Als sie näher herangekommen waren, erkannte er die weißen Gestalten, die über ihren Weg verteilt standen und von den letzten Sonnenstrahlen in rosafarbenes Licht getaucht wurden. Es war eine kleine Schafherde. Als sie zwischen ihnen hindurchritten, sah Richard, daß die Menschen, die sie hüteten, Bantak waren. Er erkannte sie an der Art ihrer Kleidung.
Drei Bantak-Männer näherten sich Richard von der Seite her. Schwester Verna beachteten sie nicht. Sie murmelten etwas, das er nicht verstand, doch ihre Worte und Gesichter schienen eine gewisse Ehrerbietung auszudrücken. Die drei fielen auf die Knie und verneigten sich. Sie streckten die Arme in seine Richtung und legten die Hände auf den Boden. Richard ließ sein Pferd im Schrittempo gehen und blickte von oben auf sie herab. Dann richteten sie sich wieder auf und schnatterten auf ihn ein, doch er verstand nicht, was sie sagten.
Richard hob den Kopf zum Gruß. Das schien sie zufriedenzustellen. Die drei fingen an zu grinsen und verbeugten sich noch ein paarmal, während er vorüberritt. Sie kamen wieder auf die Beine, trabten neben seinem Pferd her und versuchten, ihm verschiedene Dinge in die Hand zu drücken: Brot, Früchte, Trockenfleischstreifen, einen farblosen, schmutzigen Schal, aus Zähnen, Knochen und Perlen gefertigte Halsketten, sogar ihre Schäferstökke.
Richard zwang sich zu einem Lächeln und versuchte anhand von Zeichen, die sie seiner Ansicht nach verstehen mußten, ihre Angebote abzulehnen, ohne sie zu kränken. Einer der drei drängte ihn besonders hartnäkkig, eine Melone anzunehmen, bot sie ihm immer wieder an. Richard wollte sie nicht verärgern, also nahm er die Melone schließlich und neigte mehrere Male seinen Kopf. Sie schienen stolz zu sein, nickten und verbeugten sich, während er weiterritt. Er verneigte sich ein letztes Mal aus dem Sattel heraus vor ihnen und ließ die Melone in die Satteltasche gleiten.
Schwester Verna hatte ihr Pferd gewendet und wartete auf ihn. Sie zog ein finsteres Gesicht. Richard drängte sein Pferd nicht zur Eile, sondern ließ es gehen, wie es wollte. Was war jetzt wieder los, fragte er sich.
Als er sie endlich erreicht hatte, beugte sie sich zu ihm herüber. »Warum sagen sie solche Sachen!«
»Was für Sachen? Ich verstehe ihre Sprache nicht.«
Sie biß die Zähne aufeinander. »Sie halten dich für einen Zauberer. Wie kommen sie darauf? Wieso?«
Richard zuckte mit den Achseln. »Wahrscheinlich deshalb, weil ich es ihnen selbst gesagt habe.«
»Was!« Sie schob die Kapuze ihres Umhanges zurück. »Du bist kein Zauberer! Du hast kein Recht, ihnen so etwas zu erzählen! Du hast gelogen!«
Richard legte die Hände auf den hohen Knauf seines Sattels. »Ihr habt recht. Ich bin kein Zauberer. Und ich habe sie angelogen.«
»Lügen ist ein Verbrechen gegen den Schöpfer!«
Richard stieß einen matten Seufzer aus. »Ich habe es nicht getan, weil ich mich als Zauberer aufspielen wollte. Ich habe es getan, um einen Krieg zu verhindern. Es war die einzige Möglichkeit zu verhindern, daß eine Menge Menschen sterben. Es ist gelungen, denn niemand ist zu Schaden gekommen. Ich würde dasselbe wieder tun, wenn ich dadurch verhindern könnte, daß Menschen sich umbringen.«
»Lügen ist falsch! Der Schöpfer haßt es, wenn man lügt!«
»Gefällt es Eurem Schöpfer vielleicht besser, wenn Menschen sich gegenseitig umbringen?«
Schwester Verna zog ein Gesicht, als würde sie jeden Augenblick Feuer speien. »Er ist unser aller Schöpfer, nicht meiner. Und er haßt Lügen.«
Richard schätzte ruhig ihren hitzigen Gesichtsausdruck ab. »Das hat er Euch persönlich erzählt, ja? Er ist einfach zu Euch gekommen, hat sich neben Euch gesetzt und gesagt: ›Schwester Verna, ich möchte, daß du weißt, wie sehr ich Lügen hasse.‹«
Sie knirschte mit den Zähnen und stieß knurrend hervor: »Natürlich nicht. Es steht geschrieben. Geschrieben in den Büchern.«
»Ach so«, nickte Richard. »Na, dann muß es ja die Wahrheit sein. Wenn es in Büchern geschrieben steht, dann muß es ja stimmen. Das weiß doch jeder, wenn etwas geschrieben steht und unterschrieben ist, dann muß es die Wahrheit sein.«
Ihr Blick glühte wie Feuer. »Du gehst sehr leichtfertig mit dem Wort des Schöpfers um.«
Er beugte sich zu ihr hinüber. »Und Ihr, Schwester Verna, geht leichtfertig mit dem Leben jener Menschen um, die Ihr als Heiden bezeichnet.«
Sie schwieg und hatte Mühe, sich zu beruhigen. »Richard, du mußt begreifen, daß Lügen falsch ist. Vollkommen falsch. Es richtet sich gegen den Schöpfer. Gegen alles, was wir lehren. Du bist so sehr ein Zauberer, wie ein kleines Kind ein Mann ist. Dich selbst als Zauberer zu bezeichnen, wenn du keiner bist, ist eine Lüge. Eine schmutzige Lüge. Eine Entweihung. Du bist kein Zauberer.«
»Schwester Verna, ich weiß sehr wohl, daß Lügen nicht richtig ist. Es ist nicht meine Angewohnheit, herumzuspazieren und Lügen zu verbreiten, doch es ist vergleichsweise immer noch besser, als den Tod vieler Menschen in Kauf zu nehmen. Ich hatte keine andere Wahl.«
Sie atmete tief durch und nickte. Die Locken ihres braunen Haars wippten leicht auf und ab. »Vielleicht hast du recht. Solange du nur weißt, daß es falsch ist zu lügen. Mach es dir nicht zur Gewohnheit. Du bist kein Zauberer.«
Richard starrte sie an und griff die Zügel fester. »Ich weiß, daß ich kein Zauberer bin, Schwester Verna. Ich weiß genau, wer ich bin.« Er setzte die Rippen seines Pferdes mit den Schenkeln unter Druck und drängte es voran. »Ich bin der Bringer des Todes.«
Ihre Hand schoß vor. Sie packte ihn am Ärmel und riß ihn im Sattel herum. »Was hast du gesagt? Wie hast du dich genannt?« zischte sie ihn eindringlich an.
Er sah sie gelassen an. »Ich bin der Bringer des Todes.«
»Wer hat dir diesen Namen gegeben?«
Richard musterte ihr aschfahles Gesicht. »Ich weiß, was es bedeutet, dieses Schwert zu tragen. Ich weiß, was es bedeutet, es zu ziehen. Ich weiß es besser als jeder Sucher vor mir. Es ist ein Teil von mir, und ich bin ein Teil von ihm. Ich habe die Magie dieses Schwertes dazu benutzt, den Menschen zu töten, der mir zuletzt einen Ring um den Hals gelegt hat. Ich weiß, zu was es mich macht. Ich habe die Bantak angelogen, weil ich nicht wollte, daß jemand getötet wurde. Aber es gibt noch einen anderen Grund. Die Bantak sind ein friedfertiges Volk. Ich wollte nicht, daß sie das Grauen des Tötens kennenlernen. Diese Lektion habe ich nur zu gut gelernt. Du hast Schwester Elizabeth umgebracht, vielleicht kennst du sie auch.«
»Wer hat dich ›Bringer des Todes‹ genannt?« verlangte sie zu wissen.
»Niemand. Den Namen habe ich mir selbst gegeben, denn das ist es, was ich tue, was ich bin. Ich bin der Bringer des Todes.«
Sie ließ sein Hemd los. »Verstehe.«
Sie wollte gerade ihr Pferd herumdrehen, als er sie im Befehlston beim Namen rief. Sie hielt inne. »Warum? Warum wollt Ihr wissen, wer mich so genannt hat? Warum ist das so wichtig?«
Ihr Ärger schien verflogen, und ein Hauch von Angst war an seine Stelle getreten. »Ich sagte schon, ich habe alle Prophezeiungen im Palast gelesen. Es gibt dort ein Fragment, das folgende Worte enthält: ›Er ist der Bringer des Todes, und er wird sich selbst so nennen.‹«
Richard kniff die Augen zusammen. »Und was besagt der Rest der Prophezeiung? Steht dort auch, daß ich Euch töten werde — und jeden anderen, den ich töten muß, um diesen Halsring wieder loszuwerden?«
Sie wich seinem wütenden Blick aus. »Die Prophezeiungen sind nicht für ungeübte Augen oder Ohren bestimmt.«
Mit einem scharfen Fußtritt überraschte sie ihr Pferd. Es bäumte sich auf und schoß davon. Richard folgte hinterher und beschloß, die Sache nicht mehr zu erwähnen. Prophezeiungen waren ihm egal. Soweit es ihn betraf, waren sie nichts weiter als Rätsel, und Rätsel konnte er nicht ausstehen. Wenn irgend etwas wichtig genug war, um es zu erwähnen, warum es dann in ein Rätsel kleiden? Rätsel waren dumme Spielereien und bedeutungslos.