!«

Richard sah ihn wütend an. »Sie werden nicht auf Geheiß einer Hexe herbeigerufen. Ich bin es, der diese Bitte vorbringt, und ich gehöre zum Volk der Schlammenschen. Ich bitte um die Versammlung, damit mir geholfen wird, Schaden von unserem Volk abzuwenden.«

»Du bringst uns den Tod! Du schleppst Fremde heran. Du hast diese Hexe hergeführt. Du willst dir bloß selbst helfen. Wie kommt es, daß dieser Schleier zerrissen ist?«

Richard knöpfte seinen Ärmel auf und schob ihn den Arm hinauf. Dann zog er langsam das Schwert der Wahrheit. Ohne Chandalens wütendem Blick auszuweichen, zog er sich das Schwert über seinen Unterarm und drehte es, um seine beiden Seiten in das Blut zu tauchen. Dann rammte er die Spitze in den Boden und legte beide Hände auf den Knauf.

»Kahlan, wenn du das folgende übersetzt, darfst du kein Wort auslassen.« Richard richtete seinen zornentbrannten Blick wieder auf Chandalen. Seine Stimme war ruhig, fast sanft, doch in seinen Augen funkelte tödliche Entschlossenheit. »Chandalen, wenn ich heute abend noch ein Wort von dir höre, und sei es nur, daß du mir zustimmen und mir deine Hilfe anbieten möchtest, werde ich dich töten. Einiges von dem, was mir die Hexe berichtete, hat mich in eine Stimmung versetzt, in der ich das Verlangen zu töten verspüre. Wenn du mir noch irgendeinen Grund gibst — dann wirst du es sein, den ich töte.«

Die Ältesten rissen die Augen auf. Chandalen öffnete den Mund und wollte etwas sagen, doch als er Richards Gesichtsausdruck sah, schloß er ihn wieder und verschränkte die Arme. Sein Blick war voller Grimm und trotzdem kein Vergleich mit Richards. Schließlich senkte er den Blick zu Boden.