Sie nickte und sah sie lächelnd an. »Du hast mein Wort darauf. Und darauf kannst du dich verlassen, wie schwierig es auch werden wird.« Sie runzelte nachdenklich die Stirn. »Vielleicht bist du deshalb mit deinem Aussehen gesegnet, damit ein Neuer durch dich die Schönheit des Schöpfers erkennt — durch sein Werk. Vielleicht sollst du auf diese Weise einem Neuen den Weg weisen.«
»Es wäre mir in jedem Fall eine Ehre, einem Neuen das Licht im Werk des Schöpfers zu zeigen.«
»Da hast du allerdings recht, Liebes.« Sie richtete sich auf und faltete die Hände. »Gut. Ich möchte, daß du zur Herrin der Novizinnen gehst und ihr sagst, du hättest zuviel freie Zeit und würdest mit dem morgigen Tag gern ein paar neue Aufgaben übernehmen. Sag ihr, du hättest zuviel Zeit darauf verschwendet, aus dem Fenster zu schauen.«
Pasha neigte den Kopf und machte abermals einen Knicks. »Ja, Schwester«, meinte sie unterwürfig.
Die Schwester lächelte, indes die Novizin den Kopf hob. »Auch ich habe gehört, daß drei der Schwestern nach einem Neuen mit der Gabe suchen. Ich denke, es wird noch eine Weile dauern, bis sie mit ihm zurückkehren — wenn überhaupt –, und wenn sie ihn mitbringen, werde ich die Prälatin daran erinnern, daß du als nächste an der Reihe bist und für diese Aufgabe bereitstehst.«
»Oh, danke, Schwester! Danke!«
»Du bist eine nette junge Frau, Pasha. Der Schöpfer hat in dir wahrhaftig die Schönheit seiner Schöpfung offenbart.«
»Danke, Schwester«, sagte sie, ohne rot zu werden.
»Bedanke dich bei unserem Schöpfer.«
»Bestimmt, Schwester. Schwester? Bevor der Neue hergebracht wird, könntest du mir noch mehr darüber beibringen, was der Schöpfer für mich vorgesehen hat? Mir helfen, es zu verstehen?«
»Wenn du möchtest.«
»Aber ja. Ganz bestimmt.«
Sie tätschelte Pasha die Wange. »Natürlich, Liebes. Natürlich.« Dann richtete sie sich auf. »Und jetzt ab mit dir zur Herrin der Novizinnen. Ich werde nicht zulassen, daß eine zukünftige Schwester nichts Besseres zu tun hat, als aus dem Fenster zu schauen.«
»Ja, Schwester.« Pasha machte lächelnd einen Knicks und lief den Gang hinunter. Dann blieb sie stehen und drehte sich noch einmal um. »Schwester … ich fürchte, ich weiß gar nicht deinen Namen.«
»Geh!«
Pasha zuckte zusammen. »Ja, Schwester.«
Sie sah den Schwung von Pashas runden Hüften, als diese schnellen Schritts den Gang hinunterlief und dabei die aufgerollten Teppichecken glatt trat. Das Mädchen hatte wunderschöne Fesseln.
Ein erwachsener Mann.
Sie nahm ihre Gedanken zusammen und setzte ihren Weg durch Gänge und Treppenhäuser fort. Als sie weiter nach unten kam, wurden aus Holztreppen steinerne. Die Hitze ließ nach, wenn auch nicht die Stickigkeit oder der Geruch der Watten. Der warme Schein der Lampen wich zunehmend dem flackernden Schatten weit voneinander entfernter Fackeln. Personal des Palastes war immer seltener zu sehen, bis ihr niemand mehr begegnete. Sie stieg weiter hinab in die untersten Stockwerke, unter die staubigen Lagerräume, unter die Quartiere der Dienerschaft und die Werkstätten. Die Fackeln hingen in immer größeren Abständen an den Wänden, und schließlich gab es gar keine mehr. Sie entzündete einen Feuerball in ihrer Handfläche und hielt ihn in die Höhe, um Licht zu haben.
Als sie die richtige Tür erreicht hatte, schickte sie die Flamme in eine erkaltete Fackel in einer Halterung gleich neben dem Eingang. Der gemauerte Raum war klein. Es war irgendein aufgegebener Keller, leer bis auf das verfaulte Stroh auf dem Boden, eine brennende Fackel und die beiden Zauberer. Ein unangenehmer Geruch von brennendem Pech und feuchtem Moder erfüllte die Luft.
Bei ihrem Eintreten erhoben sich die beiden leicht schwankend. Sie trugen die schlichten Gewänder, die ihrem hohen Rang geziemten. Beide hatten ein dümmliches Halbgrinsen im Gesicht stehen. Kein Zeichen der Aufsässigkeit, wie sie erkannte, sondern die beiden hatten getrunken. Wahrscheinlich, um ihre letzte Nacht im Palast der Propheten zu feiern. Ihre letzte Nacht bei den Schwestern des Lichts. Die letzte Nacht, in der sie den Rada’Han trugen.
Die beiden Männer waren miteinander befreundet, seit man sie als kleine Jungen fast gleichzeitig in den Palast gebracht hatte. Sam Weber war ein einfacher Mann von durchschnittlichem Wuchs mit lockigem hellbraunem Haar und einem sauber rasierten Kinn, das zu groß schien für sein weichgeschnittenes Gesicht. Neville Ranson war etwas größer, hatte glattes schwarzes Haar, das kurzgeschnitten war und eng anlag. Er trug einen kurzen, gepflegten Bart, in dem sich die ersten grauen Stellen zeigten. Seine Augen waren fast so dunkel wie sein Haar. Neben seinem weichlichen Freund wirkten seine Gesichtszüge um so markanter.
Immer schon war sie der Ansicht gewesen, daß er zu einem ansehnlichen Mann herangewachsen war. Sie kannte ihn, seit er als kleiner Junge in den Palast gekommen war. Damals war sie Novizin gewesen, und man hatte ihn ihr zugeteilt, in ihre Obhut übergeben — ihre endgültige Prüfung als Schwester des Lichts. Das war lange her.
Zauberer Ranson schwenkte den Arm vor seiner Körpermitte und machte eine übertriebene, wenn auch wankende Verbeugung. Als er sich wieder aufrichtete, wurde sein Grinsen noch breiter. Immer wenn er grinste, bekam sein Gesicht etwas Jungenhaftes, trotz seiner Jahre und dem beginnenden Grau.
»Einen guten Abend, Schwester…«
Sie zog ihm den Stab mit einem Rückenhandschlag, so fest sie konnte, durchs Gesicht. Sie spürte, wie sein Wangenknochen brach. Er sackte mit einem Aufschrei zu Boden.
»Ich habe es dir schon mal gesagt«, preßte sie zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor, »sprich meinen Namen niemals aus, wenn wir allein sind. Betrunken zu sein ist keine Entschuldigung.«
Zauberer Weber stand starr wie Stein, mit aufgerissenen Augen. Sein Gesicht war blaß, das Grinsen verschwunden. Ranson wälzte sich mit den Händen vorm Gesicht auf dem Boden und hinterließ eine blutige Spur im Stroh.
Die Röte schoß Weber ins Gesicht. »Wie kannst du es wagen? Wir haben alle Prüfungen bestanden! Wir sind Zauberer!«
Sie jagte einen Energiestoß in den Rada’Han. Der Aufprall schleuderte den Mann rücklings an die Mauer, wo der Halsring wie ein Nagel an einem Magnet haftenblieb. »Die Prüfungen bestanden! Meine Prüfungen habt ihr nicht bestanden!« Sie verdrehte Weber den Hals, bis ihm vor Qual die Luft wegblieb. »Sprecht ihr so etwa mit einer Schwester? Ist das die Art, wie ihr Respekt bekundet?«
Sie beendete den Energiestoß, und Weber sackte ächzend auf dem Boden zusammen. Er hatte Mühe, sich auf die Knie zu bringen.
»Vergebt mir, Schwester«, stieß er mit gequälter, heiserer Stimme hervor. »Ich flehe Euch an, vergebt uns die Respektlosigkeit.« Er hob vorsichtig den Kopf und begegnete ihrem wutentbrannten Blick. »Das war nur der Schnaps, der aus uns gesprochen hat. Vergebt Ihr uns? Bitte!«
Sie stand da, die Hände in die Hüften gestemmt, und sah ihn an. Mit dem Stab zeigte sie auf den sich am Boden wälzenden, stöhnenden Mann. »Heile ihn. Für diesen Unsinn fehlt mir die Zeit. Ich bin gekommen, um euch zu prüfen, und nicht, um mir sein Gejammer und Gegreine wegen dieses kleinen Klapses anzuhören.«
Weber beugte sich über seinen Freund und wälzte ihn vorsichtig auf den Rücken. »Alles in Ordnung, Neville. Ich helfe dir. Lieg still.«
Er nahm dem Mann die zitternden Hände vom Gesicht und ersetzte sie durch seine eigenen. Dann begann er zu sprechen, ihn zu heilen. Sie wartete ungeduldig mit verschränkten Armen. Es dauerte nicht lange. Weber war ein talentierter Heiler. Er half seinem Freund, sich aufzusetzen, dann wischte er ihm mit Stroh das Blut von der verheilten Wunde.