Bist du erst in der Lage, dein Han zu berühren, dann müssen wir herausfinden, was du damit tun kannst. Jeder Zauberer ist anders, jeder benutzt sein Han auf andere Art. Manche benutzen es nur über ihren Verstand, wie jene Zauberer, die die Prophezeiungen studieren. Bei ihnen zeigt sich ihr Han im wesentlichen, wenn sie mit seiner Hilfe die Prophezeiungen zu verstehen suchen. Genau dies ist ihr einzigartiges Talent. Manche können ihr Han nur dazu benutzen, wunderschöne, anregende Gegenstände zu schaffen. Manche benutzen ihr Han, um mit Magie ausgestattete Dinge herzustellen. Das ist ihr besonderes Talent, die Art, wie sie ihrem Han Ausdruck verleihen. Manche sind in der Lage, kraft ihrer Gedanken ihre Umwelt zu beeinflussen, wie ich es dir beim Anheben des Steines gezeigt habe. Andere wiederum können mit ihrem Han andere Dinge tun. Manche auch von allem etwas.«
Ihr besorgter Gesichtsausdruck kehrte zurück. »Die Wahrheit ist in dieser Angelegenheit von allergrößter Wichtigkeit, Richard. Du mußt vollkommen aufrichtig sein, wenn du uns sagst, wie dein Han sich in dir anfühlt. Jede Unaufrichtigkeit würde schwerwiegende Folgen haben.« Sie entspannte sich ein wenig. »Zuerst jedoch mußt du fähig sein, dein Han herbeizurufen, bevor wir herausfinden können, was für eine Art Zauberer du bist.«
»Ich habe es schon gesagt: ich will kein Zauberer sein. Ich will nur lernen, wie man die Gabe beherrscht, damit ich die Kopfschmerzen stoppen und mir diesen Ring vom Hals schaffen kann. Ihr habt selbst gesagt, ich muß kein Zauberer sein.«
»Das Beherrschen des Han mit Hilfe der Gabe ist es, was einen Zauberer ausmacht. Wenn du gelernt hast, es zu kontrollieren, bist du ein Zauberer. Das ist das Wesen eines Zauberers. Aber Zauberer ist bloß ein Wort. Du solltest dich nicht vor einem Wort fürchten. Wenn du dich entscheidest, die Gabe nicht anzuwenden, dann ist das deine Sache — wir können dich nicht dazu zwingen. Ein Zauberer bist du trotzdem.«
»Bringt mir bei, was ich wissen muß, aber ich werde kein Zauberer sein.«
»Das ist doch nichts Böses, Richard. Es bedeutet einfach, daß man sich selbst kennenlernt, daß man weiß, zu was man imstande ist, daß man seine Fähigkeiten kennt.«
Richard seufzte. »Also schön. Und wie beherrsche ich sie?«
»Das Lehren der Beherrschung der Gabe ist ein Prozeß, der stufenweise vor sich geht. Ich kann dir nicht alles auf einmal erklären, weil du weiter vorn liegende Schritte nicht verstehen würdest. Jeder einzelne Schritt für sich muß gemeistert werden, bevor man zum nächsten übergehen kann. Bevor wir dir zeigen können, wie man sein Han nach außen projiziert, mußt du es erst erkennen. Dann mußt du es berühren können und dich mit ihm in deinem Innern vereinigen. Du mußt wissen, was es ist. Du mußt in der Lage sein, es zu fühlen. Du mußt nach Belieben danach greifen und es berühren können. Du verstehst doch, was ich sage, oder?«
Richard nickte. »Ein wenig schon, denke ich. Also, wie ist das? Wie werde ich es finden? Wie ist es, wenn man es kennt, es berührt?«
Der Blick in Schwester Vernas Augen bekam etwas Entrücktes, schien zu brechen. »Du wirst es wissen«, sagte sie leise. »Es ist, als ob man das Licht des Schöpfers selbst sieht. Fast ist es, als ob man sich mit Ihm vereinigt.«
Richard betrachtete ihren glasigen Blick. Sie schien wie gebannt von dem, was sie in ihrem Innern sah.
»Also, wie finde ich es?« fragte er schließlich.
Ihr Blick richtete sich auf Richard. »Du mußt in deinem Innern danach suchen.«
»Und wie?«
»Du sitzt einfach da und suchst in deinem Innern. Du schiebst alle anderen Gedanken beiseite und suchst die Stille, die Ruhe in deinem Innern. Anfangs ist es hilfreich, wenn man die Augen schließt, langsam und gleichmäßig atmet und zuläßt, daß man den Frieden der Leere entdeckt. Am Anfang hilft es, sich auf ein einziges Ding zu konzentrieren, um alle Gedanken auszuschließen, die einen ablenken können.«
»Ein einziges Ding? Was zum Beispiel?«
Sie zuckte mit den Schultern. »Was immer du möchtest. Es ist nur ein Mittel zum Zweck, nicht der Zweck selbst. Manche benutzen ein einzelnes Wort, das sie ständig wiederholen, um alles andere auszuschließen. Manche benutzen das geistige Bild eines einfachen Gegenstandes, um ihre Gedanken darauf zu richten. Wenn du dann schließlich gelernt hast, die Kraft zu erkennen, sie zu berühren und eins mit ihr zu werden, bedarfst du dieser Hilfsmittel nicht mehr. Du wirst die Natur des Han erkennen und in der Lage sein, direkt danach zu greifen. Es wird dir zur zweiten Natur werden. Ich weiß, jetzt kommt dir das alles seltsam und schwierig vor, Richard, aber nach einer Weile wird es dir ebenso leicht erscheinen wie das Hervorrufen der Magie des Schwerts.«
Richard hatte das unangenehme Gefühl, bereits zu wissen, wovon sie sprach. Fast verstand er sogar, was sie sagte. Die Worte klangen vielleicht seltsam, doch sie beschrieben etwas Vertrautes und doch irgendwie anderes.
»Ihr wollt also, daß ich mich einfach hinsetze, die Augen schließe und die Ruhe in meinem Innern suche?«
Sie nickte. »Ja.« Schwester Verna zog den schweren braunen Umhang fester um ihre Schultern. »Bitte fang an.«
Richard atmete hörbar aus. »Also gut.«
Er schloß die Augen. Seine Gedanken schienen sich in alle Richtungen gleichzeitig zerstreuen zu wollen. Er versuchte, sie zu verscheuchen. Er versuchte, an ein Wort oder an ein Bild zu denken, auf das er sich konzentrieren könnte. Als erstes fiel ihm Kahlans Name ein. Er ließ ihn wie eine Flüssigkeit durch seinen Geist fließen. Kahlan. Dann verwarf er die Idee. Er haßte seine Magie, und er wollte sie nicht mit etwas in Verbindung bringen, das er liebte. Außerdem war der Gedanke an sie nur schmerzhaft — schmerzhaft, weil er sie so sehr liebte, weil er ihr gegeben hatte, was sie wollte, weil er sie freigelassen hatte.
Er überlegte sich einfache Worte, einfache Gegenstände, doch nichts davon war für ihn von Bedeutung. Dann ließ er seine Gedanken zur Ruhe kommen und atmete regelmäßig. Er suchte den Frieden in sich selbst, eine ruhige Mitte, so wie er es immer getan hatte, wenn er die Lösung eines Problems herausfinden wollte. In dieser Ruhe versuchte er an ein Bild zu denken, das sich verwenden ließ. Plötzlich schoß es ihm durch den Kopf — fast wie von selbst.
Das Schwert der Wahrheit.
Es war bereits magisch, daher konnte er es nicht mehr schänden. Es war ein einfaches Bild. Es schien die Anforderungen zu erfüllen. Die Sache war entschieden. Das Schwert der Wahrheit sollte es sein.
Richard stellte es sich vor, wie es vor einem schwarzen Hintergrund schwebte. Er betrachtete die Einzelheiten, die er so gut kannte: die polierte Klinge mit der Blutrinne über die gesamte Länge, der aggressive, nach unten gebogene Handschutz, das mit feinem, gedrehtem Silberdraht umwickelte Heft mit dem eingeflochtenen Goldfaden, der in erhabenen Buchstaben das Wort WAHRHEIT bildete.
Als er es sich vor einem schwarzen Hintergrund schwebend vorstellte, es in Gedanken fixierte, spürte er einen Widerstand. Es war der Hintergrund, nicht das Schwert. Rings um das Schwarz gab es einen weißen Rand, der das Schwarz zu einem Quadrat formte. Richard kannte es von früher.
Es war eine der Anleitungen aus dem Buch der Gezählten Schatten, jenem Buch, das er als kleiner Junge auswendig gelernt hatte. Befreie deinen Geist von allen Gedanken, und setze an deren Stelle nichts als das Bild einer weißen Fläche mit einem schwarzen Quadrat in ihrer Mitte. Es war ein Teil der Anleitung für das Entfernen der Deckel von den Kästchen der Ordnung und die Anwendung der Magie des Buches. Er hatte eben diese Magie benutzt, um Darken Rahl zu zeigen, wie man den Deckel eines Kästchens entfernte, um ihm damit zu beweisen, daß er das Buch tatsächlich kannte. Aber wieso tauchte es gerade jetzt in seinen Gedanken auf? Eine zufällige Erinnerung, die sich ihren Weg an die Oberfläche bahnte, entschied er.