Dann sackte sie mit einem gequälten Jammerlaut zu Boden. Von heftigem Schluchzen geschüttelt, kroch sie durch den Staub zu Richard.
Er lag auf der Seite, ihr abgewandt. Sie zerrte ihn auf den Rücken. Sein Arm fiel kraftlos neben seinen Körper. Sein Kopf rollte in ihre Richtung. Er war aschfahl, wie tot. Auf seiner Brust war ein Handabdruck eingebrannt — das Zeichen des Hüters. Die verkohlte Haut war gerissen und blutig. Sein Leben, seine Seele, wich aus seinem Körper.
Sie warf sich über ihn, klammerte sich an ihn, weinte und schluchzte, ohne sich beherrschen zu können.
Kahlan krallte die geballte Faust in seine Haare und preßte ihr Gesicht an seine kalte Wange. »Bitte, Richard«, weinte sie und erstickte fast vor Schluchzen, »bitte verlaß mich nicht. Ich tue alles für dich. Ich sterbe an deiner Stelle. Nur verlaß mich nicht. Bitte, Richard, stirb nicht.«
Sie kauerte da, schmiegte sich an ihn, während ihre Welt über ihnen zusammenbrach. Verging. Ihr fiel nichts anderes ein, als ihm unter Tränen ihre Liebe zu gestehen. Er lag im Sterben, und sie konnte nichts dagegen tun. Sie fühlte, wie sein Atem flacher wurde.
Sie wollte mit ihm sterben, doch der Tod wollte sich nicht einstellen. Sie verlor jedes Zeitgefühl. Sie wußte nicht, ob sie ein paar Minuten hier gelegen hatte oder ein paar Stunden. Sie wußte nicht mehr, was wirklich war. Alles kam ihr wie ein Alptraum vor. Mit zitternden Fingern streichelte sie sein Gesicht. Seine Haut war kalt wie der Tod.
»Du bist vermutlich Kahlan.«
Sie wirbelte herum und setzte sich auf, als sie hinter sich die Frauenstimme hörte. Die Tür zum Haus der Seelen war mittlerweile wieder geschlossen. Ein weißes Leuchten, den Seelen ähnlich, strahlte in der Dunkelheit auf sie herab. Es schien eine Seele zu sein, eine Frau, die die Hände vor dem Körper gefaltet hielt. Ihr Haar, nach allem, was Kahlan erkennen konnte, war zu einem Zopf geflochten.
»Wer bist du?«
Die Gestalt ließ sich vor ihr nieder. Soweit Kahlan erkennen konnte, trug die Seele keine Kleider, schien aber auch nicht völlig nackt zu sein. Die Frau betrachtete Richard. Ein glasiger Blick, der sowohl Sehnsucht als auch Angst verhieß, huschte über ihr Gesicht. Die Seele wandte sich zu Kahlan um.
»Ich bin Denna.«
Kahlan erschrak, als sie den Namen hörte, als sie sah, wie nah sie bei Richard hockte, und hob mit einem Ruck die Faust. Der Blitz schrie danach, freigesetzt zu werden. Bevor Kahlan ihn loslassen konnte, fuhr Denna fort.
»Er stirbt. Er braucht uns. Uns beide.«
Kahlan zögerte. »Kannst du ihm helfen?«
»Wir beide können es, vielleicht. Wenn du ihn genug liebst.«
Kahlans Hoffnung flackerte auf. »Ich würde alles tun. Alles.«
Denna nickte. »Das hoffe ich.«
Dann sah sie sich nach Richard um und strich ihm zärtlich über die Brust. Kahlan stand ganz kurz davor, ihre Kraft freizusetzen. Sie wußte nicht, ob Denna ihm weh tun oder helfen wollte. Sie hoffte wider alle Vernunft. Dies war ihre einzige Chance, Richard zu retten. Richard atmete tief durch. Ihr Herz machte einen Sprung.
Denna zog ihre Hand zurück und lächelte. »Er ist immer noch bei dir.«
Kahlan senkte die Faust ein wenig und wischte sich die Tränen mit der anderen Hand aus dem Gesicht. Der sehnsüchtige Blick, mit dem Denna Richard musterte, gefiel ihr nicht. Kein bißchen. »Wie bist du hierhergekommen? Richard kann dich nicht gerufen haben, du bist kein Ahn von ihm.«
Denna drehte sich um. Ihr zartes, verträumtes Lächeln schwand. »Ich kann es dir unmöglich bis in alle Einzelheiten erklären, aber vielleicht verstehst du es ja in groben Zügen. Ich befand mich an einem Ort der Finsternis und des Friedens. Bei Darken Rahls Durchreise wurde dieser Ort gestört. Seine Durchreise ist etwas, das eigentlich nicht geschehen dürfte. Als er näher kam, spürte ich, daß Richard ihn irgendwie gerufen und es ihm ermöglicht hatte, von dem Ort, wo er sich, gehalten von einem Schleier, befand, hierherzukommen.
Ich kenne Darken Rahl nur allzugut und wußte, was er mit Richard machen würde. Deshalb bin ich ihm gefolgt. Meinen eigenen Schleier hätte ich niemals durchdringen können, doch dadurch, daß ich mich ihm angeschlossen habe, kam ich in seinem Schlepptau ebenfalls hindurch. Ich bin gekommen, weil ich wußte, was Darken Rahl Richard antun würde. Ich weiß nicht, wie ich es besser erklären soll.«
Kahlan nickte. Sie hatte keine Seele vor sich, sie hatte eine Frau vor sich, die Richard zum Gatten genommen hatte. Die Kraft des Konfessors brodelte vor Wut in ihrem Innern. Sie hatte Mühe, sie zu beherrschen, und redete sich ein, sie würde Richard damit helfen. Sie wußte keinen anderen Weg; sie mußte Denna helfen lassen, wenn diese es konnte. Sie hatte gesagt, sie würde alles tun, und das war ernst gemeint. Selbst wenn sie versuchen mußte, jemanden nicht zu töten, der bereits tot war. Jemand, den sie tausend Mal töten wollte und dann weitere tausend Mal.
»Kannst du ihm helfen? Kannst du ihn retten?«
»Man hat ihm das Zeichen des Hüters eingebrannt. Das Zeichen wird seinen Träger zum Hüter bringen. Wird die Hand eines anderen über das Zeichen gelegt, so geht es auf ihn über, und dieser wird an seiner Stelle genommen. Richard wird dann nicht mehr zum Hüter gezogen werden. Er wird leben.«
Kahlan wußte sofort, was sie zu tun hatte. Ohne Zögern beugte sie sich über Richard und streckte die Hand aus. »Dann werde ich das Zeichen übernehmen. Ich werde an seiner Stelle gehen, damit er weiterlebt.« Sie spreizte die Finger, damit sie auf das schwarze Brandmal paßten. Ihre Hand befand sich kaum noch einen Zentimeter darüber.
»Tu es nicht, Kahlan.«
Sie sah über ihre Schulter. »Warum nicht? Wenn er dadurch gerettet wird, bin ich bereit, an seiner Statt zu gehen.«
»Das weiß ich, aber so einfach ist das nicht. Wir müssen erst miteinander reden. Das wird nicht einfach sein, für keine von uns. Ihm wirklich zu helfen, wird für uns beide sehr schmerzhaft sein.«
Kahlan setzte sich widerstrebend hin und nickte. Sie wäre mit allem einverstanden gewesen, hätte jeden Preis bezahlt, wäre sogar bereit, mit dieser … Frau zu sprechen. Sie legte die Hand schützend auf Richards Brust und nahm Denna gegenüber Platz. »Woher weißt du, wer ich bin?«
Denna grinste, hätte fast gelacht. »Wer Richard kennt, der kennt auch Kahlan.«
»Er hat dir von mir erzählt?«
Dennas Lächeln schwand dahin. »In gewisser Weise. Ich habe deinen Namen unzählige Male gehört. Er hat deinen Namen gerufen, wenn ich ihm bis zum Wahnsinn Schmerzen zugefügt hatte. Niemals einen anderen. Weder den seiner Mutter noch den seines Vaters. Immer nur deinen. Ich habe ihm Schmerzen zugefügt, bis er seinen eigenen Namen nicht mehr wußte, aber deinen wußte er noch immer. Ich wußte, daß er einen Weg finden würde, bei dir zu bleiben — trotz deiner Konfessorenkraft.« Ihr Lächeln kehrte zögernd zurück. »Ich glaube, Richard würde einen Weg finden, der die Sonne zwingt, um Mitternacht aufzugehen.«
»Warum erzählst du mir das alles?«
»Weil ich dich bitten werde, ihm zu helfen. Und weil ich möchte, daß du, bevor du einwilligst, begreifst, wie sehr du ihm damit weh tun wirst. Du mußt begreifen, was du tun mußt, wenn du ihm helfen willst. Ich werde dich nicht mit einer List dazu bringen, es zu tun. Es muß mit deinem vollsten Einverständnis geschehen. Nur so wirst du wissen, wie du ihn retten kannst. Begreifst du das nicht, könntest du versagen.
Ihm droht nicht nur von diesem Zeichen Gefahr. Er ist von einem Wahn befallen, einem Wahn, den ich ihm eingepflanzt habe. Ich sehe diesen Wahn in ihm, erkenne seine Aura. Ich weiß, daß dieser Wahn ihn töten wird, und ich weiß, daß ihm nur noch kurze Zeit bleibt. Wie lange, weiß ich nicht, weiß nur, daß es nicht mehr lange dauern wird. Wir können ihn schlecht vor dem Hüter retten, nur damit er danach an seiner Gabe stirbt.«
Kahlan nickte und wischte sich die Nase am Handrücken ab. »Die Schwestern des Lichts behaupten, sie könnten ihn retten. Sie meinen, er müsse einen Halsring anlegen, um sich selbst zu retten. Richard weigert sich, ihn anzulegen. Er hat mir erzählt, was du ihm angetan hast und weshalb er keinen Halsring tragen wird. Aber Richard ist nicht wahnsinnig. Am Ende wird er erkennen, was getan werden muß, und es tun. So ist er. Er wird die Wahrheit erkennen.«