»Alle?« fragte sie ruhig. »Jeder einzelne von ihnen?«
Kahlan stockte der Atem, als sie daran dachte, wie sie ihre Kraft gegen Brophy benutzt hatte. »Nein«, gestand sie leise. »Aber ich habe es nicht getan, weil ich es wollte. Es ist meine Aufgabe. Meine Rolle.«
»Aber du hast es getan. Und was ist mit Demmin Nass?«
Die Worte trafen sie wie ein Schwerthieb. Die Erinnerung, die süße Erinnerung, diese Bestie von einem Mann kastriert zu haben, durchflutete ihren Verstand. Sie sank mit einem klagenden Laut nach vorn. »Geliebte Seele, bin ich denn wirklich nicht besser als du?«
»Wir alle tun, was wir müssen. Aus welchem Grund auch immer.« Sie hob Kahlans Kinn mit ihren glühenden, durchsichtigen Fingern an. »Ich erzähle dir diese Dinge nicht, weil ich dir weh tun will, Kahlan. Das Erzählen verletzt mich mehr, als du dir vorstellen kannst. Ich erzähle sie dir, weil ich Richard retten will, damit er nicht vor seiner Zeit stirbt und damit der Hüter nicht entkommen kann.«
Kahlan preßte Richards Hand noch fester an ihr Herz und schluchzte. »Tut mir leid, Denna … aber es ist mir nicht gegeben, dir zu verzeihen. Daß Richard dir verziehen hat, weiß ich … aber ich kann es nicht. Ich hasse dich.«
»Ich hatte auch keine Vergebung erwartet. Du sollst nur begreifen, daß ich dir die Wahrheit sage, die Wahrheit über Richards Wahnsinn.«
»Warum? Aus welchem Grund?«
»Damit du begreifst, was du tun mußt. Das Tragen des Halsrings ist der Kern dieses Wahnsinns. Es versinnbildlicht alles, was ich ihm angetan habe. Seinem Verständnis nach bedeutet Magie Wahnsinn und Folter. Ein Halsring bedeutet ihm Wahnsinn, Folter. Irrsinn. Die Vorstellung, einen Ring um den Hals zu tragen, holt diesen Wahnsinn aus den tiefsten Winkeln seines Selbst hervor, enthüllt seine tiefsten Ängste. Er übertreibt nicht, wenn er sagt, er würde lieber sterben, als den Ring um seinen Hals zu legen. Er würde es nicht einmal tun, um sich zu retten. Wenn er es jedoch nicht tut, dann stirbt er. Nur eins auf der Welt könnte ihn dazu bringen, den Halsring anzulegen.«
Kahlans Kopf zuckte hoch. Ihre Augen waren weit aufgerissen. »Du willst, daß ich ihn bitte, den Halsring anzulegen.« Ihr wurde schwach vor Angst. »Das soll ich ihm antun? Nach allem, was du mir erzählt hast?«
Denna nickte. »Er wird es tun, wenn du es von ihm verlangst. Aus keinem anderen Grund. Aus keinem.«
Richards kraftloser Arm glitt Kahlan aus den zitternden Händen. Sie schlug sich die Hand vor den Mund. Denna hatte recht. Nach allem, was sie jetzt wußte, was sie gehört hatte, wußte sie, daß Denna recht hatte.
Jetzt wurde ihr auch klar, was sie in Richards Augen gesehen hatte, als er den Halsring betrachtete, den die Schwestern ihm hinhielten. Den Wahnsinn. Richard würde sich nie aus freien Stücken einen Ring um den Hals legen. Niemals. Das war ihr jetzt klargeworden. Wirklich klargeworden.
Ein leiser Schrei entwich ihrer Kehle. »Wenn ich ihn zwinge, den Halsring anzulegen, wird er glauben, ich hätte ihn verraten. In seinem Wahn wird er annehmen, ich wollte ihn verletzen.« Der Schmerz wurde übermächtig, und sie fing wieder an zu weinen. »Er wird mich hassen.«
Dennas Stimme war ein leises Flüstern. »Tut mir leid, Kahlan. Das kann durchaus sein. Wir können es nicht sicher wissen, aber es ist sehr gut möglich, daß er es genau so sehen wird. Ich weiß nicht, in welchem Maß der Wahn von ihm Besitz ergreift, wenn er erfährt, daß er den Halsring anziehen muß — wenn du ihm erzählst, daß ihm nichts anderes übrigbleibt. Aber er liebt dich mehr als das Leben und würde ihn aus keinem anderen Grund anlegen.«
»Denna, ich weiß nicht, ob ich ihm das antun kann. Nicht nach dem, was du mir erzählt hast.«
»Du mußt, sonst stirbt er. Wenn du ihn genügend liebst, mußt du es tun. Du mußt in deiner Liebe zu ihm stark genug sein und ihn dazu zwingen — obwohl du die Schmerzen kennst, die ihm das zufügen wird. Vielleicht mußt du dich ebenso verhalten wie ich und ihm genügend angst machen, damit er tut, was du sagst. Vielleicht mußt du seinen Wahn zu voller Blüte bringen und ihn zwingen, so zu denken wie damals, als er bei mir war und er alles getan hätte, was man von ihm verlangte. Vielleicht verlierst du seine Liebe. Gut möglich, daß er dich für immer hassen wird. Aber wenn du ihn wirklich liebst, wirst du erkennen, daß du die einzige bist, die ihm helfen kann. Die einzige, die ihn retten kann.«
Kahlan klammerte sich verzweifelt an einen Strohhalm. »Aber wir wollten morgen früh zu Zedd, einem Zauberer, der ihm vielleicht helfen kann, die Gabe zu beherrschen. Richard glaubt, daß Zedd weiß, was zu tun ist, und daß er ihm helfen kann.«
»Das ist durchaus möglich. Tut mir leid, Kahlan, die Antwort darauf weiß ich nicht. Vielleicht gelingt es. Aber ich weiß, daß die Schwestern des Lichts über die Macht verfügen, ihn zu retten. Wenn sie kommen und er sie zum dritten Mal zurückweist, hat er für immer die Gelegenheit verspielt, ihre Hilfe zu bekommen. Stellt sich heraus, daß dieser Zauberer Richard nicht helfen kann, dann wird er sterben. Ihm bleibt dann nicht mehr viel Zeit, höchstens noch ein paar Tage. Begreifst du, was das bedeutet, Kahlan? Er wird nicht einfach sterben. Der Hüter wird ihn bekommen und mit ihm alle anderen. Richard ist der einzige, der den Schleier schließen kann.«
»Aber wie? Weißt du, wie er ihn schließen kann?«
»Nein, tut mir leid. Ich weiß nur, daß er von dieser Seite aus ganz aufgerissen werden muß. Deswegen hat der Hüter auch Agenten auf dieser Seite. Deswegen ist Darken Rahl hergekommen. Irgendwie ist Richard der einzige, der sie aufhalten kann, und er ist auch der einzige, der die Kraft besitzt, um zu schließen, was zerrissen wurde.
Weist er die Schwestern zurück und sollte der Zauberer ihm nicht helfen können, dann stirbt er, und zwar schon bald — und es wird sein, als hätte das Zeichen selbst ihn zum Hüter gebracht. Kann er den Zauberer erreichen, bevor er die Schwestern zum dritten Mal zurückweist, wird er vielleicht in Erfahrung bringen, ob ihm ohne sie geholfen werden kann … und ohne den Halsring. Erscheinen sie aber, bevor er Zedd erreicht, dann mußt du mir versprechen, das Nötige zu tun, um ihn zu retten.«
»Wir haben noch Zeit. Die Schwestern kommen frühestens in ein paar Tagen zurück. Wir können Zedd vorher erreichen. Wir haben noch Zeit!«
»Hoffentlich hast du recht, ich hoffe es wirklich. Bestimmt glaubst du mir nicht. Aber ich möchte wirklich nicht, daß Richard jemals wieder einen Halsring anlegen und sich diesem Wahnsinn stellen muß. Wenn ihr Zedd jedoch nicht erreicht, mußt du mir versprechen, daß er die Chance zu überleben ergreift, wenn die Schwestern sie ihm bieten.«
Die Tränen liefen Kahlan aus den brennenden Augen. Richard würde sie hassen, wenn sie ihn zwang, den Halsring anzulegen, das wußte sie. Er würde glauben, sie hätte ihn verraten.
»Und was ist mit dem Zeichen? Er hat immer noch das Zeichen auf dem Herzen.«
Denna musterte sie eine ganze Weile. Ihre Stimme war so leise, daß Kahlan sie kaum hörte. »Ich werde das Zeichen übernehmen. Ich werde statt seiner zum Hüter gehen.« Eine glitzernde Träne rann ihr die Wange hinab. »Aber ich werde es nur dann tun, ich werde nur dann meine Seele opfern, wenn ich weiß, daß er dadurch eine Chance bekommt.«
Kahlan starrte sie ungläubig an. »Das würdest du für ihn tun?« hauchte sie. »Warum?«
»Weil ihm nach allem, was ich ihm angetan habe, meine Schmerzen nicht gleichgültig waren. Er ist der einzige, der je etwas gegen meine Schmerzen unternommen hat. Er hat geweint, als Darken Rahl mich geschlagen hat, und er hat einen Trank gebraut, der mir die Schmerzen nehmen sollte — obwohl ich nicht ein einziges Mal aufgehört habe, ihn zu quälen, wie sehr er mich auch darum bat. Nicht ein einziges Mal.
Und nach allem, was ich ihm angetan habe, hat er mir vergeben. Er wußte, was ich durchgemacht hatte. Er nahm meinen Strafer, um ihn um den Hals zu tragen, und versprach mir, immer an mich zu denken, daran zu denken, daß ich mehr war als eine Mord-Sith, daß ich früher einmal Denna war.«