Eine weitere glitzernde Träne kullerte über ihre Wange. »Und weil ich ihn liebe. Selbst im Tod liebe ich ihn. Auch wenn ich weiß, daß meine Liebe niemals erwidert werden wird, so liebe ich ihn dennoch.«
Kahlan betrachtete Richard, der bewußtlos, hilflos auf dem Rücken lag, mit dem schwarzen, blutenden Zeichen des Hüters auf der Brust. Der weiße und schwarze Schlamm, mit dem er überall bemalt war, verlieh ihm ein wildes, ungezähmtes Aussehen, doch so war er in Wirklichkeit gar nicht. Er war der sanftmütigste Mensch, dem sie je begegnet war. In diesem Augenblick erkannte sie, daß sie alles tun würde, ihn zu retten. Alles.
»Ich werde es tun«, sagte sie leise. »Versprochen. Wenn wir Zedd nicht finden können, bevor die Schwestern zum dritten Mal wiederkommen, werde ich ihn dazu bringen, den Halsring anzulegen, ganz gleich, was es kostet. Selbst wenn er mich deswegen haßt. Oder mich tötet.«
Denna hielt ihr die Hand hin. »Einen Eid darauf, zwischen den Lebenden und den Toten, daß wir tun, was getan werden muß, um ihn zu retten.«
Kahlan starrte auf die Hand vor ihr. »Ich kann dir noch immer nicht vergeben. Ich werde dir nicht vergeben.«
Die Hand blieb, wo sie war, und wartete. »Die einzige Vergebung, die ich brauche, wurde mir bereits gewährt.«
Kahlan starrte auf die Hand, dann hob sie den Arm und ergriff sie. »Einen Eid darauf, daß wir den retten, den wir lieben.«
Sie gaben sich die Hand und verharrten einen Augenblick lang schweigend.
Denna zog ihre Hand zurück. »Er hat nicht mehr viel Zeit. Es muß sofort geschehen.« Kahlan nickte. »Wenn es vorbei ist, mußt du Hilfe für ihn holen. Zwar wird der Sog des Zeichens fort sein, aber die Wunde ist noch da, und die ist schwer.«
Kahlan nickte. »Es gibt hier eine Heilerin. Sie wird ihm helfen.«
In Dennas Augen lag tiefes Mitgefühl. »Danke, Kahlan, daß du ihn genug liebst, um ihm zu helfen. Mögen die guten Seelen mit euch beiden sein.« Sie lächelte kurz und angsterfüllt. »Dort, wo ich hingehe, werde ich sie nicht mehr zu Gesicht bekommen, sonst würde ich sie zu euch schikken, damit sie euch helfen.«
Kahlan berührte den Rücken ihrer Hand und bat in einem stummen Gebet um Kraft für sie.
Denna erwiderte die Geste und berührte Kahlans Wange, dann kniete sie neben Richard nieder. Sie legte ihre Hand auf das Zeichen. Richards Brust hob sich.
Dennas Gesicht war schmerzverzerrt. Sie warf den Kopf in den Nacken und stieß einen durchdringenden Schrei aus, der Kahlan in alle Glieder fuhr.
Und dann war sie einfach verschwunden.
Richard stöhnte. Kahlan beugte sich über ihn und streichelte ihn unter Tränen.
»Kahlan?« stöhnte er. »Was ist passiert, Kahlan?«
»Lieg still, mein Liebster. Es ist alles in Ordnung. Du bist in Sicherheit, ich bin bei dir. Ich werde Hilfe holen.«
Er nickte, sie lief zur Tür und stieß sie auf. Draußen hockten die Ältesten in der Dunkelheit. Sie hoben erwartungsvoll den Kopf.
»Helft mir!« schrie sie. »Tragt ihn zu Nissel. Wir haben keine Zeit, sie herzuholen!«
17
Kahlan hob den Kopf, als er sich bewegte.
Er blinzelte mit seinen grauen Augen, die den kleinen Raum absuchten, bis sie ihr Gesicht gefunden hatten. »Wo sind wir?«
Sie legte ihm die Hand vorsichtig auf die Schulter. »Bei Nissel. Sie hat deine Brandwunde verbunden.«
Mit der rechten Hand betastete er den unter einem Verband verborgenen Breiumschlag und zuckte zusammen. »Wie lange … wie spät ist es?«
Kahlan hockte neben ihm auf dem Boden. Sie hob den Kopf, rieb sich die Augen und spähte durch die einen Spalt weit geöffnete Tür hinaus ins graue Tageslicht. »Es ist jetzt seit ein, zwei Stunden hell. Nissel liegt im Hinterzimmer und schläft. Sie war fast die ganze Nacht auf den Beinen und hat deine Wunde versorgt. Die Ältesten sitzen draußen und bewachen dich. Seit wir dich hergebracht haben, sind sie nicht fortgegangen.«
»Wann war das? Wann habt ihr mich hergebracht?«
»Mitten in der Nacht.«
Richard sah sich noch einmal um. »Was ist passiert? Darken Rahl war da.« Er packte sie mit seiner großen Hand am Arm. »Er hat mich berührt. Er … hat mich gezeichnet. Wo ist er hin? Was ist passiert, nachdem er mich gezeichnet hat?«
Sie schüttelte den Kopf. »Das weiß ich nicht. Er ist einfach gegangen.«
Er drückte schmerzhaft ihren Arm. In seinem Blick lag etwas Wildes. »Was soll das heißen, einfach gegangen? Ist er zurück in das grüne Licht gegangen? Zurück in die Unterwelt?«
Sie zerrte an seinen Fingern. »Richard! Du tust mir weh!«
Er ließ los. »Entschuldige.« Er nahm ihren Kopf an seine gesunde Schulter. »Tut mir leid. Das wollte ich nicht. Tut mir leid.« Er atmete deutlich hörbar auf. »Ich kann einfach nicht glauben, wie dumm ich war.«
Sie gab ihm einen Kuß auf den Hals. »War halb so schlimm.«
»Das meine ich nicht. Was ich meinte, war: Ich kann einfach nicht glauben, daß ich so dumm war, ihn aus der Unterwelt zurückzurufen. Ich kann einfach nicht fassen, daß ich eine solche Dummheit begangen habe. Ich war gewarnt. Ich hätte nachdenken sollen. Ich hätte darauf kommen müssen. Ich habe mich so sehr auf eine Sache konzentriert, daß ich nicht gesehen habe, was aus der anderen Richtung kommt. Ich muß verrückt gewesen sein.«
»Das darfst du nicht sagen«, meinte sie leise. »Du bist nicht verrückt.« Sie schob sich hoch und sah ihn an. »Das darfst du niemals von dir selbst behaupten.«
Er blinzelte, dann drückte er sich ebenfalls hoch und setzte sich ihr gegenüber hin. Er zuckte zusammen, als er erneut den Verband berührte. Dann hob er den Arm, strich ihr über die Wange, fuhr ihr durchs Haar. Er lächelte ein Lächeln, welches ihr Herz zum Schmelzen brachte.
Er suchte ihre Augen. »Du bist die schönste Frau der Welt. Habe ich dir das eigentlich je gesagt?«
»Das sagst du ständig.«
»Aber es stimmt. Ich liebe deine grünen Augen, dein Haar. Du hast das wunderbarste Haar, das ich je gesehen habe. Kahlan, ich liebe dich über alles in der Welt.«
Sie zwang sich, ihre Tränen zurückzuhalten. »Ich liebe dich genauso. Bitte, Richard, versprich mir, nie an meiner Liebe zu zweifeln. Versprich mir, niemals daran zu zweifeln, wie sehr ich dich liebe, was auch immer passieren mag.«
Er legte ihr die Hand auf die Wange. »Ich verspreche es. Ich verspreche dir, nie an deiner Liebe zu zweifeln. Egal, was auch passieren mag. In Ordnung? Was ist?«
Sie beugte sich zu ihm vor, legte den Kopf an seine Schulter und schlang die Arme um seinen Körper — vorsichtig, damit sie ihm nicht weh tat. »Darken Rahl hat mir angst gemacht, das ist alles. Ich hatte solche Angst, als er dich mit seiner Hand verbrannt hat. Ich dachte, du wärst tot.«
Er streichelte ihre Schulter. »Aber was ist dann geschehen? Ich erinnere mich noch, wie er mir erklärt hat, er sei hier, weil ich ihn gerufen hätte, und daß er mein Vorfahr sei. Dann sprach er davon, daß er mich für den Hüter brandmarken wolle. Danach erinnere ich mich an nichts mehr. Was ist passiert?«
Kahlans Gedanken rasten. »Nun … er sagte, er wolle dich brandmarken, dich töten, und daß das Mal dich dem Hüter zuführen würde. Er meinte, er sei gekommen, um den Schleier endgültig aufzureißen. Dann hat er dir die Hand aufgelegt und dich verbrannt. Aber bevor er das lange genug tun und dich damit töten konnte, habe ich den Blitz herbeigerufen, den Con Dar.«
Ihm stockte der Atem. »Dann war uns wohl nicht das Glück vergönnt, daß er ihn getötet oder vernichtet hat, oder was immer man einer toten Seele antun kann.«
Sie schüttelte den Kopf. »Nein, zerstört hat es ihn nicht. Er konnte ihn abblocken, zumindest teilweise. Aber ich glaube, er hatte Angst. Dann ist er gegangen. Nicht zurück in das grüne Licht, sondern zur Tür hinaus. Bevor er zu Ende bringen konnte, was er dir antun wollte. Er ist einfach gegangen, das ist alles.«
Er grinste und drückte sie fester an sich. »Meine Heldin. Du hast mich gerettet.« Er war einen Augenblick lang still. »Er ist gekommen, um den Schleier zu zerreißen«, sagte er leise zu sich selbst. Er legte die Stirn nachdenklich in Falten. »Und was geschah dann?«