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»Du hast sie umgebracht«, sagte Schwester Verna leise.

»Ihr habt das Blut doch noch an Euren Händen!«

»Auch die Axt des Henkers ist blutverschmiert, und trotzdem schwingt sie sich nicht von selbst.«

Richard wollte ihr an die Kehle gehen. Sie rührte sich nicht, sondern starrte ihn einfach weiter an. Seine Hände hielten inne, bevor er sie erreicht hatte. Richard schüttelte sich, stemmte sich gegen die unsichtbare Barriere, während sie ihn beobachtete.

In diesem Augenblick begriff Kahlan, was es mit den Schwestern auf sich hatte.

Richard lockerte den Druck, mit dem er sich gegen die Barriere stemmte. Er zog seine Hände ein Stück zurück und entspannte sichtlich. Sacht, mit gelöster Miene, streckte er eine Hand nach Schwester Verna aus. Seine Finger schlossen sich um ihre Kehle. Sie riß schockiert die Augen auf.

»Richard«, fauchte sie erbost, »nimm deine Hand von mir!«

»Wie Ihr gesagt habt, dies ist kein Spiel. Warum habt Ihr sie umgebracht?«

Er wurde von den Füßen gehoben. Richard schwebte ein paar Zentimeter weit über dem Boden. Er verstärkte den Griff an ihrer Kehle. Als er sie nicht losließ, brach rings um die beiden Feuer aus, erwachte brüllend zum Leben, ein Feuerwirbel, der sich um ihn schloß.

»Ich habe gesagt, nimm deine Hand von mir!«

Noch ein Augenblick, dann hätte das Feuer Richard verschlungen. Bevor sie merkte, was sie tat, hatte Kahlan ihre Faust gegen die Schwester ausgestreckt. Blaues Licht zuckte knisternd um ihr Handgelenk und um ihre Hand. Kleine Lichtblitze lösten sich von den Seiten, während sie sich mit aller Kraft dagegen sträubte, den Kraftblitz freizusetzen. Blaue Flämmchen lösten sich britzelnd, tanzten durch das Haus der Seelen, die Wände hinauf, über Decke und Fußboden, überallhin — nur nicht dorthin, wo die beiden standen. Sie zitterte vor Anstrengung, die Kraft zurückzuhalten.

»Hör auf damit!« Die kleinen, blauen Blitze sogen das Feuer in sich auf. »Heute wird niemand mehr getötet.« Das blaue Licht erlosch.

Stille füllte den Raum. Schwester Verna und Kahlan sahen sich an. Ein harter, gereizter, wuterfüllter Blick trat in die Augen der Schwester. Richard landete auf dem Boden und zog die Hand vom Hals der Frau zurück.

»Ich hätte ihm nichts angetan. Ich wollte ihm nur angst machen, damit er mich losläßt.« Sie richtete ihren wutentbrannten Blick auf Richard. »Wer hat dir beigebracht, wie man ein Netz zerreißt?«

»Niemand. Ich habe es mir selber beigebracht. Warum habt Ihr Schwester Elizabeth getötet?«

»Du hast es dir also selbst beigebracht«, äffte sie ihn nach. »Ich habe es dir bereits gesagt. Dies ist kein Spiel. Die Regeln müssen befolgt werden.« Die Gereiztheit wich aus ihrer Stimme. »Ich habe sie viele Jahre lang gekannt. Hättest du das Schwert an deiner Hüfte jemals weiß gefärbt, dann würdest du begreifen, was mich das gekostet hat.«

Richard verriet ihr nicht, daß er sein Schwert bereits weiß gefärbt hatte. »Erwartet Ihr tatsächlich, daß ich mich in Eure Hände begebe, nach allem, was Ihr angerichtet habt?«

»Deine Zeit läuft ab, Richard. Nach allem, was ich heute gesehen habe, wäre ich nicht überrascht, wenn dich deine Kopfschmerzen schon bald umbringen würden. Ich weiß nicht, warum sie es nicht längst getan haben. Was immer dich beschützt, wird nicht mehr lange halten. Ich weiß, du magst es nicht, jemanden sterben zu sehen. Wir auch nicht. Aber bitte glaube uns, was immer hier geschieht, geschieht, um dich zu retten.«

An Kahlan gewandt, meinte sie: »Nimm dich mit deiner Kraft in acht, Mutter Konfessor. Ich glaube, Ihr habt nicht die geringste Vorstellung, wie gefährlich sie ist.« Schwester Verna zog die Kapuze über und sah Richard aus ihren braunen Augen an. »Man hat dir die erste und die zweite von drei Chancen geboten, und du hast abgelehnt. Ich werde wiederkommen.« Sie beugte sich vor. »Dir bleibt nur noch eine Chance. Lehnst du sie ab, wirst du sterben. Denk sorgfältig darüber nach, Richard.«

Als sich die Tür hinter Schwester Verna geschlossen hatte, kniete Richard neben der toten Schwester nieder. »Sie hat irgend etwas mit mir gemacht. Es war Magie. Ich konnte es spüren.«

»Wie hat es sich angefühlt?«

Richard schüttelte leicht den Kopf. »Als sie das erste Mal hier waren, hatte ich das Gefühl, irgend etwas würde an mir ziehen, damit ich ihr Angebot annehme, aber ich hatte solche Angst vor dem Halsring, daß ich nicht weiter darauf geachtet habe. Diesmal war es viel stärker. Es war Magie. Die Magie versuchte, mich zu zwingen, ja zu sagen, das Angebot der Schwestern anzunehmen. Ich habe einfach so lange an den Halsring gedacht, bis die Kraft nachließ und ich nein sagen konnte.«

Er hob den Kopf und sah sie an. »Hast du irgendeine Idee, was hier gespielt wird? Was sie getan hat, was Schwester Verna getan hat, mit dem Feuer und all dem anderen?«

Kahlans Hand kribbelte noch immer von dem blauen Blitz. »Ja. Die Schwestern sind Magierinnen.«

Richard war sofort auf den Beinen. »Magierinnen.« Er sah ihr lange in die Augen. »Wieso bringen sie sich um, wenn ich ›nein‹ sage?«

»Ich denke, damit geben sie ihre Kraft an die nächste Schwester weiter, um sie für den nächsten Versuch zu stärken.«

»Was macht mich so wichtig, daß sie sich töten, um mich zu bekommen?«

»Vielleicht ist es wirklich so, wie sie sagen: um dir zu helfen.«

Er sah sie kurz aus den Augenwinkeln an. »Sie wollen nicht, daß ein einzelner Mann, ein Fremder stirbt, und doch sind bereits zwei von ihnen bei dem Versuch umgekommen, mich zu überreden, ihre Hilfe anzunehmen, damit ein einziges Leben gerettet wird. Wie paßt das zusammen?«

»Ich weiß es nicht, Richard, aber ich habe Schmerzen vor Angst. Ich fürchte, sie haben die Wahrheit gesagt: daß dir nicht viel Zeit bleibt und die Kopfschmerzen dich töten könnten. Ich fürchte, viel länger wirst du sie nicht mehr beherrschen können.« Ihre Stimme brach vor Mitgefühl. »Ich will dich nicht verlieren.«

Richard legte den Arm um sie. »Ich komme schon zurecht. Ich werde sie begraben. In ein paar Stunden findet die Versammlung statt. Morgen sind wir in Aydindril, und dort bin ich in Sicherheit. Zedd wird wissen, was zu tun ist.«

Sie konnte nichts anderes tun, als ihm den Kopf an die Schulter zu legen und zu nicken.

16

Kahlan saß nackt im Kreis mit acht nackten Männern. Richard saß zu ihrer Linken, wie sie und die Ältesten bis auf einen kleinen Kreis mitten auf der Brust mit schwarzem und weißem Schlamm bemalt. Im schwachen Schein des kleinen Feuers hinter ihr konnte sie das wilde Durcheinander von Linien und Kreisen erkennen, das sich diagonal über sein Gesicht erstreckte. Alle trugen die gleiche Maske, damit die Seelen der Ahnen sie erkennen konnten. Sie fragte sich, ob sie ihm genauso wild vorkam wie er ihr. Der unvertraute, beißende Geruch des Feuers stach ihr in die Nase. Keiner der Ältesten kratzte sich. Sie schienen nur ins Nichts zu starren und sprachen heilige, an ihre Ahnen gerichtete Worte.

Die Tür schloß sich von selbst mit lautem Krachen. Kahlan erschrak.

Der Vogelmann hob den Kopf und sah sie mit kühlen Augen an. »Von jetzt an, bis wir fertig sind, darf niemand herein und niemand hinaus. Die Seelen haben die Tür versperrt

Die Vorstellung, dies könnte, wie Richard behauptet hatte, eine Falle sein, behagte Kahlan überhaupt nicht. Sie drückte seine Hand noch fester. Er erwiderte den Händedruck. Wenigstens konnte sie bei ihm sein. Hoffentlich konnte sie ihn beschützen. Hoffentlich konnte sie den Blitz herbeirufen, wenn es nötig war.

Der Vogelmann fischte einen Frosch heraus und reichte den geflochtenen Korb dann weiter an den nächsten Ältesten. Kahlan starrte die Schädel an, die man im Kreis um den Mittelpunkt angeordnet hatte, während jeder der Ältesten einen Frosch herausnahm und dessen Rücken über die nackte Stelle auf seiner Brust rieb. Dabei warfen sie den Kopf in den Nacken und stimmten einen Sprechgesang an — jeder einen anderen. Savidlin reichte ihr den Korb, ohne sie anzusehen.