»Jessup, Bonnie, Geraldine«, meinte sie verächtlich. »Ohne Zweifel aus Die Abenteuer der Bonnie Day.«
»Freut mich zu hören, daß Ihr außer Prophezeiungen auch noch etwas anderes lest, Schwester Verna.«
»Wie ich dir bereits gesagt habe, wer mit der Gabe in den Palast gebracht wird, ist gewöhnlich jung. Ein Knabe hat Die Abenteuer der Bonnie Day mitgebracht. Ich habe es gelesen, um festzustellen, ob es für junge Leser geeignet ist und ob es gute moralische Lehren enthält. Ich stellte fest, daß es die lächerliche Geschichte dreier Leute war, die keinerlei Schwierigkeiten gehabt hätten, wäre auch nur einer von ihnen mit Verstand gesegnet gewesen.«
Richard lächelte verhalten. »Dann sind die Namen für ›dumme Tiere‹ ja genau passend.«
Sie blickte ihn finster an. »Das Buch hatte keinen geistigen Wert. Es hatte überhaupt keinen Wert. Ich habe es verbrannt.«
Richards Lächeln wollte sich verflüchtigen, doch das ließ er nicht zu. »Mein Vater … jedenfalls der Mann, der mich großgezogen hat und der für mich mein Vater ist, George Cypher — nun, er war viel unterwegs. Einmal kam er nach Hause und brachte mir die Abenteuer der Bonnie Day mit — als Geschenk, damit ich lesen lernte. Es war mein allererstes Buch. Ich habe es viele Male gelesen. Es hat mir Freude gemacht und mich zum Nachdenken gebracht — jedesmal, wenn ich es gelesen habe. Ich fand auch, daß die drei Helden tollkühne Dinge taten, und schwor jedesmal, nicht die gleichen Fehler zu machen wie sie. Vielleicht habt Ihr keinen Wert darin entdecken können, ich habe aber einige Dinge daraus gelernt. Wertvolle Dinge. Es hat mir zu denken gegeben. Vielleicht wollt Ihr nicht, Schwester Verna, daß Eure Studenten das tun?«
Er wandte ihr den Rücken zu und machte sich daran, das Zaumzeug auseinanderzunehmen. »Mein richtiger Vater, Darken Rahl, kam zu meinem Haus, erst in diesem Herbst, und hat nach mir gesucht. Er wollte mir den Leib aufschlitzen, um in meinen Eingeweiden zu lesen — um mich zu töten. Genau wie er George Cypher getötet hat.« Er warf einen raschen, verstohlenen Blick über die Schulter. »Jedenfalls war ich nicht zu Hause, und während er auf mich wartete, hat er dieses Buch in Stücke gerissen und überall mit den Seiten um sich geworfen. Vielleicht wollte er nicht, daß ich irgend etwas daraus lerne oder es mich zum Nachdenken bringt.«
Schwester Verna sagte nichts, doch er spürte, wie sie ihn beim Auseinandernehmen des Zaumzeugs beobachtete, beim Lösen des Kopfgeschirrs und der Zügel von den Kandaren. Nachdem er alles zerlegt hatte, packte er das Kopfgeschirr fort und warf die Zügel über seine Schulter.
Er hörte, wie sie leise, aber hörbar verärgert ausatmete. »Ich werde keine Pferde beim Namen nennen.«
Richard stapelte die drei Breitkandaren aufeinander in den Staub, wo die Pferde den Boden kahlgescharrt hatten.
»Vielleicht wollt Ihr die Weisheit dieses Entschlusses noch einmal überdenken, Schwester Verna.«
Sie stellte sich neben ihn, wo er sie sehen konnte, und zeigte auf den Boden. »Was tust du da? Wieso hast du das Zaumzeug auseinandergenommen? Was hast du mit diesen Kandaren vor?«
Richard zog das Schwert. Sein unverkennbares Klirren füllte die kalte, klare Luft. Der Zorn der Magie strömte augenblicklich in seinen Körper. »Ich zerstöre sie, Schwester.«
Mit einem wütenden Aufschrei und bevor sie eine Bewegung machen konnte, brachte er das Schwert mit mächtigem Hieb nach unten. Die Spitze senkte sich pfeifend durch die Luft. Die Klinge zertrümmerte die drei Kandaren und ließ heiße Metallsplitter herumfliegen.
Sie kam mit wehendem Gewand herangestürmt. »Was ist los mit dir! Hast du den Verstand verloren? Wir brauchen die Kandaren, sonst haben wir die Pferde nicht in der Gewalt!«
»Breitkandaren sind grausam. Ich lasse nicht zu, daß Ihr sie benutzt.«
»Grausam! Das sind doch nur dumme, wilde Tiere! Wilde Tiere, die man in der Gewalt haben muß!«
»Wilde Tiere«, murmelte er und schüttelte den Kopf, während er das Schwert in die Scheide zurückgleiten ließ. Er lockerte das Halfter bei Bonnie und begann, die Zügel an den Seitenringen zu befestigen. »Man braucht keine Kandare, um sein Pferd in der Gewalt zu haben. Ich werde Euch zeigen, wie es geht. Außerdem können sie mit einer Kandare im Maul nicht fressen, solange wir unterwegs sind. So werden sie sich wohler fühlen.«
»Aber das ist gefährlich! Eine Kandare gibt einem die Gewalt über ein störrisches Tier.«
Er zog eine Braue hoch und blickte sie an. »Bei Pferden, wie in vielen anderen Situationen auch, bekommt man oft genau das, was man erwartet, Schwester.«
»Ohne Kandare hat man sie nicht in der Gewalt.«
»Unsinn. Wenn man vernünftig reitet, kann man sie mit dem Körper und den Beinen lenken. Man braucht den Pferden bloß beizubringen, darauf zu achten und einem zu vertrauen.«
Sie trat ganz dicht an ihn heran. »Das ist Unsinn! Und gefährlich! Hier draußen lauern Gefahren. Wenn man in eine gefährliche Situation gerät und das Pferd bekommt Angst, kann es durchgehen. Ohne eine Breitkandare kann man ein durchgehendes Pferd nicht zurückhalten.«
Er zögerte und blickte in ihre stechend braunen Augen. »Manchmal, Schwester, erzielen wir das Gegenteil von dem, was wir beabsichtigen. Wenn wir in eine gefährliche Situation geraten und Ihr reißt aus Übereifer zu fest an einer Breitkandare, könnt Ihr dem Pferd das Maul aufreißen. Dabei können der Schmerz, der Schrecken und der Zorn so gewaltig werden, daß es auf keine Eurer Anweisungen mehr reagiert. Es wird das nicht verstehen. Es wird nur noch wissen, daß Ihr ihm weh getan habt und mit jedem Ziehen am Zügel noch mehr weh tut. Dann seid Ihr die Bedrohung. Es wird Euch im Nu abwerfen.
Wenn das Pferd dann einfach nur verängstigt ist, wird es durchgehen. Wenn es schlimmer kommt, ist es wütend. Wütende Pferde sind gefährlich. Statt die Gefahr mit einer Breitkandare zu vermeiden, beschwört Ihr sie selbst herauf.« Er blickte ihr in die verblüfften Augen. »Wenn wir durch eine Ortschaft kommen und eine Gelenktrense finden, könnt Ihr die benutzen. Aber solange ich bei Euch bin, werde ich nicht zulassen, daß Ihr irgendeinem Pferd eine Breitkandare anlegt.«
Sie atmete tief durch, während sie erneut ihre Arme verschränkte. »Richard, ohne Kandare können wir sie nicht unter Kontrolle halten. So einfach ist das.«
Er verzog das Gesicht zu einem schiefen Lächeln. »Doch, das können wir. Ich werde es Euch beibringen. Das Schlimmste, was einem ohne Kandare passieren kann, ist, daß das Pferd mit einem durchgeht und es eine Weile dauert, bis man es zum Stehen bringt, früher oder später jedoch wird es gelingen. Auf Eure Art könntet Ihr oder das Pferd Euch verletzen — oder sogar töten.«
Er drehte sich um und kraulte Bonnies Hals. »Als erstes müßt Ihr Euch mit ihnen anfreunden. Sie müssen darauf vertrauen, daß Ihr ihnen nicht weh tut oder sie in Gefahr bringt, obwohl Ihr das Sagen habt. Seid Ihr erst mal ihr bester Freund, werden sie nicht mehr zulassen, daß Euch etwas zustößt. Sie werden tun, was Ihr verlangt. Es ist so einfach. Man braucht nichts weiter als ein wenig Respekt und Freundlichkeit — und eine starke Hand. Wenn sie Euer bester Freund werden sollen, dann brauchen sie einen Namen, damit man ihre Aufmerksamkeit auf sich lenkt und sie wissen, daß man mit ihnen spricht.«
Er kraulte weiter und merkte, wie das Pferd es genoß. »Stimmt das etwa nicht, Bonnie? Du bist ein gutes Mädchen, was? Klar bist du das.« Er warf einen Blick über die Schulter auf die Schwester. »Jessup mag es, wenn Ihr ihn unter dem Kinn krault. Versucht es mal, zeigt ihm, daß Ihr Euch mit ihm anfreunden wollt.« Er grinste sie ohne Freude an. »Ob es Euch gefällt oder nicht, Schwester, die Kandaren sind kaputt. Ihr müßt eine andere Art des Reitens lernen.«
Schwester Verna warf ihm einen kalten Blick zu. Schließlich faltete sie die Arme auseinander und ging zu dem kastanienbraunen Wallach. Sie blieb einen Augenblick lang vor ihm stehen, dann streckte sie die Hand aus und streichelte ihn seitlich am Kopf, bis sie schließlich ihre Hand unter sein Kinn legte, um ihn zu kraulen. »So ein guter Junge«, meinte sie lustlos.