»Und du hältst dich stark genug für diese Aufgabe? Für einen Neuen?«
»Ja, Schwester. Ich studiere und übe meine Formeln jeden Tag.«
Sie rümpfte die Nase und blickte auf die Novizin herab. »Tatsächlich? Zeig es mir.«
Die beiden starrten sich an. Plötzlich spürte sie, wie ihre Füße ein paar Zentimeter vom Boden gehoben wurden. Ein fester Luftgriff, kräftig. Nicht schlecht. Sie fragte sich, ob die Novizin wohl der Interferenz fähig wäre. Parallel zu diesem Gedanken brach an beiden Enden der Halle ein Feuer aus und raste mit Geheul auf die beiden Frauen zu. Pasha zuckte nicht mit der Wimper. Das Feuer prallte gegen eine Wand aus Luft, bevor es sie erreichte. Luft war nicht das beste, um Feuer abzuhalten. Ein kleiner Fehler, den Pasha schnell korrigierte. Bevor das Feuer durchbrannte, wurde die Luft feucht, triefend. Das Feuer erlosch zischend.
Obwohl sie nicht versuchte, sich zu bewegen, wußte sie, daß sie es nicht konnte. Sie spürte, daß der Griff sie festhielt. Sie machte den Griff kalt, spröde wie Eis, dann brach sie ihn. Als sie sich befreit hatte, hob sie Pasha vom Boden hoch. Verteidigungsnetze des Mädchens verflochten sich mit ihrem schlangengleichen Ansturm, doch es gelang ihnen nicht, ihren Zugriff zu brechen. Ihre Füße hoben sich erneut. Eindrucksvoll — das Mädchen konnte sogar kontern, wenn es festgehalten wurde.
Die Zauberkräfte verflochten sich, kollidierten, kämpften miteinander, verfilzten sich zu Knoten. Die beiden nahmen es miteinander auf, wehrten sich, schlugen zurück, sobald sich eine Gelegenheit bot. Der stumme, bewegungslose Kampf tobte eine Zeitlang weiter, während die beiden ein paar Zentimeter über dem Boden schwebten.
Schließlich war sie den Wettkampf leid, trennte sich aus den Netzen, verband sie mit dem Mädchen und schloß es darin ein. Sie landete sanft auf dem Boden und überließ es Pasha, sich mit dem gesamten Gewicht der Ladung abzumühen. Eine einfache, wenn auch krumme Art, sich aus der Affäre zu ziehen. Indem man seinem Gegner nicht nur die Angriffszauberkräfte aufhalste, sondern auch die eigenen. Pasha traf dies unvorbereitet, und sie konnte sich dagegen nicht wehren. So hatte man das ihr nicht beigebracht.
Der Schweiß lief der Novizin herunter, und sie verzog leicht das Gesicht. Die Kräfte, die hier im Gang wirkten, bogen die Teppichecken hoch. Lampen zersprangen in ihren Halterungen. Pasha wurde wütend. Sie legte die Stirn in Falten. Mit einem lauten Krachen, das einen Spiegel am anderen Ende des Gangs zerspringen ließ, brach sie den Bann. Ihre Pantoffelfüße landeten auf dem Boden.
Pasha mußte ein paarmal tief durchatmen. »So etwas habe ich vorher noch nie gesehen, Schwester. Das entspricht nicht den … Regeln.«
Sie schob der anderen den Stab erneut unters Kinn. »Regeln sind etwas für Kinderspiele. Du bist kein Kind mehr. Wenn du eine echte Schwester bist, mußt du dich mit Situationen auseinandersetzen, für die es keine Regeln gibt. Du mußt darauf vorbereitet sein. Wenn du dich immer an irgend jemandes ›Regeln‹ hältst, wirst du dich vielleicht an der Spitze eines sehr scharfen Messers wiederfinden — das von einer Hand gehalten wird, die nichts von deinen ›Regeln‹ weiß.«
Pasha zuckte mit keiner Wimper. »Ja, Schwester. Danke, daß du es mir gezeigt hast.«
Insgeheim mußte sie lächeln, hütete sich aber davor, es sich anmerken zu lassen. Das Mädchen hatte Rückgrat, wenn auch nur wenig. Eine seltene Eigenschaft bei einer Novizin, selbst bei einer dritten Ranges.
Sie ließ ihren Blick erneut über Pasha schweifen: weiches, braunes Haar, das gerade ihre Schultern berührte, große, braune Augen, ein hübsches Gesicht, Lippen von der Art, wie sie Männer liebten, stolze, erhobene Schultern und eine Figur, die nicht einmal das Novizenkleid verhüllen konnte.
Sie strich Pasha mit dem Stab übers Kinn, dann den Hals hinunter, bis tief hinein in die deutlich sichtbare Kerbe ihres Busens.
Ein erwachsener Mann.
»Und seit wann, Pasha«, sagte sie mit einer Stimme, die beides hätte sein können, bedrohlich oder freundlich, »ist es Novizinnen erlaubt, ihr Kleid derart aufgeknöpft zu tragen?«
Pasha errötete aufs heftigste. »Vergib mir, Schwester. Die Nacht ist so warm. Ich war allein … ich dachte nicht, daß jemand in der Nähe ist. Ich wollte nur meine Haut in der Brise kühlen.« Ihr Gesicht wurde noch röter. »Ich schwitze an dieser Stelle so. Ich hatte nie die Absicht, jemanden verlegen zu machen. Vergib mir.«
Pasha griff hastig nach den Knöpfen. Mit dem Stab schob sie die Hände sacht von der Wölbung des Busens der jungen Frau fort.
»Der Schöpfer hat dich so erschaffen. Warum solltest du dich einer Sache schämen, die dir der Schöpfer in seiner ganzen Weisheit hat zuteil werden lassen? Pasha, du solltest dich niemals dessen schämen, womit Er dich gesegnet hat. Nur jemand, dessen Loyalität dem Schöpfer gegenüber fragwürdig ist, wird dich dafür tadeln, daß du das Wirken des Schöpfers voller Stolz in seiner ganzen Größe zeigst.«
»Aber … danke, Schwester. So hab’ ich das noch nie betrachtet.« Eine Frage legte ihre Stirn in Falten. »Was meinst du mit ›fragwürdiger Loyalität‹?«
Sie zog den Stab zurück und zog eine Braue hoch. »Wer den Namenlosen verehrt, verbirgt sich nicht im Schatten, Liebes. Sie können überall sein. Ja, selbst du könntest eine von ihnen sein. Sogar ich.«
Pasha fiel auf ein Knie und senkte den Kopf. »Oh, bitte, Schwester«, flehte sie, »sag so etwas nicht von dir, nicht einmal im Scherz. Du bist eine Schwester des Lichts, und wir befinden uns im Palast der Propheten und in Sicherheit vor dem Namenlosen, wie ich hoffe.«
»In Sicherheit?« Sie gab der Novizin ein Zeichen mit dem Stab, sie solle sich erheben. Als sie aufgestanden war, warf sie ihr einen strengen Blick zu. »Nur eine Närrin glaubt sich in Sicherheit, selbst hier. Die Schwestern des Lichts sind keine Närrinnen. Selbst sie müssen immer wachsam vor der Finsternis sein.«
»Ja, Schwester. Ich werde daran denken.«
»Denke jedesmal daran, wenn dir jemand Schani einreden will, weil dein Schöpfer dich so erschaffen hat. Frage dich selbst, wieso sie angesichts des Werks des Schöpfers erröten. So erröten wie der Namenlose.«
»Ja, Schwester, danke«, stammelte sie. »Du hast mir einiges gegeben, über das ich nachdenken muß. So habe ich den Schöpfer noch nie betrachtet.«
»Er hat seine Gründe für das, was er tut. Nicht wahr?«
»Wie meinst du das?«
»Nun, wenn er einem Mann einen kräftigen Rücken gibt, was besagt das?«
»Das weiß jeder. Er hat den kräftigen Rücken bekommen, damit er ihn benutzt. Es bedeutet, daß der Schöpfer ihm den kräftigen Rücken gegeben hat, damit er arbeiten und seine Familie ernähren kann. Damit er arbeitet und sein Auskommen hat. Damit der Schöpfer stolz auf ihn ist. Und nicht, damit er faul ist und das Geschenk des Schöpfers vergeudet.«
Die Schwester wedelte mit dem Stab vor Pasha hin und her. »Und was, glaubst du, hat der Schöpfer sich gedacht, als er dir diesen Körper gegeben hat?«
»Ich … ich weiß es nicht … genau. Damit ich ihn benutze … um den Schöpfer … irgendwie … stolz zu machen auf sein Werk?«
Sie nickte. »Denk darüber nach. Denk darüber nach, weshalb du hier bist. In dieser Zeit. Wir sind alle aus einem bestimmten Grund hier. Die Schwestern des Lichts sind aus einem bestimmten Grund hier, nicht wahr?«
»Aber ja, Schwester. Wir sind hier, um die auszubilden, die die Gabe besitzen, ihnen beizubringen, wie man sie benutzt, und sie so anzuleiten, daß sie das Raunen des Namenlosen nicht hören, sondern nur ihren Schöpfer.«
»Und wie können wir das tun?«
»Man hat uns das Geschenk gemacht, Magierinnen zu sein, damit wir sie anleiten.«