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»Ich gehe die Pferde satteln, dann können wir aufbrechen.«

»Willst du nichts essen?«

Er schüttelte den Kopf. »Ich habe keinen Hunger.«

»Was ist mit deinem Arm passiert?« fragte sie, ohne aufzusehen.

Überall auf seinem Arm und auf seiner Hand klebte dunkles, getrocknetes Blut. »Ich habe mein Schwert poliert. Es war dunkel. Ich habe mich geschnitten. Es ist weiter nichts.«

»Verstehe.« Sie hob kurz den Kopf, als er sich die Stoppeln an seinem Kinn kratzte. »Hoffentlich bist du beim Rasieren vorsichtiger.«

In diesem Augenblick beschloß Richard, sich so lange nicht zu rasieren, wie er mit Hilfe des Halsrings gefangengehalten wurde. Es sollte seine Art sein, ihnen zu erklären, daß ein Halsring eine Ungerechtigkeit darstellte und daß er sich im klaren darüber war, daß er nichts weiter war als ihr Gefangener und er ihren falschen, gegenteiligen Beteuerungen keinen Glauben schenkte. Ein Halsring war durch nichts zu rechtfertigen, und an dieser grundlegenden Wahrheit gab es nichts zu rütteln — nichts, niemals.

Richard sah die Schwester finster an. »Gefangene rasieren sich nicht.« Er wandte sich den Pferden zu.

»Richard.« Er blickte über seine Schulter. »Setz dich.« Ihre Stimme klang sanft, trotzdem sah er sie wegen ihres Befehls wütend an. Sie zeigte auf seinen Platz direkt vor ihr. »Setz dich. Ich habe darüber nachgedacht, was du gesagt hast. Du bist hier, ich bin hier. Setz dich, und ich werde anfangen, dich in der Beherrschung der Gabe zu unterrichten.«

Das überraschte ihn. »Jetzt? Hier?«

»Ja. Komm her und setz dich.«

Im Grunde war er gar nicht darauf aus, die Gabe anzuwenden. Er konnte Magie nicht ausstehen. Er hatte vorher nur danach gefragt, weil er der Situation ein wenig ihre Spannung hatte nehmen wollen. Sein Blick schweifte hektisch umher, dann schließlich setzte er sich und schlug wie sie die Beine unter.

»Was soll ich tun?«

»Über die Anwendung der Gabe gibt es viel zu lernen. Du wirst etwas über die Ausgewogenheit der Dinge, vor allem der Magie, erfahren. Du mußt alle unsere Warnungen beachten und tun, was wir sagen. Die Anwendung von Magie birgt Gefahren. Vielleicht ist dir das schon vom Gebrauch des Schwertes der Wahrheit bekannt?« Richard rührte sich nicht. Sie fuhr fort. »Die Gefahren bei der Anwendung der Gabe sind größer. Sie kann zu unerwarteten Ergebnissen führen. Ergebnisse, die in einer Katastrophe enden können.«

»Ich habe die Gabe bereits angewendet. Ihr habt selbst gesagt, ich hätte sie auf dreierlei Art angewendet.«

Sie beugte sich ein wenig vor. »Und sieh doch, was passiert ist. Es hat zu einem unerwarteten Ergebnis geführt. Dem Ergebnis, daß du einen Halsring trägst.«

Richard sah sie überrascht an. »Das war doch nicht die Folge davon, daß ich die Gabe angewendet habe. Ihr wart bereits auf der Suche nach mir, das habt Ihr selbst gesagt. Hätte ich die Gabe nicht angewendet, wäre das Ergebnis das gleiche gewesen.«

Schwester Verna schüttelte den Kopf, ohne den Blick von ihm abzuwenden. »Wir waren schon seit Jahren auf der Suche nach dir. Irgend etwas hat dich vor uns verborgen. Hättest du die Gabe nicht so angewendet, wie du es getan hast, bezweifle ich, ob wir dich überhaupt je gefunden hätten. Der Anwendung der Gabe hast du es zu verdanken, daß du diesen Ring um den Hals trägst.«

Seit Jahren. Sie waren schon jahrelang auf der Suche nach ihm. All die Zeit, die er friedlich in Westland gelebt hatte, anfangs mit seinem Bruder, seinem Vater und Zedd und dann allein als Waldführer, hatten sie nach ihm gesucht, und er hatte nichts davon geahnt. Der Gedanke machte ihn frösteln. Er hatte es sich selbst eingebrockt — durch die Anwendung von Magie. Er haßte Magie.

»Zugegeben, die Folgen sind katastrophal — für mich –, aber für Euch? Genau das habt Ihr doch gewollt.«

»Es ist das, was wir tun mußten. Du dagegen hast mein Leben bedroht. Du hast das Leben aller anderen bedroht, die dafür sorgen, daß du den Halsring trägst. Also alle Schwestern des Lichts. Ich nehme die Warnungen von Zauberern, auch von unausgebildeten Zauberern, niemals auf die leichte Schulter. Deine Anwendung der Gabe hat es uns ermöglicht, dich zu finden, aber sie könnte für uns alle katastrophale Folgen haben.«

Er empfand keine Befriedigung darüber, daß seine Drohungen nicht unbemerkt geblieben waren. Er empfand überhaupt nichts. »Warum tut Ihr das dann?« fragte er leise. »Wieso zwingt Ihr mich, ihn zu tragen?«

»Um dir zu helfen. Du wärst sonst gestorben.«

»Ihr habt mir bereits geholfen. Die Kopfschmerzen sind verschwunden. Meinen Dank dafür. Wieso könnt Ihr mich jetzt nicht laufenlassen?«

»Wenn der Halsring zu früh abgenommen wird, bevor du genug gelernt hast, um die Gabe zu beherrschen, werden sie wiederkommen. Und du wirst sterben.«

»Dann bringt es mir bei, damit man ihn mir abnehmen kann.«

»Wir müssen bei der Unterrichtung in Magie Vorsicht walten lassen. Du mußt Geduld bei deinen Studien haben. Wir sind bei der Ausbildung vorsichtig, weil wir mehr über die Gefahren der Magie wissen als du und nicht wollen, daß du durch deine Unwissenheit zu Schaden kommst. Doch das ist im Augenblick noch kein Problem, weil es dauern wird, bis du fortgeschritten genug bist, um die Gabe tatsächlich einzusetzen und diese Dinge zu riskieren — du mußt dich nur an das halten, was wir dir sagen. Du hast doch Geduld, oder?«

»Ich habe nicht das Bedürfnis, Magie anzuwenden. Vermutlich könnte man das als Geduld auslegen.«

»Gut, das soll im Augenblick genügen. Fangen wir also an.« Sie rutschte ein wenig hin und her. »In unserem Innern ruht eine Kraft. Die Kraft des Lebens. Wir nennen sie Han.« Richard runzelte die Stirn. »Heb deinen Arm.« Er tat es. »Das ist die Kraft des Lebens, die uns vom Schöpfer gegeben wurde. Sie ist in deinem Innern eingeschlossen. Du hast gerade Han angewendet. Wer die Gabe besitzt, kann diese Kraft auch über seinen Körper hinaus einsetzen. Eine solche externe Kraft wird Netz genannt. Wer wie du die Gabe hat, hat auch die Fähigkeit, ein Netz auszuwerfen. Mit Hilfe dieses Netzes kannst du Dinge außerhalb deines Körpers tun, ganz so, wie es die Lebenskraft im Innern deines Körpers vermag.«

»Wie ist das möglich?«

Schwester Verna ergriff mit ihren Fingern einen kleinen Stein. »Hier: mein Verstand benutzt Han, um meiner Hand zu sagen, daß sie diesen Stein heben soll. Meine Hand tut dies nicht von selbst, sondern mein Verstand lenkt die Lebenskraft in meine Hand, damit sie tut, was mein Verstand will.« Sie legte den Stein auf den Boden zurück und faltete die Hände im Schoß. Der Stein erhob sich in die Luft und schwebte zwischen ihnen. »Gerade habe ich das gleiche getan, nur diesmal, indem ich die Lebenskraft aus meinem Körper projiziert habe. Das ist die Gabe.«

»Du kannst das tun, was ein Zauberer kann?«

»Nein. Nur einen Teil davon. Auf diese Weise können wir ihre Anwendung lehren. Wir wissen, wie es ist, sie zu besitzen. Die Schwestern verfügen über eine gewisse Beherrschung der Lebenskraft und auch der Gabe, doch längst nicht so wie ein Zauberer, der sein Han vollständig kontrollieren kann.«

»Und wie bringt Ihr diese Lebenskraft dazu, Euren Körper zu verlassen?«

»Mit einer Erklärung dessen kann man erst beginnen, wenn du gelernt hast, die Kraft in deinem Innern zu erkennen, wenn du gelernt hast, dein Han zu berühren.«

»Warum?«

»Weil jeder Mensch anders ist. Jeder setzt diese Kraft anders ein. Sie ist bei keinen zwei Menschen gleich. Liebe ist eine Form des Han, die aus dem eigenen Selbst auf einen anderen projiziert wird. Es ist jedoch eine milde, schwache Form. Auch wenn Liebe allumfassend ist, so wird sie doch von jedem anders eingesetzt und empfunden. Manche benutzen sie, um in einem anderen das Beste seines Han zu wecken. Andere wiederum, um in sich selbst das Beste hervorzubringen. Manche wiederum benutzen sie, um andere zu kontrollieren, zu beherrschen. Die Kraft kann heilen oder Wunden schlagen.

Wenn wir erst einmal verstanden haben, wie die Gabe in dir wirkt, wie du sie benutzt, können wir dich durch die Übungen führen, die Formen genannt werden. Die Formen sind eine Übungsmethode, die dir dabei helfen wird zu lernen, wie du die Kraft kontrollieren kannst, hat sie erst einmal deinen Körper verlassen. Doch im Augenblick ist das nicht wichtig. Zuerst mußt du lernen, dein Han in dir zu fühlen, bevor du es irgendwo nach außerhalb deines Körpers projizieren kannst.