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Ranson erhob sich auf die Füße. In seinen Augen blitzte Wut auf, aus seiner Stimme hielt er den geringsten Anflug davon fern. »Vergebt mir, Schwester. Was wollt Ihr?«

Weber rappelte sich neben ihm auf. »Bitte, Schwester, wir haben alles getan, was die Schwestern von uns verlangt haben. Wir sind fertig.«

»Fertig? Fertig? Wohl kaum. Habt ihr vergessen, was wir besprochen haben? Habt ihr vergessen, was ich euch gesagt habe? Habt ihr geglaubt, ich würde nicht mehr daran denken? Und euch einfach hier herausspazieren lassen? Frei wie Vögel? Hier kommt keiner so leicht raus. Der Eid steht noch aus.«

Die beiden sahen sich an und wichen einen halben Schritt zurück.

»Wenn Ihr uns nur gehen laßt«, bot Weber an, »werden wir Euch auch den Eid schwören.«

Sie sah beide einen Augenblick lang an, dann kam leise ihre Stimme. »Mir einen Eid schwören? Mir braucht ihr keinen Eid zu schwören, Jungs. Der Eid gilt dem Hüter. Das wißt ihr doch.« Die beiden erbleichten. »Und auch erst dann, wenn einer von euch die Prüfung bestanden hat. Nur einer von euch braucht diesen Eid zu leisten.«

»Nur einer?« fragte Ranson. Er mußte schlucken. »Nur einer von uns braucht den Eid zu schwören? Warum nur einer?«

»Weil der andere«, sagte sie leise, »keinen Eid zu leisten braucht. Denn er wird sterben.«

Den beiden stockte kurz der Atem, sie rückten enger aneinander.

»Was ist das für eine Prüfung?« erkundigte sich Weber.

»Zieht eure Gewänder aus, dann fangen wir an.«

Sie sahen sich kurz an. Ranson hob ein Stück weit seine Hand. »Unsere Gewänder, Schwester? Jetzt? Hier?«

Sie sah die beiden nacheinander an. »Nur keine Scheu, Jungs. Ich habe euch zwei schon nackt im See schwimmen sehen, als ihr noch so klein wart.« Sie hielt ihre Hand knapp unter ihre Hüfte.

»Aber damals waren wir noch Kinder«, beklagte sich Weber. »Seit wir erwachsen sind, nicht mehr.«

Sie warf ihnen einen finsteren Blick zu. »Zwingt mich nicht, es euch noch einmal zu sagen. Beim nächsten Mal brenne ich sie euch vom Leib.«

Die beiden zuckten zusammen und zogen sich die Gewänder über den Kopf. Sie sah sich die beiden von Kopf bis Fuß an, nur um ihnen zu zeigen, wie sehr ihr ihre Widerworte mißfielen. Die beiden Männer wurden im Schein der Fackeln rot.

Mit einer schnellen Bewegung des Handgelenks hielt sie ein Messer in der Hand. »Los, an die Wand. Beide.«

Als sie sich nicht rasch genug bewegten, benutzte sie die Halsringe, um sie krachend gegen die Wand zu schleudern. Mit einem Energiestoß in jeden Rada’Han heftete sie sie bewegungslos an das Gestein. Sie wurden an die Wand gepreßt und konnten nicht einmal den kleinen Finger bewegen.

»Bitte, Schwester«, meinte Ranson leise, »bitte bringt uns nicht um. Wir machen alles. Alles.«

Sie sah zu ihm hinüber. »Das werdet ihr, allerdings. Wenigstens einer von euch. Aber wir sind noch nicht beim Eid angelangt. Jetzt haltet eure Zunge still, sonst besorge ich das.«

Die beiden klebten hilflos an der Wand. Zuerst ging sie zu Weber. Sie drückte ihm die Spitze der Klinge oben in die Brust und zog sie ganz langsam nach unten, so daß sie vorsichtig die Haut durchschnitt, nicht mehr. Der Schweiß rann Weber über das Gesicht, er biß die Zähne zusammen. Sein Unterkiefer zitterte. Nach dem ungefähr ellenlangen Schnitt ging sie zum Anfang zurück und machte gleich daneben einen zweiten, so daß die zwei Schnitte ungefähr einen Fingerbreit auseinander lagen. Der Mann brachte leise, schrille Schreie hervor, während sie die Klinge nach unten zog. Die Enden der parallelen Linien trafen sich in einem Punkt. Kleine Rinnsale von Blut liefen ihm die Brust hinab. Sie schob die Messerspitze zwischen den beiden Einschnitten hoch und trennte ihm die Haut vom Leib, bis sie in einem großen Lappen herunterhing.

Dann wechselte sie zu Ranson hinüber, ritzte dieselben Zwillingsschnitte in seine Haut, bis diese ebenfalls als Lappen von oben herabhing. Ihm liefen Schweiß und Tränen übers Gesicht, doch er gab keinen Mucks von sich. So dumm war er nicht. Als sie fertig war, richtete sie sich auf und betrachtete ihr Werk. Sie sahen genau gleich aus. Gut. Sie schob sich das Messer wieder in den Ärmel.

»Einem von euch wird morgen der Rada’Han abgenommen, er ist dann frei und kann gehen. Zumindest, soweit es die Schwestern des Lichts betrifft. Nicht jedoch, soweit es mich oder, was wichtiger ist, den Hüter betrifft. Es wird der Anfang eurer Dienste für ihn sein. Dient ihr ihm gut, werdet ihr belohnt, sobald er den Schleier hinter sich gelassen hat. Versagt ihr bei dem, was man euch aufträgt … nun, ihr werdet ganz gewiß nicht wissen wollen, was euch blüht, wenn ihr ihn enttäuscht.«

»Schwester«, fragte Ranson mit zitternder Stimme, »warum nur einer von uns? Wir könnten doch beide den Eid leisten. Wir könnten ihm beide dienen.«

Weber warf seinem Freund einen Seitenblick zu. Er mochte es nicht, wenn man in seinem Namen sprach. Er war schon immer eigensinnig gewesen.

»Bei dem Eid handelt es sich um einen Bluteid. Einer von euch wird meine Prüfung bestehen müssen, um das Privileg zu erwerben, ihn abzulegen. Der andere wird heute nacht seine Gabe, seine magischen Kräfte verlieren. Wißt ihr, wie ein Zauberer seine Gabe verliert?«

Sie schüttelten beide den Kopf.

»Wenn man ihn häutet, strömt die Magie aus seinem Leib.« Es klang, als spräche sie darüber, wie man eine Birne schält. »Und zwar so lange, bis sie ganz verschwunden ist.«

Weber starrte sie an, sein Gesicht war bleich geworden. Ranson schloß die Augen und zitterte.

Währenddessen wickelte sie sich die Hautlappen der beiden Männer um ihre beiden Zeigefinger. »Ich werde jetzt um einen Freiwilligen bitten. Dies ist nur eine kleine Demonstration dessen, was dem bevorsteht, der sich freiwillig meldet. Ich möchte nicht, daß einer von euch glaubt, der Tod sei der einfachste Ausweg.« Sie lächelte die beiden herzlich an. »Ihr habt meine Erlaubnis zu schreien, Jungs. Ich denke, es wird weh tun.«

Sie riß ihnen den Hautlappen von der Brust. Geduldig wartete sie ab, bis die Schreie verstummten, und sogar noch ein wenig länger, während die beiden schluchzten. Es war immer gut, eine Lektion richtig wirken zu lassen.

»Bitte, Schwester, wir werden dem Schöpfer dienen, wie es die Schwestern uns gelehrt haben«, greinte Weber. »Wir dienen dem Schöpfer, nicht dem Hüter.«

Sie sah ihn kühl an. »Da du dem Schöpfer so ergeben bist, Sam, werde ich dir die erste Wahl lassen. Möchtest du derjenige sein, der überlebt, oder willst du heute nacht sterben?«

»Wieso er?« wollte Ranson wissen. »Wieso darf er sich zuerst entscheiden?«

»Halt den Mund, Neville. Du hast etwas zu sagen, wenn du gefragt wirst.« Ihr Blick fixierte wieder Weber. Sie hob sein Kinn mit einem Finger. »Nun, Sam? Wer stirbt, du oder dein bester Freund?« Sie verschränkte die Arme vor der Brust.

Er hob den Kopf und sah sie aus eingefallenen Augen an. Seine Haut war aschfahl. Er vermied es, seinen Freund anzusehen. Seine Stimme war ein tonloses Flüstern.

»Ich. Tötet mich. Laßt Neville leben. Ich werde dem Hüter keinen Eid schwören. Lieber sterbe ich.«

Sie sah ihm einen Augenblick lang in die leeren Augen, dann wandte sie sich an Ranson. »Und was meinst du dazu, Neville? Wer soll überleben? Wer sterben? Du oder der beste Freund, den du auf dieser Welt hast? Wer leistet den Eid auf den Hüter?«

Er sah zu Weber hinüber, der seinen Blick nicht erwiderte. Er leckte sich über die Lippen. Sein Blick wanderte zu ihr zurück.

»Du hast gehört, was er sagt. Er hat sich für den Tod entschieden. Wenn er sterben möchte, dann laß ihn sterben. Ich ziehe es vor zu leben. Ich werde dem Hüter einen Eid leisten.«

»Ihm deine Seele geben.«

Er nickte entschlossen. »Meine Seele.«

»Also schön« — sie lächelte –, »wie es aussieht, seid ihr beiden Freunde euch einig. Alle sind zufrieden. So soll es denn sein. Ich freue mich, Neville, daß du es bist, der bei uns bleibt. Ich bin stolz auf dich.«