»Ihr denkt vielleicht, Pferde sind dumm, Schwester, weil sie die meisten Eurer Worte nicht verstehen. Aber sie verstehen den Klang Eurer Stimme. Wenn Ihr wollt, daß er Euch glaubt, dann tut wenigstens so, als ob Ihr es ernst meint.«
Sie schob ihre Hand nach oben und strich ihm über den Hals. »Du dummes Tier«, meinte sie in honigsüßem Ton. »Zufrieden?« fauchte sie über ihre Schulter.
»Solange Ihr nett zu ihm seid. Ihr müßt sein Vertrauen gewinnen. Pferde sind nicht so dumm, wie Ihr denkt. Seht doch, wie er steht. Er vertraut Euch nicht. Von jetzt an teile ich Euch Jessup zu. Ihr werdet Euch um all seine Belange kümmern. Er muß sich ganz auf Euch verlassen, Euch vertrauen. Ich kümmere mich um Bonnie und Geraldine. Ihr werdet die einzige sein, die Jessup striegelt, und Ihr werdet es nach dem Reiten tun und vor dem Reiten am nächsten Morgen.«
»Ich! Das werde ich ganz bestimmt nicht tun! Ich habe hier das Sagen. Du bist durchaus in der Lage, alle drei zu striegeln, und das wirst du auch tun!«
»Hier geht es nicht darum, wer das Sagen hat. Striegeln hilft unter anderem dabei, zwischen Euch und dem Pferd Vertrauen herzustellen. Ich habe es Euch schon erklärt: die Kandaren sind kaputt, Ihr müßt eine neue Art lernen, mit den Pferden umzugehen. Ich muß Euch zeigen, wie es geht, schon zu Eurer eigenen Sicherheit.« Er reichte ihr einen Satz Zügel. »Zieht das Halfter fest und befestigt das hier an diesem Ring.«
Während sie damit beschäftigt war, schnitt er die übriggebliebene Melonenrinde in kleine Stücke. »Redet mit ihm. Nennt ihn beim Namen und zeigt ihm, daß Ihr ihn mögt. Was Ihr sagt, ist ganz egal, aber achtet darauf, daß es klingt, als wäre er Euch wichtig. Verstellt Euch, wenn es nicht anders geht, behandelt ihn wie einen von Euren kleinen Knaben.«
Sie warf ihm einen wütenden Blick über die Schulter zu, dann machte sie sich wieder daran, die Zügel einzuhaken. Sie fing an zu sprechen, leise, damit Richard sie nicht hören konnte, aber er merkte, daß es liebevoll klang. Als sie fertig war, gab er ihr ein Stück Melonenrinde.
»Pferde sind verrückt danach. Gebt ihm ein Stück, sagt ihm, was für ein guter Junge er ist. Er soll ein anderes Gefühl für das Anlegen der Zügel bekommen. Zeigt ihm, daß jetzt etwas Angenehmes kommt — und nicht die Kandare, die er haßt.«
»Etwas Angenehmes«, wiederholte sie tonlos.
»Sicher. Ihr braucht ihm nicht zu zeigen, wie sehr Ihr ihm weh tun könnt, damit er tut, was Ihr wollt. Damit erreicht man nur das Gegenteil. Seid einfach entschlossen, aber sanft. Der Gedanke ist der, ihn mit Freundlichkeit und Verständnis zu gewinnen, selbst wenn das nicht ganz aufrichtig ist, und nicht nur Gewalt.«
Richards Lächeln verschwand, und er verzog das Gesicht zu einem wütenden Blick. Er beugte sich näher über sie, während sie dastand und zu ihm hinaufsah. »Das solltet Ihr eigentlich können, Schwester Verna — Ihr scheint recht gut darin zu sein. Behandelt ihn einfach so, wie Ihr mich behandelt.«
Ihr verblüffter Gesichtsausdruck verhärtete sich. »Ich habe bei meinem Leben geschworen, dich in den Palast der Propheten zu bringen. Wenn du dort ankommst, fürchte ich, wird man mich dafür hängen, daß ich meine Pflicht getan habe.«
Damit drehte sie sich um und gab dem begeisterten Pferd seine Melonenrinde, streichelte ihm den Hals und munterte es mit einem mütterlichen Klaps auf. »So ein guter Junge. Guter Junge. Magst du das, Jessup? Guter Junge.«
Ihre Stimme troff von Mitgefühl und Zärtlichkeit. Dem Pferd gefiel’s. Richard wußte, daß es nicht aufrichtig war. Er mißtraute ihr und wollte, daß sie das wußte. Er mochte es nicht, wenn Menschen glaubten, sie könnten ihn leicht täuschen. Er fragte sich, ob ihre Haltung ihm gegenüber sich jetzt ändern würde, nachdem er ihr gezeigt hatte, daß er ihre Schauspielerei nicht einfach hinnahm.
Kahlan hatte ihm erklärt, Schwester Verna sei eine Magierin. Er hatte keine Ahnung, zu was sie fähig war, doch das Netz, das sie im Haus der Seelen über ihn geworfen hatte, das hatte er gespürt. Er hatte gesehen, wie sie das Feuer nur durch Gedankenkraft entzündet hatte. Sie hätte mit Leichtigkeit am Abend zuvor selbst ein Feuer anzünden können — ohne es von ihm zu verlangen. Er hatte den starken Verdacht, daß sie ihn mit ihrem Han in Stücke brechen konnte, wenn ihr danach war.
Sie versuchte nur, ihn auszubilden — ihn daran zu gewöhnen, ohne nachzudenken, das zu tun, was sie sagte. Wie man ein Pferd abrichtete. Oder ein ›wildes Tier‹, wie sie sich ausgedrückt hatte. Er bezweifelte, daß sie mehr Achtung von ihm hatte als vor ihren Pferden.
Doch statt der Breitkandare hatte sie den Rada’Han um seinen Hals, mit dem sie ihn kontrollieren konnte — und das war wesentlich schlimmer. Aber er würde ihn wieder loswerden, wenn die Zeit gekommen war. Selbst wenn Kahlan ihn nicht mehr wollte und ihn fortgeschickt hatte, er würde dieses Ding loswerden.
Während Schwester Verna damit beschäftigt war, sich mit Jessup anzufreunden, machte Richard sich daran, die Pferde zu satteln. »Wie weit ist es bis zum Palast der Propheten?«
»Es ist ein langer Ritt nach Südosten. Ein langer und schwieriger Ritt.«
»Nun, dann werdet Ihr reichlich Zeit haben, zu lernen, wie man Jessup ohne Kandare führt. Es wird Euch gar nicht so schwer fallen, wie Ihr denkt. Er wird sich Bonnie unterordnen und ihr folgen. Bonnie ist das Leittier.«
»Das Männchen ist immer das Leittier.«
Richard legte Bonnie den Sattel auf. »Eine Stute steht immer ganz oben in der Hierarchie. Die Muttertiere unterrichten und beschützen die Fohlen — ihr Einfluß währt ein ganzes Leben. Eine Stute kann jeden unwillkommenen Hengst verscheuchen. Ein Hengst vertreibt vielleicht ein Raubtier von der Herde, eine Stute dagegen wird es jagen und zu töten versuchen. Ein männliches Tier wird sich immer der Leitstute unterwerfen. Bonnie ist die Leitstute. Jessup und Geraldine werden ihr folgen und ihr alles nachmachen, daher werde ich die Führung übernehmen. Reitet mir einfach hinterher, dann werdet Ihr keine Schwierigkeiten bekommen.«
Sie schwang sich in den Sattel. »Am Balken in der Haupthalle. Das ist der höchste.«
»Wovon sprecht Ihr?«
Sie warf ihm einen ernsten Blick zu. »Der Balken in der Haupthalle. Dort werden sie mich wahrscheinlich aufhängen.«
Richard schwang sich in den Sattel. »Die Wahl liegt bei Euch, Schwester. Ihr braucht mich nicht dorthin zu bringen.«
Sie seufzte. »Doch, ich muß.« Sie warf ihm einen äußerst sanften und besorgten Blick zu. Er fand ihn recht überzeugend, wenn auch ein wenig angestrengt. »Richard, ich will nichts weiter als dir helfen. Ich will deine Freundin sein. Ich denke, du brauchst jetzt eine Freundin. Sehr sogar.«
Richard sträubte sich innerlich. »Ein freundliches Angebot, Schwester Verna. Aber ich lehne ab. Ihr habt es ein wenig zu eilig, das Messer, das Ihr in Eurem Ärmel versteckt, Euren Freunden in den Rücken zu jagen. Hat es Euch eigentlich überhaupt nichts ausgemacht, Schwester Elizabeth, einer Freundin und Gefährtin, das Leben zu nehmen? Es sah nicht so aus. Ich weigere mich, Euch meine Freundschaft anzubieten, Schwester — oder meinen Rücken.
Wenn Ihr es ernst meint und Ihr meine Freundin sein wollt, dann möchte ich Euch dringend raten, Euch ehrlich darum zu bemühen, und zwar, bevor ich Euch auffordere, es zu beweisen. Wenn die Zeit kommt, werdet Ihr nur eine einzige Chance bekommen. In dieser Sache gibt es nur ein Entweder — Oder. Nur Freund und Feind. Freunde halten einen Freund weder mit einem Halsring fest noch als Gefangenen. Ich habe die Absicht, diesen Halsring loszuwerden. Wenn ich beschließe, daß es an der Zeit ist, wird mir jeder Freund helfen. Wer sich mir in den Weg stellt, ist dann eben nicht mein Freund — sondern ein toter Feind.«
Schwester Verna schüttelte den Kopf und drängte Jessup hinter ihn, als er aufbrach. »Der Balken in der Haupthalle. Ganz sicher.«