Richard wandte sich wieder an den Vogelmann. »Geehrter Ältester, du kennst mein Herz. Du weißt, daß ich nichts tun würde, um unserem Volk zu schaden. Ich würde diese Bitte nicht vorbringen, ginge es nicht um etwas Wichtiges oder hätte ich eine andere Wahl. Bitte, darf ich eine Versammlung einberufen, damit ich die Seelen unserer Vorfahren fragen kann, wie ich diese Bedrohung von unserem Volk abwenden kann?«
Der Vogelmann wandte sich an die anderen Ältesten. Sie nickten, einer nach dem anderen. Kahlan hatte es gewußt, es war nur eine Formalität. Mit Savidlin waren sie befreundet, und die anderen wollten Richards Ehrlichkeit nicht in Frage stellen. Die Entscheidung lag allein beim Vogelmann. Er sah zu, wie die Ältesten nickten, dann wandte er sich wieder an Richard.
»Dies ist eine böse Geschichte. Es gefällt mir nicht, die Vorfahren herbeizurufen, um sie nach ihrer Welt auszufragen. Sie kommen, um uns in unserer Welt zu helfen. Möglicherweise werden sie gekränkt sein. Oder verärgert. Vielleicht sagen sie auch nein.« Er betrachtete Richard einen Augenblick lang. »Aber ich kenne dein Herz. Ich weiß, daß du ein Heilsbringer für unser Volk bist und dieses nicht erbitten würdest, hättest du eine andere Wahl.« Er legte Richard die Hand fest auf die Schulter. »Der Wunsch sei dir gewährt.«
Kahlan atmete erleichtert auf. Richard bedankte sich mit einem Nicken. Kahlan wußte, daß er sich auf ein Wiedersehen mit den Seelen der Verstorbenen nicht gerade freute. Beim letzten Mal war es verheerend für ihn ausgegangen.
Plötzlich flatterte ein Schatten durch die Luft. Kahlan riß die Arme schützend in die Höhe. Richard wurde einen Schritt zurückgestoßen, als ihn etwas am Kopf traf. Menschen riefen verwirrt durcheinander. Ein dunkler Schatten schlug dumpf zwischen dem Vogelmann und Richard auf. Richard richtete sich auf und tastete seinen Kopf ab. Über seine Stirn rann Blut.
Der Vogelmann bückte sich über eine dunkle Gestalt, richtete sich wieder auf. Er hielt eine tote Eule in den Händen. Ihr Kopf hing seitlich nach unten. Die Flügel klappten auseinander. Die Ältesten sahen sich an. Chandalens Stirnfalten wurden tiefer, doch er sagte nichts.
Richard untersuchte das Blut an seinen Fingern. »Warum in aller Welt wollte mich eine Eule auf diese Weise angreifen? Und woran ist sie gestorben?«
Der Vogelmann strich dem toten Vogel sanft das Gefieder glatt. »Vögel leben in der Luft, auf einer anderen Ebene als wir. Sie leben auf zwei Ebenen — auf dem Land und in der Luft. Sie können sich zwischen ihrer und unserer Ebene bewegen. Vögel sind sehr eng mit der Welt der Seelen verbunden. Mit den Seelen selbst. Und Eulen mehr als die meisten anderen Vögel. Sie sehen in der Nacht, wenn wir blind sind, genauso blind wie für die Welt der Seelen. Ich bin ein Seelenführer unseres Volkes. Nur ein Vogelmann kann Seelenführer sein, denn nur er versteht diese Dinge.«
Er hielt den Vogel ein wenig höher. »Dies ist eine Warnung. Ich war noch nie Zeuge, wenn eine Eule eine Warnung überbracht hat. Dieser Vogel hat sein Leben dafür gegeben, dich zu warnen. Richard, bitte denke noch einmal über deine Bitte um eine Versammlung nach. Dieser Warnung nach bedeutet die Versammlung Gefahr für dich, eine solche Gefahr, daß die Seelen diese Warnung schicken.«
Richard blickte vom Gesicht des Vogelmannes zu der Eule. Er streckte die Hand aus und strich ihr über das Gefieder. Niemand gab einen Laut von sich. »Gefahr für mich oder Gefahr für die Ältesten?«
»Für dich. Du bist es, der die Versammlung einberuft. Die Eule hat dir diese Warnung überbracht. Sie ist für dich bestimmt.« Er warf einen Blick auf Richards Stirn. »Eine Blutwarnung. Eine der schlimmsten, die es gibt. Schlimmer als diese Eule wäre es nur gewesen, hätte ein Rabe die Nachricht überbracht. Das hätte deinen sicheren Tod bedeutet.«
Richard zog die Hand zurück und wischte sich die Finger an seinem Hemd ab. Er starrte auf die tote Eule. »Ich habe keine Wahl«, sagte er leise. »Wenn ich nichts unternehme, wird der Schleier vollends reißen, und der Hüter der Toten wird ausbrechen. Unser Volk, jeder einzelne, wird von der Welt der Toten verschlungen werden. Ich muß herausfinden, wie ich das verhindern kann. Ich muß es versuchen.«
Der Vogelmann nickte. »Ganz wie du willst. Die Vorbereitungen werden drei Tage dauern.«
Richard hob den Kopf. »Ihr habt es schon in zwei Tagen geschafft. Wir dürfen keine Zeit vergeuden.«
Der Älteste atmete tief durch und seufzte. »Dann zwei Tage.«
»Ich danke dir, geehrter Ältester.« Richard drehte sich zu Kahlan um, der er den Schrecken an den Augen ablesen konnte. »Bitte, Kahlan, geh und hole Nissel und bring sie her. Ich gehe ins Haus der Seelen. Bitte sie, etwas Stärkeres mitzubringen.«
Sie drückte ihm den Arm. »Natürlich. Ich werde mich beeilen.« Richard nickte. Er zog sein Schwert aus dem Boden und verschwand in die Dunkelheit hinein.
13
Die Todesursache. Sie hob gedankenverloren den Kopf und drückte das runde Ende der schlichten, mit einem Holzgriff versehenen Feder an ihre Unterlippe. Das kleine, anspruchslose Zimmer wurde schwach von Kerzen beleuchtet, die auf den unordentlichen Papierstapeln ihres Schreibtisches standen. Zwischen dicken Büchern waren Schriftrollen zu wackeligen Stapeln aufgeschichtet. Die dunkle Patina der Schreibfläche war nur an einer kleinen Stelle direkt vor ihr zu erkennen und umrahmte den wartenden Bericht.
Verschiedene magische Gegenstände standen dicht gedrängt in den Regalen hinter ihr und setzten Staub an. Die allgegenwärtigen und emsigen Putzkolonnen durften sie nicht berühren, damit blieb die Aufgabe, sie zu entstauben, an ihr hängen, doch sie hatte nie genügend Zeit, verspürte nie die rechte Lust. Zumal die Fläschchen unter einer Schicht Staub weniger bedeutsam aussahen.
Schwere Vorhänge waren zugezogen und sperrten die Nacht aus. Den einzigen Farbtupfer im Zimmer bot ein gelb-blauer Teppich, der auf der anderen Seite vor dem Schreibtisch lag. Für gewöhnlich verbrachten Besucher dieses Arbeitszimmers ihre Zeit damit, ihn gesenkten Hauptes anzustarren.
Die Todesursache. Berichte bereiteten nichts als Verdruß. Sie seufzte. Doch ein Verdruß, der sich nicht umgehen ließ. Zumindest nicht im Augenblick. Im Palast der Propheten wurden gewaltige Mengen von Berichten benötigt. Es gab Schwestern, die ihr ganzes Leben in Bibliotheken verbrachten, Berichte katalogisierten, sie umhegten und jedes noch so nutzlose Wort, das ihrer Meinung nach vielleicht eines Tages wichtig werden könnte, für die Ewigkeit aufbewahrten.
Nun, es blieb nichts anderes übrig, als sich eine passende Todesursache einfallen zu lassen. Die Wahrheit genügte einfach nicht. Ihre Schwestern mußten eine befriedigende Erklärung der Todesursache vorweisen können. Wer die Gabe besaß, war bei ihnen hoch angesehen. Diese Närrinnen.
Ein Ausbildungsunfall? Sie mußte lächeln. Ja, ein Ausbildungsunfall. Das hatte sie schon seit Jahren nicht mehr verwendet. Sie spitzte die Lippen, tauchte die Feder in das Tintenfaß und begann zu schreiben. Die Todesursache war ein Ausbildungsunfall mit dem Rada’Han. Jeder Zweig, habe ich die anderen Schwestern immer wieder gewarnt, mag noch so jung und biegsam sein, doch er wird brechen, wenn man ihn zu sehr biegt.
Wer wollte daran zweifeln? Sollten sie sich doch selbst den Kopf zerbrechen, wo der Fehler lag. Es würde sie daran hindern, allzutief zu graben — aus Angst, die Schuld könnte auf sie fallen. Während sie das Papier ablöschte, klopfte es leise an der Tür.
»Einen Augenblick, bitte.« Sie hielt eine Ecke des Briefes des Jungen in die Kerzenflamme, und als er fast verbrannt war, warf sie ihn in den erloschenen Kamin. Das aufgebrochene Siegel zerlief zu einer geschmolzenen roten Pfütze. Er würde keine Briefe mehr schreiben. »Herein.«