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»Es ist eine Gefahr, die man nicht auf die leichte Schulter nehmen darf.«

»Glaubst du, der Schleier bekommt so einfach einen Riß? Habe Vertrauen, Richard. Der Schöpfer hat den Schleier zugezogen. Habe Vertrauen in ihn.«

Richard ritt eine Weile schweigend neben ihr her. Was Schwester Verna sagte, schien Sinn zu ergeben. Sein Verständnis der Welt geriet ins Wanken.

Doch es fiel ihm schwer, sich auf dieses Thema zu konzentrieren: immer wieder drängte sich Kahlan in seine Gedanken. Daß sie von ihm verlangt hatte, den Halsring anzulegen, um seine Liebe zu beweisen, obwohl sie wußte, sie würde ihn dadurch verlieren, das war eine Qual, die ihm das Herz zerriß. Der Verrat brannte ihm schmerzhaft in der Brust.

Er polkte mit seinem Daumennagel an den Zügeln. Schließlich wandte er sich noch einmal an die Schwester. »Das ist noch nicht alles. Das Schlimmste habe ich Euch noch nicht erzählt.«

Sie setzte ein mütterliches Lächeln auf. »Es gibt noch mehr? Dann erzähl es mir. Vielleicht kann ich deine Ängste beruhigen.«

Richard atmete tief durch und versuchte, wenigstens einen kleinen Teil der Schmerzen damit loszuwerden. »Der Mann, den ich getötet habe, Darken Rahl, mein Vater — als er starb, wurde er in die Unterwelt geschickt. Zum Hü — Namenlosen. Gestern nacht ist er entkommen. Entkommen durch einen Riß im Schleier. Er ist in diese Welt zurückgekehrt, um den Schleier endgültig zu zerreißen.«

»Und du weißt, daß es der Namenlose war, der ihn gesandt hat? Du warst selbst in der Unterwelt und hast gesehen, wie er dort an der Seite des Namenlosen eingetroffen ist, ja?«

Die Frau wußte, wie sie seinen Zorn erregen konnte. Er versuchte, die Stichelei zu übergehen. »Ich habe mit ihm gesprochen, als er in diese Welt zurückkam. Er hat es mir gesagt. Er sagte, er sei hier, um den Schleier vollends zu zerreißen. Er meinte, der Hüter bekäme uns alle. Ein Toter, der in diese Welt zurückkehrt. Versteht Ihr? Seine Seele konnte nur hier sein, wenn er durch den Schleier gekommen war.«

»Du hast einfach dagesessen, und dieser Tote ist zu dir gekommen und hat mit dir gesprochen, ja?«

Richard blickte sie verwirrt an, doch sie sah nicht herüber. »Es war auf einer Versammlung bei den Schlammenschen. Ich wollte mit den Seelen ihrer Vorfahren sprechen, um herauszufinden, wie man den Schleier schließen könnte, und da ist er aufgetaucht.«

»Aha.« Sie nickte zufrieden. »Verstehe.«

»Was soll das heißen?«

Schwester Vernas Gesicht bekam einen nachsichtigen Ausdruck, als wollte sie einem Kind etwas erklären. »Haben dir die Schlammenschen einen heiligen Trank gegeben, bevor du diese Seele gesehen hast?«

»Nein!«

»Du hast dich einfach mit ihnen hingesetzt und Seelen gesehen, ja?«

»Nicht ganz. Zuerst findet ein Festessen statt. Ein paar Tage lang. Die Ältesten trinken und essen spezielle Speisen. Das habe ich aber nie getan. Dann wurden wir mit Schlamm bemalt, anschließend bin ich mit sieben Ältesten in das Haus der Seelen gegangen. Wir saßen im Kreis, und sie haben eine Weile gesungen. Dann wurde ein Korb herumgereicht, und wir haben alle einen Seelenfrosch herausgenommen und haben uns den Schleim von seinem Rücken auf die Haut gerieben…«

»Frösche.« Schwester Verna sah ihn an. »Ich habe schon von ihnen gehört. Und deine Haut hat angefangen zu kribbeln, ja? Und kurz darauf hast du die Seelen gesehen?«

»Das ist sehr vereinfacht ausgedrückt, aber vermutlich kann man es so beschreiben. Was wollt Ihr damit sagen?«

»Bist du schon oft durch die Midlands gereist? Hast du viele der Völker hier kennengelernt?«

»Nein. Ich bin aus Westland. Von den Völkern der Midlands weiß ich nicht viel.«

Sie nickte wieder zu sich selbst. »In den Midlands gibt es viele Völker, Ungläubige, die nichts vom Licht des Schöpfers wissen. Sie verehren alles mögliche. Götzen, Seelen und dergleichen mehr. Es sind Wilde, die an Bräuche der Verehrung glauben, die um diese falschen Vorstellungen kreisen. Meist haben sie eins gemeinsam. Sie benutzen heilige Speisen oder Tränke, die ihnen helfen sollen, ihre ›seelischen Beschützer‹ zu ›sehen‹.«

Sie vergewisserte sich mit einem Seitenblick, daß er ihr zuhörte. »Offenbar benutzen die Schlammenschen die Substanz auf den roten Fröschen, um mit ihrer Hilfe die Visionen dessen zu erhalten, was sie sehen wollen.«

»Visionen?«

»Der Schöpfer hat viele Pflanzen und Tiere erschaffen, damit wir sie nutzen. Die Kraft dieser Dinge wirkt auf unsichtbaren Pfaden. Ein Tee aus Weidenrinde, zum Beispiel, kann helfen, das Fieber zu senken. Wir wissen, daß es wirkt, aber wir sehen nicht, wie. Es gibt viele Dinge, deren Genuß uns krank macht oder gar tötet. Der Schöpfer hat uns einen Verstand gegeben, damit wir den Unterschied erkennen können. Manche Dinge, die man ißt oder sich, wie im Fall der Frösche, auf der Haut verreibt, lassen uns Dinge sehen — ganz so, wie wir Dinge im Traum sehen.

Wilde, die es nicht besser wissen, halten die Dinge, die sie dann sehen, für wirklich. Genau das ist dir passiert. Du hast den Schleim eines roten Frosches auf deiner Haut verrieben und dadurch Visionen bekommen. Deine begründete Angst vor dem Namenlosen hat sie dir noch wirklicher erscheinen lassen. Wären diese ›Seelen‹ wirklich, warum sollten dann eine besondere Pflanze, eine Speise oder ein Trank oder, wie in diesem Fall, rote Frösche nötig sein, um sie zu sehen und mit ihnen zu sprechen? Denk bitte nicht, ich wolle dich verspotten, Richard. Diese Visionen können einem sehr wirklich erscheinen. Aber das sind sie nicht.«

Es widerstrebte Richard, die Erklärung der Schwester anzunehmen, trotzdem verstand er, was sie meinte. Von Jugend an hatte Zedd ihn in die Wälder mitgenommen, um besondere Pflanzen zu suchen, mit denen man Menschen helfen konnte: Aum, um die Schmerzen fortzunehmen und kleinere Wunden schneller verheilen zu lassen, Akazienwurz zur Linderung von Schmerzen bei tieferen Wunden. Zedd hatte ihm noch andere Pflanzen gezeigt, die gegen Fieber halfen, bei der Verdauung, gegen den Schmerz der Kindgeburt, bei Schwindelanfällen — und er hatte ihm auch von den Pflanzen erzählt, die man meiden sollte, Pflanzen, die gefährlich waren, Pflanzen, die einen Dinge sehen ließen, die es nicht gab: Visionen.

Trotzdem glaubte er nicht, daß er sich Darken Rahl eingebildet hatte. »Er hat mich verbrannt.« Richard tippte auf sein Hemd, wo sich der Verband befand. »Ich kann unmöglich eine Vision gehabt haben. Darken Rahl war da, er hat seine Hand nach mir ausgestreckt und mich berührt und dabei meine Haut verbrannt. Das bilde ich mir doch nicht ein.«

Die Schwester zuckte leicht mit den Achseln. »Das könnte zweierlei bedeuten. Nachdem du dir mit dem Frosch über die Haut gerieben hast, konntest du den Raum nicht mehr sehen, in dem du dich befandest, richtig?«

»Nein. Er war wie in ein dunkles Nichts getaucht.«

»Nun, ob du ihn gesehen hast oder nicht, er war noch immer da. Und ich bin sicher, die Wilden hatten ein Feuer bei dieser Versammlung brennen. Und als du dich verbrannt hast, hast du nicht mehr an derselben Stelle gesessen, sondern bist aufgestanden oder umhergegangen, richtig?«

»Ja«, gab er widerstrebend zu.

Sie spitzte die Lippen. »Wahrscheinlich bist du in diesem Zustand der Selbsttäuschung gestürzt und hast dich an einem Scheit im Feuer verbrannt und dir nur eingeredet, es sei eine Seele gewesen.«