Richard kam sich zunehmend töricht vor. Hatte die Schwester vielleicht recht? War alles so einfach? War er tatsächlich so leichtgläubig?
»Du hast gesagt, es könnte zweierlei bedeuten? Was ist die andere Möglichkeit?«
Die Schwester ritt einen Augenblick lang schweigend weiter. Als sie endlich sprach, klang ihre Stimme leiser, dunkler als zuvor. »Der Namenlose trachtet ständig danach, uns auf seine Seite zu ziehen. Er ist zwar hinter seinem Schleier gefangen, und doch reicht sein Zugriff bis in diese Welt. Er kann uns immer noch Schaden zufügen. Er ist gefährlich. Die dunkle Seite ist gefährlich. Wenn Unwissende sich auf oberflächliche Weise mit Dingen aus der Finsternis beschäftigen, können sie eine Gefahr heraufbeschwören oder die Aufmerksamkeit des Namenlosen oder seiner Günstlinge auf sich ziehen. Es ist durchaus möglich, daß du tatsächlich von einem dieser Teufel berührt und verbrannt worden bist.« Sie sah ihn an. »Es gibt Gefahren, die die Menschen in ihrer Torheit nicht vermeiden können. Manchmal sind sie sogar tödlich.«
Ihre Stimme hellte ein wenig auf. »Das ist eine unserer Aufgaben: wir versuchen, denen, die das Licht des Schöpfers noch nicht gesehen haben, beizubringen, wie sie sich diesem Licht nähern — und sich von den dunklen, gefährlichen Dingen fernhalten können.«
Richard wußte nicht, was er den Erklärungen der Schwester hätte entgegenhalten können. Was sie sagte, ergab einen Sinn. Wenn sie recht hatte, bedeutete dies, daß Kahlan nicht wirklich in Gefahr schwebte, sondern in Sicherheit war. Er hätte das nur zu gern geglaubt. Er klammerte sich verzweifelt an diesen Glauben. Trotzdem…
»Ich gestehe wohl ein, du könntest recht haben, aber sicher bin ich mir nicht. Es scheint mehr dahinterzustecken, als ich in Worte fassen kann.«
»Das verstehe ich, Richard. Es fällt schwer, einen Irrtum offen einzugestehen. Niemand gibt gern zu, daß er hereingelegt worden ist oder daß man ihn zum Narren gehalten hat. Und doch gehört es zum Erwachsenwerden, zu lernen, die Wahrheit allem anderen vorzuziehen, selbst wenn man dabei törichte Einbildungen zugeben muß. Bitte, glaub mir, Richard, ich halte dich deswegen nicht für einen Narren. Deine Angst war verständlich. Ein weiser Mensch zeichnet sich durch die Fähigkeit aus, hinter die Wahrheit zu blicken. Er kann immer noch mehr lernen, als er bereits weiß.«
»Aber all diese Dinge hängen zusammen…«
»Tun sie das? Ein weiser Mensch zieht die Perlen unabhängiger Geschehnisse nicht auf eine Kette, nur damit er das erhält, was er gern sehen möchte. Ein weiser Mensch sieht die Wahrheit, selbst wenn sie unerwartet kommt. Das ist die allerschönste Kette, die man tragen kann — die Wahrheit.«
»Die Wahrheit«, murmelte er in sich hinein. Er war der Sucher. Die Wahrheit, das war es, worum es dem Sucher einzig ging. Sie war mit Golddraht in das Heft seines Schwertes eingewirkt: des Schwertes der Wahrheit. Irgend etwas an diesen Geschehnissen überstieg seine Fähigkeit, sie ihr mit Worten zu erklären. Konnte es sein, daß es so war, wie sie sagte? Konnte er sich einfach täuschen?
Er mußte an das Erste Gesetz der Magie denken: Menschen sind dumm. Sie glauben alles, entweder weil sie es glauben wollen, oder weil sie sich davor fürchten, es könnte wahr sein. Aus Erfahrung wußte er, daß er ebenso anfällig dafür war wie alle anderen. Er war keinesfalls darüber erhaben, eine Lüge zu glauben.
Er hatte geglaubt, Kahlan würde ihn lieben. Er hatte geglaubt, sie würde nie etwas tun, was ihn verletzte. Und doch hatte sie ihn fortgeschickt. Richard spürte, wie ihm der Kloß abermals den Hals versperrte.
»Ich sage die Wahrheit, Richard. Ich bin hier, um dir zu helfen.« Er antwortete nicht. Er glaubte ihr nicht. Wie als Antwort auf seine Gedanken fragte sie: »Was machen deine Kopfschmerzen?«
Die Frage verblüffte ihn. Nicht so sehr die Frage als vielmehr die Erkenntnis. »Sie sind … weg. Die Kopfschmerzen sind völlig verschwunden.«
Schwester Verna lächelte und nickte zufrieden. »Wie ich dir versprochen habe, der Rada’Han wird dir die Kopfschmerzen nehmen. Wir wollen dir nur helfen, Richard.«
Er drehte sich um und musterte sie. »Ihr habt auch gesagt, der Kragen diene dazu, mich zu beherrschen.«
»Damit wir dich unterrichten können, Richard. Man braucht die Aufmerksamkeit eines Menschen, wenn man ihm etwas beibringen will. Das ist der einzige Grund.«
»Und um mir weh zu tun. Ihr habt gesagt, er wird mir Schmerzen bereiten.«
Sie zuckte mit den Achseln und öffnete ihre Handflächen gen Himmel, die Zügel mit ihren Fingern verflochten. »Ich habe dir gerade weh getan. Ich habe dir gezeigt, welch törichte Dinge du geglaubt hast. Tut dir das nicht weh? Ist es nicht schmerzlich, wenn man erfahren muß, daß man sich getäuscht hat? Und doch, ist es nicht besser, die Wahrheit zu kennen, als einer Lüge zu glauben? Selbst wenn es schmerzlich ist?«
Er sah zur Seite und mußte daran denken, wie Kahlan ihn gezwungen hatte, einen Halsring anzulegen, und ihn fortgeschickt hatte. »Möglich. Aber es gefällt mir nicht, einen Halsring zu tragen. Kein bißchen.«
Er war das Gerede leid. Seine Brust tat weh. Seine gesamte Muskulatur war verkrampft. Er war müde. Er vermißte Kahlan. Aber Kahlan hatte ihn gezwungen, den Halsring anzulegen und fortzugehen. Er ließ sein Pferd und das, das an seinem Sattel angebunden war, zurückfallen und blieb ein Stück hinter der Schwester zurück, während ihm eine Träne über die Wange lief. Sie fühlte sich auf seiner Haut wie Eis an.
Er ritt schweigend vor sich hin. Sein Pferd riß Grasbüschel aus und kaute sie, während es gemächlich vorantrottete. Normalerweise würde Richard sein Pferd nicht fressen lassen, solange es eine Kandare im Maul hatte. Mit einer Kandare konnte es nicht richtig kauen und sich am Ende eine Kolik einhandeln. Durch eine Kolik verlor man ein Pferd leicht. Anstatt es daran zu hindern, strich Richard ihm über den warmen Hals und tätschelte es ein paarmal zur Beruhigung.
Es tat gut, sich in einer Gesellschaft zu befinden, die ihm nicht einredete, er sei dumm, in einer Gesellschaft, die weder Urteile abgab noch Forderungen stellte. Ihm war nicht danach, das Pferd ebenso zu behandeln. Als Pferd war man besser dran, überlegte er. Gehen, drehen, anhalten. Sonst nichts. Alles war besser als das, was er war.
Ganz gleich, was Schwester Verna gesagt hatte, er war nichts weiter als ein Gefangener. Was immer sie sagte, nichts konnte daran etwas ändern.
Wollte er jemals wieder freikommen, mußte er lernen, die Gabe zu beherrschen. Waren die Schwestern erst einmal mit ihm zufrieden, würden sie ihn vielleicht aus der Gefangenschaft entlassen. Auch wenn Kahlan ihn nicht mehr wollte, so wäre er zumindest frei.
Das würde er tun, beschloß er. So schnell wie möglich die Gabe beherrschen lernen, damit man ihm den Halsring abnahm und ihn freiließ. Und schnell lernen konnte er, zumindest hatte Zedd das immer von ihm behauptet. Er würde alles lernen. Außerdem hatte ihm das schon immer Spaß gemacht. Immer hatte er mehr wissen wollen. Er hatte nie genug. Diese Vorstellung hellte seine Stimmung ein wenig auf. Er lernte gern Neues. Vielleicht war es gar nicht so schlimm. Er konnte es schaffen. Außerdem, was gab es sonst zu tun?
Er mußte daran denken, wie Denna ihn ausgebildet, ihm etwas beigebracht hatte.
Doch abermals verließ ihn der Mut. Er redete sich bloß wieder etwas ein. Sie würden ihn niemals freilassen. Er würde nicht etwa lernen, weil er es wollte oder was er wollte. Er würde lernen, was die Schwestern des Lichts von ihm verlangten. Außerdem war er nicht unbedingt davon überzeugt, daß das, was sie ihm beibrachten, die Wahrheit war. Sie würden ihm beibringen, was Schmerzen waren. Es war hoffnungslos.
Vertieft in seine finsteren, grüblerischen Gedanken ritt er weiter. Er war der Sucher. Der Bringer des Todes.
Als der Himmel in Rosa-, Gelb- und Goldtönen erglühte, sah er ein Stück vor sich einige weiße Flecken. Schnee war es nicht, der Schnee war nicht liegengeblieben. Außerdem bewegten sie sich. Schwester Verna verlor kein Wort über sie, sondern ritt einfach weiter. Die Sonne in ihrem Rücken warf lange Schatten voraus. Zum erstenmal wurde Richard bewußt, daß sie nach Osten ritten.