»Verehrter Ältester, stimmt irgend etwas nicht?«
Seine braunen Augen wirkten schwermütig. Sein Blick wanderte kurz zu Richard, dann zurück zu ihr. »Zwei der Schwestern des Lichts sind zurückgekommen. Sie warten im Haus der Seelen.«
Kahlan stockte das Herz. Sie hatte gehofft, daß sie nicht so schnell zurückkommen würden. Wie lange war es her, vielleicht ein paar Tage? Sie drehte sich zu Richard um.
»Die Schwestern des Lichts warten im Haus der Seelen.«
Richard stieß einen Seufzer aus. »Nichts ist jemals einfach.« Er wandte sich an den Vogelmann. »Heute abend findet die Versammlung statt. Seid ihr bereit?«
»Heute abend werden die Seelen bei uns sein. Wir sind bereit.«
»Sei vorsichtig. Betrachte nichts als selbstverständlich. Unser aller Leben hängt davon ab.« Er nahm ihren Arm. »Dann wollen wir mal sehen, ob wir dem ein Ende machen können.«
Zusammen gingen sie über die freie Fläche, vorbei an den lodernden Feuern. Noch immer tanzten überall Menschen, aßen oder spielten Boldas und Trommeln. Kinder waren nicht mehr so viele auf den Beinen. Einige hatten sich auf ein Nickerchen hingelegt, andere hingegen tanzten und spielten ausdauernd weiter.
»Drei Tage«, murmelte er.
»Was?«
»Es ist jetzt fast drei Tage her, seit sie das letzte Mal hier waren. Ich werde sie fortschicken, und morgen sind wir fort. Wenn sie nach drei Tagen wiederkommen, werden wir schon zwei Tage in Aydindril sein.«
Kahlan starrte geradeaus, während sie weitergingen. »Vorausgesetzt, sie halten sich an ihren Zeitplan. Wer sagt, daß sie beim dritten Mal nicht schon nach einem Tag auftauchen? Oder nach einer Stunde?«
Sie spürte seinen Blick auf sich liegen, drehte sich aber nicht um, als er sprach. »Worauf willst du hinaus?«
»Du bekommst nur drei Chancen, Richard. Ich habe Angst um dich. Diese Kopfschmerzen machen mir angst.«
Jetzt sah sie ihn an, er aber nicht sie. »Ich werde keinen Halsring anlegen. Um nichts in aller Welt. Für niemanden.«
»Ich weiß«, flüsterte sie.
Er riß die Tür auf und trat mutig ins Haus der Seelen. Sein Kiefer war entschlossen vorgereckt. Er heftete den Blick auf die beiden Frauen, die in der Mitte des schwach beleuchteten Raumes standen, und ging auf sie zu. Beide trugen ihr Gewand und hatten die Kapuze zurückgezogen. Ihre leicht mißbilligenden Gesichter wirkten fast gelassen.
Richard blieb vor den beiden stehen. »Ich habe Fragen, und ich erwarte Antworten.«
»Wir freuen uns, daß du immer noch wohlauf bist, Richard«, meinte Schwester Verna. »Daß du noch lebst.«
»Warum hat Schwester Grace sich umgebracht? Warum habt Ihr das zugelassen?«
Schwester Elizabeth trat vor Schwester Verna, den aufgeklappten Halsring in der Hand. »Wir haben es dir schon einmal gesagt, die Diskussionen sind vorbei. Jetzt geht es nach den Regeln.«
»Auch ich habe Regeln.« Die Hände in die Hüften gestemmt, sah er von einer Frau zur anderen. »Meine erste Regel lautet: heute wird sich keine von Euch umbringen.«
Sie ignorierten ihn. »Du wirst jetzt zuhören. Ich, Schwester des Lichts, Elizabeth Myric, teile dir den zweiten Grund für den Rada’Han mit. Und gebe dir die zweite Chance auf Hilfe. Der erste der drei Gründe für den Rada’Han besteht darin, die Kopfschmerzen zu beherrschen und deinen Geist zu öffnen, damit man dir den Gebrauch der Gabe beibringen kann. Die erste Chance auf Hilfe hast du abgelehnt. Ich gebe dir den zweiten Grund, mache dir das zweite Angebot.«
Sie sah ihm in die Augen, vergewisserte sich, ob sie seine volle Aufmerksamkeit hatte. »Der zweite Grund für den Rada’Han besteht darin, daß wir dich kontrollieren können.«
Richard funkelte sie wütend an. »Mich kontrollieren? Was soll das heißen, mich kontrollieren?«
»Es heißt, was es heißt.«
»Ich lege mir keinen Ring um den Hals, damit Ihr mich ›kontrollieren‹ könnt.« Er beugte sich ein Stückchen vor. »Und auch aus keinem anderen Grund.«
Schwester Elizabeth hielt den Halsring in die Höhe. »Wie man dir bereits gesagt hat, fällt es dir schwerer, das zweite Angebot anzunehmen. Bitte glaube uns, du schwebst in großer Gefahr. Deine Zeit läuft ab. Bitte, Richard, nimm das zweite Angebot jetzt an, bei der zweiten Chance. Den dritten der drei Gründe zu akzeptieren, wird nur noch schwerer werden.«
In seinen Augen lag ein Ausdruck, den Kahlan nur ein einziges Mal zuvor bei ihm gesehen hatte — als man ihm den Halsring zum ersten Mal angeboten hatte. Etwas Fremdes, Furchteinflößendes. Es ließ sie kalt erschaudern. Sie bekam eine Gänsehaut auf den Armen. Der Zorn wich aus seiner Stimme.
»Ich habe es Euch schon einmal erklärt«, sagte er leise. »Ich werde keinen Halsring anlegen. Für niemanden. Aus keinem Grund. Wenn Ihr mir beibringen wollt, wie man die Gabe nutzt, wie man sie beherrscht, gut, darüber können wir reden. Es geschehen Dinge, von denen Ihr nichts wißt, wichtige Dinge, gefährliche Dinge. Als Sucher trage ich Verantwortung. Ich bin keines der Kinder, mit denen Ihr umzugehen gewohnt seid. Ich bin erwachsen. Wir können darüber reden.«
Schwester Elizabeth warf ihm einen wilden stechenden Blick zu. Richard wich einen halben Schritt zurück. Er schloß die Augen und erbebte. Schließlich richtete er sich wieder auf. Er öffnete die Augen und atmete tief durch. Er erwiderte den starren Blick der Schwester. Irgend etwas war geschehen, und Kahlan hatte nicht die geringste Ahnung, was.
Die Kraft im Blick der Schwester schwand. Sie ließ die Hände, die den Halsring hielten, sinken. Ihre Stimme klang ängstlich. »Nimmst du das Angebot des Rada’Han an?«
Richard stand da und blickte sie entschlossen an. Seine Stimme hatte zu alter Kraft zurückgefunden. »Ich weigere mich.«
Schwester Elizabeth erblaßte. Sie sah ihn noch einen Augenblick lang an, dann drehte sie sich zu der Frau hinter ihr um. »Vergib mir, Schwester, ich habe versagt.« Sie legte den Rada’Han Schwester Verna in die ausgestreckten Hände. Mit leiser Stimme sagte sie: »Jetzt liegt es bei dir.«
Schwester Verna gab ihr einen Kuß auf jede Wange. »Das Licht vergibt dir, Schwester.«
Schwester Elizabeth drehte sich wieder zu Richard um, ihr Gesicht war wie erschlafft. »Möge das Licht dich immer auf sanften Händen tragen. Auf daß du eines Tages den Weg findest.«
Richard hatte die Hände in die Hüften gestemmt und sah ihr in die Augen. Sie hob das Kinn. Wie Schwester Grace hob sie den Arm, und mit einer kurzen Bewegung des Handgelenks schnellte das Messer in ihre Hand. Richard sah sie noch an, als sie es mit einer kurzen Drehung gegen sich selbst richtete. Kahlan hielt den Atem an und verfolgte wie gebannt, wie die Frau ihren Selbstmord vorbereitete. Einen Herzschlag lang standen alle wie erstarrt da.
Richard bewegte sich im selben Augenblick wie das Messer. Seine Geschwindigkeit war schockierend. Bevor Schwester Elizabeth begriff, was geschehen war, hatte Richard sie am Handgelenk gepackt. Mit der anderen Hand machte er sich daran, ihr das eigenartige Messer zu entwinden, während sie sich alle Mühe gab, es festzuhalten. Sie hatte seiner Kraft nichts entgegenzusetzen.
»Ich habe Euch meine Regeln mitgeteilt. Ihr dürft Euch heute nicht töten.«
Die sinnlose Anstrengung verzerrte ihr Gesicht. »Bitte! Laß los -«
Ein Zucken ging durch ihren Körper. Sie warf den Kopf zurück. Dann ein Lichtblitz, der aus ihrem Innern, aus ihren Augen zu kommen schien. Schwester Elizabeth sackte nach vorn und brach zusammen, während Schwester Verna der Frau ihr Messer aus dem Rücken zog.
Schwester Verna löste den Blick von der Toten und sah Richard an. »Du mußt ihre Leiche selbst begraben. Wenn du es einen anderen für dich tun läßt, wirst du für den Rest deines Lebens Alpträume haben, Alpträume, hervorgerufen durch Magie. Es gibt kein Mittel gegen sie.«
»Ihr habt sie umgebracht! Ihr habt sie ermordet! Was ist los mit Euch? Wie konntet Ihr sie töten!«
Sie steckte sich das Messer in den Ärmel und sah ihn wütend an. Dann streckte sie die Hand aus, entriß ihm das silberne Messer und ließ es in ihr Gewand gleiten.