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Der Hintergrund war so gut wie jeder andere, um das Schwert darauf zu projizieren. Schließlich versuchte er sich in der Anwendung von Magie. Wenn sein Verstand es so wollte, dann sollte es ihm recht sein. Bei diesem Gedanken verfestigte sich das Bild des Schwertes und des quadratischen, schwarzen Hintergrundes mit dem weißen Rahmen drumherum und stand still.

Richard konzentrierte sich auf das geistige Bild des Schwertes vor dem schwarzen Quadrat mit dem weißen Rand. Er konzentrierte sich so stark wie möglich. Dann geschah etwas.

Das Schwert, das schwarze Quadrat und der weiße Rahmen begannen zu flimmern, als ob man sie durch Hitzeschlieren beobachtete. Die festen Umrisse des Schwertes begannen sich aufzulösen. Es wurde durchsichtig, dann war es verschwunden. Der Hintergrund löste sich auf. Richard blickte auf einen Ort, den er kannte.

Den Garten des Lebens im Palast des Volkes.

Richard fand es seltsam und etwas störend, daß er seine Konzentration nicht lange genug aufrechterhalten konnte, um das Bild des Schwertes in seinem Geist festzuhalten. Die Erinnerung an jenen Ort, wo er Darken Rahl getötet hatte, war offenbar so übermächtig, daß sie sich in seine Gedanken gedrängt hatte, als er entspannt gewesen war.

Er wollte gerade das Bild des Schwertes zwingen zurückzukehren, als er etwas roch. Verbranntes Fleisch. Fast wäre ihm die Luft weggeblieben. Ihm drehte sich der Magen um.

Er suchte das Bild des Gartens des Lebens ab. Es war, als schaute man durch eine schmutzige Fensterscheibe. Über den niedrigen Mauern hingen Leichen, gefallen, halb verborgen im Gebüsch und hingestreckt im Gras. Alle waren durch häßliche Brandwunden entstellt. Einige hielten Waffen in den verkohlten Händen, Schwerter oder Streitäxte. Andere lagen mit offenen Händen da, die Waffen neben sich. Eine lähmende Ahnung machte sich in Richards Brust breit.

Richard sah den Rücken einer weißen, leuchtenden Gestalt, die vor einem steinernen Altar stand — vor den drei Kästchen der Ordnung. Eines der Kästchen stand offen, wie Richard sich erinnerte.

Die weiße Gestalt mit dem langen, blonden Haar richtete sich über den Kästchen auf.

Darken Rahl drehte sich um und sah Richard genau in die Augen. Seine blauen Augen waren voller Glut. Ein Lächeln breitete sich langsam auf seinen Lippen aus. Es war, als würde Richard hilflos angezogen. Angezogen von dem grinsenden Gesicht.

Darken Rahl hob eine Hand an seinen Mund und leckte sich die Fingerspitzen. »Richard«, zischelte er. »Ich warte auf dich. Komm und sieh zu, wie ich den Schleier zerreiße.«

Unfähig zu atmen, holte Richard das Bild des Schwertes mit aller Kraft zurück in seine Gedanken — so wie man eine Tür zuwuchtet. Dort hielt er es unverrückbar fest, während er sich zwang, gleichmäßig zu atmen.

Es waren nur eine verirrte Erinnerung und die Angst, die das Bild hervorgerufen hatten, redete er sich ein. Er konzentrierte sich auf das Schwert; das, was er gesehen hatte, existierte doch nicht wirklich, war nur ein Trugbild, ausgelöst durch die Kopfschmerzen, den Verlust von Kahlan, den Mangel an Schlaf.

Das mußte es sein. Es konnte unmöglich echt gewesen sein. Das war einfach ausgeschlossen. Er hätte verrückt sein müssen, um es für wirklich zu halten.

Er öffnete die Augen. Schwester Verna saß ruhig da und beobachtete ihn. Sie seufzte tief — vermutlich aus Mißfallen.

Richard schluckte. »Tut mir leid — nichts passiert.«

»Laß dich nicht entmutigen, Richard. Ich hatte nicht erwartet, daß etwas geschieht. Es dauert lange, bis man lernt, sein Han zu berühren. Es wird passieren, wenn die Zeit gekommen ist. Man kann es nicht beschleunigen. Es bringt auch nichts, es zu sehr zu wollen — es geschieht nur, wenn man den inneren Frieden gefunden hat, man kann es nicht erzwingen. Das langt für heute.«

»Ein paar Minuten. Länger soll ich es nicht versuchen?«

Sie zog eine Braue hoch. »Du hattest deine Augen über eine Stunde lang geschlossen.«

Er starrte sie an, dann blickte er zur Sonne. Sie schien einen Sprung am Himmel gemacht zu haben. Über eine Stunde. Wie war das möglich? Plötzlich kribbelte sein ganzer Körper.

Sie legte den Kopf zur Seite. »Dir kommt es nur wie ein paar Minuten vor?«

Richard stand auf. Der besorgte Ausdruck auf ihrem Gesicht gefiel ihm nicht. »Ich weiß nicht. Ich habe nicht darauf geachtet. Wahrscheinlich hat es sich doch wie eine Stunde angefühlt.«

Er machte sich daran, die paar Dinge wieder einzupacken, die er herausgeholt hatte. Je mehr er darüber nachdachte, was er gesehen hatte, desto unwirklicher kam es ihm vor. Das Gefühl glich zunehmend dem eines Traumes nach dem Aufwachen: die Angst, die scharfen Umrisse, die Unmittelbarkeit ließen immer mehr nach. Er kam sich töricht vor, weil er sich von einem Traum so hatte ängstigen lassen.

Von einem Traum? Er hatte nicht geschlafen. Wie hätte er träumen sollen, wenn er wach gewesen war.

Vielleicht war er gar nicht wach gewesen. Er war todmüde gewesen. Vielleicht war er eingeschlafen, als er dagesessen und sich auf das Schwert konzentriert hatte. So schlief er manchmal ein: indem er sich auf etwas konzentrierte, bis er wegdämmerte. Das war die einzige Erklärung dafür, daß die Zeit so schnell verstrichen war. Er hatte geschlafen, und alles andere war ein Traum gewesen.

Er seufzte. Er kam sich dumm vor, weil er sich so gefürchtet hatte, gleichzeitig war er aber auch erleichtert. Als er sich umdrehte, sah Schwester Verna ihn noch immer an.

»Möchtest du dich jetzt rasieren? Jetzt, wo ich dir gezeigt habe, daß ich dir nur helfen will?«

Richard richtete sich auf. »Ich hab’ es schon gesagt: Gefangene rasieren sich nicht.«

»Du bist kein Gefangener, Richard.«

Er verstaute seine Decke. »Werdet Ihr mir den Halsring abnehmen?«

Ihre Antwort kam bedächtig, aber entschlossen. »Nein. Erst wenn es an der Zeit ist.«

»Kann ich fort — und gehen, wohin ich will?«

Sie stieß einen ungeduldigen Seufzer aus. »Nein. Du mußt mit mir kommen.«

»Und wenn ich es nicht tue und versuche, Euch zu verlassen?«

Sie kniff die Augen ein wenig zusammen. »Dann wäre ich gezwungen, es zu verhindern. Du würdest feststellen, daß dir das nicht gefällt.«

Richard nickte ernst. »Das entspricht genau meiner Definition eines Gefangenen. Solange ich Gefangener bin, werde ich mich nicht rasieren.«

Die Pferde wieherten, als er sich ihnen näherte, und stellten die Ohren in seine Richtung. Schwester Verna musterte sie voller Argwohn. Er erwiderte die Begrüßung der Tiere mit ein paar sanften Worten und kraulte sie am Hals. Er holte die Bürsten hervor und striegelte die beiden kurz, wobei er ihrem Rücken besondere Beachtung schenkte.

Schwester Verna verschränkte die Arme vor der Brust. »Warum tust du das? Du hast sie erst gestern abend gestriegelt.«

»Weil Pferde sich gern im Staub wälzen. Möglicherweise bleibt an der Stelle, wo sie gesattelt waren, etwas hängen. Das fühlt sich in etwa so an, als würde man mit einem Stein im Schuh herumlaufen, nur schlimmer. Sie könnten davon eine wunde Stelle bekommen, und wir könnten sie nicht mehr reiten. Deshalb sehe ich sie mir genau an, bevor ich sie sattle.«

Als er fertig war, reinigte er die Bürsten aneinander. »Wie heißen sie eigentlich?«

Schwester Verna warf ihm einen finster säuerlichen Blick zu. »Sie haben keine Namen. Es sind doch nur Pferde. Wir geben dummen Tieren keine Namen.«

Er deutete mit dem Striegel auf den kastanienbraunen Wallach. »Nicht einmal Eurem eigenen?«

»Das ist nicht mein eigenes. Sie alle gehören den Schwestern des Lichts. Ich reite das, das gerade frei ist. Den Rotbraunen, den du gestern geritten hast, habe ich geritten, bevor du mich begleitet hast, aber das macht keinen Unterschied. Ich reite einfach das Tier, welches gerade frei ist.«

»Nun, von jetzt an werden sie jedenfalls Namen haben. Um sie nicht zu verwechseln. Eures ist der Kastanienbraune — und er wird Jessup heißen, meinen Rotbraunen werde ich Bonnie nennen, und der andere Rotbraune ist Geraldine.«