Die schwere, oben runde Tür öffnete sich weit genug, daß jemand den Kopf hereinstecken konnte.
»Ich bin’s, Schwester«, ließ sich eine leise Stimme aus dem Schatten vernehmen.
»Bleib nicht dort stehen wie eine Novizin, komm rein und schließ die Tür.«
Die Frau trat ein und schloß die Tür, nachdem sie den Kopf noch einmal hinausgesteckt hatte, um auf dem Gang nachzusehen. »Schwester…«
Ein Finger auf den Lippen und ein verärgertes Stirnrunzeln brachten sie zum Schweigen. »Keine Namen, wenn wir allein sind. Das habe ich dir doch schon gesagt.«
Die andere musterte die Wände, als erwartete sie, jemand könnte dort plötzlich hervorbrechen. »Aber du hast dein Zimmer doch gewiß abgeschirmt.«
»Natürlich ist es abgeschirmt. Aber es ist immer möglich, daß ein Luftzug die Worte zu den falschen Ohren trägt. Wenn das je passiert, dann wollen wir doch sicher nicht, daß unsere Namen mit hinausgetragen werden, oder?«
Die Augen der anderen suchten noch einmal hektisch die Wände ab. »Natürlich nicht. Du hast natürlich recht.« Sie rieb ihre Hände aneinander. »Irgendwann wird das nicht mehr nötig sein. Dieses Versteckspiel widert mich an. Eines Tages werden wir…«
»Was hast du herausgefunden?«
Sie sah zu, wie die Frau ihr Kleid an den Hüften glattstrich, sich dann mit den Fingern auf den Schreibtisch stützte und sich ein Stück nach vorn beugte. Ihre Augen hatten etwas Wildes, Durchdringendes. Es waren eigenartige Augen, blaß, blaßblau, mit dunkelvioletten Flecken. Es fiel ihr immer schwer, den Blick von diesen Augen zu wenden.
Sie beugte sich vor und meinte flüsternd: »Sie haben ihn gefunden.«
»Hast du das Buch gesehen?«
Sie nickte langsam. »Ich habe es gesehen. Während des Abendessens. Ich habe gewartet, bis die anderen beim Essen waren.« Sie setzte eine gleichmütige Miene auf. »Er hat das erste Angebot abgelehnt.«
Sie schlug mit der flachen Hand auf den Schreibtisch. »Was! Bist du sicher?«
»So stand es jedenfalls im Buch. Und nicht nur das, da stand noch mehr. Er ist erwachsen. Ein erwachsener Mann.«
»Erwachsen!« Sie mußte tief durchatmen, während sie die Schwester vor ihr musterte. »Welche Schwester war es?«
»Macht das einen Unterschied? Sie gehören doch alle zu uns.«
»Nein, das ist nicht wahr. Es war mir nicht möglich, drei von uns loszuschicken. Nur zwei. Eine gehört zu den Schwestern des Lichts.«
Die andere riß die Augen auf. »Wie konntest du das zulassen? So etwas Wichtiges wie das…«
Wieder landete ihre Hand klatschend auf der Schreibtischplatte. »Sei still!«
Ihr Gegenüber richtete sich auf und faltete die Hände. Sie zog einen leichten Schmollmund. »Es war Schwester Grace.«
Sie schloß die Augen und lehnte sich in ihrem Sessel zurück. »Schwester Grace war eine von uns«, sagte sie leise.
Die andere beugte sich wieder über den Schreibtisch. »Dann gehört nur eine der beiden übrigen zu uns. Aber welche? Schwester Elizabeth oder Schwester Verna?«
»Das brauchst du nicht zu wissen.«
»Warum nicht? Ich kann es nicht leiden, nie Bescheid zu wissen. Ich hasse es, wenn ich nicht weiß, ob die Schwester, mit der ich spreche, eine Schwester des Lichts ist oder eine von uns, eine Schwester der Finsternis…«
Sie schlug mit der Faust auf den Tisch und biß die Zähne zusammen. »Sprich das nie wieder laut aus«, zischte sie, »oder ich werde dich dem Unaussprechlichen in Einzelteilen schicken.«
Diesmal starrte die andere auf den Teppich und erbleichte. »Vergib mir«, bat sie leise.
»Keine lebende Schwester des Lichts sieht etwas anderes in uns als eine Legende. Sollte ihnen dieser Name je zu Ohren kommen, könnten sie vielleicht auf dumme Gedanken kommen. Du darfst diesen Namen nie, niemals, laut aussprechen. Sollten dir die Schwestern des Lichts jemals auf die Schliche kommen oder herausfinden, wem du dienst, legen sie dir einen Rada’Han um den Hals, bevor du Gelegenheit hast, auch nur zu schreien.«
Die andere fuhr sich mit den Händen an die Kehle und stieß einen unterdrückten Schrei aus. »Aber ich…«
»Du würdest dir selbst die Augen auskratzen, um nicht sehen zu müssen, wie sie Tag für Tag anrücken, um dich auszufragen. Aus diesem Grund sollst du die Namen der anderen nicht kennen, damit du sie nicht verraten kannst. Deswegen kennen sie deinen Namen nicht, damit sie dich nicht verraten können. Es soll uns alle schützen, damit wir dienen können. Der einzige Name, den du kennst, ist meiner.«
»Aber Schwester … Ich würde mir eher die Zunge abbeißen, als deinen Namen zu verraten.«
»Das sagst du jetzt. Doch hättest du den Rada’Han um deinen Hals, würdest du darum betteln, mich verraten zu dürfen, nur damit man ihn dir abnimmt … Aber es ist auch egal, ob ich dir vergebe. Enttäuschst du uns, wird der Namenlose alles andere als versöhnlich sein. Ein Blick in seine Augen läßt das, was man dir bei lebendigem Leib unter dem Rada’Han antun könnte, wie ein nettes Teestündchen erscheinen.«
»Aber ich diene … ich habe geschworen … ich habe meinen Eid geleistet.«
»Wer dient, der wird seinen Lohn erhalten, sobald der Namenlose vom Schleier befreit ist. Wer ihn enttäuscht oder bekämpft, wird eine ganze Ewigkeit Zeit haben, seinen Fehler zu bereuen.«
»Natürlich, Schwester.« Mittlerweile starrte sie wütend auf den Teppich. »Ich lebe nur, um zu dienen.« Sie faltete die Hände wieder. »Ich werde unseren Herrn und Meister nicht enttäuschen. Bei meinem Eid.«
»Bei deiner Seele.«
Sie hob trotzig den Blick. »Ich habe meinen Eid geleistet.«
Die andere nickte und lehnte sich in ihrem Sessel zurück. »So wie wir alle, Schwester.« Sie sah ihr einen Augenblick lang in die Augen. »Stand noch etwas in dem Buch?«
»Ich hatte nicht die Zeit, es gründlich zu lesen, doch ein paar andere Dinge sind mir aufgefallen. Er ist bei der Mutter Konfessor. Er ist ihr als Gatte versprochen.«
Sie runzelte die Stirn. »Die Mutter Konfessor.« Sie winkte ab. »Das ist kein Problem. Was noch?«
»Er ist der Sucher.«
Sie ließ ihre Hand auf den Schreibtisch krachen. »Verflucht sei das Licht!« Sie seufzte laut. »Der Sucher. Nun, damit werden wir schon fertig werden. Sonst noch was?«
Die andere nickte langsam und beugte sich weiter vor. »Er ist stark; er ist erwachsen, und doch haben ihm die Kopfschmerzen bereits zwei Tage nach Auslösen der Gabe das Bewußtsein geraubt.«
Die Schwester hinter dem Schreibtisch erhob sich aus ihrem Sessel. Diesmal war es an ihr, große Augen zu machen. »Zwei Tage«, hauchte sie. »Bist du sicher? Zwei Tage?«
Ihr Gegenüber zuckte mit den Achseln. »Ich erzähle dir nur, was in dem Buch stand. Ich weiß genau, was dort stand. Ich bin nicht sicher, ob es stimmt. Ich wüßte nicht, ob es stimmen könnte.«
Sie ließ sich in ihren Sessel zurücksinken. »Zwei Tage.« Sie starrte auf ihren Schreibtisch. »Je eher wir ihm den Rada’Han anlegen, desto besser.«
»In diesem Punkt wären sogar die Schwestern des Lichts mit dir einer Meinung. Es wurde übrigens eine Antwort zurückgeschickt. Von der Prälatin.«
Sie zog eine Braue hoch. »Die Prälatin hat selbst Anordnungen gegeben?«
Die andere nickte. »Ja.« Kaum hörbar fügte sie hinzu: »Ich würde gern wissen, ob sie mit uns oder gegen uns ist.«
Die Frage wurde übergangen. »Was hat sie gesagt?«
»Daß Schwester Verna ihn persönlich töten soll, falls er das dritte Angebot ablehnt. Hast du jemals eine solche Anordnung gehört? Wenn er wirklich so stark ist und beim dritten Mal ablehnt, wäre er doch ohnehin ein paar Wochen später tot. Warum sollte sie eine solche Anordnung geben?«
»Hast du je gehört, daß jemand das erste Angebot abgelehnt hätte?«
»Nein, ich glaube nicht.«
»Das ist eine der Regeln. Lehnt jemand mit der Gabe alle drei Angebote ab, muß er getötet werden, damit ihm das Leid und der Wahn am Ende erspart bleiben. Du hast eine solche Anordnung noch nie zuvor gehört, weil du noch nie erlebt hast, daß jemand das erste Angebot abgelehnt hat.«