Er packte den Strafer, so fest er konnte, bis seine Faust vor Anstrengung zu zittern begann. Der Schmerz des Strafers und der seines Herzens verbanden sich zu einer brennenden Tortur. Seine Wahrnehmung verzerrte sich, bis er es nicht mehr auszuhalten glaubte, doch er wartete noch länger, hielt durch, bis er, kaum noch bei Bewußtsein, am Fuß des Erdhügels zusammenbrach.
Er keuchte, rang um Luft. Der Schmerz hatte seinen Kopf frei gemacht. Wenn auch nur für ein paar Minuten, aber er brauchte nicht mehr an diese quälenden Dinge zu denken. Er mußte lange liegenbleiben, bis er sich erholt hatte.
Als er schließlich wieder in der Lage war, sich aufzurichten, stellte er fest, daß er die Haarlocke noch immer in der Hand hielt. Er betrachtete sie im Mondschein und dachte daran, was Schwester Verna zu ihm gesagt hatte — daß er den Bantak eine Lüge erzählt hätte. Eine dreckige Lüge. Genau das waren Kahlans Worte gewesen. Sie hatte gesagt, die Liebe, die er für sie empfand, sei ›eine dreckige Lüge‹. Diese Worte schmerzten mehr als der Strafer.
»Das ist keine Lüge«, sagte er leise. »Ich würde alles für dich tun, Kahlan.«
Doch es reichte nicht. Es reichte nicht, den Halsring anzulegen. Er selbst war unzureichend. Der Sohn eines Ungeheuers. Jetzt wußte er, was sie wollte. Was sie wirklich wollte.
Sie wollte ihn los sein.
Sie wollte, daß er den Halsring anlegte, damit man ihn fortschaffte. Damit sie frei wäre.
»Ich würde alles für dich tun, Kahlan«, weinte er.
Er rappelte sich auf und blickte über die leere Steppe. Der dunkle Horizont verschwamm zu einem wässrig nebelhaften Schleier.
»Alles. Sogar das hier. Ich lasse dich frei, meine Liebe.«
Richard schleuderte Kahlans Haarlocke hinaus in die Nacht, so weit er konnte.
Er sank auf die Knie und fiel schluchzend zu Boden, mit dem Gesicht nach unten. Er weinte, bis keine Tränen mehr kamen. Dann blieb er weiter auf dem Boden liegen und stöhnte schmerzgequält, bis er merkte, daß er den Strafer wieder umklammert hielt. Er ließ ihn los, setzte sich endlich auf und ließ sich rücklings vor Erschöpfung gegen den Erdhügel fallen.
Es war aus, vorbei. Er fühlte sich leer. Tot.
Nach einer Weile stand er auf. Er blieb einen Augenblick lang stehen, dann zog er langsam das Schwert der Wahrheit blank.
Dessen Sirren klang in der kalten Luft wie ein leises Lied. Mit dem Stahl kam auch sein Zorn zum Vorschein, er ließ seine innere Leere von ihm füllen, ließ zu, daß er ungehemmt durch seinen Körper tobte. Er lud den Zorn geradezu ein, begrüßte ihn, überließ ihm die Herrschaft über sich selbst. Seine Brust hob und senkte sich in dem Verlangen zu töten.
Sein Blick glitt zu der Stelle, wo die Schwester lag und schlief.
Er konnte die dunkle Erhebung ihres Körpers sehen, als er sich leise näherte. Er war Waldführer, er wußte, wie man sich geräuschlos anschlich. Und er konnte es gut.
Den Boden sorgfältig im Auge behaltend, bewegte er sich voran und betrachtete die schlafende Gestalt von Schwester Verna. Er hatte keine Eile. Dazu bestand kein Grund. Er hatte alle Zeit, die er benötigte. Er versuchte, ruhiger zu atmen, um kein Geräusch zu machen. Sein alles verschlingender Zorn brachte ihn fast zum Keuchen.
Die Vorstellung, wieder einen Halsring zu tragen, goß Öl auf sein inneres Feuer, gab dem Inferno Nahrung.
Der Zorn der Magie des Schwertes fraß sich in ihn hinein wie geschmolzenes Metall. Richard kannte das Gefühl nur zu gut und gab sich ihm vollkommen hin. Er war jenseits von Vernunft, jenseits des Punktes, an dem man ihn hätte zurückhalten können. Nichts außer Blut konnte den Bringer des Todes jetzt noch befriedigen.
Seine Knöchel, das Heft fest im Griff, waren blutleer. Seine verkrampften Muskeln brannten darauf, zurückschlagen zu dürfen. Die Magie des Schwertes verlangte schreiend ihren Tribut.
Wie ein stummer Schatten stand Richard über Schwester Verna und blickte auf sie herab. Die Wut hämmerte in seinem Schädel. Er zog das Schwert über die Innenseite seines Unterarms, beschmierte beide Seiten mit Blut und gab dem Stahl einen Vorgeschmack. Der dunkle Fleck lief die Blutrinne hinab und löste sich tropfend von der Spitze. Feucht und warm lief es an seinem Arm hinunter. Seine Brust hob und senkte sich, als er das Heft erneut mit beiden Händen packte.
Er spürte das Gewicht des Rings um seinen Hals. Die Klinge stieg kalt im Mondlicht blinkend in die Luft.
Er betrachtete die schlafende Schwester zu seinen Füßen. Sie lag zusammengerollt da, fror und zitterte im Schlaf.
Er stand mit erhobener Klinge da und betrachtete sie, während er vor tobender Gier die Zähne aufeinanderbiß und bebte. Kahlan wollte ihn nicht. Den Sohn eines Ungeheuers.
Nicht Sohn eines Ungeheuers. Nur Ungeheuer. Er sah sich über der schlafenden Frau stehen, das Schwert in der Luft, bereit zu töten.
Das Ungeheuer war er.
Das war es, was Kahlan gesehen hatte. Und sie hatte ihn mit dem Halsring fortgeschickt, damit er gefoltert wurde. Weil er ein Ungeheuer war, dem man einen Halsring anlegen mußte, ein wildes Tier.
Tränen liefen ihm übers Gesicht. Langsam senkte sich das Schwert, bis seine Spitze den Boden berührte. Er stand da und starrte auf die schlafende Schwester herab, die vor Kälte zitterte. Er stand lange da und starrte.
Schließlich ließ Richard das Schwert zurück in die Scheide gleiten. Er holte seine Decke hervor und legte sie über Schwester Verna, steckte sie sorgsam um sie fest, ganz vorsichtig, damit sie nicht aufwachte. Er saß da und beobachtete sie, bis sie zu zittern aufhörte. Dann legte er sich hin und hüllte sich in seinen Umhang.
Er war erschöpft und hatte am ganzen Körper Schmerzen, aber schlafen konnte er nicht. Er wußte, daß man ihm weh tun würde. Dazu war der Halsring da. Sobald sie ihn zum Palast gebracht hatte, würde man ihm weh tun.
Was machte das noch für einen Unterschied?
Erinnerungen tanzten und schossen ihm durch den Kopf, Erinnerungen daran, was ihm Denna angetan hatte. Er erinnerte sich an die Schmerzen, die hilflose Quälerei, das Blut: sein Blut.
Die Visionen nahmen kein Ende. Solange er lebte, würde er sie nicht vergessen können. Gerade hatte es aufgehört, und jetzt sollte es von vorn anfangen. Es würde nie ein Ende finden.
In dem heillosen Durcheinander in seinem Kopf gab es nur einen tröstlichen Gedanken. Von Schwester Verna hatte er erfahren, daß er sich darin getäuscht hatte und daß der Hüter nicht auszubrechen drohte. Somit war Kahlan in Sicherheit. Und das war alles, was wirklich zählte. Alles andere versuchte er von sich fortzuhalten und nur noch daran zu denken. Der Gedanke erlaubte es ihm schließlich, ganz langsam in den Schlaf hinüberzugleiten.
19
Er öffnete die Augen. Die Sonne stieg gerade über den Horizont. Als er sich aufsetzte, nahm ihm der Schmerz seiner Brandwunde den Atem. Er legte die Hand auf sein Hemd, dort, wo der Verband saß, und ließ sie dort ruhen, bis die Schmerzen nachließen. Am ganzen Körper spürte er die Nachwirkungen des Strafers, als wäre er mit einem Prügel geschlagen worden. Alles tat ihm weh. Von damals, als Denna ihn mit dem Strafer ›ausgebildet‹ hatte, wußte er noch, daß er sich beim Aufwachen viel schlimmer gefühlt hatte — bis sie dann schließlich aufs neue mit dem Strafer auf ihn losgegangen war.
Schwester Verna saß im Schneidersitz auf ihrer Decke und beobachtete ihn kauend. Sie hatte sich ihren Umhang mit heruntergelassener Kapuze um die Schultern gelegt. Ihr lockiges, braunes Haar sah frisch gebürstet aus.
Sie hatte Richards Decke säuberlich gefaltet und neben seinen Schlafplatz gelegt. Sie erwähnte sie mit keinem Wort. Richard stemmte sich hoch. Er brauchte einen Augenblick, um sein Gleichgewicht zu finden, und streckte dann seine verkrampften Muskeln. Der wolkenlose Himmel hatte eine kalte, tiefblaue Farbe. Das Gras duftete süß und feucht vom Morgentau. Richards sichtbarer Atem wehte träge in der stillen, schneidend kalten Luft davon.