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Kahlan nickte und warf sich im Gehen den schweren Mantel um die Schulter. »Gehen wir.«

15

Richard schloß sich ihr widerspruchslos an. Sie verließen das Dorf ohne ein Wort und gingen nach Norden, hinaus in die flache, offene Steppe. Während sie gingen, wurden die Geräusche der Menschen, der Boldas und der Trommeln immer schwächer und verklangen in der Nacht. Der Mond war längst nicht voll, trotzdem war es hell genug. Hoffentlich war es dunkel genug, daß sie kein gutes Ziel abgaben.

Endlich sah Richard zu ihr herüber. »Entschuldige, Kahlan.«

»Wofür?«

»Dafür, daß ich vergessen habe, wer du bist. Du bist die Mutter Konfessor, und dies hier ist deine Aufgabe. Ich hatte mir Sorgen um dich gemacht.«

Seine Entschuldigung überraschte sie. »Tut mir leid, daß ich dich angeschrien habe. Ich hätte es nicht tun sollen. Ich will einfach nicht, daß es zu irgendwelchen Kämpfen kommt. Es ist meine Aufgabe, in den Midlands jeden Krieg zu verhindern. Es macht mich wütend, wenn sie sich unbedingt gegenseitig umbringen wollen. Richard, ich bin es so leid, mitansehen zu müssen, wie Menschen getötet werden. Ich dachte, das wäre endlich vorbei. Jetzt ertrage ich es nicht mehr. Ich schwöre dir, ich ertrage es nicht mehr.«

Er legte den Arm um sie. »Ich weiß. Mir geht es genauso.« Er drückte sie im Gehen an sich. »Die Mutter Konfessor wird dem ein Ende machen.« Er sah zu ihr hinüber. Scheinbar machte er ein besorgtes Gesicht, es war jedoch zu dunkel, um es genau zu erkennen. »Mit meiner Hilfe.«

Sie schmunzelte. »Mit deiner Hilfe.« Sie legte kurz den Kopf an seine Schulter. »Von jetzt an immer mit deiner Hilfe.«

Sie entfernten sich ein gutes Stück vom Dorf, ohne etwas anderes zu sehen als den schwarzen Boden und den sternenklaren Himmel. Gelegentlich blieb Richard stehen, um die umliegende Steppe abzusuchen und um ein paar von Nissels Blättern herauszunehmen und in den Mund zu stekken. Kurz nach Mitternacht erreichten sie eine flache Senke. Er sah sich erneut um und beschloß, hier zu warten. Besser, die Bantak stießen auf sie, als wenn sie in eine Überraschung hineinspazierten.

Richard trat ein Stück Gras nieder, und sie setzten sich hin und warteten. Abwechselnd machte einer ein kleines Nickerchen, während der andere nach Norden Ausschau hielt. Sie hatte ihre Hand auf seine gelegt, sah zu, wie er schlief, suchte den Horizont ab und dachte dabei an all die Male zurück, als sie genau dies getan hatten: einer stand Wache, der andere schlief. Sie sehnte sich nach dem Tag, an dem sie einfach schlafen konnten, ohne Wache halten zu müssen. Gemeinsam schlafen konnten. Bald würde es soweit sein, hoffte sie, sehr bald. Richard würde einen Weg finden, wie er den Schleier schließen konnte, und dann wäre es vorbei. Sie würden in Frieden leben können.

Kahlan hatte sich dicht an ihn geschmiegt und den Umhang der Kälte wegen fest um sich gerafft. Seine Körperwärme machte sie noch schläfriger. Sie begann sich zu fragen, ob er recht damit hatte, daß die Bantak tatsächlich von Norden kommen würden. Wenn sie von Osten kämen, gäbe es ein großes Blutvergießen. Chandalen würde kein Erbarmen zeigen. Sie wollte nicht, daß den Schlammenschen etwas zustieß, aber ebensowenig wünschte sie das gleiche den Bantak. Auch sie waren eines ihrer Völker. Sie entschlummerte in einen unruhigen Schlaf. Ihre letzten Gedanken galten Richard.

Er weckte sie auf, indem er den Arm um ihren Körper und die Hand auf ihren Mund drückte. Im Osten, rechts von ihnen, wurde es gerade hell. Dünne Schleier dunkelvioletter Wolken bauschten sich am Horizont zusammen, als wollten sie den Sonnenaufgang verdunkeln. Richard blickte Richtung Norden. Kahlan lag tiefer als er und konnte nichts erkennen, doch aus der Anspannung seiner Muskeln schloß sie, daß sich jemand näherte.

Sie drückten sich reglos an den Boden und warteten. Eine leichte Brise brachte das trockene Gras ringsum zum Rascheln. Kahlan streifte langsam und leise den Mantel von den Schultern. Sie wollte niemanden im unklaren darüber lassen, wer sie war. Die Bantak würden ihr langes Haar erkennen, aber sie wollte, daß sie auch ihr Konfessorkleid sahen. Alle sollten wissen, wer sie war und daß sie als Mutter Konfessor gekommen war. Richard ließ seinen Umhang ebenfalls von den Schultern gleiten. Schatten huschten durch das umliegende Gras.

Als sie auf allen Seiten von Männern umzingelt schienen, richteten sich die beiden auf. Die Männer mit Speeren und Bogen, die am nächsten standen, wichen zurück und stießen überraschte Schreie aus. Die Bantak hatten sich aufgeteilt und rückten in einer langen, lockeren Linie auf das Dorf der Schlammenschen vor.

Aufgeregtes Rufen war zu hören. Männer brachen aus der Linie aus und kamen herbeigerannt. Ein paar von ihnen kreisten sie ein, die meisten blieben dichtgedrängt vor ihnen stehen. Kahlan hatte ihr Konfessorengesicht aufgesetzt, einen ruhigen Gesichtsausdruck, der nichts verriet, ganz so, wie ihre Mutter es ihr beigebracht hatte. Richard stand dicht neben ihr, die Hand am Heft seines Schwertes. Die meisten der Männer, die in schlichte, mit Gras getarnte Häute gehüllt waren, richteten ihre Waffen auf die beiden. Sie waren sichtlich nervös.

»Ihr wagt es, die Mutter Konfessor zu bedrohen?« rief sie. »Senkt eure Waffen. Sofort

Blicke schweiften umher, man wollte feststellen, ob die beiden allein waren. Die Männer schienen zunehmend im Zweifel, ob sie ihre Speere und Pfeile auf die Mutter Konfessor richten sollten. Sie taten etwas Unerhörtes, und das war ihnen sehr wohl bewußt. Sie erweckten den Eindruck, als könnten sie sich weder dazu entscheiden, das einmal Begonnene fortzusetzen, noch dazu, ihre Waffen zu senken und auf die Knie zu fallen. Ein paar von ihnen gingen in die Hocke und machten eine halbherzige Verbeugung.

Kahlan machte einen bedrohlichen Schritt auf sie zu. »Sofort!«

Die Männer erschraken und wichen geduckt ein Stück zurück. Die Spitzen sämtlicher Waffen richteten sich plötzlich nicht mehr auf sie — sondern auf Richard. Offenbar hielten sie das für einen annehmbaren Kompromiß. Für Kahlan kam es überraschend.

Sie stellte sich vor Richard. Sämtliche Waffen zeigten wieder auf sie.

»Was glaubst du eigentlich, was du hier tust?« flüsterte er ihr von hinten zu.

»Ganz ruhig. Laß mich nur machen. Wir haben keine Chance, wenn wir sie nicht dazu bringen, die Waffen zu senken und mit uns zu sprechen.«

»Warum tun sie das? Ich dachte, vor der Mutter Konfessor hätten alle Angst?«

»Sie haben Angst, aber sie sind es gewöhnt, mich in Begleitung eines Zauberers zu sehen. Vielleicht sind sie deswegen so mutig, weil sie jetzt keinen sehen. Trotzdem ist ihr Verhalten ungewöhnlich.« Sie trat einen weiteren Schritt nach vorn. »Wer spricht für die Bantak? Wer von euch hat den Bantak erlaubt, die Mutter Konfessor zu bedrohen?«

Da sie im Weg stand und es ihnen nicht mehr möglich war, ihre Waffen auf Richard zu richten, verloren sie ein wenig die Selbstsicherheit und senkten die Spitzen ein kleines Stück. Nicht ganz, aber doch ein wenig.

Schließlich trat ein alter Mann vor, drängte sich durch die Männer und blieb vor ihr stehen. Er trug einfache Fellkleidung wie die anderen, doch um seinen Hals hing ein Medaillon aus Gold, in das Bantaksymbole eingearbeitet waren. Sie kannte ihn. Er war Ma Ban Grid, der Seelenführer der Bantak. Durch den finsteren Ausdruck seines Gesichts wirkte seine faltige Haut noch runzliger, als Kahlan sie in Erinnerung hatte. Und dieser finstere Gesichtsausdruck war ihr ebenfalls neu bei ihm. Sie hatte nur sein gütiges Lächeln in Erinnerung.

»Ich spreche für die Bantak«, sagte Ma Ban Grid. Die beiden oberen Schneidezähne fehlten ihm. Sein Unterkiefer geriet bei den schwer aussprechbaren Bantakworten leicht ins Wackeln. Er warf einen Blick auf Richard. »Wer ist das?«

Kahlan erwiderte Ma Ban Grids finsteren Blick. »Jetzt stellt Ma Ban Grid der Mutter Konfessor bereits Fragen, obwohl sie vor ihm steht und er sie nicht einmal begrüßt hat?«