Doch als sie zu Schwester Verna hinübersah und bemerkte, wie deren Blicke umherschweiften, wußte sie, daß dies nicht der Fall war.
Richard kam mit Schwung vor der Schwester auf die Füße. »Möglicherweise werdet Ihr feststellen, Schwester Verna, daß es schlimmer ist, die Leine dieses Rings zu halten, als ihn selbst zu tragen.« Er knirschte mit den Zähnen. »Viel schlimmer.«
Schwester Vernas Stimme blieb ruhig. »Wir wollen dir nur helfen, Richard.«
Er nickte kaum merklich. »Auf Euer Wort allein glaube ich gar nichts. Ihr werdet es beweisen müssen.«
In einem Anfall von Panik kam Kahlan ein Gedanke. »Was ist der dritte Grund? Wie lautet der dritte Grund, den Halsring anzulegen?«
Als Richard sich zu ihr umdrehte, hatte er einen Blick in den Augen, der sogar seinem Vater alle Ehre gemacht hätte. Sie vergaß einen Augenblick lang, Luft zu holen.
»Der erste Grund soll meine Kopfschmerzen beherrschen und meine Gedanken öffnen, damit man mir beibringen kann, wie ich die Gabe zu nutzen habe. Der zweite Grund dient dazu, mich zu beherrschen.« Er hob den Arm und packte sie an der Kehle. Er durchbohrte sie mit seinem Blick. »Der dritte Grund ist der, daß man mir Schmerz bereiten will.«
Sie schloß die Augen und stieß einen entsetzten Schrei aus. »Nein! Bei allen guten Seelen! Nein!«
Er ließ ihre Kehle los. Sein Gesicht erschlaffte, wurde ausdruckslos. »Ich hoffe, ich habe dir meine Liebe bewiesen, Kahlan. Hoffentlich glaubst du mir jetzt. Ich habe dir alles gegeben. Hoffentlich ist es genug. Ich habe nichts mehr zu bieten. Nichts.«
»Das hast du. Mehr, als du je wissen wirst. Ich liebe dich mehr als alles auf der Welt, Richard.«
Sie streckte die Hand aus, um seine Wange zu berühren. Er stieß sie fort. Seine Augen sagten alles — sie hatte ihn verraten.
»Wirklich?« Er sah fort. »Ich würde dir gern glauben.«
Sie versuchte, den schmerzhaften, brennenden Kloß in ihrem Hals zu schlucken. »Du hast mir versprochen, nie an meiner Liebe zu zweifeln.«
Er nickte schwach. »Das stimmt.«
Hätte sie den Blitz für sich selbst herunterrufen können, sie hätte es getan. »Richard … ich weiß, im Augenblick verstehst du das nicht, aber ich habe nur getan, was ich tun mußte — um dir zu helfen, daß du überlebst. Um zu verhindern, daß dich die Kopfschmerzen oder deine Gabe töten. Hoffentlich wirst du das eines Tages einsehen. Ich werde immer auf dich warten, denn ich liebe dich von ganzem Herzen.«
Er nickte unter Tränen. »Wenn das wahr ist, dann geh und suche Zedd. Sag ihm, was du getan hast. Sag es ihm.«
Schwester Verna mischte sich ein. »Richard, nimm deine Sachen und warte bei den Pferden.«
Er nickte. Dann ging er in die hinterste Ecke und hob seinen Umhang, seinen Bogen, seinen Rucksack auf. Er griff hinein und zog drei Lederriemen heraus, den mit der Pfeife des Vogelmannes, den mit Scarlets Zahn und den mit Dennas Strafer. Während Kahlan zusah, wie er sich die drei um den Hals hängte, wünschte sie, sie besäße etwas, das sie ihm von ihr geben konnte. Sie versuchte verzweifelt, sich etwas einfallen zu lassen.
Als er an ihr vorüberging, legte sie ihm die Hand auf den Arm und hielt ihn an. »Warte.« Kahlan nahm das Messer aus seinem Gürtel. Sie zog eine Locke ihres Haars hervor und trennte sie mit dem Messer ab. Sie dachte nicht einmal darüber nach, was sie da tat, was geschah, wenn ein Konfessor sich selbst die Haare schnitt.
Ein gequälter Aufschrei, und sie fand sich am Boden wieder. Die Magie brannte sich in ihren Körper, versengte jeden Nerv. Sie kämpfte darum, bei Bewußtsein zu bleiben, und schnappte nach Luft. Sie kämpfte gegen die reißenden Schmerzen an.
Sie mußte bei Bewußtsein bleiben, sonst brach Richard vielleicht auf, bevor sie ihm die Locke geben konnte. Nur daran dachte sie und zwang sich wieder auf die Beine. Endlich ließ der Schmerz nach.
Noch immer nach Atem ringend, zog Kahlan ein kurzes, blaues Bändchen aus dem Bund des Kleides, schnitt es ebenfalls ab und band die lange Haarsträhne damit in der Mitte zusammen, nachdem sie sie um zwei Finger gewickelt hatte. Unter seinen Blicken steckte sie das Messer zurück in die Scheide an seinem Gürtel und steckte ihm die Haarlocke in die Tasche seines Hemdes.
»Um dich immer daran zu erinnern, daß ich im Herzen bei dir bin … daß ich dich liebe.«
Er sah sie eine ganze Weile ausdruckslos an. »Geh und suche Zedd«, war alles, was er sagte, bevor er kehrtmachte und nach draußen ging.
Nachdem er gegangen war, stand Kahlan da und starrte auf die Tür. Sie war wie betäubt, leer, verloren.
Schwester Verna blieb neben ihr stehen und blickte wie sie zur Tür. »Das war die vielleicht mutigste Tat, die ich je gesehen habe«, meinte sie leise. »Die Menschen in den Midlands können sich glücklich schätzen, dich als Mutter Konfessor zu haben.«
Kahlan starrte noch immer auf die Tür. »Er denkt, ich hätte ihn verraten.« Sie drehte sich um und sah die Schwester an, während ihr die Tränen in die Augen traten. »Er denkt, ich hätte ihn verraten.«
Die Schwester betrachtete ihr Gesicht einen Augenblick lang. »Das hast du nicht. Ich verspreche dir, beizeiten werde ich ihm erkennen helfen, was du am heutigen Tag für ihn getan hast.«
»Bitte«, flehte sie, »tut ihm nicht weh.«
Schwester Verna faltete die Hände vor ihrem Körper und atmete tief durch. »Du hast ihm gerade weh getan, um ihm das Leben zu retten. Möchtest du, daß ich weniger für ihn tue?«
Eine Träne lief ihr über die Wange. »Vermutlich nicht. Außerdem bezweifle ich, daß Ihr etwas ebenso Grausames tun könntet wie ich.«
Schwester Verna nickte. »Ich fürchte, damit hast du recht. Doch ich gebe dir mein Wort darauf: Ich werde persönlich über ihn wachen und dafür sorgen, daß man ihm nur das Nötigste antut. Ich verspreche dir, ich werde nicht zulassen, daß man auch nur einen Zoll weiter geht. Mein Wort darauf als Schwester des Lichts.«
»Ich danke Euch.« Ihr Blick fiel auf das Messer in der Hand der anderen Frau. Die Schwester schob es in den Ärmel zurück. »Ihr hättet ihn getötet. Wenn er sich geweigert hätte, hättet Ihr ihn getötet.«
Sie nickte. »Hätte er nein gesagt, hätten die Qualen und der Irrsinn am Ende ein groteskes Ausmaß angenommen. Das hätte ich ihm erspart. Doch das spielt alles keine Rolle mehr. Du hast ihm das Leben gerettet. Danke, Mutter Konfessor … Kahlan.«
Schwester Verna ging zur Tür. »Schwester? Wie lange? Wie lange werdet Ihr ihn bei Euch haben? Wie lange werde ich warten müssen?«
Die Schwester sah sich nicht um. »Tut mir leid, das kann ich nicht sagen. Es dauert so lange, wie es eben dauert. Viel hängt dabei von ihm ab. Es kommt darauf an, wie schnell er lernt.«
Zum ersten Mal lächelte Kahlan wieder. »Ihr werdet wahrscheinlich überrascht sein, wie schnell Richard lernt.«
Schwester Verna nickte. »Das ist es, was ich am meisten fürchte. Wissen vor Weisheit. Das macht mir mehr angst als alles andere.«
»Ich könnte mir vorstellen, daß Euch auch Richards Weisheit überrascht.«
»Ich bete dafür, daß du recht behältst. Leb wohl, Kahlan. Versuche nicht, uns zu folgen, sonst stirbt er.«
»Noch eins, Schwester.« Die kalte Bedrohlichkeit in ihrer Stimme überraschte sie selbst. »Wenn Ihr mich in irgendeinem Punkt belogen habt, wenn Ihr ihn tötet, dann werde ich jede Schwester des Lichts verfolgen und zur Strecke bringen. Ich werde sie bis zur allerletzten töten. Doch nicht, bevor eine jede endlos um ihren Tod gebettelt hat.«
Die Schwester blieb einen Augenblick lang ganz ruhig stehen, dann nickte sie und machte sich auf den Weg.
Kahlan folgte ihr nach draußen, gesellte sich zu den Menschen dort und beobachtete, wie die Schwester ihr Pferd bestieg. Richard saß bereits auf einem kastanienbraunen Wallach. Er hatte ihr den Rücken zugekehrt und wartete.