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Endlich sah sie zu ihm hinüber — gleichgültig. »Der Namenlose versucht immer auszubrechen.«

Richard holte tief Luft und versuchte es noch einmal. »Der Schleier zur Unterwelt ist eingerissen. Er wird entkommen.«

Schwester Verna blickte ihn erneut an, diesmal zog sie den Kapuzenrand zurück, um besser sehen zu können. Braunes, lockiges Haar lugte am Rand der Kapuze hervor. Sie hatte ihre Stirn auf seltsame Art in Falten gelegt. Als ob sie sich amüsierte. In ihren Mundwinkeln spielte die Andeutung eines Lächelns.

»Der Schöpfer selbst hat dem Namenlosen seinen Platz zugewiesen. Der Schöpfer selbst hat mit Seiner eigenen Hand den Schleier vorgezogen, um ihn dort festzuhalten.« Ihr Lächeln wurde etwas breiter. Dabei rückten ihre Brauen etwas aneinander, so daß sich ihre wettergegerbte Stirn in Falten legte. »Der Namenlose kann seinem Gefängnis nicht entkommen. Hab keine Angst, mein Kind.«

Vor Wut explodierend riß Richard sein kastanienbraunes Roß herum zur Schwester. Die beiden Pferde stießen aneinander, wieherten und warfen die Köpfe in den Nacken. Richard schnappte sich die Zügel des Pferds der Schwester mit festem Griff, um zu verhindern, daß es sich aufbäumte oder durchging.

Er beugte sich zu ihr hinüber, seine Brust hob und senkte sich immer noch vor Wut. »Ich lasse mich nicht beleidigen! Ich lasse mich nicht beschimpfen, nur weil ich einen Halsring trage! Ich bin Richard! Richard Rahl!«

Schwester Verna verzog keine Miene. Ihre Stimme blieb glatt und ungerührt. »Tut mir leid, Richard. Die Macht der Gewohnheit. Ich bin gewohnt, mit Knaben umzugehen, die viel jünger sind als du. Es war nicht herabwürdigend gemeint.«

Unter ihrem festen, starren Blick fühlte er sich plötzlich töricht, peinlich berührt. Wie ein kleines Kind. Er ließ die Zügel los. »Entschuldigt, ich wollte nicht so brüllen. Doch befinde ich mich nicht gerade in bester Stimmung.«

Sie runzelte erneut die Stirn. »Ich dachte, du heißt Richard Cypher.«

Er zog das Gewand vor seine Brust, dort, wo der Verband seine Brandwunde bedeckte. »Das ist eine lange Geschichte. George Cypher hat mich wie seinen eigenen Sohn großgezogen. Erst vor kurzem bin ich dahintergekommen, daß ich in Wahrheit Darken Rahls Sohn bin.«

Die Falten auf ihrer Stirn wurden tiefer. »Darken Rahl. Der mit der Gabe, den du getötet hast? Du hast deinen eigenen Vater umgebracht?«

»Seht mich nicht so an. Ihr habt ihn nicht gekannt. Ihr habt keine Ahnung, was für ein Mann er war. Er hat mehr Menschen ins Gefängnis geworfen, gefoltert und getötet, als Ihr oder ich uns vorstellen können. Es macht mich krank, mir vorzustellen, daß er mit meiner Mutter zusammen war. Aber das ist nun einmal leider die Wahrheit. Ich bin sein Sohn. Wenn Ihr wollt, daß es mir leid tut, ihn getötet zu haben, könnt Ihr lange warten — länger als eine Ewigkeit.«

Schwester Verna schüttelte sichtlich ernsthaft besorgt den Kopf. »Das tut mir leid, Richard. Manchmal bestimmt der Schöpfer seltsame Wege für unser Leben, und uns bleibt nichts, als uns zu wundern. Aber einer Sache bin ich mir ganz sicher: Er hat seine Gründe für das, was Er tut.«

Geschwätz. Er bekam von dieser Frau Geschwätz zu hören. »Ich sage Euch, der Schleier ist eingerissen, und der Hüter ist dabei auszubrechen.«

Sie senkte bedrohlich ihre Stimme. »Der Namenlose.«

Er sah kurz genervt zu ihr hinüber. »Na schön. Der Namenlose. Es ist mir vollkommen egal, wie Ihr ihn nennen wollt, aber er wird ausbrechen. Wir alle befinden uns in großer Gefahr.«

Kahlan war in großer Gefahr.

Es war ihm völlig gleichgültig, ob diese Magierin von einer Schwester ihn zu Schlacke verbrannte, sein eigenes Leben bedeutete ihm nichts mehr. Seine einzige Sorge war Kahlans Sicherheit.

Schwester Verna setzte wieder ihr spöttisches Stirnrunzeln und Grinsen auf. »Wer hat dir so etwas erzählt?«

»Shota, eine Hexe — sie hat mir gesagt, der Schleier hätte einen Riß bekommen.« Er erwähnte nicht, daß Shota ihm ebenfalls erzählt hatte, daß er es war, der ihn zerrissen hatte. »Sie sagte, er sei eingerissen, und wenn er nicht geschlossen werde, werde der Hü — der Namenlose entkommen.«

Schwester Verna lächelte. »Eine Hexe.« Sie lachte kurz auf. »Und du hast ihr geglaubt? Du hast einer Hexe geglaubt? Du glaubst, Hexen sprechen auf derart simple Weise die Wahrheit?«

Richard funkelte sie wutentbrannt aus den Augenwinkeln an. »Sie schien sich ihrer Sache ziemlich sicher zu sein. In einer so wichtigen Angelegenheit würde sie nicht lügen. Ich glaube ihr.«

Schwester Verna schien sich über ihn zu amüsieren. »Hättest du jemals zuvor mit Hexen zu tun gehabt, Richard, dann wüßtest du, daß sie eine eigenartige Sicht der Dinge haben. Manchmal haben sie die besten Absichten, doch selten ereignet sich das, was man aus ihren Worten zu hören glaubt, wirklich so.«

Das nahm ihm ein wenig den Wind aus den Segeln. Offenkundig kannte Schwester Verna sich mit Hexen aus. Genaugenommen schien sie sogar seine Ansicht über sie zu teilen.

»Sie war sich ihrer Sache ziemlich sicher. Sie hatte Angst.«

»Davon bin ich überzeugt. Ein weiser Mensch hat immer Angst vor dem Namenlosen. Aber auf das, was sie sagt, würde ich nicht allzuviel geben.«

»Es ist nicht bloß das, was sie sagt. Es sind auch noch andere Dinge geschehen.«

Sie sah neugierig zu ihm herüber. »Zum Beispiel?«

»Ein Screeling.«

Sie richtete ihre ruhigen braunen Augen wieder nach vorn. »Ein Screeling. Du hast also einen Screeling gesehen, ja?«

»Ihn gesehen? Er hat mich angegriffen! Screelings stammen aus der Unterwelt. Der Namenlose schickt sie. Er wurde durch einen Riß im Schleier gesandt, um mich zu töten!«

Ihr Lächeln kehrte zurück. »Du besitzt eine blühende Phantasie, Richard. Du hast zu viele Kinderlieder gehört.«

Er hielt seine wieder aufflackernde Wut im Zaum. »Was soll das heißen?«

»Screelings stammen tatsächlich aus der Unterwelt, wie auch andere Ungeheuer. Die Herzhunde zum Beispiel. Aber sie werden nicht ›geschickt‹. Sie entkommen einfach. Wir leben in einer Welt, die zwischen Gut und Böse liegt, zwischen Licht und Dunkelheit. Der Schöpfer hat nicht gewollt, daß diese Welt vollkommen ist — und gefeit vor allen Übeln. Seine Gründe sind für uns nicht immer nachzuvollziehen, trotzdem kennt Er sie, und Er ist vollkommen. Vielleicht sollen die Screelings uns die dunkle Seite zeigen. Ich weiß es nicht. Ich weiß aber, daß sie ein Übel sind, das nun mal gelegentlich auftritt. Ich habe schon früher beobachtet, wie das Menschen mit der Gabe widerfahren ist. Vielleicht lockt die Gabe sie an. Vielleicht ist es eine Prüfung. Eine Warnung vielleicht vor dem widerlichen Bösen, das jene erwartet, die vom Weg des Lichts abkommen.«

»Aber … es gibt Prophezeiungen, die besagen, daß sie ausgesandt werden, wenn der Schleier eingerissen ist, und zwar vom Namenlosen selbst.«

»Wie soll das möglich sein, Richard? War der Schleier jemals zuvor eingerissen?«

»Wie soll ich das wissen?« Er dachte einen Augenblick lang nach. »Ich wüßte jedenfalls nicht, wie. Wie hätte er dann geflickt werden können? Außerdem wäre das nicht unbemerkt geblieben. Worauf wollt Ihr hinaus?«

»Nun, wenn der Schleier noch niemals eingerissen war, wie hätten dann die Screelings früher ausgesandt werden können? Wie hätte man ihnen dann schon einen Namen geben können?«

Jetzt war es an Richard, nachdenklich zu werden. »Vielleicht kennen wir sie nur deswegen als Screelings, weil sie in der Prophezeiung so genannt wurden.«

»Du hast die Prophezeiung gelesen?«

»Nein. Kahlan hat mir davon erzählt.«

»Und sie hat sie selbst gelesen, mit ihren eigenen Augen?«

»Nein. Sie hat in ihrer Jugend davon gehört.« Richards Gereiztheit wuchs zunehmend. »In einem Lied. Das ihr Zauberer beigebracht haben.«

»In einem Lied.« Schwester Verna sah nicht hinüber, doch ihr Lächeln wurde breiter. »Richard, ich will deine Befürchtungen nicht schmälern, doch Dinge, die oft wiederholt werden, ganz besonders in einem Lied, neigen dazu, eine andere Gestalt anzunehmen. Was Prophezeiungen anbelangt, so sind sie schwerer zu verstehen als eine Hexe. Wir haben im Palast ganze Gewölbekeller voll mit ihnen. Vielleicht erlaubt man dir während deiner Studien, mit ihnen zu arbeiten. Ich habe alle gelesen, die wir besitzen, und ich kann dir versichern, daß sie das Begriffsvermögen der meisten übersteigen. Wenn du nicht vorsichtig bist, kann es geschehen, daß du eine Prophezeiung findest, die dir all das sagt, was du hören willst. Oder zumindest wirst du glauben, es sei das, was du hören willst. Einige Zauberer widmen ihr ganzes Leben ihrem Studium, und selbst sie begreifen nur einen kleinen Teil der Wahrheit, die in ihnen steckt.«