Die Bantakmänner scharrten unsicher mit den Füßen. Ma Ban Grid nicht. Sein Blick war fest und unerschütterlich. »Dies ist nicht die rechte Zeit. Dies ist nicht unser Land. Wir sind nicht hergekommen, um Besucher der Bantak zu begrüßen. Wir sind gekommen, um die Schlammenschen zu töten.«
»Warum?«
Ma Ban Grid sah sie von oben herab an. »Sie haben den Krieg provoziert, genau wie es unsere Seelenbrüder in ihrer Warnung ausgesprochen haben. Sie haben es bewiesen, indem sie einen der Meinen getötet haben. Wir müssen sie töten, bevor sie uns alle umbringen.«
»Es wird keinen Krieg geben! Niemand wird getötet werden! Ich bin die Mutter Konfessor und werde das nicht zulassen! Die Bantak werden es durch meine Hand zu spüren bekommen, wenn sie es dennoch versuchen!«
In der Gruppe der Männer brach besorgtes Getuschel aus, und sie traten einen Schritt zurück. Der Seelenführer blieb standhaft.
»Die Seelenbrüder haben mir auch erzählt, daß die Mutter nicht mehr die Herrschaft über die Völker der Midlands besitzt. Zum Beweis, so sagen sie, hat man ihr den Zauberer genommen.« Er blickte sie selbstgefällig an. »Ich sehe keinen Zauberer. Wie immer sagen die Seelen Ma Ban Grid die Wahrheit.«
Kahlan starrte den Alten sprachlos an.
Richard beugte sich zu ihr. »Was sagen sie?« Kahlan erklärte ihm, was Ma Ban Grid gesagt hatte. Er trat neben sie. »Ich will zu ihnen sprechen. Übersetzt du für mich?«
Kahlan nickte. »Sie wollen wissen, wer du bist. Ich habe es ihnen noch nicht gesagt.«
Richards Blick wurde bedrohlich kalt. »Ich werde ihnen zeigen, wer ich bin.« Seine Stimme nahm die gleiche Kälte an wie seine Augen. »Und es wird ihnen nicht gefallen.«
Er richtete seinen wütenden Habichtblick auf die Männer, Ma Ban Grid bewußt übergehend. Sie sah den Zorn der Zauberkraft des Schwertes in seinen Augen. Er rief die Magie des Schwertes herbei, obwohl es in der Scheide steckte. »Ihr Männer folgt einem alten Narren, einem alten Narren mit dem Namen Ma Ban Grid, dessen Klugheit nicht einmal ausreicht, die richtigen von den falschen Seelen zu unterscheiden.« Den Männern stockte der Atem angesichts dieser Beleidigung. Richard richtete seinen stechenden Blick auf Ma Ban Grid. »Stimmt das etwa nicht, alter Narr?«
Ma Ban Grid stammelte einen Augenblick lang vor Wut, bevor er irgendwelche Worte hervorbrachte. »Wer bist du, daß du es wagst, mich derart zu beleidigen?«
Richard funkelte ihn wütend an. »Deine falschen Seelen haben dir gesagt, die Schlammenschen hätten einen der Deinen getötet. Die falschen Seelen haben dich angelogen, und du, in deiner Torheit, hast ihnen geglaubt.«
»Lüge! Wir haben seinen Kopf gefunden! Die Schlammenschen haben ihn umgebracht! Sie wollen Krieg mit uns! Wir werden sie alle töten. Jeden einzelnen von ihnen. Sie haben einen der Meinen umgebracht!«
»Ich bin es leid, mit jemandem zu sprechen, der so töricht ist wie du, alter Mann. Die Bantak sind ein geistloses Volk, wenn sie jemandem wie dir erlauben, mit den Seelenbrüdern zu sprechen.«
»Richard, was tust du?« flüsterte Kahlan.
»Übersetze.«
Sie tat es. Mit jedem Wort wurde Ma Ban Grids Gesicht röter. Er sah aus, als würde er jeden Augenblick in Flammen aufgehen.
Richard beugte sich näher zu ihm vor. »Die Schlammenschen haben den Deinen nicht getötet. Das war ich.«
»Richard! Das kann ich ihm nicht sagen. Sie werden uns töten!«
Er behielt Ma Ban Grid im Blick, während er behutsam auf sie einredete. »Irgendwas macht diesen Leuten angst, daß sie das hier tun. Sie werden uns töten, und dann werden sie losziehen und eine Menge Schlammenschen umbringen, wenn ich ihnen nicht noch größere Angst vor uns machen kann. Übersetze.«
Daraufhin seufzte sie hörbar und übersetzte den Bantak, was Richard gesagt hatte. Die Waffen richteten sich wieder auf sie.
»Du! Du hast einen der Meinen getötet!«
Richard zuckte mit den Achseln. »Ja.« Er zeigte auf seine Stirn. »Genau hier habe ich ihn mit einem Pfeil getroffen. Mit einem einzigen Pfeil. Genau hier. Mitten durch seinen Kopf, gerade als er seinen Speer in den Rücken eines Mannes stoßen wollte. Eines Mannes, der keinen Haß für die Bantak im Herzen trug. Ich habe ihn getötet, wie ich einen Kojoten töten würde, der sich anschleicht, um eines meiner Lämmer zu rauben. Wer jemandem so feige nach dem Leben trachtet, verdient es nicht, ein Volk zu führen.«
»Wir werden dich töten!«
»Tatsächlich? Ihr werdet es vielleicht versuchen, aber ihr könnt mich nicht töten.« Richard wandte dem Alten den Rücken zu und entfernte sich ungefähr zwanzig Schritte weit von ihm. Die Männer öffneten die Reihen, um ihn durchzulassen. Er drehte sich wieder um. »Ich habe einen Pfeil genommen und einen der Deinen getötet. Nimm einen Pfeil und versuche, mich zu töten, dann werden wir sehen, wen die Seelen beschützen. Suche dir von deinen Männern aus, wen du willst. Er soll mit mir machen, was ich mit dem Deinen gemacht habe. Erschieße mich mit einem Pfeil.« Wütend zeigte er erneut auf seine Stirn. »Genau hier, wo ich den Feigling getroffen habe, der einen Menschen töten wollte, weil ihm falsche Seelen etwas eingeredet haben!«
»Richard! Hast du den Verstand verloren? Ich werde ihnen nicht sagen, daß sie auf dich schießen sollen!«
»Kahlan, ich kann das. Ich spüre es.«
»Gut, du hast es einmal geschafft. Was, wenn es diesmal nicht gelingt? Ich werde hier nicht einfach stehen und mitansehen, wie man dich tötet.«
»Kahlan, wenn wir diese Leute nicht aufhalten, hier und jetzt, werden wir beide getötet, und der Hüter wird entkommen. Heute abend findet die Versammlung statt. Nur das zählt. Ich mache mir das Erste Gesetz der Magie zunutze: der erste Schritt, etwas zu glauben, besteht darin, glauben zu wollen, daß es wahr ist, oder Angst davor zu haben. Bis jetzt haben sie etwas geglaubt, weil sie es glauben wollten. Ich muß ihnen die Angst einimpfen, daß das, was ich jetzt sage, wahr sein könnte.«
»Was wirst du ihnen sagen?«
»Beeil dich. Übersetze, bevor ich ihre Aufmerksamkeit verliere und sie auf die Idee kommen, uns zu töten und über die Schlammenschen herzufallen.«
Sie wandte sich Ma Ban Grid zu und übersetzte widerstrebend. Sämtliche Männer schrien auf, jeder wollte derjenige sein, der den Pfeil abschoß. Ma Ban Grid ließ den Blick über sie schweifen, während sie tobten und mit den Armen fuchtelten.
Er lächelte. »Ihr dürft alle diesen Verbrecher erschießen, der einen der Meinen getötet hat. Ihr alle! Erschießt ihn!«
Die Bogen wurden angehoben. Richard machte ein wütendes Gesicht. »Feigling! Seht ihr Männer jetzt, wie töricht dieser Alte ist? Er weiß, daß er auf falsche Seelen hört! Er will, daß auch ihr auf sie hört! Er weiß, daß die guten Seelen mich bei meiner Herausforderung unterstützen. Er hat Angst, ihr könntet sehen, was für ein Narr er ist. Das ist der Beweis!«
Ma Ban Grids Kiefermuskeln spannten sich. Er hob den Arm, damit seine Männer innehielten. Schließlich wandte er sich einem der Männer zu und riß ihm den Bogen aus der Hand. »Ich werde es euch beweisen, daß die Seelen, die ich höre, die richtigen sind! Du wirst dafür sterben, daß du einen der Meinen getötet hast! Dafür, daß du behauptest, unsere Seelenbrüder seien falsche Seelen!«
Er spannte einen Giftpfeil in den Bogen und hatte ihn im Nu auf Richard abgeschossen. Unter seinen Männern brach Jubel aus. Kahlan stockte der Atem. Ihr wurde kalt vor Angst.
Richard schnappte den Pfeil genau vor seinem Gesicht aus der Luft.
Jetzt hielten die Männer die Luft an und verstummten, als Richard, den Pfeil in der Hand und Feuer in den Augen, zurück zum Seelenführer ging. Er blieb vor Ma Ban Grid stehen und zerbrach den Pfeil vor seinen Augen — unter dem ängstlichen Gemurmel seiner Männer.