»Danke, Zauberer.« Ma Ban Grid nickte. »Das werde ich tun.«
»Haben dir die Seelenstimmen sonst noch etwas gesagt?«
Der Alte legte nachdenklich die Stirn in Falten. »Ich kann mich nicht genau erinnern, was ihre Stimmen zu mir gesagt haben. Es war eher ein Gefühl, das mich mit dieser Gier erfüllte. Mein Sohn« — er hob den Kopf –, »der, der gestorben ist … er war bei mir und hat sie auch gehört. Ich hatte den Eindruck, daß die Seelen ihm etwas anderes sagten. Seine Augen waren wild vor Haß. Sogar noch mehr als meine. Gleich nach dem Besuch der Seelen brach er auf.« Der Seelenführer senkte den Blick zu Boden.
Richard betrachtete ihn eine ganze Weile. Mit sanfter Stimme sagte er schließlich: »Es tut mir leid, Ma Ban Grid, daß ich deinen Sohn töten mußte. Es tut mir im Herzen weh, daß ich es getan habe. Du sollst wissen: hätte es einen anderen Weg gegeben, ich hätte ihn gewählt.«
Der Alte nickte, brachte aber kein Wort heraus. Er drehte sich zu seinen Männern um. Plötzlich schien er sich zu schämen. »Ich weiß nicht, was wir hier tun«, sagte er leise. »Das ist nicht die Art der Bantak.«
»Schuld sind die falschen Seelen. Ich bin froh, daß wir hier waren und dir helfen konnten, die Wahrheit zu erkennen«, sagte Richard.
Er nickte noch einmal und drehte sich zu seinen Männern um, sah sie an, dann marschierte er Richtung Heimat los. Kahlan stieß einen tiefen Seufzer aus. Richard verfolgte wachsam, wie die Bantak, die Speere geschultert, in den Sonnenaufgang davonzogen.
»Was hältst du davon?« fragte sie, als er sich endlich zu ihr umdrehte.
Er stützte die Hand auf das Heft des Schwertes, dann drehte er sich um und sah den Bantak nach. »Der Hüter scheint uns einen Schritt voraus zu sein.« Er drehte sich um und blickte ihr in die Augen. »Er hat sich die Mühe gemacht, dich in Mißkredit zu bringen, dich, die Mutter Konfessor. Er stellt uns Fallen. Er hat etwas im Sinn, und ich habe nicht die geringste Ahnung, was es sein könnte.«
»Was werden wir tun?«
»Was wir geplant haben. Heute abend halten wir die Versammlung ab, morgen heiraten wir und brechen nach Aydindril auf.«
Sie musterte sein Gesicht. »Du bist wirklich ein Zauberer«, sagte sie leise. »Du hast Magie benutzt, um den Bann des Hüters zu brechen.«
Sein Gesicht blieb unverändert. »Nein, das bin ich nicht. Das war nur ein kleiner Trick, den Zedd mir beigebracht hat. Er meinte einmal, daß Menschen mehr Angst hätten, durch Magie zu sterben als durch irgend etwas anderes, so als wären sie dann toter. Diese Angst habe ich zusammen mit dem Ersten Gesetz der Magie benutzt, damit sie mir glauben. Diese Angst war größer als die, die ihnen die Seelen eingeredet haben.«
»Und warum hast du das Schwert zur Weißglut gebracht?«
Er sah sie lange an. »Weißt du noch, wie Zedd uns gezeigt hat, wie das Schwert funktioniert? Daß man niemanden damit verletzen kann, den man für unschuldig hält?« Sie nickte. »Nun, er hat sich geirrt. Wenn es weiß ist, kann man jeden damit töten. Sogar den, den man liebt.« Sein Blick wurde härter. »Ich hasse Magie.«
»Richard, die Gabe hat dir gerade geholfen, das Leben vieler Menschen zu retten.«
»Aber um welchen Preis?« sagte er leise. »Jedesmal, wenn ich mir überlege, das Schwert weiß zu färben, muß ich daran denken, wie ich es bei dir getan habe und dich beinahe damit getötet hätte.«
»Aber du hast es nicht getan. Beinahe ist eben nicht ganz.«
»Das macht den Schmerz auch nicht geringer. Auch nicht das Wissen darum, wozu ich fähig bin und daß ich mit der Weißen Magie des Schwertes getötet habe. Ich fühle mich dadurch wie ein Rahl.« Er stieß einen tiefen Seufzer aus und wechselte das Thema. »Ich denke, wir sollten bei der Versammlung heute abend vorsichtig sein.«
»Richard … das wirft ein völlig neues Licht auf alles. Wir sind bereits zweimal davor gewarnt worden, wie gefährlich es sein kann, sich mit den Seelen einzulassen. Willst du dir das mit der Versammlung nicht noch einmal überlegen?«
Er sah weg. »Welche Wahl habe ich? Der Hüter scheint uns voraus zu sein. Die Ereignisse überschlagen sich. Je mehr wir in Erfahrung bringen, desto deutlicher erkennen wir, wie wenig wir tatsächlich wissen. Wir müssen so viel wie möglich herausfinden.«
»Aber vielleicht können die Ahnenseelen uns gar nicht helfen.«
»Dann werden wir wenigstens das wissen. Wir dürfen uns die Gelegenheit nicht entgehen lassen, zuviel steht auf dem Spiel. Wir müssen es versuchen.« Er ergriff ihre Hand. »Kahlan … ich kann nicht zulassen, daß ich verantwortlich dafür bin. Ich will nicht in dem Bewußtsein leben, daß es meine Schuld ist.«
Sie wartete, bis er den Blick hob. »Warum? Weil Darken Rahl dein Vater ist? Du gibst dir die Schuld, weil du ein Rahl bist?«
»Kann sein. Rahl oder nicht, ich kann mich unmöglich dafür verantwortlich fühlen, daß der Hüter jeden einzelnen bekommt. Sogar dich. Ich muß einen Weg finden, das zu verhindern. Darken Rahl verfolgt mich noch aus dem Grab heraus. Irgendwie trage ich die Schuld daran. Wie, weiß ich nicht, doch immerhin war es mein Fehler. Ich muß alles tun, was notwendig ist, um es zu verhindern, oder es wird ein schreckliches Leid geben. Und der Hüter wird dich bekommen, auf ewig.
Dieser Gedanke macht mir mehr angst als alles andere zuvor in meinem Leben. Er bereitet mir Alpträume. Es gibt nichts, was ich nicht tun würde, um zu verhindern, daß er dich bekommt. Ich werde kein Risiko scheuen, ganz gleich, wie groß es ist.« Er sah ihr in die Augen. »Auch wenn ich Angst habe, es könnte eine Falle sein, ich muß es versuchen.«
»Eine Falle? … Du glaubst, es könnte eine Falle sein?«
»Wäre doch möglich. Man hat uns bereits gewarnt. Zumindest sollten wir die Augen offenhalten.« Er betrachtete ihre Hand, die er noch immer hielt. »Während der Versammlung werde ich das Schwert nicht bei mir tragen. Glaubst du, du kannst den Blitz herbeirufen, wenn es nötig ist?«
Kahlan schüttelte den Kopf. »Ich weiß es nicht, Richard. Ich weiß nicht, wie ich es gemacht habe. Ich weiß nicht, wie man diese Blitze beherrscht.«
Er nickte und strich ihr mit dem Daumen über den Handrücken. »Vielleicht ist es ja gar nicht nötig. Vielleicht können uns die Seelen der Ahnen helfen. Sie haben es schon einmal gekonnt.«
Richard hob seine Hand und packte den Strafer. Man sah seinen grauen Augen an, welche Qualen ihm seine Kopfschmerzen bereiteten. Er sackte zusammen und legte den Kopf in die Hände. Sie setzte sich neben ihn. »Ich muß mich eine Weile ausruhen, bevor wir zurückgehen. Die Kopfschmerzen bringen mich um.«
Sie hatte Angst, er könnte das wörtlich meinen und die Kopfschmerzen würden ihn tatsächlich töten. Sie konnte kaum den nächsten Tag abwarten, wenn sie Zedd aufsuchen und Hilfe finden würden.
Es war später Nachmittag, als sie zu der Feier, zu dem Festessen, zurückkehrten. Richards Kopf ging es ein wenig besser, doch noch immer waren die Schmerzen so heftig, daß man sie ihm an den Augen ansah. Die Ältesten erhoben sich, als sich die beiden dem offenen, auf Pfählen ruhenden Schutzdach näherten. Der Vogelmann kam ihnen entgegen.
»Was ist mit den Bantak? Habt ihr sie gesehen? Von Chandalen haben wir nichts gehört.«
Kahlan hielt ihm das goldene Medaillon hin und ließ es ihm in die Hand fallen.
»Wir haben sie gefunden. Im Norden, wie Richard angekündigt hatte. Ma Ban Grid schickt dies den Schlammenschen als Geschenk, um ihnen zu versichern, daß er keinen Krieg gegen sie führen wird. Sie haben einen Fehler gemacht, und es tut ihnen leid. Wir haben ihnen klargemacht, daß die Schlammenschen ihnen nichts Böses wollen. Auch Chandalen hat einen Fehler gemacht.«
Der Vogelmann nickte ernst, wandte sich an einen in der Nähe stehenden Jäger und sagte ihm, er solle Chandalen und seine Männer zurückholen. Kahlan schien er nicht ganz so erfreut auszusehen, wie sie erwartet hatte.