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Richard funkelte ihn wütend an. »Sie kommen von Norden.«

»War das auch Teil deiner Vision?« fragte der Vogelmann. »Hast du das ebenfalls gesehen, als du das Fleisch gegessen hast?«

Richard stieß einen Seufzer aus und sah zu Boden. »Nein, das habe ich nicht in meiner Vision gesehen.« Er fuhr sich durchs Haar. »Ich weiß trotzdem, daß es stimmt. Ich weiß nicht, wieso, aber ich weiß es. Sie kommen von Norden.«

Der Vogelmann wandte sich an Chandalen. »Vielleicht könntest du deine Männer aufteilen. Nimm einige mit nach Osten und einige nach Norden

Chandalen schüttelte den Kopf. »Nein. Wenn sich die Vision als wahr erweist, brauchen wir alle unsere Männer an einem Ort. Ein überraschender Schlag mit allen unseren Männern und mit Glück wird dem Angriff ein Ende bereiten. Wenn sie genug sind, wie Richard zu glauben scheint, könnten sie eine kleine Gruppe überwältigen und über unser Volk herfallen, bevor wir zurückschlagen können. Viele Frauen und Kinder würden getötet werden. Das ganze Dorf könnte fallen. Es ist zu gefährlich.« Der Vogelmann nickte. »Chandalen, man bat uns eine Vision mitgeteilt. Es ist unsere Aufgabe, unserem Volk Schutz zu gewähren. Da in der Vision nicht die Rede davon war, aus welcher Richtung sie kommen, sondern nur, daß sie kommen, werde ich auf dein Urteil als Krieger vertrauen

Er legte die Stirn in Falten und beugte sich näher zu dem Mann. »Aber sei dir darüber im klaren, daß es dein Urteil als Krieger sein sollte und nicht dein persönliches

Chandalen zeigte keinerlei Regung. »Meiner Ansicht nach werden die Bantak von Osten angreifen.« Er sah kurz zu Richard hinüber. »Wenn sie überhaupt angreifen

Richard legte Chandalen die Hand auf die verschränkten Arme. »Chandalen, bitte, hör mir zu.« Seine Stimme war leise und klang besorgt. »Ich weiß, daß du mich nicht magst. Vielleicht sind deine Gefühle berechtigt. Vielleicht hast du recht, wenn du sagst, ich hätte unserem Volk nichts als Ärger gebracht. Auf jeden Fall steht uns jetzt großer Ärger bevor, und er kommt von Norden. Bitte, ich flehe dich an, glaube mir. Das Leben unseres ganzen Volkes hängt davon ab. Hasse mich, soviel du willst, aber laß niemanden wegen dieses Hasses sterben.«

Richard zog das Schwert der Wahrheit und hielt es mit dem Heft nach vorn. »Ich gebe dir mein Schwert. Gehe nach Norden. Wenn ich mich irre und sie von Osten kommen, kannst du mich damit töten.«

Chandalen sah auf das Schwert herab, dann hob er den Kopf und sah Richard ins Gesicht. Ein dünnes Lächeln breitete sich auf seinen Lippen aus. »Ich werde dir keine Gelegenheit geben, mich zu täuschen. Ich werde nicht zulassen, daß unser Volk nur wegen einer Gelegenheit, dich zu töten, vernichtet wird. Lieber lasse ich dich bei uns leben, als daß mein Volk getötet wird. Ich gehe nach Osten.« Damit machte er kehrt, schritt entschlossen los und rief seinen Männern Anweisungen zu.

Richard stand da und sah ihm hinterher, dann ließ er das Schwert in die Scheide zurückgleiten.

»Der Mann ist ein Narr«, meinte Kahlan.

Richard schüttelte den Kopf. »Er tut nur, was er für richtig hält. Der Wunsch, sein Volk zu schützen, ist größer als der, mich umzubringen. Müßte ich einen Mann aussuchen, der an meiner Seite kämpft, ich würde ihn wählen, sosehr er mich auch haßt. Der Narr bin ich, weil ich ihn nicht dazu bringen konnte, die Wahrheit zu erkennen.« Er drehte sich zu ihr um. »Ich muß nach Norden gehen. Ich muß sie aufhalten.«

Kahlan sah sich um. »Es sind noch ein paar andere Männer hier. Wir werden so viele zusammentrommeln, wie wir können, und -«

Er schüttelte den Kopf und schnitt ihr das Wort ab. »Nein. Es wären nicht genug. Außerdem brauchen wir hier jeden Mann, der einen Bogen oder Speer halten kann, um das Dorf zu verteidigen, falls ich mich irre. Die Ältesten müssen mit dem Festmahl fortfahren. Wir brauchen die Versammlung unbedingt. Das ist das wichtigste. Ich werde allein gehen. Ich bin der Sucher. Vielleicht kann ich sie aufhalten. Vielleicht hören sie auf einen einzelnen Mann und sehen, daß er keine allzugroße Bedrohung darstellt.«

»Also gut. Warte hier. Ich bin gleich zurück.«

»Wieso?«

»Ich muß mein Konfessorkleid anlegen.«

»Du kommst nicht mit!«

»Ich muß. Du sprichst nicht ihre Sprache.«

»Kahlan, ich möchte nicht…«

»Richard!« Sie packte sein Hemd mit ihrer Faust. »Ich bin die Mutter Konfessor! Solange ich etwas zu sagen habe, wird es direkt unter meinen Augen keinen Krieg geben! Du wartest hier!«

Sie ließ sein Hemd los und eilte davon. Die Mutter Konfessor erwartete keine Antwort auf ihre Anweisungen, sie erwartete, daß man sie ausführte. Plötzlich tat es ihr leid, daß sie Richard angeschrien hatte, aber sie war wütend auf Chandalen, weil er nicht hören wollte.

Und sie war wütend auf die Bantak. Sie kannte ihr Dorf und war immer der Meinung gewesen, sie seien ein sanftmütiges Volk. Wo immer ihre Gründe lagen, solange sie in der Nähe war, würde es keinen Krieg geben. Die Mutter Konfessor sollte Kriege verhindern, nicht danebenstehen und zusehen, wie sie angezettelt wurden. Das war ihre Aufgabe, ihre Verantwortung — und nicht Richards.

In Savidlins und Weselans Haus angekommen, streifte sie im Dunkeln und inmitten all des Lärms draußen ihr weißes Konfessorkleid über. Alle Konfessoren trugen gleich geschnittene Kleider: mit einem rechteckigen Halsausschnitt, lang, schlicht und frei von jeglichem Schmuck, dabei samtig glatt und aus schwarzem Stoff.

Nur das der Mutter Konfessor war weiß. Es war eine Hülle der Kraft. In diesem Kleid war sie nicht Kahlan Amnell, sie war die Mutter Konfessor, ein Symbol der Kraft der Wahrheit. Da alle anderen Konfessoren mittlerweile tot waren, ruhte die ganze Last der Verteidigung der Midlands, der Schutzlosen, auf ihren Schultern.

Jetzt fühlte sie sich anders, wenn sie das Kleid trug. Früher war es alltäglich für sie gewesen. Jetzt, nachdem sie Richard kennengelernt hatte, schien die Verantwortung schwerer zu wiegen. Zuvor hatte sie sich bei ihrer Aufgabe auf sich selbst gestellt gefühlt, jetzt jedoch, mit ihm, spürte sie eine engere Verbindung zu den Völkern der Midlands, fühlte sich mehr als eine der Ihren und verantwortlicher für sie. Jetzt wußte sie, wie es war, jemanden zu lieben und Angst um ihn zu haben. Sie würde nicht zulassen, daß irgend jemand einen Krieg anzettelte, nicht, solange sie die Mutter Konfessor war. Dann ging sie durch die Gassen zurück zu den Festlichkeiten.

Die Ältesten standen noch vor ihrer Plattform, wo sie sie verlassen hatte. Richard wartete noch immer. Sie warf ihm seinen Umhang zu und richtete das Wort an die Ältesten.

»Morgen abend findet die Versammlung statt. Sie muß stattfinden. Wir werden rechtzeitig zurück sein.« Dann wandte sie sich an die Frauen. »Weselan, wir möchten am darauffolgenden Tag getraut werden. Tut mir leid, daß wir nicht mehr Zeit für die Vorbereitungen haben, aber wir müssen danach sofort aufbrechen. Wir müssen nach Aydindril. Wir müssen der Bedrohung der Schlammenschen und aller anderen Völker ein Ende machen

Weselan lächelte. »Dein Kleid wird fertig sein. Ich wünschte, wir könnten dir ein großes Hochzeitsfest ausrichten, aber wir verstehen dich sehr wohl

Der Vogelmann legte ihr die Hand auf die Schulter. »Wenn Chandalen sich täuscht … seid vorsichtig. Die Bantak sind friedfertig, aber vielleicht haben sich die Dinge geändert. Sagt ihnen, daß wir ihrem Volk kein Unheil wünschen. Wir wollen keinen Krieg mit ihnen