»Und wenn der Schöpfer so weise war, dir dieses Geschenk zu machen, das Geschenk, eine Magierin zu sein, meinst du nicht auch, daß er dir dann auch dein Aussehen aus einem bestimmten Grund gegeben hat? Weil es vielleicht zu deiner Berufung als Schwester des Lichts gehört? Weil du es benutzen sollst, um ihm zu dienen?«
Pasha starrte vor sich hin. »Also, so habe ich das noch nie betrachtet. Und wie soll mein Aussehen nützlich sein?«
Sie zuckte mit den Achseln. »Die Wege des Schöpfers sind unergründlich. Wenn es ihm beliebt, offenbart er sich uns.«
»Ja, Schwester.« Ihre Stimme klang unsicher.
»Pasha, wenn du einen Mann siehst, den der Schöpfer mit einem guten Aussehen gesegnet hat, einem schön geformten Körper, was denkst du dann? Was empfindest du?«
Pasha wurde rot. »Ich … manchmal … manchmal fängt mein Herz an zu rasen. Nehme ich an. Ich fühle mich … gut. Voller Sehnsucht.«
Endlich gestattete sich die Schwester ein dünnes Lächeln. »Es gibt keinen Grund zu erröten, Liebes. Jeder sehnt sich danach, etwas zu berühren, das die Hand des Schöpfers hervorgebracht hat. Meinst du nicht, es gefällt dem Schöpfer, daß du sein Werk zu schätzen weißt? Meinst du nicht, er möchte, daß dir gefällt, was er geschaffen hat? Damit du es genießt? Genauso genießen Männer es, deine Schönheit zu bewundern, und sie sehnen sich danach, ein Werk aus der Hand des Schöpfers zu berühren. Es wäre ein Verbrechen gegen den Schöpfer, von dem, was er dir gegeben hat, nicht zu seinem Lob Gebrauch zu machen.«
Pasha lächelte schüchtern. »So habe ich das wirklich noch nie betrachtet. Du hast mir eine neue Sicht geschenkt, Schwester. Je mehr ich lerne, desto weniger scheine ich zu wissen. Hoffentlich werde ich eines Tages als Schwester des Lichts nur halb so weise sein wie du.«
»Das Wissen kommt, wann es ihm beliebt, Pasha. Die Lektionen des Lebens ereilen einen in den überraschendsten Augenblicken. Wie zum Beispiel heute abend.« Sie deutete mit dem Stab aufs Fenster. »Hier stehst du, schaust aus einem Fenster und hoffst, etwas Bestimmtes zu erfahren, und dann lernst du etwas viel Wichtigeres.«
Pasha legte der Schwester die Hand auf den Arm. »Ich danke dir, Schwester, daß du dir die Zeit genommen hast, mir etwas beizubringen. So offen hat noch keine Schwester zu mir gesprochen.«
»Dies, Pasha, ist eine Lektion, die nicht im Lehrplan des Palastes steht. Es ist eine Lektion, über die der Namenlose sehr verärgert wäre, also behalte sie für dich. Wenn du über das nachdenkst, was ich dir gesagt habe, und das Werk des Schöpfers sich offenbart, wirst du besser verstehen, wie es ist, für ihn zu arbeiten. Und wenn du ein tieferes Verständnis suchst, dann bin ich immer hier, um dich zu führen. Aber halte unser Gespräch vor anderen geheim. Wie ich schon sagte, man kann nie wissen, wer den Eingebungen des Namenlosen lauscht.«
Pasha machte einen Knicks. »Das werde ich, Schwester. Danke.«
»Eine Novizin wird zahlreichen Prüfungen unterzogen. Prüfungen, die der Palast ersonnen hat. Dabei sind Regeln zu befolgen. Die letzte Prüfung, um als Schwester des Lichts ernannt zu werden, besteht darin, mit einem Neuen betraut zu werden. In dieser, der abschließenden Prüfung, gelten die Regeln nicht immer. Neue können unberechenbar sein. Das heißt aber nicht, daß sie schlecht sind.«
»Unberechenbar?«
»Natürlich. Sie kommen her, herausgerissen aus ihrem vertrauten Leben, und werden an einen neuen Ort verfrachtet, mit neuen Anforderungen, die sie nicht begreifen. Sie können rebellisch sein, schwer zu beherrschen. Das liegt daran, daß sie Angst haben. Wir müssen geduldig sein.«
»Angst …? Vor den Schwestern? Und dem Palast?«
»Hast du keine Angst gehabt, als du hierhergekommen bist? Nur ein wenig?«
»Nun ja, vielleicht ein wenig. Aber es war mein Traum, hierherzukommen. Ich wollte es mehr als alles andere.«
»Für die Neuen ist es nicht unbedingt ihr Traum. Sie sind verwirrt durch ihre Kraft. Deine ist mit dir zusammen gewachsen. Du warst daran gewöhnt, sie war ein Teil von dir. Bei ihnen kommt sie manchmal plötzlich, unerwartet. Es ist nichts, was sie geplant oder gewollt hätten. Der RadaHan kann diese Kraft auslösen, und auch er ist für sie neu. Das kann beängstigend sein. Die Angst läßt sie manchmal dagegen ankämpfen. Und gegen uns.
Deine Arbeit, deine Aufgabe als Novizin dritten Ranges ist es, sie zu ihrem eigenen Besten zu beherrschen, bis sie von den Schwestern unterrichtet werden. In all deinen anderen Lektionen hat es Regeln gegeben. In dieser gibt es manchmal keine. Die Neuen wissen noch nichts von unseren Regeln. Sie können schwer zu kontrollieren sein, wenn du nur den Regeln folgst, die du schon kennst. Manchmal reicht der Halsring nicht. Du mußt alles benutzen, was der Schöpfer dir mitgegeben hat. Du mußt in der Lage sein, alles Erforderliche zu tun, um den Willen dieser unausgebildeten Zauberer zu beherrschen. Dies ist die wahre und letzte Prüfung, um Schwester zu werden. Es ist schon vorgekommen, daß Novizinnen in dieser letzten Prüfung versagt haben und aus dem Palast gewiesen wurden.«
Pasha hatte die Augen aufgerissen. »Davon habe ich noch nie gehört.«
Sie zuckte mit den Achseln. »Dann war ich dir eine Hilfe. Ich bin froh, daß der Schöpfer mich ausersehen hat, dir zu helfen. Vielleicht haben dir andere den Erfolg nicht gegönnt und haben sich deshalb zurückgehalten. Vielleicht tätest du gut daran, mit deinen Fragen über jeden Neuen, der dir zugeteilt wird, zu mir zu kommen.«
»Aber ja. Danke für deine Hilfe, Schwester. Ich muß zugeben, es macht mir Sorge, daß Neue unberechenbar sein können. Wahrscheinlich habe ich mir immer vorgestellt, daß sie erpicht sein müßten, zu lernen, und daß es eine Freude ist, ihnen etwas zu zeigen und beim Lernen zu helfen.«
»Jeder ist anders. Manche sind so einfach wie ein Säugling in der Wiege. Andere werden deinen Scharfsinn auf die Probe stellen. Ich habe sogar alte Aufzeichnungen gesehen, in denen von Neuen die Rede ist, die die Gabe ausgelöst haben, bevor wir sie erreichen konnten, bevor wir ihnen den Rada’Han umlegen und ihnen helfen konnten.«
»Nein … Das muß ja fürchterlich für sie gewesen sein — daß ihre Kraft ohne unsere Anleitung erweckt wurde.«
»Ganz recht. Und Angst kann sie schwierig für uns machen, wie gesagt. Ich habe sogar einen alten Bericht von jemandem gesehen, der den Halsring beim ersten Angebot verweigert hat.«
Pasha schlug die Hand vor den Mund, ihr Atem stockte. Dann nahm sie die Hand wieder fort. »Aber … das bedeutet … eine der Schwestern…«
Sie nickte ernst. »Dies ist der Preis, den wir alle zu zahlen bereit sind. Wir tragen eine große Verantwortung.«
»Aber warum haben seine Eltern ihn nicht dazu bewegen können, das Angebot anzunehmen?«
Die Schwester beugte sich vor und senkte die Stimme. »In dem Bericht, den ich gesehen habe, war es ein Erwachsener, der die Gabe besaß. Ein Mann.«
Pasha starrte sie ungläubig mit großen Augen an. »Ein Mann …?« wiederholte sie leise. »Wenn schon ein Junge schwierig zu beherrschen sein kann … was ist dann mit einem erwachsenen Mann?«
Die Schwester warf der Novizin einen gleichmütigen Blick zu. »Wir sind hier, um im Namen des Schöpfers zu dienen. Man kann nie wissen, was der Schöpfer in seinem Plan vorgesehen hat, warum er dich so ausgestattet hat, wie du bist. Eine Novizin, der man einen Neuen anvertraut hat, muß alle Mittel nutzen, die ihr der Schöpfer mitgegeben hat. Der Halsring genügt nicht immer. Man weiß nie ganz genau, was notwendig sein wird. Die Regeln können übertreten werden.
Willst du noch immer eine Schwester des Lichts werden? Auch wenn du weißt, daß man dir einen Neuen zuteilen kann, der vielleicht schwieriger ist als alle, die je eine Novizin bekommen hat?«
»Aber ja! Ja doch, Schwester. Wenn der Neue schwierig ist, dann weiß ich, daß es sich um eine Prüfung des Schöpfers handelt, ob ich mich wirklich würdig erweise. Ich werde ihn nicht enttäuschen. Ich werde tun, was getan werden muß. Ich werde alles anwenden, was ich gelernt habe, alles, was der Schöpfer mir mitgegeben hat. Ich werde wachsam darauf achten, daß er vielleicht aus einem anderen Land kommt oder fremdartige Gebräuche kennt, ängstlich, voller Kummer oder unberechenbar ist. Und daß ich vielleicht meine eigenen Regeln aufstellen muß, um Erfolg zu haben.« Sie zögerte. »Und wenn du so freundlich wärst und mir tatsächlich helfen würdest, dann werde ich bestimmt niemanden enttäuschen.«