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»Ich habe Zeit in den Archiven verbracht und die Prophezeiungen durchgesehen. Dort habe ich einen Hinweis auf die Regel gefunden. Die Prälatin kennt alle verborgenen, alten Regeln. Und sie hat Angst, schließlich hat sie die Prophezeiungen auch gelesen.«

»Angst?« fragte sie fassungslos. »Die Prälatin? Ihr hat noch nie irgend etwas angst gemacht.«

Sie nickte der Frau zu. »Aber jetzt hat sie Angst. Wie auch immer, es kommt uns gelegen. Entweder legt man ihm den Halsring an, oder er stirbt. Legt man ihm den Halsring an, werden wir uns auf unsere Weise um ihn kümmern, so wie wir es immer getan haben. Ist er tot, bleibt uns das erspart. Vielleicht wäre er besser tot. Vielleicht sollte er besser sterben, bevor die Schwestern des Lichts dahinterkommen, wer er ist — wenn sie es nicht längst wissen.«

Die andere beugte sich erneut über den Schreibtisch und senkte die Stimme. »Wenn sie es wissen oder herausfinden, dann gibt es auch unter den Schwestern des Lichts einige, die ihn töten würden.«

Die hinter dem Schreibtisch betrachtete einen Augenblick lang die violetten Flecken. »Da hast du allerdings recht.« Ein Lächeln machte sich auf ihrem Gesicht breit. »Was für ein gefährliches Dilemma wäre das für sie. Und was für eine herrliche Gelegenheit für uns.« Ihr Lächeln verschwand. »Was ist mit der anderen Sache?«

Die Frau richtete sich auf. »Ranson und Weber warten dort, wo du sie haben wolltest.« Sie verschränkte die Arme vor der Brust. »Sie waren ziemlich großspurig, weil sie alle Prüfungen bestanden hatten und morgen freigelassen werden sollen.« Ein sadistisches Grinsen huschte über ihre Lippen und ihre fleckigen Augen. »Ich habe sie mit einem kleinen Denkzettel daran erinnert, daß sie noch immer den Halsring tragen. Eigentlich müßten wir noch hier unten hören, wie ihre Knie schlottern.«

»Ich muß Unterricht erteilen. Den wirst du übernehmen. Sag ihnen, daß ich Berichte überarbeiten müsse. Ich werde nach unseren beiden Freunden sehen. Sie mögen vielleicht alle Prüfungen der Prälatin bestanden haben, aber noch nicht alle von mir. Einer muß einen Eid schwören. Und der andere…«

Sie beugte sich halb über den Tisch, mit Hunger in den fleckigen Augen. »Welcher? Welchen wirst du … Wie gern würde ich dabei zusehen. Oder helfen. Versprichst du, mir alles zu erzählen?«

Sie mußte über den Eifer der anderen lächeln. »Alles. Ich verspreche es. Vom Anfang bis zum Ende. Jeden einzelnen Schrei. Jetzt geh und übernimm den Unterricht für mich.«

Die Frau tänzelte durch die Tür wie ein aufgekratztes Schulmädchen. Sie war übereifrig. Diese Art von Eifer war gefährlich. Diese Art der Begierde ließ einen die Vorsicht vergessen, ließ einen Risiken eingehen. Sie holte ein Messer aus einer Schublade und notierte sich in Gedanken, sie in Zukunft seltener einzusetzen und ein Auge auf sie zu haben.

Vorsichtig prüfte sie die Schneide mit dem Daumen, stellte zufrieden fest, daß sie rasiermesserscharf war, und schob sich das Messer in den Ärmel — in den Ärmel ohne die Dacra. Sie nahm eine kleine, verstaubte Figur vom Regal und ließ sie in die Tasche gleiten. Bevor sie den Schreibtisch umrundet hatte und durch die Tür war, fiel ihr noch etwas ein. Sie machte kehrt und nahm einen kräftigen Stock an sich, der an der Seite ihres Schreibtisches lehnte.

Es war spät, und die Gänge waren ruhig und zumeist menschenleer. Trotz der Hitze zog sie das kurze dünne Baumwollgewand fester um ihre Schultern. Sie fröstelte beim Gedanken an den Neuen mit der Gabe. Erwachsen. Ein Mann.

Kopfschüttelnd schritt sie über die endlosen Teppiche, vorbei an Lampen in Halterungen, die man mitten in die verzierte Kirschbaumtäfelung eingelassen hatte, vorbei an Tischen, auf denen Trockenblumen standen, und vorbei an schwer verhangenen Fenstern, von denen man die Außenmauer und den Innenhof unten überschauen konnte. Die Lichter der fernen Stadt funkelten wie ein Sternenteppich. Durch die Fenster drang leicht modrig riechende Luft herein. Vermutlich war gerade Ebbe.

Die Putzfrauen, die hier einen Sessel, dort ein Geländer polierten, ließen sich in einen tiefen Hofknicks fallen, wenn sie vorübereilte. Sie nahm kaum Notiz von ihnen, und ganz gewiß schenkte sie ihnen keine Beachtung. Das wäre unter ihrer Würde gewesen.

Ein erwachsener Mann.

Beim Gedanken daran wurde ihr Gesicht heiß vor Zorn. Wie war das möglich? Jemand hatte einen schweren Fehler gemacht. Einen Fehler gemacht oder etwas übersehen. Das mußte es sein.

Ein Dienstmädchen auf Händen und Knien, das konzentriert an einem Fleck im Teppich rieb, hob gerade noch rechtzeitig den Kopf, um mit einem »Vergebt mir, Schwester« aus dem Weg zu springen. Auf Hände und Knie gestützt, berührte sie unter einer weiteren Entschuldigung den Boden mit der Stirn.

Ein erwachsener Mann. Es wäre schwierig genug gewesen, ihn umzudrehen, wäre er noch ein kleiner Junge. Aber als Mann? Sie schüttelte erneut den Kopf. Erwachsen. Niedergeschlagen schlug sie sich mit dem Stab auf die Schenkel. Zwei Dienstmädchen fuhren bei dem Geräusch zusammen, fielen auf die Knie und verbargen ihr Gesicht hinter zum Gebet gefalteten Händen.

Erwachsen oder nicht, er würde einen Rada’Han um den Hals bekommen, und ein ganzer Palast voller Schwestern würde ihn bewachen. Doch selbst mit einem Rada’Han war er noch immer ein erwachsener Mann. Und der Sucher. Vielleicht würde es schwierig, ihn zu kontrollieren. Gefährlich schwierig.

Falls erforderlich, konnte es mal wieder zu einem ›Ausbildungsunfall‹ kommen. Und wenn nicht das, so gab es für jemanden mit der Gabe gewiß noch genügend andere Gefahren, die ihm Schlimmeres als den Tod bescheren konnten. Wenn sie ihn aber umdrehen und ihn benutzen konnte, dann hätte sich all die Mühe gelohnt.

Sie bog in einen Gang ein, den sie zuerst für leer gehalten hatte, dann bemerkte sie eine junge Frau, die im Schatten zwischen zwei Lampen stand und aus dem Fenster blickte. Sie glaubte sie zu kennen. Eine der Novizinnen. Sie blieb hinter der jungen Frau stehen und verschränkte die Arme. Die Novizin tappte mit dem Fuß auf den Boden, während sie sich, auf die Ellenbogen gestützt, aus dem Fenster lehnte und das Tor unten beobachtete.

Auf ein Räuspern hin fuhr die junge Frau herum und sank in einen Hofknicks nieder.

»Vergib mir, Schwester, ich habe dich nicht kommen hören. Einen guten Abend wünsche ich dir.«

Als die junge Frau den Blick wieder hob und sie aus großen braunen Augen ansah, schob sie ihr das Ende des Stabes unters Kinn und hob es noch ein wenig höher. »Pasha, nicht wahr?«

»Ja, Schwester. Pasha Maes. Novizin im dritten Rang. Die als nächste ernannt werden wird.«

»Als nächste«, schnaubte sie verächtlich. »Mutmaßungen, Liebes, stehen einer Schwester nicht zu, und erst recht keiner Novizin. Nicht einmal einer im dritten Rang.«

Pasha schlug die Augen nieder und machte einen Knicks — so gut das mit dem Stab unter ihrem Kinn möglich war. »Ja, Schwester. Vergib mir.«

»Was tust du hier?«

»Ich schaue bloß hinaus, Schwester. Hinaus in die Nacht.«

»Du schaust hinaus in die Nacht? Ich würde sagen, du beobachtest das Tor. Irre ich mich, Novizin?«

Pasha versuchte, den Blick zu senken, doch der Stock hob ihr Kinn, so daß sie ihre Vorgesetzte ansehen mußte. »Nein, Schwester«, gestand sie, »du täuschst dich nicht. Ich habe tatsächlich das Tor beobachtet.« Sie leckte sich mehrmals über ihre vollen Lippen.

Schließlich sprudelten die Worte nur so hervor. »Ich habe etwas gehört, was man sich unter den Mädchen so erzählt. Es heißt, na ja, es heißt, drei der Schwestern seien jetzt schon lange fort, und das könne nur bedeuten, daß sie einen mit der Gabe hierherbringen. Einen Neuen. In all den Jahren, die ich hier bin, habe ich noch nie gesehen, wie man einen Neuen hergebracht hat.« Sie leckte sich wieder ihre Lippen. »Na ja, ich bin … ich meine … hoffentlich bin ich die nächste. Und wenn ich tatsächlich ernannt werden sollte, dann muß ich einen Neuen zugeteilt bekommen.« Sie knetete ihre Finger. »Ich wünsche mir so sehr, zur Schwester ernannt zu werden. Ich habe hart studiert, hart gearbeitet. Gewartet und gewartet. Und immer noch ist kein Neuer gekommen. Vergib mir, Schwester, aber ich kann nicht anders, ich bin einfach aufgeregt und hoffe, mich würdig zu erweisen. Ja, ich habe das Tor beobachtet, in der Hoffnung, zu sehen, wie ein Neuer hergebracht wird.«